Nach Produktionsstopp VW beendet Streit mit Zulieferern

Der Machtkampf zwischen Volkswagen und zwei Zulieferern ist beendet. Die Firmen haben sich nach Angaben von VW geeinigt. In den VW-Werken soll die Produktion rasch wieder starten.

Volkswagen-Logo in Hannover
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19 Stunden haben VW und die Zulieferer Car Trim und ES Automobilguss verhandelt - jetzt haben sie ihren Streit offenbar beigelegt. Nach Angaben eines Volkswagen-Sprechers haben sich beide Parteien geeinigt. Laut "Hannoverscher Allgemeiner Zeitung" haben die Firmen eine neue langfristige Partnerschaft beschlossen.

Die Lieferung ausstehender Autoteile soll so rasch wie möglich wieder aufgenommen werden, sagte der VW-Sprecher. Weitere Details dazu wurden zunächst nicht bekannt. Über die Inhalte der Einigung sei Stillschweigen vereinbart worden, teilte VW mit. Die Aktie des Autobauers stieg dennoch deutlich an.

Niedersachsens Ministerpräsident und Volkswagen-Aufsichtsratsmitglied Stephan Weil (SPD) begrüßte den Durchbruch. "Ich freue mich vor allem für die Beschäftigten, die nun rasch wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Sie sind in den letzten Tagen Opfer eines Konfliktes geworden, der ohne Not auf ihrem Rücken ausgetragen worden ist", teilte er mit.

"Großkonflikt mit beträchtlichen Schäden eröffnet"

Zugleich kritisierte Weil die Zulieferer aus Sachsen. "Es bleibt bei mir ein Unbehagen über das Vorgehen der Prevent Group, die nicht bereit war, den in unserem Rechtsstaat vorgesehenen Weg einer Klärung vor den Gerichten zu gehen. Sie hat stattdessen einen Großkonflikt mit beträchtlichen Schäden eröffnet", sagte Weil.

ES Automobilguss und Car Trim, die zur Unternehmensgruppe Prevent gehören, hatten den Autobauer nicht mehr mit Getriebeteilen und Sitzbezügen beliefert. Bei VW stehen deswegen viele Bänder still, bislang sind fast 28.000 Mitarbeiter betroffen. Allen voran ruht die Golf-Produktion im Stammwerk Wolfsburg.

Zwischen den beiden Firmen und VW tobte ein Streit um die Kündigung von Aufträgen. Die genauen Hintergründe sind unklar.

Zuletzt hatte sich die Politik in den Streit eingemischt. Die Bundesregierung mahnte eine rasche Lösung an. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CDU warf VW vor, das sogenannte Kurzarbeitergeld bei seiner Machtprobe mit den zwei Zuliefertöchtern für seine Zwecke zu missbrauchen.

Kurzarbeitergeld wird oft bei konjunkturellen Krisen eingesetzt. Es soll Unternehmen erleichtern, in mageren Zeiten die Arbeitszeit ihrer Belegschaft zu reduzieren. VW hatte wegen seines Streits mit den Zulieferern bereits für 7500 Beschäftigte im Werk Emden konjunkturelles Kurzarbeitergeld beantragt.

