Horrorszenarien im VW-Skandal Einmal rechts ranfahren, bitte!

Glaubt man den öffentlichen Reaktionen, ist der VW-Skandal der Anfang des Untergangs der deutschen Wirtschaft. Auch wenn die Lage für das Unternehmen ernst ist: Ganz so hoch sollte man den Fall nicht hängen.

Ein Kommentar von

Alles sorgfältig poliert: Ist das Image eines ganzen Landes in Gefahr?
AP/dpa

Alles sorgfältig poliert: Ist das Image eines ganzen Landes in Gefahr?


"Made in Germany" ist am Ende, mit der deutschen Ingenieurskunst ist es aus und vorbei, und die hiesige Wirtschaft steht unmittelbar vor dem Totalabsturz. Drunter machen es viele Politiker, Journalisten und sonstige Experten nicht, wenn sie in diesen Tagen die Folgen des VW-Skandals erklären. Einige, wie die "New York Times", schlagen sogar den ganz großen Bogen zu Griechenland- und Flüchtlingskrise und sehen die Vormachtstellung Deutschlands in Europa gefährdet.

Angesichts solch apokalyptischer Raserei ist es angebracht, mal ein bisschen auf die Bremse zu treten. Rechts ranfahren. Durchschnaufen.

Was ist passiert? Nach allem, was wir wissen, hat Volkswagen in bis zu elf Millionen Autos eine Software installiert, die dazu dient, bei Abgastests zu täuschen. Wenn das stimmt, ist es Betrug und wird den Konzern zu recht sehr teuer zu stehen kommen. Die Milliardenkosten werden den Gewinn schmälern und vielleicht wird es in diesem oder im nächsten Jahr sogar einen Verlust geben.

Für VW ist das zweifelsohne eine Katastrophe. Das Image des Konzerns wird darunter leiden, und womöglich wird das Unternehmen seinen gerade erreichten Rang als weltgrößter Autobauer nicht lange halten können.

Und sonst? Wenn der Betrugsverdacht auf VW beschränkt bleibt, nicht gleich alle deutschen Hersteller getrickst haben, und Angela Merkel die Täuschungssoftware nicht höchst persönlich programmiert hat, dürfte es das gewesen sein.

Auch andere Konzerne haben großen Mist gebaut

Die Angst davor, dass das Image der deutschen Ingenieurskunst unter dem Abgasskandal leiden könnte, scheint zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls völlig überzogen. An den VW-Autos war nicht einmal etwas kaputt. Etwas ketzerisch könnte man sogar sagen, dass die Trickser von VW es mit der Ingenieurskunst eher übertrieben haben.

Ernsthaft: Warum sollte ein Autofahrer in den USA keinen Mercedes mehr kaufen, nur weil VW getrickst hat? Warum sollte eine chinesische Firma keine deutschen Maschinen mehr bestellen? Oder haben Sie auch kein Sony-Handy mehr gekauft, als Toyota in den USA Milliarden Dollar wegen defekter Gaspedale zahlen musste?

Auch das ist ein Punkt, der gerade gerne vergessen wird: Andere Konzerne haben ebenfalls schon großen Mist gebaut. Und die meisten von ihnen haben es trotzdem überlebt.

Erinnern Sie sich noch an BP und die brennende Ölplattform "Deepwater Horizon"? Elf Menschen kamen bei der Explosion ums Leben, Hunderte Millionen Liter Erdöl flossen ins Meer, der Golf von Mexiko erlebte die schwerste Umweltkatastrophe der Geschichte. Den BP-Konzern sahen damals, im Jahr 2010, viele Experten am Ende. Ein Jahr später machte er wieder einen Gewinn von 25 Milliarden Dollar.

Oder Siemens und die Schmiergeldaffäre - auch damals hätte man das Ende von "Made in Germany" beschwören können.

Und erst die Deutsche Bank: Es gab in den vergangenen Jahren kaum einen Finanzskandal, in den das Geldhaus nicht verwickelt war. Auch da ging es oft um Manipulationen und Betrügereien. Das Unternehmen zahlte Milliardenstrafen - und hat trotzdem noch ein paar Kunden.

Was also wird bleiben vom VW-Desaster? Um das abschließend zu beurteilen, ist es wohl noch zu früh. Es ist aber ganz sicher auch zu früh, jetzt den Untergang eines Konzerns, einer Branche oder gar der gesamten deutschen Wirtschaft auszurufen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kaiser studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftlehre in Marburg, Prag und Berlin. Er ist Reporter im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kaiser@spiegel.de

Mehr Artikel von Stefan Kaiser



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 238 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tailspin 24.09.2015
1. Der Autor hat sich geirrt
Nicht rechts ranfahren zum Durchschnaufen, sondern rechts ranfahren zur Ausser-Betriebnahme ist angesagt.
cafe-wien 24.09.2015
2. Beginn des wirtschaftlichen Untergangs
Warum soll man das nicht so dramatisch sehen? Weil die Deutschen so schöne Sprichwörter haben wie "Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird"? Oder die völlig durchgeknallten Kölner Korruptis mit ihrem "Et het noch immer jutjejange". Nun, wenigstens haben wir Dank Merkels Rechtsverstoß nun Millionen Flüchtlinge im Land, die alle hochgebildet sind, und uns wieder in die 1. Liga der Wirtschaft führen werden, nachdem wir sie jahrelang durchgefüttert haben, gelt?!
s_v_l 24.09.2015
3. Guter Kommentar
Der Mensch vergisst so schnell und der nächste Mega-Skandal oder die nächste Super-Katastrophe werden das VW-Abgas-Gate recht schnell wieder aus den Schlagzeilen verdrängen. Und die deutsche Automobil-Qualität ist ja soo schlecht nicht. Trotzdem muss dieser Skandal tatsächlich "lückenlos" aufgeklärt werden.
postorgel 24.09.2015
4. das mag alles stimmen
fakt ist jedoch, das gerade linke und grüne Politiker seit Jahren den Untergang der deutschen Industrie betreiben und ihnen alles, was gerade der auto Industrie schadet, ihnen recht gelegen kommt. in ihrer kruden Weltsicht sind ihnen arbeitsplaetze egal.
bartsuisse 24.09.2015
5. Bestimmt nicht das Ende Deutschlands oder der deutschen Industrie
aber das Ende des süffisanten arroganten Fingerzeigens auf Andere und das Ende eines Selbstüberschätzenden Moralanspruchs.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.