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VW-Abgasaffäre: Was wir wissen - und was noch aufzuklären ist

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Seit zwei Monaten beschäftigt die VW-Abgasaffäre die Öffentlichkeit, fast täglich kommen neue Details ans Licht. Doch welche der vielen Informationen sind wirklich wichtig? Der Überblick.

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VW-Logo: Beinahe täglich neue Details

Der 18. September war eine Zeitenwende in der Geschichte von Volkswagen. An diesem Tag gab die US-Umweltbehörde EPA bekannt, dass der Autokonzern seine Zwei-Liter-Dieselmotoren so programmierte, dass sie auf Prüfständen viele bessere Abgaswerte produzierten als im Alltagsbetrieb. Eine großangelegte Täuschung.

Seither kommen beinahe täglich neue Details der Affäre ans Licht - und bei VW ist nichts mehr, wie es war. Über mehrere Jahre hinweg führten die Wolfsburger offenbar Behörden in aller Welt hinters Licht. Die Zahl der betroffenen Autos stieg nach Bekanntwerden des Skandals schnell auf elf Millionen.

Inzwischen ist klar: Man muss wohl noch knapp eine weitere Million hinzurechnen. Mindestens. Denn Anfang November brachten die Behörden plötzlich auch den Drei-Liter-Diesel ins Spiel, der in den großen VWs, Audis und Porsches verbaut wird. Volkswagen dementierte umgehend, doch die Aufseher halten an ihrem Vorwurf fest.

Wenige Tage später folgte die nächste Enthüllung: Jetzt geht es um manipulierte Messwerte zu den CO2-Emissionen von VWs der Baujahre 2013 bis 2015. Damit droht Volkswagen jetzt nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland ein Strafverfahren, diesmal wegen Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung.

Noch ist nicht klar, welche der Vorwürfe berechtigt sind und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen. Doch in der Öffentlichkeit wächst die Ungeduld - zumal der Eindruck entsteht, dass die konzerninterne Taskforce nur zögerlich zur Aufklärung beiträgt.

Die schleppende Aufarbeitung der Affäre ist auch Gegenstand der Beratungen des Aufsichtsrats, der am heutigen Montag auf dem Werksgelände tagt. Am Sonntagabend hatte in Wolfsburg schon der Sonderausschuss des Kontrollgremiums getagt, der eigens zur Aufarbeitung des Skandals einberufenen worden war. Auch die Ergebnisse dieser Beratungen sollen bei den Aufsichtsräten zur Sprache kommen.

Anlass genug für ein kurzes Resümee: Was ist bisher bekannt? Wie laufen die Ermittlungen? Was droht noch? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

VW-Werk in Wolfsburg: Aufklärungsbedarf Zur Großansicht
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VW-Werk in Wolfsburg: Aufklärungsbedarf

Wieso fließen die Informationen so spärlich?

Seit Wochen warten Behörden, Kunden und die Öffentlichkeit darauf, ein vollständiges Bild von der Abgas-Affäre zu bekommen. Doch sie sind nicht die Einzigen: "Auch bei Volkswagen gibt es nicht wenige, die ehrlich um die Wahrheit ringen", versichert ein Konzernmitarbeiter. Dass bislang dennoch nur Bruchstücke bekannt wurden, liegt nicht zuletzt an der komplizierten Materie. Nominell geht es zwar laut VW nur um einen Motortyp (den EA 189), doch der ist in Tausenden verschiedenen Varianten verbaut worden. Außerdem fassen die Mitarbeiter, die damals in die Entwicklung eingebunden waren, erst allmählich das notwendige Vertrauen, um an der Aufklärung mitzuwirken.

Dieselmotor EA 189: Viele verschiedene Varianten Zur Großansicht
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Dieselmotor EA 189: Viele verschiedene Varianten

Wie wurde bei den Abgastests getrickst?

Mit manipulierten Abgastests für Dieselmodelle der Typen 1.2, 1.6 und 2.0 (Baujahr 2009 bis 2014) kam der VW-Abgasskandal Mitte September erst ins Rollen. Um die strengen Stickoxid-Vorgaben bei den Abgastests zu erfüllen, haben VW-Ingenieure die Motorsteuerung mit einer betrügerischen Software ausgestattet. Diese hat mithilfe von zahlreichen im Auto verbauten Sensoren erkannt, dass das Fahrzeug gerade einem Test unterzogen wird. Das Auto ging in einen entsprechenden Testmodus, reduzierte die Motorleistung und aktivierte eine besonders gründliche Reinigung der Abgase. Im Alltagsbetrieb erfolgte die Säuberung dann weit weniger gründlich. Die Fahrzeuge überschreiten die jeweils geltenden Grenzwerte um ein Vielfaches.

Abgasuntersuchung: Diesel ins Motoröl Zur Großansicht
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Abgasuntersuchung: Diesel ins Motoröl

Wie wurde beim Thema CO2 getrickst?

Dazu laufen die Ermittlungen noch. Laut Medienberichten hat ein VW-Mitarbeiter angegeben, dass bei den Fahrzeugen zum Beispiel der Reifendruck höher als erlaubt gewesen sei und Diesel ins Motoröl gemischt wurde. Mit pralleren Reifen läuft der Wagen leichter. Und durch die Beimischung von Diesel ins Motoröl wird das Öl verdünnt und damit die Reibung im Motor verringert, sagt Carsten Graf vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech. Er rät jedoch dringend davon ab, dass Kunden diese Methode zum Spritsparen verwenden - denn abgesehen davon, dass das verboten ist, erhöht sich im Motor auch der Verschleiß an einigen hochbelasteten Bauteilen. Die Folgen sind mechanische Schäden wie zum Beispiel Kolbenfresser.

