Abgasskandal VW prüft Milliardenklage gegen Winterkorn

Die US-Justiz hat Haftbefehl gegen Martin Winterkorn erlassen. Doch dem früheren VW-Chef drohen nicht nur strafrechtliche Folgen - der Konzern prüft laut einem Medienbericht zudem finanzielle Ansprüche gegen den Ex-Manager.

Martin Winterkorn (Archiv)
REUTERS

Martin Winterkorn (Archiv)


Für den früheren VW-Chef Martin Winterkorn werden die Folgen des Dieselskandals immer bedrohlicher. Nachdem die US-Staatsanwaltschaft in Detroit den früheren Spitzenmanager wegen seiner Rolle bei den Abgasmanipulationen angeklagt hatte, erließ die US-Justiz wenig später einen Haftbefehl gegen den früheren Spitzenmanager. Auch in Deutschland wird seit Längerem von der Braunschweiger Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn ermittelt.

Winterkorn drohen allerdings nicht nur strafrechtliche Konsequenzen, sondern auch der Verlust seines Vermögens. Der VW-Konzern prüfe, ihn für den entstandenen Milliardenschaden des Dieselskandals haftbar zu machen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS") und beruft sich dabei auf den Aufsichtsrats-Vorsitzenden Hans Dieter Pötsch.

Im Umfeld des Aufsichtsrates kursierten demnach bereits Zahlen, wie viel von Winterkorn zu holen ist - die reichen bis zu eine Milliarde Euro. Winterkorn habe laut "FAS" bei VW mehr als 100 Millionen Euro verdient und Pensionsansprüche von knapp 30 Millionen Euro. "Dieses Geld wäre im Extremfall komplett weg", sagte der Berliner Rechtsprofessor Gregor Bachmann der Zeitung.

Staatsanwaltschaft: Verfahren "in Sicht auf die Ziellinie"

In den USA wird Winterkorn Verschwörung zur Täuschung der Behörden bei den Abgasmanipulationen vorgeworfen. US-Justizminister und Generalstaatsanwalt Jeff Sessions sprach von einem System der Täuschung an der Spitze von VW. Die US-Ermittler gehen davon aus, dass Winterkorn schon im Mai 2014 über Unregelmäßigkeiten bei Dieselabgaswerten informiert worden war. Winterkorn hat das immer wieder bestritten.

Auch in Deutschland bewegen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig sich die Ermittlungen gegen Winterkorn und 38 weitere Beschuldigte auf die Ziellinie zu. Im Sommer solle deren Verteidigern Akteneinsicht gewährt werden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe, der "FAS".

Die Anklage und der Haftbefehl gegen Winterkorn habe ihn nicht überrascht: "denn die darin genannten Sachverhaltsdarstellungen sind uns - unabhängig von einer etwaig anderen Bewertung - in größeren Teilen aus unseren eigenen Ermittlungen bereits bekannt".

Er verteidigte sich gegen der Vorwurf der Verschleppung. In Deutschland könne die Staatsanwaltschaft im Unterschied zum US-Rechtssystem "nie einzelne Personen anklagen, solange der gesamte Ermittlungskomplex nicht abgeschlossen ist und die Beschuldigten rechtliches Gehör erhalten haben".

Lühmann (SPD): Manager müssten für Fehler bestraft werden

Die SPD-Verkehrsexpertin Kirsten Lühmann rechnet mit strafrechtlichen Konsequenzen für Winterkorn in Deutschland. Sie sagte dem Deutschlandfunk: Als Winterkorn Anfang 2017 im Bundestags-Untersuchungsausschuss ausgesagt habe, er habe von alledem nichts gewusst, habe ihm schon damals im Saal kaum einer geglaubt. "Aber wir konnten auch den Gegenbeweis nicht antreten." Dass nun in den USA die Justiz gehandelt habe, in Deutschland aber nicht, habe mit den unterschiedlichen Rechtssystemen zu tun.

