VW und der Abgasskandal Im Kriechgang

In der Abgasaffäre bemüht sich Volkswagen verzweifelt um Schadensbegrenzung. Ein Ermittlerteam durchforstet Unterlagen, ein groß angelegter Rückruf steht kurz bevor - und in ganzseitigen Anzeigen wirbt der Konzern um Vertrauen.

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VW-Logo bei einem Händler in Niedersachsen: "Vertrauen zurückgewinnen"
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VW-Logo bei einem Händler in Niedersachsen: "Vertrauen zurückgewinnen"


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In der Abgasaffäre tritt der Volkswagen-Konzern die Flucht nach vorn an.

Mit ganzseitigen Anzeigen in den Sonntagszeitungen - wenig Text auf riesig weißen Seiten, das VW-Logo ganz winzig klein am unteren Rand - übt der Autohersteller den Kniefall vor seinen Kunden. Statt wie geplant eine Anzeige zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung zu platzieren, wolle man stattdessen "nur einen einzigen Satz sagen", und der steht fettgedruckt da: "Wir werden alles tun, um Ihr Vertrauen zurückzugewinnen."

Diese geschickt zur Schau getragene Demut hat der Konzern bitter nötig, nicht nur außenstehende Beobachter und Experten beurteilen die Lage bei VW als ernst.

Auch der designierte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sieht den Autobauer in einer äußerst prekären Lage. Die Krise bedrohe den Konzern in seiner Existenz, sagte Pötsch laut "Welt am Sonntag" bei einer internen Veranstaltung in Wolfsburg.

Volkswagen-Anzeige: Demut anstelle des großen Auftritts

Volkswagen-Anzeige: Demut anstelle des großen Auftritts

Der neue Konzernvorstand Matthias Müller selbst soll nach dem Wunsch des Aufsichtsrats möglichst rasch nach Amerika fliegen, um Reue zu demonstrieren - noch bevor er offiziell in dem Verfahren gegen Volkswagen vorgeladen wird.

Damit die Ankündigung kein hohles Versprechen wird, bemüht sich eine Taskforce mit Hochdruck um Aufklärung der Hintergründe der Abgasaffäre. Neben der amerikanischen Kanzlei, die ihre Arbeit in Wolfsburg bereits aufgenommen hat, sollen in den nächsten Tagen noch weitere Ermittler nach belastendem Material in Archiven und auf E-Mail-Servern suchen.

Dabei dürften Wahrheiten zutage treten, die auch der Konzernführung unangenehm sein müssen, die jetzt die Schalthebel übernommen hat. Denn jetzt schon gilt als sicher, dass die Führungskultur des Hauses ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dass es überhaupt zu dem Betrug kommen konnte. Als gehorsam - und damit förderungswürdig - galt in diesem System nicht derjenige, der Befehle ausführte, sondern derjenige, dem man gar nicht erst zu erklären brauchte, was die da oben wünschten. Müller und Pötsch gelten nach derzeitigem Kenntnisstand als unbelastet - beide waren jedoch Teil dieses Systems.

Solange die Ermittler stöbern, gilt für die gesamte Führungsriege Alarmstufe Rot.

Jeder ist zumindest unter Rechtfertigungsdruck. Wie weit hoch bezahlte Führungskräfte in die Affäre verstrickt sind, ist in den ersten vorläufigen Untersuchungsbericht nachzulesen, über den die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" an diesem Wochenende berichtet. Demnach waren die Aufsichtsräte wohl ernsthaft über das Ausmaß der Konspiration erschüttert. "Die These, alles sei nur das Werk von ein paar kriminellen Entwicklern, ist nicht haltbar", zitiert das Blatt aus Kreisen des Kontrollgremiums. Der Konzern habe "systematisch Kunden und Behörden getäuscht."

Ingenieure geben Manipulationen zu - man habe das Dieselmotoren-Projekt EA 189 retten wollen

Die "Bild am Sonntag" berichtet von mehreren Ingenieuren, die bei Befragungen zugegeben hätten, die Manipulationssoftware im Jahr 2008 installiert zu haben. Zu diesem Zeitpunkt habe der Dieselmotor EA 189, der bei VW seit 2005 entwickelt worden war, kurz vor der Serienproduktion gestanden. Damals habe man keine Lösung gefunden, mit der sowohl die Abgasnormen als auch die Kostenvorgaben hätten eingehalten werden können.

