VW, Porsche, Audi, Daimler, BMW Was den Autokonzernen jetzt droht

Es könnte einer der größten Skandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte werden: Fünf große Autokonzerne haben sich nach SPIEGEL-Recherchen heimlich abgesprochen - auch über die Abgasreinigung für Diesel. Die Fakten.

Fabrikneue Autos (beim Verladen in Hamburg)
DPA

Fabrikneue Autos (beim Verladen in Hamburg)


  • Worum geht es?

Der SPIEGEL hat in seiner aktuellen Titelgeschichte enthüllt, dass sich die Konzerne Volkswagen, Audi, Porsche, BMW und Daimler seit den Neunzigerjahren in geheimen Arbeitskreisen abgesprochen haben - über Technik, Kosten, Zulieferer. Und auch über die Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge. Das belegt eine Art Selbstanzeige, die der VW-Konzern bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht hat. Die Unternehmen haben mit den Absprachen den Wettbewerb gezielt außer Kraft gesetzt.

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Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

Der spektakulärste Fall: Die Konzerne haben sich über die Technik zur Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge abgestimmt und damit die Basis für den Dieselskandal gelegt. Auf Treffen berieten sie darüber, wie groß die Tanks für AdBlue sein sollten - ein Harnstoffgemisch, mit dessen Hilfe Stickoxide in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff aufgespalten werden. Große Tanks wären teurer gewesen. Also verständigten sich die Autohersteller auf kleine Tanks. Die darin enthaltene Menge AdBlue reichte aber irgendwann nicht mehr aus, um die Abgase ausreichend zu reinigen - es half nur noch Tricksen.

Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW), Matthias Müller (Volkswagen)
DPA

Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW), Matthias Müller (Volkswagen)

  • Wer hat den Schaden?

Zunächst könnten Autokäufer geschädigt worden sein, weil sie Fahrzeuge gekauft haben, die womöglich auf einem schlechteren technischen Stand sind, als sie es sein könnten. Vor allem Dieselbesitzer dürften zu den größten Opfern zählen: Sie könnten für ein womöglich unzulängliches Auto einen durch Kartellabsprachen in die Höhe getriebenen Preis gezahlt haben.

Betroffen sind zudem die Lieferanten der Hersteller, denn wenn die fünf deutschen Autohersteller sich darauf verständigen, nur bei einem Unternehmen einzukaufen, haben andere Zulieferbetriebe keine Chancen auf Aufträge.

Darüber hinaus zählen die Aktionäre der Autokonzerne zu den Leidtragenden: Die Aktienkurse der Unternehmen sackten am Freitag ab, weil Investoren mit hohen Strafen rechnen.

Auch der deutsche Wirtschaftsstandort insgesamt trägt Schäden davon: Das Image des Standorts, das jahrzehntelang mit guten Autos aufgebaut wurde, hat durch den Kartellskandal erheblichen Schaden genommen. Hinzu kommt: Durch die Absprachen wurden womöglich Innovationen behindert. Die Konzerne verhinderten den Einbau einer effektiven Abgastechnik in ihre Autos: Toyota hatte beispielsweise früh Fahrzeuge mit einem Hybridantrieb im Angebot, während die deutsche Autoindustrie auf die mehr als hundert Jahre alte Dieseltechnologie setzte.

  • Was droht den Autobauern jetzt?

Die Bundesregierung hat das Kartellamt zu Ermittlungen aufgerufen, es solle die möglicherweise illegalen Absprachen untersuchen. Auch die EU-Kommission prüft bereits den Fall. Sie hat bei den beteiligten Unternehmen Unterlagen beschlagnahmt und erste Zeugen befragt. Für die Unternehmen dürfte das teuer werden. Ihnen droht eine Kartellstrafe, die im Milliardenbereich liegen kann.

Dazu können Klagen von Firmen und Privatpersonen kommen, die sich um ihr Geld gebracht sehen. Sie müssten aber vor Gericht beweisen, dass sie wegen der Kartellabsprachen Autos auf einem schlechteren technischen Stand gekauft haben, als sie es sonst hätten können.

  • Wie reagiert die Politik?

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) forderte die Autohersteller auf, mit staatlichen Stellen zu kooperieren und für Transparenz zu sorgen. Es gehe um die Glaubwürdigkeit der deutschen Automobilindustrie.

Die Grünen forderten politische Konsequenzen. "Der eigentliche Skandal ist, dass der zuständige Bundesverkehrsminister Dobrindt die Betrügereien von Teilen der Autoindustrie konsequent seit Bekanntwerden des Abgasskandals nicht aufklärt", sagte Grünen-Chef Cem Özdemir. Kanzlerin Merkel solle Dobrindt die Verantwortung entziehen und den Skandal zur "Chefsache machen".