ssu/dpa-AFX/Reuters

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micromiller 23.08.2016
1. Interessant an dem Spektakel
war, wie sich SPD Führung und Medien inklusive Staatsfernsehen mehr oder weniger auf die Seite da VW Konzerns schlugen obwohl die Fakten, die zu den Problemen führten unbekannt waren,
Wicked 23.08.2016
2. Langfristige Partnerschaft?
So lang bis VW sich ein neuen Zulieferer gesucht hat?
schocolongne 23.08.2016
3. Na Bitte, geht doch!
So ein Theater wegen schlappen 60 Milliönchen, Gratulation an Prevent!
Aberlour A ' Bunadh 23.08.2016
4. Competence trust
Ich muss gestehen, dass ich das Verhalten von VW in diesem Zusammenhang nicht verstanden habe. Dabei ist aus der ökonomischen Analyse komplexer Vertragsbeziehungen bekannt, dass man z.B. Verträge durch sogenannte Unterpfänder "selbstdurchsetzend" machen sollte, wie es in der Fachsprache heißt. Dabei kommt es bei der Bereitstellung eines vertragsspezifischen Unterpfandes natürlich auf das Verhandlungsgeschick der Vertragsparteien an. Ein heikles Feld. Denn auf der einen Seite soll ein Unterpfand den Zulieferer zur Aufrechterhaltung einer Vertragsbeziehung veranlassen, auf der anderen Seite aber nicht gleichzeitig ursächlich für einen Vertragsbruch sein. Im vorliegenden Fall kommt mir sofort ein Unterpfand in den Sinn, dass in der Automobilindustrie seit je her zur Anwendung kommt. So sollten spezifische Werkzeuge, die für den Produktionsprozess von spezifischen Komponenten notwendig sind, im Eigentum des Herstellers verbleiben und an den Zulieferer verliehen werden. Dies stellt aus Sicht des Automobilherstellers eine wirksame Methode dar, um sich vor Vertragsverletzungen des Zulieferers zu schützen. Andernfalls macht sich ein Hersteller unnötig abhängig, insbesondere dann, wenn man als Hersteller ausgerechnet große Auftragsvolumina im sogenannten "single sourcing" (pro Komponente ein Zulieferer) an Zulieferer vergibt - um Kosten zu sparen - und damit dem Zulieferer mit dem in seinem Eigentum befindlichen spezialisierten Werkzeugen erheblichen Einfluss auf den Fertigungsablauf des Automobilherstellers gewährt. Kommt es zu Lieferunterbrechungen im "single-sourcing", kann der Hersteller dann nicht einfach mit dem Finger schnipsen und die Aufträge an einen Konkurrenten vergeben. Verbleibt aber das spezialisierte Werkzeug im Eigentum des Herstellers, so kann dieser das Werkzeug zurückfordern und an einen anderen Zulieferer vergeben, wenn ein Zulieferer nicht lieferfähig ist oder sein will. Natürlich wird jede Geschäftsbeziehung von der informellen Verhandlungsmacht der beteiligten bestimmt. Wenn man aber an einer stabilen Vertragsbeziehung interessiert ist, darf diese natürlich nicht nur auf "Bestrafungsmechanismen" basieren, die eine Vertragspartei aufgrund einer asymmetrischen Machtverteilung akzeptieren muss. Daneben sind daher unbedingt informelle Normen wie Vertrauen notwendig, die aber nicht vom Himmel fallen, sondern erzeugt werden müssen. Gerade für das reibungslose Funktionieren von "Just-In-Time"-Lieferbeziehungen ist das notwendig, was man in der Fachsprache "competence trust" nennt. Das heißt in diesem Zusammenhang, ein Vertrauen in die Fähigkeiten des Vertragspartners, die ihm gestellten Aufgaben kompetent zu erfüllen. Auch dieses Vertrauen muss erzeugt werden. Zum Beispiel durch den Aufbau spezifischer Problemlösungskompetenz hinsichtlich eines Know-how-Transfers zwischen Hersteller und Zulieferer, in dem eine gemeinsame enge Zusammenarbeit bei Produktentwicklung und Fertigungssteuerung erfolgt und in gemeinsame Produktentwicklung investiert wird. Und genau hier scheint mir der Knackpunkt im Vertragsverhältnis von VW mit den besagten Zulieferern zu liegen. Oder gelegen haben, wie man jetzt ja sagen muss.
ihawk 23.08.2016
5. Zulieferanten
Ich habe genauso wie der SPON keine Ahnung worum es im Detail geht. Dass jedoch eine Auseinandersetzung mit Lieferanten derart eskaliert, offenbart in meinen Augen ein weiteres Versagen im VW-Management. Evt. kommt aber VW der "Produktionsausfall" gerade recht, denn die Verkaufszahlen sollen ja seit dem Abgasskandal rückläufig sein.
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