Skandal-Software VW kündigt technische Nachbesserung an

Von Rückrufaktionen über Sammelklagen bis hin zu Schadensersatz: Mehrere Politiker fordern in der Abgas-Affäre von VW, die Kunden ausreichend zu entschädigen. Der Konzern kündigt an, die betroffenen Fahrzeuge nachzubessern.

Greenpeace-Aktivisten am 25. September vor VW-Werk in Wolfsburg: "Schluss mit den Lügen"
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Greenpeace-Aktivisten am 25. September vor VW-Werk in Wolfsburg: "Schluss mit den Lügen"


Der alte Chef ist weg, mehrere Manager auch, der gute Ruf sowieso: Eine Woche nach Bekanntwerden des Skandals um manipulierte Autos bei Volkswagen Chart zeigen ist bei dem Weltkonzern aus Wolfsburg buchstäblich nichts mehr, wie es bis vor wenigen Tagen war. Es gibt viel mehr Fragen, als der frisch installierte Chef Matthias Müller derzeit beantworten könnte. Etwa, wie groß ist der Skandal wirklich? Wie teuer wird die Affäre? Und was kommt auf die Kunden zu?

Die Kunden

Von Rückrufaktionen über Gruppenklagen bis hin zu Schadensersatz für die Kunden ist alles im Gespräch. Nach Ansicht der Grünen-Politikerin Renate Künast haben Käufer von manipulierten VW-Dieselautos auch in Deutschland ein Recht auf Schadensersatz. "Tatsache ist, dass Kunden ein Auto gekauft haben, das die zugesicherten Eigenschaften nicht hat", sagte Künast der Funke-Mediengruppe. Die betroffenen VW-Kunden sollten deshalb "eine ordentliche Entschädigung durch den Konzern erhalten", forderte die Ex-Verbraucherschutzministerin. Auch die Bundesregierung hält solche Schadensersatzansprüche für möglich.

Deutschland brauche "dringend die Möglichkeit von Gruppenklagen", mit denen Kunden viel mehr Macht entwickeln könnten, meinte Künast weiter. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat sich im Zuge des Skandals für Gruppenklagen ausgesprochen.

SPD-Fraktionsvize Sören Bartol fordert eine großangelegte Rückrufaktion. "VW muss die manipulierten Fahrzeuge in Deutschland sofort und freiwillig in die Werkstätten rufen und die Manipulation beheben", sagte Bartol der "Bild"-Zeitung. Auch der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, betonte, Volkswagen könnten nur Transparenz und Kulanz helfen. "VW wird den Abgas-Skandal nur überstehen, wenn der Konzern alle Manipulationen veröffentlicht und alle betroffenen Fahrzeuge zurückruft und umweltgerecht umrüstet."

Die US-Umweltbehörde EPA hatte in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass bei VW-Dieselfahrzeugen in den USA die Abgastests manipuliert worden waren. Mithilfe einer speziellen Software wurden im Testbetrieb deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide gemessen als im regulären Betrieb. Die Software ist laut VW in insgesamt elf Millionen Fahrzeugen des Konzerns weltweit verbaut. In Deutschland sind 2,8 Millionen Fahrzeuge betroffen.

Die Modelle

Weltweit sind allein rund fünf Millionen Fahrzeuge der Marke Volkswagen Pkw betroffen, sagte Markenchef Herbert Diess. Eine interne Auswertung habe ergeben, dass Fahrzeuge bestimmter Modelle und Baujahre betroffen seien, wie zum Beispiel:

  • der VW Golf der sechsten Generation,
  • der VW Passat der siebten Generation
  • und die erste Generation des VW Tiguan.

Diese seien ausschließlich mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet, erklärte Diess. Alle Neuwagen der Marke Volkswagen Pkw, die über die europaweit gültige EU6-Norm verfügten, seien nicht von der Abgas-Manipulation betroffen. Dies gelte unter anderem für die aktuellen Golf-, Passat- und Touran-Modelle.

Die Motoren wurden auch in Modellen der tschechischen VW-Tochter Skoda und der spanischen Konzerntochter Seat verbaut, wie schon zuvor bekannt geworden war.

"Wir arbeiten mit Hochdruck an einer technischen Lösung, die wir so rasch wie möglich dem Handel, unseren Kunden und der Öffentlichkeit präsentieren werden", sagte VW-Markenchef Diess. Volkswagen informiere alle Märkte weltweit über die jeweils lokale Anzahl an Fahrzeugen. Es werde zudem an "in intensivem Austausch und in enger Abstimmung mit den Zulassungsbehörden" an einer Abhilfe gearbeitet. "Die Fahrzeuge sind weiterhin technisch sicher und fahrbereit."

Nach Angaben eines VW-Sprechers soll die Nachbesserung die Besitzer nichts kosten. Das Unternehmen habe sich einen Zeithorizont von wenigen Wochen gesetzt, in dem die Maßnahmen mit einem entsprechenden Zeitkorridor vorgestellt werden sollen. "Ich denke, dass die Händler ab nächster Woche aussagefähig sind", sagte der Sprecher mit Blick auf verunsicherte Kunden.

