Bürgermeister von Chattanooga "Wenn VW mehr Autos verkauft, dann haben hier mehr Leute einen Job"

Die möglichen US-Autozölle sorgen nicht nur Konzerne aus dem Ausland, auch der Bürgermeister von Chattanooga im Bundesstaat Tennessee fürchtet sie. VW hat dort 10.000 Jobs geschaffen. Wären sie bedroht?

Volkswagen-Werk in Chattanooga
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Volkswagen-Werk in Chattanooga

Von , Washington


Als Bürgermeister Andy Berke ein Kind war, da lag seine Heimatstadt Chattanooga im Sterben. Die Luft in der damaligen Stahl- und Hüttenstadt am Fuße der Appalachen war so dreckig, dass die Bewohner die Berge vor ihrer Haustür kaum erkennen konnten. Heute steht der 50-Jährige an der Spitze einer blühenden Gemeinde. Der deutsche VW-Konzern habe zum Wiederaufstieg entscheidend beigetragen, sagt Berke.

SPIEGEL ONLINE: Herr Berke, sind Volkswagen-Autos ein Risiko für die nationale Sicherheit der USA, wie Ihr Präsident glaubt?

Berke: (lacht) Nicht in unserer Stadt. In Chattanooga ist VW in einer positiven Weise gut integriert.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Handelsministerium in Washington fand am Donnerstag eine Anhörung statt, ob importierte Autos und Autoteile die Sicherheit Amerikas gefährden und deshalb mit bis zu 25 Prozent Importzöllen belegt werden sollen. Was halten Sie davon?

Berke: Das besorgt uns. Der Bundesstaat Tennessee ist Nummer eins im Südosten der USA, was Jobs in der Automobilindustrie angeht. Diese Branche macht einen großen Teil unserer Wirtschaft aus. Wir wollen sie wachsen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist fast auf den Tag zehn Jahre her, dass der VW-Konzern die Entscheidung für den Bau seines einzigen US-Montagewerks in Chattanooga bekannt gab. Wie geht es Ihrer Stadt heute wirtschaftlich?

Berke: Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie nie. Wir haben den dritthöchsten Lohnzuwachs unter den mittelgroßen Städten. Die Armutszahlen gehen zurück. Wir wollen mit Sicherheit, dass sich dieser Trend fortsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Rolle spielt VW dabei?

Berke: Damit Sie eine Vorstellung bekommen: Der Großraum Chattanooga hat 550.000 Einwohner, die Stadt ungefähr 180.000. Allein die Entscheidung von VW, das Modell Atlas hier zu bauen, hat rund 10.000 Jobs geschaffen.

Andy Berke, Bürgermeister von Chattanooga
AP

Andy Berke, Bürgermeister von Chattanooga

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihnen VW und andere Investoren?

Berke: Sie sagen mir, dass sie sich Sorgen machen. Sie wollen in der Lage sein, die Teile zu kaufen, die sie brauchen, und sie wollen ihre Produkte auf einem möglichst großen Markt anbieten können. Wir reden hier nicht nur über Autos. Wir haben eine Menge Zulieferer, die nicht nur VW beliefern, sondern auch andere.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirken sich die von der US-Regierung verhängten Stahl- und Aluminiumimportzölle aus?

Berke: Der Stahlpreis betrifft VW in hohem Maße. Zwar kauft das Werk den Großteil seines Stahls in den USA, aber infolge der Zölle sind auch die Preise für amerikanischen Stahl gestiegen. Für uns geht es hier um eine einfache Gleichung: Wenn VW mehr Autos verkauft, dann haben mehr Leute aus Chattanooga einen Job. Und wenn die Preise steigen, dann sorgen wir uns um die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: VW hat bislang 2,3 Milliarden Dollar investiert und angekündigt, in Chattanooga neben dem Passat und dem Atlas künftig noch einen fünfsitzigen SUV bauen zu wollen. Haben Sie Angst, dass diese Pläne jetzt wackeln?

Berke: Bisher gibt es dafür keine Anzeichen. VW muss seine Präsenz im amerikanischen Markt ausbauen, und dieser Prozess ist im Gang.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump sagt, die Zölle werden alle Unternehmen dazu bringen, ihre Autos in den USA zu bauen. Kaufen Sie ihm das Argument ab?

Berke: Ich bin nicht sicher, wie das ausgeht. Aber die Verwerfungen am Markt werden groß sein. Der Einsatz ist hoch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 2013 Bürgermeister in Chattanooga. Hat sich die Haltung Ihrer Bürger gegenüber Europa und Deutschland verändert?

