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Vorwürfe gegen Möbelhaus XXXLutz: 85.000 Euro für eine Betriebsrätin

Von Tobias Lill

XXXLutz ist Europas zweitgrößter Möbelhändler - und gerät bei Gewerkschaftern in die Kritik. Betriebsräte und Ver.di werfen dem Konzern Scheckbuch-Mitbestimmung vor: Er habe lästige Arbeitnehmervertreter mit üppigen Abfindungen herausgekauft. Das Unternehmen schweigt dazu.

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DPA

XXXLutz-Möbelhaus: Betriebliche Mitbestimmung unerwünscht?

Vielleicht hätte er einfach nur seinen Mund halten sollen. Einfach schweigen. "Doch das war noch nie meine Art", sagt Michael Voss. 1990 war der stämmige Mann aus Berlin ins bayerische Passau gezogen, hatte es im Logistikzentrum der Möbelkette Hiendl als EDV-Spezialist schnell zu etwas gebracht. Als im Herbst 2006 plötzlich Gerüchte umgingen, dass der österreichische Möbelgigant XXXLutz das Familienunternehmen mit 1400 Mitarbeitern schlucken wird, fragten ihn Kollegen, ob er für den Betriebsrat kandidieren will. Voss sagte zu - und wurde prompt gewählt.

In seinem neuen Amt hatte er bald viel zu tun. "Kaum kamen die Österreicher, mussten die ersten Leute gehen", sagt der 56-Jährige. Außerdem hätten sich kurz nach der Übernahme 2007 Verstöße gegen Arbeitszeitregeln gehäuft. In der Folge erhob die Gewerkschaft Ver.di schwere Vorwürfe gegen die neuen Hiendl-Eigner. So hätten Lehrlinge bis zu 14 Stunden am Tag malochen müssen.

Auch das Gewerbeaufsichtsamt schaltete sich ein. Die Behörde bestätigt auf Anfrage, Ermittlungen hätten 2009 "zum Teil erhebliche Verstöße" gegen das Arbeitsschutzgesetz zu Tage gefördert. Weil die gesetzlich festgelegte Höchstarbeitszeit von zehn Stunden in zahlreichen Fällen nicht eingehalten worden sei, verhängten die Ordnungshüter ein Bußgeld, das XXXLutz mittlerweile bezahlt hat.

"Ihre Karriere geht nun zu Ende"

Voss hatte sich nach seiner Wahl zum Betriebsrat zunächst noch als Vermittler gesehen - doch dann fand im Oktober 2008 eine Betriebsversammlung statt, die aus der einstigen Führungskraft einen überzeugten Gewerkschafter machte. Es ging um mögliche Einsparungen. Der damalige Geschäftsführer sagte laut Teilnehmern, der Standort sei nicht rentabel, und forderte Mehrarbeit. "Aber er argumentierte mit komplett falschen Umsatzzahlen", sagt Voss. Er stellte den Geschäftsführer deshalb vor versammelter Belegschaft zur Rede. "Als Mitglied des Wirtschaftsausschusses kannte ich ja den echten Umsatz."

Ein anderer Betriebsrat berichtet, daraufhin sei es "zu einem heftigen Disput" gekommen. Voss behauptet, noch am selben Abend habe ihm der Geschäftsführer klar gemacht, dass seine Karriere "nun zu Ende geht".

XXXLutz will die Abläufe rund um die Betriebsversammlung auf Anfrage nicht kommentieren.

Noch immer wirkt Voss ungläubig, wenn er von jenem Abend spricht. An seiner Bürotür prangt ein Aufkleber: "Betriebsratsverseucht. Das ist gut so." Der Angestellte blättert durch eine bunte Motivationsbroschüre seines Arbeitgebers. Von der Unentbehrlichkeit eines jeden Mitarbeiters und vom "Aufbruch in neue Dimensionen" ist da die Rede. Neue Perspektiven habe man auch ihm bieten wollen, sagt Voss bitter-ironisch: Der damalige Chef seiner Niederlassung sei kurz nach dem Eklat auf der Betriebsversammlung auf ihn zugekommen und habe ihn mit einer Abfindung in Höhe von 60.000 Euro gelockt - wenn er das Unternehmen sofort verlasse.