Tor 17 in Wolfsburg: Erste Erfolge der Kronzeugenregelung Zur Großansicht
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Tor 17 in Wolfsburg: Erste Erfolge der Kronzeugenregelung

Was hat es mit der Kronzeugenregelung auf sich?

Damit will der neue Vorstandchef Matthias Müller all jene für die Aufklärung der Affäre gewinnen, die über wichtige Detailkenntnisse verfügen, an die auch die internen Ermittler so ohne Weiteres nicht herankommen. Beschäftigte sollten ihren Job behalten und von Schadensersatzforderungen verschont bleiben, sagt ein Konzernsprecher.

Vorstandschef Matthias Müller hatte schon Anfang Oktober bei einer Betriebsversammlung versprochen, wer zur Aufklärung beitrage und die Wahrheit sage, habe "keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen" zu befürchten. Diese Ankündigung wird nun umgesetzt. Das Amnestieprogramm gilt allerdings nicht für Vorstände und andere gut bezahlte Manager.

Ein erster Erfolg des Programms ist die Aufdeckung der Manipulationen beim CO2-Ausstoß: Die hat offenbar ein Ingenieur aus dem eigenen Haus angestoßen.

Konzernchef Müller: "Einfach rausschmeißen" ist einfacher gesagt als getan Zur Großansicht
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Konzernchef Müller: "Einfach rausschmeißen" ist einfacher gesagt als getan

Wieso braucht Müller so lange, um etwas zu verändern?

Das ist eine Spätfolge der Ära von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und Vorstandsboss Martin Winterkorn. So genial beide als Ingenieure waren, so wenig Talent besaßen sie in Sachen Mitarbeiterführung: Bei Volkswagen brachte es nur zu etwas, wer bedingungslos gehorchte. Manager dieses Schlages aber sitzen nun an den Schaltstellen und haben allen Grund, um ihre Pfründe zu fürchten. Mit modernen Formen der Mitarbeiterführung können viele von ihnen herzlich wenig anfangen - sie haben es schlicht nicht anders gelernt. Die naheliegende Reaktion: Blockade. Und "einfach rausschmeißen" ist leichter gesagt als getan. Schließlich gibt es Verträge, und überdies verfügen die Manager über Know-how, das Volkswagen dringend braucht.

Hauptquartier der EPA in Washington: Geduld neigt sich dem Ende Zur Großansicht
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Hauptquartier der EPA in Washington: Geduld neigt sich dem Ende

Welche Konsequenzen der Affäre sind bereits absehbar?

Viel Zeit bleibt VW nicht mehr, um Behörden und Staatsanwälte von ihrer Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufklärung zu überzeugen und so die Strafzahlungen im Rahmen zu halten. Hinzu kommt, dass es bei 540.000 Diesel-Fahrzeugen in Deutschland mit dem schlichten Austausch der manipulierten Software wohl nicht getan ist. Für die Umrüstung der Fahrzeuge sind zunächst 6,7 Milliarden Euro reserviert, nach Bekanntwerden der CO2-Manipulationen erwarten Experten, dass mindestens zwei weitere Milliarden notwendig werden.

Hinzu kommen die Strafen, die VW in Europa zu erwarten hat. Das größte Problem dürfte hier die Steuerhinterziehung in mehreren hunderttausend Fällen sein, derer sich die Wolfsburger womöglich schuldig gemacht haben. Denn der CO2-Ausstoß ist die maßgebliche Größe, nach der die Kfz-Steuer berechnet wird. Neben der Steuernachzahlung in Höhe von geschätzt 40 Millionen Euro dürfte auch noch eine Geldbuße fällig werden - das Gesetz sieht hier im Extremfall bis zu zehn Millionen Euro pro Fahrzeug vor.

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Automobilforum in Berlin: Maßnahmen laufen schleppend an

Was haben die VW-Kunden zu erwarten?

Die Kunden warten derzeit in der Mehrzahl immer noch auf einen Brief von VW, in dem der Fahrplan für die Instandsetzung ihres Autos erläutert wird. Wie weit der Schadensersatzanspruch reicht, darüber streiten die Juristen noch. Volkswagen hat aber bereits im Vorfeld großzügige Regelungen in Aussicht gestellt. Das soll auch für die Steuernachzahlung gelten. Auf einigen Kosten werden die Autobesitzer aber wohl sitzenbleiben, ebenso wie auf möglichen Wertverlusten ihrer Autos.

VW-Werk in Wolfsburg: Behörden in schlechtem Licht Zur Großansicht
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VW-Werk in Wolfsburg: Behörden in schlechtem Licht

Haben die Behörden bei der Aufsicht versagt?

Dass sie den Betrug nicht bemerkt haben, lässt die Aufsichtsbehörden in schlechtem Licht dastehen. Offenbar haben sie die Werte nicht kritisch genug hinterfragt. Bei wichtigen Parametern wie zum Beispiel dem Reifendruck und dem Zustand der Schmierstoffe haben sich die Prüfer anscheinend auf die Angaben der Hersteller verlassen und keine eigenen Proben durchgeführt - sonst hätte ihnen etwas auffallen müssen.

Eine strengere Überprüfung wurde bisher allerdings auch dadurch erschwert, dass die Autobauer beispielsweise die Herausgabe der Software-Codes der Motorsteuerung verweigern durften und von diesem Recht auch in vielen Fällen Gebrauch machten. Diesen Missstand will Verkehrsminister Dobrindt jetzt beheben lassen - eine entsprechende EU-Verordnung dazu gibt es dazu bereits seit 2007.

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