Neue Volkswagen-Strategie Winterkorns Wende

Schluss mit dem Wettrennen gegen Toyota und GM. Volkswagen-Boss Martin Winterkorn schwört seine Leute auf neue Ziele ein. Die globale Marktführerschaft hat als großes Ziel ausgedient. Der Konzern soll grüner werden - und dabei mehr Cash abwerfen.

VW-Chef Winterkorn: Rendite und Ökologie stehen künftig im Vordergrund
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VW-Chef Winterkorn: Rendite und Ökologie stehen künftig im Vordergrund

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Wolfsburg/Berlin - Dieser Donnerstag markiert für Volkswagen eine Zäsur: Jahrelang hatte Konzernchef Martin Winterkorn seine Leute angetrieben, mehr Autos zu verkaufen als der zum Erzrivalen ausgerufene japanische Konkurrent Toyota Chart zeigen. Doch bei der Präsentation der Geschäftszahlen gab Winterkorn eine neue Marschroute aus: Platz eins der Branche ist nicht mehr so wichtig. Statt um jeden Preis zu wachsen, will der Konzern mit seinen zwölf Marken künftig mehr an jedem verkauften Auto verdienen. Und das Thema Umweltverträglichkeit rückt stärker in den Vordergrund.

"Das Gerangel um die Führungsposition bei den Zulassungszahlen hat sich überlebt", kommentiert Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft, den Umschwung. "Jetzt gilt es, die Mitarbeiter für eine neue Vision zu begeistern."

Bislang hatten die Wolfsburger vor allem die Krone in der Autobranche im Blick und wollten Weltmarktführer Toyota vom Thron stoßen. Gleichzeitig sorgt das von VW entwickelte System gleicher Bauteile für immer höhere Einsparungen. Der Chef von Europas größtem Autobauer spricht daher von "qualitativem Wachstum" als neuem Ziel.

Seine Absatzvorgabe hat der Konzern ohnehin bereits so gut wie erreicht: "Die Chancen stehen gut, dass wir die Marke von zehn Millionen Auslieferungen sogar schon in diesem Jahr übertreffen - vier Jahre früher als ursprünglich geplant", sagte Winterkorn bei der Vorlage der durchaus erfolgreichen Bilanz für das abgelaufene Jahr. 2013 verkaufte Volkswagen Chart zeigen weltweit einschließlich seiner beiden Lkw-Töchter Scania Chart zeigen und MAN Chart zeigen 9,73 Millionen Fahrzeuge und sieht sich damit als zweitgrößter Autobauer hinter Toyota und vor General Motors Chart zeigen.

Baukastensystem spart Produktionskosten

Jetzt will Winterkorn mehr auf die Qualität des Ergebnisses und der Fahrzeuge achten. Bereits im abgelaufenen Jahr stieg der Betriebsgewinn leicht von 11,5 auf knapp 11,7 Milliarden Euro. Dazu trug das neue Baukastensystem bei, für das VW in den vergangenen Jahren sehr viel Geld ausgegeben hat: Bei der neuen Architektur sind bestimmte Baugruppen wie Achsen, Motor und Getriebe vergleichbar mit einem Legobaukasten so ausgelegt, dass sie nicht nur für einen Autotyp passen, sondern für mehrere Modelle und Marken verwendet werden können.

Der erhoffte Effekt: Die Zahl der Modellvarianten nimmt zu, während die Stückkosten um 20 Prozent sinken und sich die Bauzeit je Auto um 30 Prozent verkürzt.

Bereits heute werden der VW Golf, der Audi A3, der Skoda Octavia und der Seat Leon nach diesem Prinzip produziert. Als nächstes folgt die neue Generation des Mittelklassemodells Passat, die Ende 2014 auf den Markt kommen soll. Auch Elektroautos, bei denen VW nun stärker aufholen will, sollen einfacher gefertigt werden können. Im laufenden Jahr soll sich die Zahl der Fahrzeuge aus dem Baukasten auf zwei Millionen verdoppeln und 2016 bei vier Millionen Stück liegen.

Für einen höheren Gewinn soll auch die Lkw-Allianz von MAN und Scania sorgen, bei der VW nun stärker das Heft in die Hand nimmt. Bislang haben die Minderheitsaktionäre bei Scania ein wichtiges Wort mitzureden, da VW und MAN zusammen erst gut 60 Prozent des Kapitals und rund 90 Prozent der Stimmrechte halten. Die Wolfsburger bieten ihnen daher ab kommender Woche 22,26 Euro je Anteilschein, um die widerspenstige Tochter ganz in ihren Besitz zu bekommen.

