Deutsche Autobosse im Weißen Haus Trumps PR-Manager

Die deutschen Autobosse wollen Donald Trump von geplanten Autozöllen abbringen. Doch die Reise der Chefs von Daimler und VW nach Washington wird vor allem dem US-Präsidenten nutzen.

Weißes Haus, Oval Office
AP

Weißes Haus, Oval Office

Von , Washington


Auf den Schreibtischen von Donald Trumps Beratern im Weißen Haus liegt seit ein paar Wochen das Papier, das die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen sprengen könnte: Mitte November haben die Experten des Handelsministeriums ihren Entwurf zu dem vom Präsidenten bestellten Gutachten abgeliefert, ob Autoimporte die nationale Sicherheit der USA gefährden.

Das Papier ist Voraussetzung dafür, dass Trump am Kongress vorbei Zölle gegen Daimler, BMW und andere Autohersteller verhängen kann. Das Ergebnis der Prüfung hält die US-Administration bislang unter Verschluss. Aber Handelsminister Wilbur Ross lässt wenig Zweifel daran, dass Trump genau das bekommt, was er will: "Die Studie wird fertig sein, wenn sie gebraucht wird." Der Präsident hat durchblicken lassen, dass das schon bald der Fall sein könnte.

Wird ihn die Mission der drei Bittsteller aus dem deutschen Autoland aufhalten können? An diesem Dienstag dürfen Daimler-Chef Dieter Zetsche, VW-Boss Herbert Diess und BMW-Finanzchef Nicolas Peter im Weißen Haus ihre Sorgen persönlich kundtun. Doch die Konzernvertreter haben noch nicht einmal eine Zusage bekommen, dass Trump an dem Treffen teilnimmt. Offiziell werden die Besucher aus Deutschland nur von Minister Ross, dem Handelsbeauftragten Robert Lighthizer und Wirtschaftsberater Larry Kudlow empfangen. Der Hausherr kann dann nach Belieben dazustoßen - oder auch nicht.

Daimler-Chef Dieter Zetsche
AFP

Daimler-Chef Dieter Zetsche

Trumps Motto des "Teile und herrsche"

Es ist eine Spielaufstellung, wie sie Trump liebt: Er pfeift an und ab. Oder ignoriert einfach die Regeln, nach denen die anderen kicken. Trump kennt die Argumente längst, mit denen das Trio aus Deutschland in Washington angereist ist:

  • dass das BMW-Werk in Spartanburg mehr Autos exportiert als die uramerikanischen Produzenten General Motors oder Ford.
  • Dass die deutschen Konzerne die Zahl der in den USA gebauten Fahrzeuge in den vergangenen neun Jahren vervierfacht haben.
  • Dass daran 110.000 Jobs in Amerika hängen.

Die Einladung der Autobosse nach Washington, die Trumps Deutschland-Botschafter Richard Grenell angestoßen hat, dient nicht dem Gedankenaustausch, sondern dem Machtmotto des "Teile und herrsche". Die US-Regierung will den Druck auf Europa in den laufenden Verhandlungen über ein transatlantisches Handelsabkommen erhöhen. Seit Trump und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Sommer mit einem Küsschen Waffenstillstand geschlossen haben, sind die Gespräche kaum vorangekommen.

Die Amerikaner sind zunehmend frustriert, dass ihnen die EU eine stärkere Marktöffnung verweigert. Sie wollen auch den Agrarsektor einbeziehen, was Frankreich verhindert. Aber vor allem will der notorisch ungeduldige Trump endlich Ergebnisse sehen, die er als Baustein des "Make America Great Again" verkaufen kann. Die Verhandlungen seien "keine Fünfjahresprojekte", hat Ross die EU-Unterhändler schon im Oktober gewarnt. Und der EU-Botschafter der USA, Gordon Sondland, argwöhnte bereits, dass die EU auf Zeit spielt. Wenn der Plan sei, "die Amtszeit von Präsident Trump auszusitzen", dann hätten sich die Europäer geschnitten, warnte Trumps Abgesandter.