Schließlich sei entschieden worden, die Motorsteuerung um den Messstand-Modus zu erweitern, um das für den Konzern extrem wichtige Motorenprojekt zu retten. Die manipulierten Motoren sind weltweit in Dieselfahrzeugen von VW eingebaut, allein in Deutschland in 2,8 Millionen Autos.

Noch ist jedoch niemand gefunden, der unzweifelhaft darlegen kann, wer den Befehl für die Manipulation gegeben hat. In den Befragungen durch die VW-Konzernrevision hätten mehrere Ingenieure Vorwürfe gegen den damaligen Entwicklungschef Ulrich Hackenberg erhoben, berichtet die "BamS". Dieser habe von dem Betrug zumindest gewusst und ihn angeblich sogar in Auftrag gegeben.

Noch seien die Aussagen allerdings zu widersprüchlich, um Hackenberg als Drahtzieher dingfest zu machen zu können. Hackenberg war vor einer Woche beurlaubt worden und ist seitdem abgetaucht.

Parallel zur Aufklärung bemühen sich die Wolfsburger auch in den Werkstätten um Schadensbegrenzung. Gemeinsam mit den Zulieferern bereitet Volkswagen derzeit eine Rückrufaktion vor, um die verbotene Technik aus den Dieselfahrzeugen zu entfernen. Für die Autos mit Bosch-Software genügt offenbar ein Computer-Update, beim Continental-System dürfte es teurer und aufwendiger werden. Denn hier sind auch Änderungen an Bauteilen der Motoren notwendig.

Zusammengefasst: VW wirbt mit großen Anzeigen in Sonntagszeitungen um das Vertrauen der Kunden. Intern läuft die Aufarbeitung des Skandals. Der designierte Aufsichtsratschef Pötsch sieht den Konzern in seiner Existenz bedroht. Ingenieure haben laut einem Medienbericht Manipulationen zugegeben und belasten Ex-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg.



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insgesamt 229 Beiträge
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eunegin 04.10.2015
1. der Tod von VW oder des Dieselmotors?
man wird sehen. Verursacht - wie typisch für unser Land - wieder einmal durch die Führungsriege, die erst großspurig auftritt, dann plötzlich verschwindet und den Schaden auf die Allgemeinheit verteilt.
danreinhardt 04.10.2015
2. Whoa
Es muss ja immer schneller werden mit den Publikationen, das verstehe ich. Aber dass die Lesekapazität durch die vielen Fehler leidet ist schade. Einfach mal zweitlesen lassen :)
wermoe 04.10.2015
3. Der VW - Betrug
und der übliche EU - Streit um Käse, warum sind dies die einzigen Kommentar würdigen Seiten ? Die Probleme, die den Menschen buchstäblich unter den Nägeln brennen und ihre Zukunft betreffen, werden davon ausgeklammert. Ihr macht euch immer Unglaubwürdiger, kein Wunder, erlaubt doch das Internet inzwischen sich allumfassend zu informieren. Es ist schon bemerkenswert, wie unsere Qualitätsmedien sich konsequent ihr eigenes Grab schaufeln ...
dunnhaupt 04.10.2015
4.
Die Kanzlerin behauptet, das Ausland habe das Vertrauen nicht verloren. Das zu beurteilen, ist die Frau doch überhaupt nicht in der Lage.
ecosilvapar 04.10.2015
5. Abgasaffäre - Schadensbegrenzung
Zur Erinnerung: Dieselmotoren sind nicht schlecht. Es geht darum sie richtig zu nutzen. Zum Beispiel mit dem richtigen Treibstoff: Der Einsatz von Biodiesel in Kraftfahrzeugen (in purer Form oder höheren Beimischraten) führt zu einer Verringerung der meisten Schadstoffemissionen (speziell CO, HC sowie Partikel). Weiters ist der Treibstoff schwefelfrei und biologisch abbaubar
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