SPD-Chef Martin Schulz nannte das mögliche Autokartell einen "ungeheuerlichen Vorgang", die Konsequenzen aus dem Skandal dürften aber keinesfalls zulasten der Arbeitnehmer gehen.

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD)
REUTERS

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD)

  • Was sagen die Hersteller zu den Vorwürfen?

Volkswagen, Daimler und BMW teilten vor der Veröffentlichung auf SPIEGEL-Anfrage mit, "sich nicht an Spekulationen zu beteiligen".

Am Sonntag wies BMW dann die Vorwürfe zurück: "Diskussionen mit anderen Herstellern über AdBlue-Behälter zielten aus Sicht der BMW Group auf den notwendigen Aufbau einer Betankungsinfrastruktur in Europa ab", erklärte der Münchner Autokonzern. "Wir suchen auch in der Abgasreinigung den Wettbewerb."

Fahrzeuge der BMW Group würden nicht manipuliert und entsprächen den jeweiligen gesetzlichen Anforderungen. "Den Vorwurf, dass aufgrund zu kleiner AdBlue-Behälter eine nicht ausreichende Abgasreinigung in Euro-6-Diesel-Fahrzeugen der BMW Group erfolgt, weist das Unternehmen entschieden zurück."

Zu anderen Vorwürfen wollte sich der Dax-Konzern nicht äußern. "Wir wissen nichts von Ermittlungen gegen uns", sagte ein BMW-Sprecher lediglich.

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Seite 1
walsdorf_statler 23.07.2017
1. Organisiertes Verbrechen
Wann geht endlich mal jemand gegen richtig diese kriminellen Vereinigungen und den Chef-Lobbyisten vor? Alles ist sogar seit Jahren noch gedeckt von unserer Regierung! Mafiöse Machenschaften! Völlig lächerlich wäre "Kanzlerin Merkel solle Dobrindt die Verantwortung entziehen und den Skandal zur "Chefsache machen" ". Das wäre ja das schlimmste: übersetzt heißt das bei Frau Merkel "Weiter aussitzen und nichtstun...." Es müssen endlich Konsequenzen folgen und Köpfe rollen.
dirk1962 23.07.2017
2. Und der Amtsmissbrauch?
Nicht erwähnt im Bericht würde die Verantwortung von Merkel und Dobrindt. Beide haben in dem Moment ihren Amtseid gebrochen, als sie nach bekannt werden des VW Skandals ihre schützende Hand über den Konzern hielten. In dem Moment haben Beide das Wohl des Konzerns über das Wohl der Bürger gestellt. Unser GG sieht da klar etwas anderes vor. Es schützt unsere Gesundheit, nicht aber die Dividende der Aktionäre.
was_nun_machen? 23.07.2017
3. Ist der Autostandort noch zu retten?
puhh, es wird immer besser. Was kommt als nächstes? Illegale Absprachen zur "Eindämmung" der Gehälter der Beschäftigten (natürlich nur unterhalb der mittleren Managementebene) oder Bespitzelung der Beschäftigten? Das K.O. - Argument war doch immer "Die Arbeitsplätze" und nun haben wir den Salat. Weil "wir" immer schön brav die Arbeitsplätze sichern wollten gibt es womöglich mittelfristig wesentlich weniger Arbeitsplätze... Die Realität lässt sich nun mal nicht aushebeln und holt früher oder später einen ein. Umso später desto schlimmer... Ich könnte nur noch heulen (und fahre dabei nicht mal ein deutsches Auto) weil wie immer die Leidtragenden sind die kleinen, unschuldigen Mitmenschen die tagein, tagaus ihre harte Arbeit ehrlich verrichten.
willi2011 23.07.2017
4. Wir hören, sehen, wissen nichts
Systematisch hat die Autoindustrie Vertrauen verspielt. Wenn die Politik nicht aufpasst, wird sie an der Nase rumgeführt. Jetzt braucht es wirksame Sanktionen.
hans-hopf 23.07.2017
5. Abgasmanipulation
Hätte sich die Autoindustrie nicht so stark für die SUVs ins Zeug gelegt und hätte die Verkehrspolitik ein Tempolimit auf den Autobahnen eingeführt, wären Abgasmanipulationen vermutlich nicht Realität geworden. Bei kleineren Autos und gleichzeitig geringeren Geschwindigkeiten braucht es keine Dieselmotoren. Mit modernen Benzin- oder Hybridmotoren wären die Abgasnormen locker einzuhalten gewesen. Schuld sind nicht nur die Autokonzerne und die Verkehrspolitik, sondern auch die Verbraucher, für die ein großes Auto immer noch ein Statussymbol ist. Ich denke, mit dem Abgasskandal ergibt sich eine neue Chance eine anderen Philosophie: smal, smart, clean.
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