Nachfolge an der VW-Spitze Wer beerbt Martin Winterkorn?

Volkswagen ohne Winterkorn - jetzt ist es so weit. Aber wer tritt das schwere Erbe inmitten der Abgas-Affäre an? Mehrere Namen kursieren - gute Argumente sprechen für Porsche-Chef Matthias Müller.

Ist er der Mann der Stunde? Porsche-Lenker Matthias Müller
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Ist er der Mann der Stunde? Porsche-Lenker Matthias Müller

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Dies ist die Stunde der Mutigen. Wer Martin Winterkorn an der Spitze des Volkswagen-Konzerns nachfolgt, muss - wie es so schön im Management-Sprech heißt - Herausforderungen lieben.

Europas größter Autohersteller steckt nach dem Bekanntwerden der jahrelangen Abgas-Manipulationen in der wohl größten Krise seiner Geschichte. Schlagartig ist jetzt der jahrelange Chef weg und der gute Ruf womöglich auch. Was bleibt, sind 600.000 verunsicherte Mitarbeiter und verärgerte Aktionäre.

Wer also ist so mutig, jetzt an die VW-Spitze zu rücken? Und wer hat das Zeug dazu? Der Konzern will dazu nichts vor Freitag bekannt geben.

Vor einigen Monaten - auf dem Höhepunkt des Zerwürfnisses zwischen VW-Patriarch Ferdinand Piëch und Winterkorn - kursierten bereits Namen: Hans Dieter Pötsch und Rupert Stadler etwa, oder Andreas Renschler. Und immer wieder: Matthias Müller. Auch jetzt wieder.

Was für die Kandidaten spricht und was nicht. Ein Überblick.

Hans Dieter Pötsch

imago/Sven Simon

Er ist der Mann für die Finanzen und künftig auch für die gesamte Kontrolle bei VW zuständig: Hans Dieter Pötsch, 64, ist noch Finanzvorstand beim Autobauer, ab November soll er den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen. Der Posten war überraschend im April frei geworden, nachdem Piëch nach einem erfolglosen Machtkampf mit Winterkorn hingeworfen hatte. Kurzfristig, aber - wie er betonte - zeitlich begrenzt sprang Ex-IG-Metall-Boss Berthold Huber als Chefkontrolleur ein. Die aktuelle Affäre jedoch macht deutlich, wie wichtig Stabilität im Aufsichtsrat ist. Höchst unwahrscheinlich ist es also, dass nun die Suche nach einem neuen Kandidaten für den Vorsitz aufgenommen wird. Pötsch als VW-Chef? Nicht plausibel.

Winfried Vahland

obs/Skoda

Winfried Vahland, Chef der tschechischen Volkswagen-Tochter Skoda, hat einen sehr guten Ruf im gigantischen VW-Reich. Schon allein deshalb, weil er seine Autos auf Rendite getrimmt hat: Pro Wagen verdient Skoda rund doppelt so viel wie die Stammmarke VW. Mit 58 Jahren hat der aus dem westfälischen Beckum stammende Vahland, der auch mehrere Jahre VW in China leitete, das passende Alter - erfahren genug und zugleich zu jung, um bald in Rente zu gehen. Dennoch: Vahland soll nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen das US-Geschäft von Volkswagen übernehmen. Und da werden derzeit bekanntlich auch dringend gute Leute gebraucht.

Rupert Stadler

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Einerseits immer wieder als Kronprinz gehandelt, wird Rupert Stadler zugleich regelmäßig die falsche Ausbildung für den VW-Chefposten nachgesagt. Der 52-jährige Audi-Chef ist Betriebswirt und nicht Ingenieur. Dass er sich mit Zahlen auskennt, scheint angesichts des stabilen Erfolgs der VW-Tochter kein Nachteil zu sein. Da wäre es vielleicht naheliegend, wenn der Oberbayer Stadler etwas Glanz von der Premiummarke an die Wolfsburger Spitze brächte. Dort aber hat man andere Pläne mit ihm: Stadler soll nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen Finanzvorstand Pötsch beerben - passgenauer Job für den Wirtschaftswissenschaftler.

Herbert Diess

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Hoch gehandelt wurde Herbert Diess bereits im Frühling als potenzieller Winterkorn-Nachfolger. Immerhin wurde der 56 Jahre alte Münchner im Sommer extra von BMW in den Norden geholt. Dort war er lange Einkaufschef und nun soll er bei VW der Kernmarke zu neuem Schwung verhelfen. Dafür wird er auch dringend gebraucht. Außerdem: Als Konzernneuling fehlen Diess der Rückhalt und das Renommee in der Belegschaft. Vorsichtige Wette: Diess wird es nicht.