VW-Chef Herbert Diess (Archivbild)
REUTERS

VW-Chef Herbert Diess (Archivbild)

Der Auftritt der Autobosse in Washington kommt da gerade recht. Trump setze darauf, dass die Konzernchefs Druck in Berlin ausüben würden, sodass das mächtige Deutschland dann innerhalb der EU für Bewegung sorge, berichtete ein Regierungsvertreter im "Wall Street Journal". "Der Präsident will die Zölle nicht erhöhen, aber er sieht in Brüssel keine Bewegung und könnte deshalb gezwungen sein, diesen Hebel zu nutzen."

Trump bekommt PR-Erfolg frei Haus

Dass Trump am Dienstag den deutschen Handlungsreisenden in Sachen Auto zusagt, auf die angedrohten Zölle zu verzichten, ist vor diesem Hintergrund höchst unwahrscheinlich. Allenfalls wird er vorläufig stillhalten - was er nach Angaben von Insidern sowieso vorhatte. Eine sofortige Erhöhung der Zölle sei nicht geplant, sagte ein Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters.

Trump kann es sich leisten abzuwarten: Wahlen in den USA stehen vorläufig nicht an, und den großen Kontrahenten China hat er nach eigener Lesart gerade besiegt. Es dürfte ihm nicht ungelegen kommen, ein bisschen Zeit zu gewinnen.

Der US-Präsident gibt also nichts aus der Hand - und bekommt einen schönen PR-Erfolg frei Haus. Nicht nur, dass die deutschen Bosse mit dem Alleingang die EU und die eigene Regierung düpieren. Die Unternehmen werden vermutlich ihre US-Investitionspläne bekräftigen oder sogar zusätzliche Investitionen versprechen. So hat BMW bereits angekündigt, eventuell ein zweites Werk für den Bau von Motoren und Getrieben in den USA zu bauen. Die Überlegungen dafür gibt es zwar schon lange, doch das dürfte Trump egal sein. Für einen Erfolgstweet an die Anhängerschaft reicht das allemal.

insgesamt 26 Beiträge
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scratchpatch 04.12.2018
1. Oder Gier nach niedrigen Steuern?
Dem ist ja wohl fast nichts hinzuzufügen. Vielleicht suchen die Herren aber auch nur nach einem Vorwand, um durch Verlagerung von Produktion in die USA die Steuerermäßigungen nutzen zu können. Das macht sich halt besser, wenn Strafzölle drohen, als wenn man einfach die Gewinne maximieren will und Arbeitsplätze in Europa dahinter zurückstehen müssen.
s.l.bln 04.12.2018
2. Soll er doch...
...vermeintliche Erfolge twittern. In dem Moment, wo der Wind im Kongress rauer wird, wird man von allgegenwärtigen Faktenchecks erschlagen werden. Außerdem hat man sich schon lange von der Vorstellung gelöst, Trumps hard core Fans noch irgendwie von der Existenz einer Realität überzeugen zu wollen. Das was die Amis eigentlich seit langem wollen, ungehinderten Zugang zum europäischen Agrarmarkt, wird es nicht geben, weil glücklicherweise kein Weg an den Franzosen vorbei führt. Im Moment kann man sich live und in Farbe(gelb) ansehen, wie das abläuft, wenn den Franzosen was nicht paßt. Da können die Herren Zetsche und co. noch so emsig versuchen, die außenpolitischen Interessen der EU zu hintertreiben.
mr future 04.12.2018
3. Also mutig ist man ja schon...
aber man hat bestimmt im Voraus angefragt ob die Rückreise nach Deutschland gesichert ist. re future
haresu 04.12.2018
4. Canossa lässt grüßen
Eigentlich stelle ich mir nur eine Frage: haben sich die Herren denn auch freies Geleit zusichern lassen?
marinero7 04.12.2018
5. Freies Geleit?
Hat denn VW-Boss Herbert Diess freies Geleit zugesagt bekommen oder hat er keine Angst wegen des Diesel-Betrugs verhaftet zu werden?
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