Volkswagen Die Abgas-Affäre könnte ein Segen sein

Aktienkurse und Konzernchefs stürzen, die deutsche Industrie gerät unter Generalverdacht: Die VW-Abgas-Affäre hat unmittelbar harte Folgen. Langfristig aber könnte sie der Umwelt nutzen - und Innovationen erzwingen.

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Auspuff eines Dieselautos: Abgas-Affäre zwingt Hersteller zur Innovation
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Auspuff eines Dieselautos: Abgas-Affäre zwingt Hersteller zur Innovation


Noch ist das Ende der deutschen Wirtschaft nicht gekommen, auch wenn manche Reaktionen auf die Abgas-Manipulationen bei VW das nahelegen. Trotzdem wird es nicht einfach, das Image zu retten, sagt Rolf Ganter, Analyst der Großbank UBS. Volkswagen ist weltweit der Inbegriff der Deutschland AG, "dieser Nimbus ist nun zumindest unter Druck". Wenigstens indirekt ist also die gesamte deutsche Autoindustrie betroffen: Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit ist erschüttert - auch was die Aussagen über eigene Produkte angeht.

Die größte Gefahr für die Hersteller sind allerdings nicht potenzielle Käufer, die sich abwenden, sagt Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch-Gladbach: "Die Erfahrung lehrt, dass Konsumenten ein Kurzzeitgedächtnis haben."

In der Regel, das hatte sich bei Toyota (klemmende Gaspedale), General Motors (defekte Zündschlösser) oder BP (Explosion auf der Ölbohr-Plattform Deepwater Horizon) gezeigt, geraten selbst große Skandale schnell in Vergessenheit. "Ungünstig wäre es allerdings, wenn die Affäre noch über viele Monate in den Schlagzeilen wäre - etwa wegen der angekündigten Sammelklagen", sagt Bratzel.

Alle deutschen Autohersteller sind betroffen

Viel härter könnte es VW, BMW, Daimler und Co. treffen, wenn Dieselfahrer aufgrund schärferer Vorschriften jetzt Nachteile bekämen, und beispielsweise künftig nicht mehr in städtische Umweltzonen fahren dürften. "Der größtmögliche Schaden würde wohl entstehen, wenn durch die erhöhten Abgaswerte die Betriebsgenehmigung in der EU und den USA infrage gestellt wird", sagt Uwe Treckmann, Autoanalyst der Commerzbank. Dann nämlich wären nicht nur Neuwagen betroffen, sondern der gesamte Bestand älterer Diesel und damit Zigtausende Fahrzeuge.

Auch das träfe vor allem die deutschen Autokonzerne, bei denen der Anteil der Diesel-Modelle besonders groß ist; laut UBS-Analyst Ganter liegt er zwischen einem Viertel und einem Drittel der weltweit verkauften Autos. In einigen europäischen Ländern seien sogar mehr als die Hälfte aller neu zugelassenen Autos mit Dieselmotoren ausgestattet.

Und das hat einen guten Grund: Von 2020 an müssen Neuwagen in Europa deutlich strengere CO2-Werte erfüllen - was die Hersteller nur erreichen, wenn sie den Durchschnittsverbrauch ihrer gesamten angebotenen Neuwagenflotte senken. "Die deutschen Hersteller haben darum auf effiziente und leistungsstarke Diesel-Motoren gesetzt und massiv in die Technologie investiert - ebenso wie viele ihrer Zulieferer", sagt Ganter.

Es droht eine gefährliche Kettenreaktion

Die größte Gefahr steckt in einer Kettenreaktion: Bricht der Diesel-Absatz ein, geraten die deutschen Autokonzerne in Gefahr, die schärferen Grenzwerte zu reißen - und müssten mit empfindlichen Strafzahlungen rechnen.

"In dieser Gefahr liegt aber auch eine Chance", sagt der Automobilexperte Bratzel. "Jetzt ist die Zeit, auf andere verbrauchsarme Technologien zu setzen, etwa auf Hybrid- oder Elektroautos."

Noch sind die deutschen Hersteller in diesem Segment allerdings vergleichsweise schwach vertreten. Reine Elektrofahrzeuge (die den Flottenverbrauch entscheidend senken könnten) haben sie nur wenige im Programm, etwa BMW den i3 oder VW den e-up! und den e-Golf. Außerdem sind die Gewinnmargen derzeit noch viel geringer als beim Diesel.