Berke: Ich kann nur sagen, dass VW in unserer Gemeinde stark integriert ist. Sie schaffen nicht nur Jobs, sondern unterstützen unter anderem Fußballaktivitäten. Die Leute begreifen VW als Teil unserer Gemeinschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und die Menschen haben Angst vor einem Handelskrieg?

Berke: Es gibt eine Reihe von Leuten, die sich Sorgen machen und eine Lösung sehen möchten.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht alle?

Berke: Ich würde nicht behaupten, dass niemand für die Zölle ist. Das wäre nicht wahr.

SPIEGEL ONLINE: Spielt das Thema im Wahlkampf für die Kongresswahlen im November eine Rolle?

Berke: Bisher überhaupt nicht. Aber ich glaube, das wird sich ändern, wenn die Zölle in Kraft treten und negative Auswirkungen für unsere Gemeinde haben.

insgesamt 17 Beiträge
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prophet46 21.07.2018
1. 1
VW kenne ich zuwenig, aber wenn die Autostrafzoelle kommen, muss BMW wohl die Hälfte seiner X Fahrzeugproduktion für den internationalen Markt von den USA nach China oder an andere Standorte verlagern. Das wird dann in Spartanburg jede Menge der über 8000 Jobs kosten. Den Anfang hat man bereits mit dem Elektro X3 gemacht. Wenn Trampel es so will, bekommt er eben die Quittung.
Profdoc1 21.07.2018
2. Das...
kann am Ende des Tages bitter für Major Berke ausgehen, was ich ihm keinesfalls wünsche, im Gegenteil. Deutsche Unternehmen sind in den USA ordentlich aufgestellt. Gerade läuft eine neue Initiative zu Digitalisierung und Industrie 4.0 mit der Wirtschaft und Wissenschaft in Wisconsin. Auch hier geht es um neue Zusammenarbeit zwischen D/USA. Das Verhältnis is im Allgemeinen recht gut auf der Bundesstaatenebene. Das Trumpsche Amerika wird i. d. R. rechts liegengelassen. Gut so! Aber wenn diese Administration weiter an der Zollschraube dreht, wird vielen Unternehmen, darunter auch die Automobilisten, nichts anderes übrigbleiben, als zu gehen. Die Midterms werden der Lackmustest sein; eine erneute Wahl dieses POTUS das Ende.
sven2016 21.07.2018
3.
Die Wertglobalisierer wird die Entwicklung nicht stark treffen. Die wandern weiter in neue Produktions- und Absatzgebiete. USA out? Asia in. Wie die Volkswirtschaften und die Gesellschaft das vertragen, ist dabei völlig gleichgültig.
carahyba 21.07.2018
4. Trump
Trump führt einen HandelsKRIEG gegen China und die EU, auch gegen Deutschland. Dazu gehören auch BMW und VW, die er öfters in negativer Weise als Schädlinge erwähnt. Die Jobverluste nimmt er in kauf. Die Analyse einiger politischer Beobachter geht dahin, dass Trump eine weitgehende ökonomische Abschottung von China und der EU verfolgt. Wir stünden da erst am Anfang. Dadurch erhofft sich Trump die Schaffung vieler Arbeitsplätze und die Entwicklung der realen produzierenden Industrie in den USA. Er muss nur die Handelsbeziehungen stark genug einschränken, glaubt er. Und der einheimischen Industrie genügende Anreize bieten. Was er auch tut und weiter tun wird. Diese Strategie, auch andere damit zusammenhängenden politischen Themen, kann man bei Bannon nachlesen. Seinem engsten Berater während des Wahlkampfes und mehrere Monate danach. Unwahrscheinlich, dass Trump nachdem er Bannon opfern musste, seine strategische Linie aufgegeben hätte. Die Trottelgeschichten hier lenken nur ab, dass Trump ein Egomane ist braucht nicht weiter diskutiert werden. Trump ist aber kein Trottel, wie hier Wochenlang kolportiert wird. Trump führt als Hasardeur einen gefährlichen Handelskrieg gegen die EU und China.
derhey 21.07.2018
5. Warum nicht mehr davon?
Statt mit Trump reden? Je mehr man gegen ihn redet um so besser fühlt er sich. Was wird Junker schon ausrichten - nichts! Also US-Bürgermeister, Gouverneure, Abgeordnete massiv einbinden und Trump unterlaufen, ja offensiv gegen ihn arbeiten. Mit ihm läßt sich doch nicht reden, vertane Zeit und macht ihn nur noch selbstbewußter (wenn man es mal so nennen will).
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