Reaktionen auf Abgasversuche "Ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen"

VW-Aufsichtsrat Hans Dieter Pötsch gibt sich angesichts der Abgasexperimente perplex. Der Chefkontrolleur nannte die Tests an Affen "in keinster Weise nachvollziehbar". Auch die Bundesregierung meldete sich zu Wort.

imago/Christian Ohde


Mit der Förderung umstrittener Schadstofftests haben Volkswagen Chart zeigen, Daimler Chart zeigen und BMW Chart zeigen Empörung auf sich gezogen. Da die Experimente zum Teil auch mit der Dieselaffäre zusammenhängen sollen, steht erneut VW besonders im Fokus. Auch der Aufsichtsrat des Konzerns zeigt sich entsetzt. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bezeichnete die Stickstoffdioxid-Versuche mit Affen als "in keinster Weise nachvollziehbar". "Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken", sagte Pötsch. Die Vorgänge müssten "vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden".

Er kündigte an, dass sich der Aufsichtsrat bald mit dem Thema beschäftigen werde. "Ich werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht wird. Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen."

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Aufklärung. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich." Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen.

Hinter den umstrittenen Abgastests steht die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT). Sie war 2007 von den Konzernen Daimler, VW, BMW und dem Autozulieferer Bosch gegründet worden. Im Juni 2017 wurde die EUGT aufgelöst.

Bislang sind zwei Versuchsanordnungen publik, die für Empörung sorgen:

  • Laut "New York Times" wurden bereits im Jahr 2014 in den USA zehn Affen vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eingesperrt. Demnach wurden die Abgase eines mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten VW Beetle eingeleitet. Diese Tests waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen habe. Die EUGT hatte dem Bericht zufolge das US-Institut Lovelace Respiratory Research Institute (LRRI) mit der Studie beauftragt.
  • Zudem finanzierte die umstrittene EUGT laut Medienberichten auch einen Versuch mit Menschen. Demnach wurde ein Experiment gefördert, bei dem sich Probanden dem Reizgas Stickstoffdioxid ausgesetzt hätten, berichtete die "Stuttgarter Zeitung". Autoabgase gelten als wichtigste Quelle für das Gas. Bei der 2016 veröffentlichten Studie hätten an einem Institut des Uniklinikums Aachen 25 junge, gesunde Personen über mehrere Stunden das Gas in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet und seien anschließend untersucht worden. Nach Einschätzung der EUGT habe die Studie ergeben, dass keine Wirkung festgestellt werden konnte, hieß es weiter.

Der Stuttgarter Daimler-Konzern distanzierte sich sowohl von den Untersuchungen an den Affen als auch von der Aachener Studie mit menschlichen Probanden. Man verurteile die Versuche "auf das Schärfste", sagte ein Sprecher der "Stuttgarter Zeitung". Das Vorgehen der EUGT "widerspricht unseren Werten und ethischen Prinzipien". Der Konzern setze sich für eine "umfassende Untersuchung" ein.

Volkswagen hatte sich bereits am Wochenende für die Versuche mit Affen entschuldigt. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der selbst im VW-Aufsichtsrat sitzt, nannte die Abgasversuche an Affen und Menschen "absurd und widerlich". Weil sprach von "alarmierenden Meldungen", dass solche Tests nicht nur an Affen, sondern auch an Menschen "erwogen oder sogar durchgeführt worden sind". "Die Bezeichnung absurd und widerlich gilt natürlich erst recht, wenn sich entsprechende Testreihen auf Menschen beziehen", sagte Weil.

"Das alles muss jetzt sehr gründlich und sehr schnell aufgeklärt werden", sagte der SPD-Politiker. "Die Vertreter des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat von Volkswagen werden noch heute eine entsprechende dringliche Aufforderung an den Vorstand von Volkswagen richten", kündigte er an. Er als Aufsichtsrat habe nichts von diesen Vorgängen gewusst, sagte Weil. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass andere Aufsichtsratsmitglieder informiert gewesen seien.

Hendricks sieht auch Wissenschaftler in der Verantwortung

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sagte, was bislang zu den Abgastests bekannt sei, sei "abscheulich". Stickoxide seien gesundheitsschädlich für den Menschen. Dies sei hinreichend belegt, sagte die SPD-Politikerin. "Dass eine ganze Branche anscheinend versucht hat, sich mit dreisten und unseriösen Methoden wissenschaftlicher Fakten zu entledigen, macht das Ganze noch ungeheuerlicher." Wer so etwas mache, "hat nicht verstanden, was auf der Tagesordnung steht: sich endlich der vollen Verantwortung im Dieselskandal zu stellen", kritisierte die Ministerin. Sie äußerte sich "erschüttert", dass sich offenbar Wissenschaftler für die Begleitung dieser "widerwärtigen Experimente" zur Verfügung gestellt haben.

mmq/dpa/Reuters/AFP



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