Andreas Renschler

DPA

Ähnlich wie Diess ist auch Andreas Renschler noch recht frisch bei Volkswagen. Renschler kam im vergangenen Winter von Daimlers Lkw-Sparte. Nun soll er die VW-Marken MAN und Scania zu einer soliden Lkw-Allianz vereinen - eine schwierige und wichtige Aufgabe für den 57-Jährigen. All das spricht aber auch gegen Renschlers möglichen Aufstieg an die VW-Spitze.

Matthias Müller

Wenn der VW-Aufsichtsrat nicht noch einen ganz überraschenden Kandidaten aus dem Ärmel zaubert, läuft alles auf Matthias Müller hinaus. Der Porsche-Lenker hat es geschafft, den Sportwagenbauer erfolgreich in das VW-Imperium zu integrieren. Für Müller spricht zudem, dass er den Konzern schon sehr lange kennt: Müller hat bei Audi eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht, leitete dort zeitweise das Produktmanagement für den A3 und später die VW-Produktplanung. Seit März ist Müller auch Vorstandsmitglied beim Porsche-Mutterkonzern Volkswagen.

Vor einigen Monaten irritierte der 62-Jährige im Hinblick auf einen möglichen Wechsel an die VW-Spitze mit der Aussage, er sei "zu alt für den Job". Danach ruderte er jedoch zurück. Er sei für nichts zu alt.

Fehlenden Mut kann man Müller jedenfalls nicht nachsagen. Anders als andere Konzernchefs fand der gebürtige Sachse im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" deutliche Worte angesichts der jüngsten fremdenfeindlichen Übergriffe in Deutschland. "Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen und Haltung zeigen", sagte Müller. "Bei Porsche arbeiten Menschen aus 56 verschiedenen Ländern - damit ist doch wohl alles gesagt." Es sei an der Zeit, "dass Wirtschaftslenker zu bestimmten Dingen ihre Meinung sagen".

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
mielforte 23.09.2015
1. Mein Beitrag vom 15.9.2013
VW soll sturmreif geschossen werden. Das Freihandelsabkommen macht natürlich nur Sinn, wenn hier die Schäfchen alle mittanzen. Dafür wäre natürlich auch die dicke Nuß Volkswagen zu knacken. Und das wird jetzt mehr dennje versucht. Ferdinand Piech, und nur er, kann den Konzern durch die Misere steuern.
spontanistin 23.09.2015
2. Neue Helden....
.... braucht das Land/ der Laden! Und keine begnadeten Selbstdarsteller und Trickster mit bester Vernetzung zu den Hintermänner des Betrugs! Diese sind alle erpressbar! Bin gespannt, wer jetzt als Sündenbock aufgebaut wird!
werner_s 23.09.2015
3. Das wäre ein Rückschritt
Einen Mann an die Spitze von VW stellen zu wollen der gerade noch öffentlich selbstfahrende Autos als "Hype" verniedlicht hat. Solche Aussagen zeugen nur von Ignoranz gegenüber einer neuen Welt und nicht von moderner Führungskompetenz in eine digitale Zukunft.
Torfi 23.09.2015
4. Wieso?
Zitat von werner_sEinen Mann an die Spitze von VW stellen zu wollen der gerade noch öffentlich selbstfahrende Autos als "Hype" verniedlicht hat. Solche Aussagen zeugen nur von Ignoranz gegenüber einer neuen Welt und nicht von moderner Führungskompetenz in eine digitale Zukunft.
So einem Nepp braucht man doch wirklich nicht aufliegen. Wer sagt denn, dass so etwas überhaupt akzeptiert wird vom Benutzer? Was wenn die ersten Pannen kommen, die ersten Unfälle mit Todesfolge? Da könnten dann die Aktienkurse auch schlingern.
aurichter 23.09.2015
5. Müller !!
als Piëch Vertrauter aus vergangenen Audi Jahren, der zudem auch mehr aus dem Technikbereich kommt, welcher ja auch Herrn Piechs Steckenpferd war, wird dann das Rennen machen. Die Kardinalfrage ist aber doch, will der Herr Müller denn auch ? So genau kann es kein Aussenstehender sagen, da dies Erbe ungleich schwieriger und nachhaltiger wiegt als die Integration von Porsche in einem funktionierenden Gebilde. So sicher ist es dann nun auch nicht. Mal abwarten, sollte mich aber nicht wundern, wenn es noch ein Kaninchen gibt :-))
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