Vor allem für die vielen kleinen, spezialisierten Zulieferer dürfte die Abkehr vom Dieselmotor dramatische Auswirkungen haben. Aber Analyst Ganter setzt auch auf die Möglichkeiten: "Wenn die deutschen Hersteller, vor allem aber ihre starken Zulieferer sich nun noch stärker auf die Hybridtechnologie und Elektrifizierung spezialisierten, könnten sie einen technologischen Vorsprung erringen."

Und wer weiß, sagt Ganter, vielleicht gilt die Abgas-Affäre in einigen Jahren rückblickend als Auslöser einer noch größeren Verbreitung von Hybrid-Technologie und Elektrifizierung.

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Seite 1
LJA 26.09.2015
1. Das wird
nur der Fall sein, wenn es in den nächsten Jahren einige technologische Durchbrüche auf diesem Gebiet geben sollte. Denn nach wie vor hat ein Großteil der Autofahrer keinen eigenen Abstellplatz, an dem er ein Elektroauto nachts aufladen kann. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Eher im Gegenteil.
bs2509 26.09.2015
2. Hat mal einer nachgefragt . . .
. . . was "CDU- Mutti" damals in Brüssel, für einen Deal mit der EU getätigt hat. Ihr beispielloser Einsatz für die Deutsche Autoindustrie ist doch auch nicht ganz selbstlos gewesen. Und sind nicht vielleicht schon damals solche "krummen Sachen" mitdurchgewunken worden ? Das Politik und Autoindustrie stets "Hand in Hand gehen " ist doch kein Geheimnis. Und noch einmal auf die USA zurückzukommen, wäre damals von ihrer Seite nicht mit einem Importstopp für Autos ohne Katalysator gedroht worden, dann führen heute noch in Deutschland und der EU die Dreckschleudern munter durch die Landschaft . . . .
ludwighuber1 26.09.2015
3.
Die dt. sind soweit hinter Kea, Toyota, Subaru oder Tesla in Elektro- oder Hypridantrieb zurück, dass es schon ein Wunder wäre, überhaupt auch nur ansatzweise konkurenzfähig zu werden. Die genannten haben längst patentiert was das Zeug hält, und das kostet. Erinnere mich noch sehr gut, wie Daimler die ersten Hypridautos von Toyota in der Samstagabendsendung vor 30 Jahren ins lächerliche zog und Wasserstoff als das allesbeherrschend hingestellt hat. Ausser Sprücheklopfen sieht es traurig aus mit dt. Ingeneurskunst
privat 26.09.2015
4.
die Kontrollen sicherstellen, was das Prüfungszertifikat im Einklang zur Realität ausgestellt wird. (Dies gilt natürlich genauso für Lebensmittel, Medikamente, Zinsversprechen, ...). Nun, der TÜV (am langen Ende) muss sich noch nichts vorwerfen lassen ... außer dass er sehenden Auges zertifizierte, was in Realität nicht hielt. Gab es da keinen Sachverstand, die Betrüger früher auffliegen zu lassen? Oder falls ja ... waren die "Gesprächs"Partner" der Politik so dumpf ausgestattet, dass die TÜV-Kritik nicht wahrgenommen wurde? Gibt es politisch / staatlich kein "Rückmeldewesen", um mangelhafte Kontrollen nachzubessern? Unter der Linie bleibt eins: VW ist unschuldig, der VW-Mitarbeiter ist unschuldig. Schuldig der Unfähigkeit im Amt waren die staatlichen Organisationen, die einen derartigen Rahmen in das Gesetz / Verordnungen schrieben.... und damit die Betrüger erst zu dem Machten was sie sind: Zu Täuschern und Tricksern im Vorstand. Die Politik stinkt und der Fall-Out erwischt VW. Und wozu? Damit Zahlungen nach Amerika gehen! Eine Rendite, wie hoch nochmal?? Also: Wie hoch ist am Ende des Tages der Verdienst der Arbeiter durch den Rahmen der Politik? Wie dumpf muss man sein? Doch noch tiefer gegraben: Wie dumpf sind Sie und ich, dass wir nicht gegen derartige Politiker die Stimme erheben? Nun ... vielleicht gibt es eine Morgenröte und die Verantwortlichen werden für Betrug in den Knast wandern (wenn es nicht so einer ist, der Bayrischen Fußball"ehren"männern vorbehalten ist).
hummel11 26.09.2015
5. Technologisch
hängen die deutschen Hersteller doch Jahre hinter der Konkurrenz her. Egal ob Elektro- oder Hybridantrieb, kein bezahlbares Fahrzeug für den Durchschnittsverdiener wir angeboten. Bei Toyota kann ich sogar die Zukunft heute schon kaufen, die haben ein Serien-Brennstoffzellen Fahrzeug im Angebot.
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