Lühmann rechnet damit, dass auch die deutsche Justiz handeln wird, sobald sie alle Beweise gesammelt hat. Es sei richtig, dass die deutschen Ermittler lange prüften, um sicher zu sein, dass es nicht nur für eine Anklage, sondern auch für eine Verurteilung reiche. Nichts wäre peinlicher, als würde man jetzt unter dem Druck der Öffentlichkeit ein Verfahren eröffnen und dann reichten die Beweise nicht - mit der Konsequenz, dass das Verfahren eingestellt werde.

Lühmann plädierte dafür, dass bei solchen Vorgängen wie dem Dieselabgasskandal die Manager stärker strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Wenn der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein Derartiges fordere, habe er recht. Diese Manager erhielten mit dem Argument, sie trügen eine hohe Verantwortung, sehr viel Geld. Wenn das so sei, dann müssten sie auch bei Fehlern dafür einstehen und bestraft werden.

Hessen und Baden-Württemberg fordern hohe Bußgelder

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestages, Cem Özdemir, begrüßte die Anklage: "Die US-Justiz verfolgt die Abgasbetrügereien bis in die höchste Chefetage - gut so. Denn die sind eine Sauerei zu Lasten von Verbrauchern und Umwelt", sagte der Grünen-Politiker der "Rhein-Neckar-Zeitung".

Dagegen blieben in Deutschland die Autobesitzer die Dummen ohne Gruppenklagerecht, sagt Özdemir. "Hier kommen die Konzernbosse mit ein paar Software-Updates davon, ermöglicht durch die Duck-dich-Haltung der vermeintlich harten CSU-Jungs aus dem Verkehrsministerium." Er sprach sich dafür aus, dass die Autokonzerne Dieselfahrzeuge auf ihre Kosten nachrüsten sollten

Die beiden Bundesländer Hessen und Baden-Württemberg fordern nach SPIEGEL-Information von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), gegen Autokonzerne in Verbindung mit dem Dieselabgasskandal hohe Bußgelder zu verhängen. Solche Strafen könnten sich in Milliardenhöhe addieren. Die Einnahmen aus diesen Bußgeldern wollen die beiden Länder zur Finanzierung von Nachrüstmaßnahmen von Dieselautos nützen. Scheuer lehnt bisher Hardware-Nachrüstungen ab: Sie seien zu kostspielig.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes haben wir geschrieben, dass Winterkorn bei VW mehr als 100 Milliarden Euro verdient und Pensionsansprüche von knapp 30 Milliarden Euro habe. Es handelt sich allerdings um Millionen. Wir haben die Zahlen korrigiert.

abl/Reuters/dpa



insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
cevauel 05.05.2018
1. Seid umschlungen Ihr Milliarden...
... oder doch nur Millionen? Dass Winterkorn 100 Milliarden bei VW verdient hat und seine Pensionsansprüche bei 30 Milliarden liegen, dürfte dann doch eher eine Ente sein...
trankvilizator 05.05.2018
2. Waaas?
Wieviel hat Winterkorn verdient? Ist es vielleicht so gemeint: "Ich verdiene viel, bekomme aber wenig"?
robazz 05.05.2018
3. fürs korrigierkollegium
Auch in Deutschland bewegen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig sich die Ermittlungen gegen Winterkorn und 38 weitere Beschuldigte
spon_1980133 05.05.2018
4. Mir wird schwindelig
Angesichts solcher unvorstellbaren Gehaltshöhen von jenseits 100 Milliarden, frage ich mich, woher diese Geld stammt? Von den um den gerechtn Lohn geprellten Leiharbeitern in den VW-Werken? Von den Kunden, welche schon seit über 30Jahren auf einen echten Volkswagen zum Volkswagen-Preis warten?
Referendumm 05.05.2018
5. Super Beitrag im mm
gestern las ich einen super Beitrag zum Typ Winterkorn in der Schwesterzeitschrift von "Der Spiegel", dem Manager Magazin: http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/martin-winterkorn-ist-70-so-fiel-der-volkswagen-ag-chef-aus-dem-autohimmel-a-1149049.html Sollte JEDER einmal lesen, der an diesem VW-Abgasskandal näher interessiert ist. Vieles ist nahezu unglaublich, aber es fndet - auch heute noch - in vielen Chefetagen genau so statt.
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