(Was VW-Fahrer noch wissen sollten im Überblick.)

Der Konzern

Als drastischste Konsequenz aus der Affäre war Martin Winterkorn als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns zurückgetreten. Zu seinem Nachfolger wählte der Aufsichtsrat den bisherigen Porsche-Chef Matthias Müller.

Müller kündigte eine umfassende Aufklärung des Skandals an. "Meine vordringlichste Aufgabe wird es sein, Vertrauen für den Volkswagen-Konzern zurückzugewinnen - durch schonungslose Aufklärung und maximale Transparenz", sagte er.

Selbst wenn Müller einen hervorragenden Job machen wird, könnte der Skandal den Konzern ins Wanken bringen, meint etwa der Anwalt Jürgen Hennemann. Durch die Sammelklagen in den USA könne es für VW richtig teuer werden. Der Experte rechnet mit Klagen, die ein Vielfaches der 18 Milliarden Dollar betragen könnten, die bisher im Gespräch waren.

Was das auch für die Zukunft der 600.000 Mitarbeiter bedeutet, ist noch völlig offen. "Es würde mich aber nicht wirklich überraschen, wenn der Konzern am Ende der Auseinandersetzung nicht mehr über zwölf Marken verfügt", sagt Hennemann.

Eins aber steht jetzt schon fest: In nur einer Woche hat VW an der Börse mehr als 25 Milliarden Euro an Wert verloren.

Die Wettbewerber

Der ökologische Verkehrsklub VCD geht fest davon aus, dass neben Volkswagen auch andere Konzerne die Abgaswerte manipulieren. Bislang gibt es dafür aber keine Beweise. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bei den Herstellern in Deutschland, ob sie sogenannte Defeat Devices verwenden oder verwendet haben, gab es von BMW, Daimler, Ford und Opel ein klares Nein.

Daimler-Chef Dieter Zetsche wehrt sich auch in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gegen den Verdacht, Autos manipuliert zu haben. "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen", sagte Dieter Zetsche. "Ein Defeat Device, sprich eine Funktion, die die Wirksamkeit der Abgasnachbehandlung unzulässig einschränkt, kommt bei Mercedes-Benz nicht zum Einsatz."

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yes/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Chris_7 26.09.2015
1. Nur mal so ein kleiner Hinweis
An alle die, die da eine Nachbesserung fordern. Oder Schadnesersatz. Eine nachbesserung mitd em Ziel, die selben Grenzwerte einzuhalten wie unter prüfbedingungen hätte einen leistungsverlust bei zugleich höherem Verbrauch zur Folge. d.h. durch diese Nachbesserung würde für mich als Nutzer überhaupt erst ein Schaden entstehen. Denn für mich als Käufer waren zwei Dinge ausschlaggebend, die Leistung und der Verbrauch. Abgaswerte waren mir schon immer sowas von sch...egal. In sofern soll die Bundesregierung da einfach die Füße Still halten, im Zweifel die Grenzwerte anheben und VW in Ruhe lassen. Das ist doch nur der durchsichtige Versuch der internationalen Konkurrenz, einen großen deutschen Player in diesem Segment zu schädigen. Diese Grenzwerte werden von irgend welchen Ökos in den Ministerien, die den marsch durch die Instanzen geschafft haben ausgekaspert. Mit seriöser Wissenschaft hat das jedenfalls nicht viel zu tun.
soldev 26.09.2015
2. Wenn Politiker ihre Statements abgeben, zeigen...
...sie leider immer wieder wie unwissend (nett ausgedrückt) sie doch sind. > "Tatsache ist, dass Kunden ein Auto gekauft haben, > das die zugesicherten Eigenschaften nicht hat", Tatsache ist, dass jeder KFZ Hersteller in seinen technischen Daten schreibt wie und unter welchen Umständen die Daten ermittelt wurden UND das die realen Werte davon abweichen können.
eisbärchen_123 26.09.2015
3. Seltsam...
Schon sehr seltsam, dass, obwohl die Vorwürfe schon ein Jahr alt waren, die amerikanischen Behörden die Bombe erst platzen ließen, als VW das neue Motorenwerk in Russland eröffnet hatte. Aber sich gegen die ausdrücklichen Sanktionsbefehle der US-Imperialisten zu stellen, kann nun mal gefährlich werden.
Lügenimperium 26.09.2015
4. Drosselung
Jetzt werden alle Autos in der Leistung gedrosselt ;)
o.schork 26.09.2015
5. künastblabla
VW sichert dem Käufer keine Abgaswerte zu sondern lediglich, dass der Wagen beim vorgeschriebenen Testzyklus innerhalb der Toleranzen bleibt. Das hat VW eingehalten. Desgleichen gilt für Crashtests. Schadensersatzforderungen halte ich als Laie da für etwas überzogen. Ein Schaden entsteht dem Kunden hier, wenn er diw Zulassung verliert, er nicht mehr in die Umweltzonen darf oder z.B. durch Zeitaufwand, wenn er zu Umrüstungsaktionen muss.
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