Elektroantriebe spielen Schlüsselrolle

Der höhere Gewinn pro Auto ist aber nur ein Teil der neuen Strategie. Volkswagen will bis 2018 Weltmarktführer bei nachhaltiger Mobilität werden. Eine wichtige Vorgabe dazu macht die EU: Sie verpflichtet Autobauer, bis 2021 für die konzernweite Flotte im Schnitt einen CO2-Ausstoß von 95 Gramm pro Kilometer zu erreichen. Winterkorn will diesen Wert bereits vor Ablauf der Frist erreichen.

"Den blauen Umweltengel braucht man Winterkorn nicht an die Stirn zu kleben", sagt Bratzel. Aber Volkswagen habe erkannt, dass sich in der heutigen Zeit Autos nur verkaufen ließen, wenn sie ökologischen Anforderungen genügten.

Eine Schlüsselrolle beim Weg in die automobile Zukunft spielen die Elektroantriebe. Der Leiter der VW-Zukunftstechnologien, Wolfgang Steiger, hat jüngst vorgerechnet, dass drei bis vier Prozent der verkauften Fahrzeuge angesichts der schärferen Abgasvorgaben elektrifiziert sein müssten. Bei den derzeit knapp zehn Millionen abgesetzten Fahrzeugen pro Jahr wären das also bis zu 400.000 Elektroautos.

Volkswagens neue Marschroute richtet sich auch an die Mitarbeiter. Bei ihnen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit Autos von gestern kein nachhaltiger Erfolg zu erzielen ist. "Die Belegschaft auf das Ziel Umwelt einzuschwören, dürfte erneut Energien freisetzen", sagt Bratzel.

Mit Material von dpa und Reuters



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insgesamt 18 Beiträge
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dequincey 13.03.2014
1. Neue Ziele
Zitat von sysopGetty ImagesSchluss mit dem Wettrennen gegen Toyota und GM. Volkswagen-Boss Martin Winterkorn schwört seine Leute auf neue Ziele ein. Die globale Marktführerschaft hat als großes Ziel ausgedient. Der Konzern soll grüner werden - und dabei mehr Cash abwerfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vw-jahresbilanz-volkswagen-chef-winterkorn-mit-neuer-strategie-a-958439.html
Vielleicht auf ein Steuerverhalten ala Bayern-Vorstandkollege Hoeneß?
postfahrer 13.03.2014
2. Zuferlaessigkeit?
Kein Wort ueber bessere langfristige Zuferlaessigkeit? Ohne Verbesserung auf diesem Gebiet wird VW in Nordamerika keine hoeheren Zulassungen erreichen, sonder weiter unter "ferner liefen" duempeln.
poetdale 13.03.2014
3. Bitte nicht
Mehr Geld verdienen, hieß in der Vergangenheit bei VW an der Qualität sparen! Schlimme Beispiele sind - Rost am Golf 3 - Zweimassenschwungrad bis 2008 - Piezo Düsenstöcke - Wasserpumpenrad - Froststopfen - Elektrische Fensterheber Golf 4 - Dachkante Golf 4 ... Umwelt, Elektroantrieb sind toll, Qualität aber auch.
Andreas P. 13.03.2014
4. Verständlich, ABER...
Dass die "Nummer 1" als Ziel auch auf Kundenseite keine, oder sogar eher eine negative Relevanz hat, scheint WIKO verstanden zu haben und die Ziele mehr Rendite und umweltfreundlicher sind auch ok, ABER statt mehr Profit fürs Auto zu generieren, sollet VOLKSwagen endlich mal kunden- und wettbewerbsorientiere Preise machen. Die Qualität stimmt ja mittlerweile, aber Premium für durchschnittlichen Einheitsbrei zu verlangen ist NICHT OK.
Michael Br. 13.03.2014
5. Und ich hatte schon gehofft, ...
... VW will endlich wieder Autos für normal gewachsene Mitteleuropäer produzieren. Mit meinen knapp 2m passe ich jedenfalls in kein VW-Auto, was nicht in der Preisklasse einer Eigentumswohnung liegt, ohne Atemnot zu bekommen. Aber wenn es um die Erhöhung der Gewinnmargen pro Auto geht, ist die Ausrichtung auf den chinesischen Markt und sonstige zu kurz Gekommene nur folgerichtig.
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