Finanzielle Folgen des Skandals VWs Schmerzgrenze

Strafzahlungen, Schadensersatz, Umsatzeinbruch - noch ist nicht absehbar, wie viel der Abgasbetrug kosten wird. Die Schätzungen gehen in die Milliarden. Wie viel aber könnte Volkswagen stemmen, ohne unterzugehen?

Volkswagen-Embleme: Mancher enttäuschte Kunde dürfte künftig andere Autos kaufen
AP

Volkswagen-Embleme: Mancher enttäuschte Kunde dürfte künftig andere Autos kaufen

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Bei Volkswagen Chart zeigen häuft eine Abteilung derzeit besonders viele Überstunden an. Das Team um Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch muss wegen des Abgasskandals mal eben die Haushaltsplanung des Konzerns umkrempeln. Die Aufgabe: Genügend Mittel für die Strafzahlungen an die US-Umweltbehörde EPA, die Nachrüstung der manipulierten Fahrzeuge und möglicherweise Schadensersatz für entrüstete Kunden bereitstellen. Außerdem ist absehbar, dass sich so mancher enttäuschte Kunde künftig andere Autos kaufen wird.

Pötsch und seine Leute haben vier Tage nach Bekanntwerden des Skandals schon vorsorglich eine Gewinnwarnung herausgegeben. 6,5 Milliarden Euro werden im dritten Quartal gleich auf der Soll-Seite gebucht. Sie sind allein für die finanziellen Folgen reserviert. Doch bei dem Betrag wird es nicht bleiben, soviel ist jetzt schon klar.

Schadensersatz, Strafzahlungen, Prozesskosten, Umsatzeinbruch - es drängt sich die Frage auf: Welche Summe könnte der Konzern in den kommenden Jahren eigentlich maximal stemmen? Wann ist die Schmerzgrenze für Volkswagen erreicht?

  • Plündern der Konten

Ein Blick auf die Bilanz zeigt, dass Ex-VW-Boss Martin Winterkorn und seine Leute immerhin solide gewirtschaftet haben. Zum 30. Juni verfügte der Konzern über knapp 18 Milliarden Euro an Bargeld und über Wertpapiere im Wert von noch einmal gut 15 Milliarden Euro - also ungefähr 33 Milliarden. Zieht man davon den Betrag von rund zehn Milliarden ab, den Rating-Agenturen als notwendigen Puffer fordern, damit das Tagesgeschäft läuft, bleiben also etwas mehr als 20 Milliarden Euro übrig, die der Konzern spontan hergeben könnte. Schmerzhaft, aber verkraftbar.

Im vierten Quartal ist noch einmal ein Geldsegen zu erwarten: Der Verkauf der Anteile am ehemaligen Partner Suzuki und an der niederländischen Leasinggesellschaft Leaseplan hat mindestens drei Milliarden Euro an Gewinn eingebracht.

Macht mehr als 23 Milliarden, die derzeit verfügbar wären.

SPIEGEL ONLINE

  • Verschärftes Sparprogramm

Wenn es teurer wird, wären Sparmaßnahmen nötig. Bei den Kosten für Forschung und Entwicklung zum Beispiel, die bei VW in den vergangenen Jahren immer recht hoch waren. Für den aktuellen Planungszeitraum sind hier rund hundert Milliarden vorgesehen, von denen wohl zehn Prozent ohne spürbare Einschränkungen zu verschmerzen wären. Reserven bestehen auch noch bei den Investitionen. Der Bau von Fabriken in China oder einigen Schwellenländern könnte auf Eis gelegt werden und womöglich pro Jahr noch einmal eine bis zwei Milliarden Euro einsparen - angesichts der konjunkturellen Entwicklung in Asien und Russland ohnehin eine naheliegende Maßnahme. Auf Fünfjahressicht ließen sich in beiden Bereichen zusammen also etwa 15 bis 20 Milliarden einsparen, deren Folgen zumindest mittelfristig verschmerzbar wären.

Von einer Verlängerung der Modellzyklen, die ebenfalls Mittel in Milliardenhöhe einsparen würde, raten Analysten hingegen ab. "Der Konkurrenzdruck ist extrem groß", sagt Arnd Ellinghorst von der Londoner Beratungsgesellschaft Evercore ISI. "Wenn VW da nicht am Ball bleibt, könnte das Unternehmen schnell den Anschluss verlieren."