"85.000 Euro Abfindung für Teilzeitbeschäftigte"

Der Gewerkschafter ging nicht. Im Gegenteil: Er kämpfte - wenn auch erfolglos - gegen eine deutliche Arbeitszeitverlängerung für die Logistikmitarbeiter und organisierte eine Demo gegen die XXXLutz-Werbeikone Ottfried Fischer. Auch prangerte er die Höhe der Löhne an. Manchen Mitarbeitern soll der Möbelriese Arbeitnehmervertretern zufolge nur sechs Euro in der Stunde gezahlt haben.

Doch nicht jeder blieb damals so standhaft wie Voss. Zahlreichen Passauer Hiendl-Betriebsräten sollen 2008 und 2009 ebenfalls hohe Abfindungsangebote gemacht worden sein - laut Voss "meist über hunderttausend Euro". Mindestens sechs Arbeitnehmervertreter, die größtenteils als kritisch galten, hätten die Offerte angenommen. Eine massive Schwächung des Betriebsrats.

Auch Dirk Nagel weiß viel über XXXLutz zu berichten. Der Gewerkschaftssekretär von Ver.di beugt sich über einen Stapel von Unterlagen: "Es gibt zahlreiche Fälle, in denen der Konzern versucht hat, in seinen Filialen Betriebsräte mit Abfindungen herauszukaufen", sagt er. Nicht nur in Passau, auch in Regensburg sei in einem Fall eine "Summe im sechsstelligen Euro-Bereich" bezahlt worden, behauptet Nagel und ergänzt: "Viel Geld, wenn man bedenkt, dass eine Vollzeitverkäuferin nur 1200 Euro netto im Monat verdient." In Landshut habe sich der Betriebsrat 2009 laut Ver.di gar mangels Mitgliedern aufgelöst. "Sogar einer Teilzeitbeschäftigten bot man dort 85.000 Euro Abfindung an", sagt Nagel.

Große Summe bar auf die Hand

Anna Reichert, Vorsitzende des Betriebsrats einer Münchner Filiale des Möbelhändlers, berichtet ebenfalls von einem verlockenden Angebot. Gleich nachdem XXXLutz im Jahr 2005 das Warenhaus übernommen hatte, sei die Geschäftsführung auf sie und die anderen Betriebsräte zugekommen: "Der neue Chef versprach allen, die zusagten, baldmöglichst aus dem Betriebsrat auszuscheiden, eine große Summe", sagt Reichert. Sie selbst habe er gar mit den Worten gelockt, dass er das Geld für sie gleich dabei habe. Die resolute Frau ist überzeugt: "Die wollten genug Betriebsräte rauskaufen, damit wir uns auflösen müssen." Zwar nahmen laut Ver.di einige von Reicherts Kollegen die Abfindungsangebote an, die Arbeitnehmervertretung blieb jedoch bestehen.

XXXLutz ist nach Ikea Europas zweitgrößte Möbelkette. Das Vorgehen des Unternehmens ist Ver.di-Mann Nagel zufolge in allen Fällen ähnlich. Meist werde mit Rückendeckung der Filialleitung zunächst eine arbeitgebernahe Liste gegründet. "Dann versucht die Geschäftsführung, gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmervertreter loszuwerden, um am Ende ein firmenfreundliches Gremium oder gar keinen Betriebsrat zu haben. XXXLutz will keine Betriebsräte."

Wer nicht auf die Abfindungsangebote eingehe, dem werde mitunter der Lohn gekürzt. Offiziell geschehe dies über eine - angeblich betriebswirtschaftlich notwendige - Verschiebung auf schlechter bezahlte Stellen. Doch faktisch, heißt es bei Ver.di, gehe es um reine Schikane. Auch Voss sagt, sein Gehalt sei so phasenweise um die Hälfte gekürzt worden. Das Unternehmen selbst äußert sich dazu nicht.

XXXLutz spricht von einem "konstruktiven Dialog"

Helmuth Götz, Mitglied der XXXLutz-Geschäftsleitung, nennt die Ver.di-Vorwürfe "größtenteils haltlos". Auf die Frage, ob die Kette Arbeitnehmervertreter mit hohen Summen abgefunden habe, geht Götz nicht ein. Auch zu den Schilderungen einzelner Betriebsräte nimmt er keine Stellung.