In der Summe sind das 43 Milliarden, die verfügbar wären.

  • Geld von den Großaktionären

Infrage käme auch noch eine Kapitalerhöhung, die noch einmal geschätzt acht Milliarden einbringen könnte. Mehr wäre nur möglich, wenn auch die Besitzer der Stammaktien, also der Porsche/Piëch-Clan und das Land Niedersachsen nachschießen würden. Eine Möglichkeit, die nach Einschätzung von Metzler Chefanalyst Jürgen Pieper auszuschließen ist: "Beide Seiten achten traditionell sorgfältig darauf, ihre Stimmanteile zu sichern. Da aber jedenfalls Niedersachsen kein Geld hat, um Kapital zuzuschießen, scheidet diese Variante aus".

Zusammen wären das 51 Milliarden.

  • Verkauf des Tafelsilbers

Wenn es ganz schlimm käme, bliebe noch die Möglichkeit, einzelne Marken des Konzerns abzustoßen. Allein die Marke Porsche bewertet Analyst Pieper mit rund 39 Milliarden Euro. Audi repräsentiert einen Kapitalwert von gut 30 Milliarden Euro, Skoda käme auf knapp zehn Milliarden. Hinzu kommen die Luxusmarken Bentley und Bugatti mit drei bis fünf Milliarden Euro. Einen dicken Brocken stellt auch die Lkw-Sparte mit Scania/MAN und Volkswagen Nutzfahrzeuge dar - Wert: rund 30 Milliarden Euro.

Der Verkauf von Porsche, Audi und Skoda scheidet wohl aus, zu eng sind die Marken inzwischen mit der Kernmarke Volkswagen verbunden. Das gilt natürlich auch für Seat, für die das Interesse ohnehin gering sein dürfte. Am ehesten noch ließen sich die Lkw- und die Luxussparte herauslösen und noch einmal bis zu 35 Milliarden mobilisieren.

Macht 86 Milliarden.

Im schlimmsten Fall also würde Volkswagen eine gewaltige Summe zahlen können. Doch der Konzern wäre danach nicht mehr derselbe.

Fotostrecke

8  Bilder
Von Chrysler bis Toyota: Große Rückrufaktionen
Zusammengefasst: Volkswagen hat noch einige finanzielle Reserven, um Strafen, Schadenersatz und die technische Nachrüstung der NOx-Schleudern zu stemmen. Wenn die Summe jedoch 50 Milliarden Euro übersteigt, dann geht es ans Eingemachte. So oder so: Der Konzern wäre nicht mehr derselbe.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 462 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Maya2003 29.09.2015
1.
WIR werden am Ende VW retten, alternativlos versteht sich. Wer anderes glaubt hat unser System nicht verstanden. Alle sind gleich - aber manche gleicher.
der_bulldozer 29.09.2015
2. Interessante These
VW kann also auf 86 Mrd. Euro verzichten. Vielleicht wäre das Geld besser in Qualität, Innovation und vernünftige Preisgestaltung investiert worden. Sowas wie Bentley und Bugatti hat ohnehin nichts bei einem "Volkswagen* zu suchen.
kimmberlie67 29.09.2015
3. VWs Schmerzgrenze
ist die Überschritten,kommt der Steuerzahler wiedermal ins Spiel.
sunsurfer428 29.09.2015
4.
Es geht immer nur noch um beschwerte Emissionswerte, nicht um leben und Tod. Wenn VW so viel Geld bezahlen soll, wo andere Konzerne viel weniger zahlen, wird ja mal so was von mit ungleichen maß gemessen.
zbv10 29.09.2015
5. Porsche-Chef Müller im Mai:
"Ich schaue kaum auf die Entwicklungen beim Startup [TESLA] aus dem Silicon Valley." Ne, klar, wenn man keine Lust hat, Elektroautos zu bauen oder sonstwie nicht kann. Aber wenigstens hätte er sich abgucken können, wie man die Systemsoftware eines Auto übers Mobilnetz upgraden kann. So wie beim TESLA S. Dann könnte sich der VW-Müller jetzt bei seinen millionenfachen Rückrufaktionen ein paar Milliarden sparen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.