In einer Mitteilung heißt es: "So weisen wir insbesondere die Unterstellung von Ver.di zurück, dass Betriebsratswahlen durch sogenannte 'arbeitgeberfreundliche' Listen beeinflusst werden sollten." In der zurückliegenden Wahlperiode habe es in 19 Betrieben Wahlen gegeben, davon nur in drei mit Listenwahl. Laut Götz hat XXXLutz "an keinem einzigen Standort einen Betriebsrat aufgelöst." Zudem habe der Konzern die Verstöße gegen Arbeitszeitrichtlinien "drastisch reduziert", teilt Götz mit. Man stehe "in einem regelmäßigen und konstruktiven Dialog" mit den Betriebsräten.

Der Passauer Betriebsrat Voss hat seinen Kampf hingegen aufgegeben. Er wird XXXLutz nun wohl doch verlassen.

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1. .
deb2006, 20.12.2010
Zitat von sysopXXXLutz ist Europas zweitgrößter Möbelhändler - und gerät bei Gewerkschaftern in die Kritik. Betriebsräte und Ver.di werfen dem Konzern Scheckbuch-Mitbestimmung vor: Er habe lästige Arbeitnehmervertreter mit üppigen Abfindungen herausgekauft. Das Unternehmen schweigt dazu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,733832,00.html
Ach, und das ist jetzt eine neue Erkenntnis? Ich würde sagen, dass das in allen großen deutschen Unternehmen so ist ...
2. Wenn das wirklich so sein sollte, wie es hier
Seifen 20.12.2010
im Aritkel dargestelt wurde, dann sollte sich der Möbelhändler doch wohl von seinem Geschäftsführer trennen. Seine Aufgabe kann nicht der Kampf gegen die Belegschaft sein. Wer nicht mit der Belegschaft kann, kann es erst recht nicht mit Kunden. Es sind immer wieder die Sparfüchse, die mit spektakulären Maßnahmen die Löhne und andere Kosten drücken. Zum Schluß lässt sich aber nichts mehr drücken und dann stellt man fest, daß sie eigentlich gar kein Handelshaus führen können. Sie konnten eben nur sparen.
3. hier ist die Nahtstelle....
Neinsowas 20.12.2010
....und das ist der Moment des Einzelnen sich dem menschenunwürdigen Kapitalismus zu stellen... Aber wie schwer das ist, ja, beinahe unmöglich,ist hier ersichtlich! Deshalb wird die Macht des Kapitals nur noch durch eine geschlossene Gemeinsamkeit im Widerstand gebrochen werden können. Oder wir warten alle ab, bis wir auf dem Zahnfleisch gehen, geknechtet und geknutet von den Kapitalen, bis der Grösste den Zweitgrössten gefressen hat und dann irgendwann so selbstherrlich wird, dass er verfault in sich selbst zusammenfällt....
4. Den Betrieb verlassen
Roana, 20.12.2010
"Der Passauer Betriebsrat Voss hat seinen Kampf hingegen aufgegeben. Er wird XXXLutz nun wohl doch verlassen." ...und natürlich die üppige Abfindung kassieren, die auf dem Rücken von Billigarbeitskräften erwirtschaftet wurde. Gewerkschaftler sind sowas von... *BEEEEP*
5. ...
AusVersehen 20.12.2010
Zitat von sysopXXXLutz ist Europas zweitgrößter Möbelhändler - und gerät bei Gewerkschaftern in die Kritik. Betriebsräte und Ver.di werfen dem Konzern Scheckbuch-Mitbestimmung vor: Er habe lästige Arbeitnehmervertreter mit üppigen Abfindungen herausgekauft. Das Unternehmen schweigt dazu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,733832,00.html
Deutschland ist angeblich eines der Länder, in denen die geringste "Korruption" herrscht. Meines Erachtens liegt es auch an unseren Gesetzen. Korruptionen und Bestechungen, die durch unser Rechtssystem einfach nicht erfaßt werden, gelten nicht als solche. Es wird höchste Zeit da einige dringende Löcher in den Gesetzen zu stopfen. Das beinhaltet auch viele Arten von "Korruption" und Geldverschwundung durch unsere Abgeorneten und Beamten. Solange Vorstände bei solchen Fällen nicht persönlich in mit in die Haftung genommen werden, sondern nur die Firma ihre Portemonaille öffnen muß, werden solche VErbrechen auch zukünftig als Kavaliersdelikte angesehen. Ich denke nicht, dass sich viele Politiker und Vorstände diesbezüglich von den Machenschaften der Mafia und Camorra in Süditalien und Sizilien unterscheiden.
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