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Trotz Mini-Zinsen: Warum unsere Wirtschaft nicht mehr wächst

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Die Zinsen sind so niedrig wie seit Jahrhunderten nicht. Trotzdem lahmt das Wachstum in vielen westlichen Ländern. Liegt das womöglich daran, dass uns die Ideen ausgehen?

EZB in Frankfurt/Main: Zu einer strikten Geldpolitik zurückkehren Zur Großansicht
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EZB in Frankfurt/Main: Zu einer strikten Geldpolitik zurückkehren

Normal ist das nicht: Vor wenigen Tagen sackten die Zinsen für Bundesanleihen auf einen Tiefpunkt von 1,12 Prozent. Derart niedrige Zinsen gab es seit vielen Generationen nicht mehr. Eine Studie der Deutschen Bank zeigt: Auch die Niederlande, Frankreich oder Spanien müssen Jahrhunderte zurückblicken, bis sie auf so niedrige Sätze stoßen.

Europas Staaten, vor Kurzem noch reihenweise in akuter Pleitegefahr, können sich derzeit so billig verschulden wie noch nie in der Moderne. Denn es gibt Leute, die leihen beispielsweise dem deutschen Finanzminister für zehn Jahre Geld, ohne dass sie dafür einen nennenswerten Zins als Gegenleistung bekämen. Warum tun sie das? Haben sie nichts Besseres vor mit ihrem Geld? Ist der Kapitalismus in eine Sackgasse geraten, wo Geld nicht mehr produktiv eingesetzt wird?

Fragen, die sich auch der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) stellen dürfte, der Donnerstag über den weiteren Kurs der Geldpolitik entscheidet. Die Währungsmanager stecken in einer unkomfortablen Lage: Die EZB erreicht das Ende ihrer Handlungsfähigkeit. Die kurzfristigen Zinsen hat sie bereits auf knapp über Null gesenkt, Einlagen bei der EZB werden sogar mit einer Strafgebühr geahndet. Mit ihrem neuen Programm zur zweckgebundenen Liquiditätsvergabe greift sie auch noch direkt ins Kreditgeschäft der Geschäftsbanken ein. Trotzdem erholt sich die Wirtschaft nur äußerst schleppend - mit dem Ausnahmefall Deutschland.

Eine Wirtschaft im Konjunktiv

Die Zentralbank solle endlich massenhaft Staatsanleihen aufkaufen ("Quantitative Easing"), so wie es die US-Notenbank und die Bank of England auch getan haben - diese Forderungen sind im vergangenen halben Jahr laut und lauter geworden. Doch spätestens die aktuelle Zinsentwicklung entlarvt solche Ideen als absurd: Wenn die langfristigen Sätze bereits historische Tiefststände erreicht haben, was soll ein solches Ankaufprogramm mit dem Ziel Zinssenkung dann noch bringen?

Offenkundig befinden wir uns auf einem Abstellgleis der kapitalistischen Entwicklung. Derzeit ist die These von der "säkularen Stagnation" populär, von mehreren Dekaden mit niedrigem Wachstum, die vor uns liegen. Dazu scheinen die ultraniedrigen Zinsen in der EU, den USA und Japan zu passen. Aus diesem Blickwinkel zeigen langfristige Sätze nahe Null an, dass es kaum noch sinnvolle Investitionsmöglichkeiten gibt - dass zu wenige Unternehmen existieren, die ordentliche Renditen versprechen. Andernfalls würden die Gelder ja dorthin fließen. Dann würde vermehrt investiert, dank effizienterer Fabriken und besserer Produkte stiege die Produktivität, die Löhne legten zu… wie es auf einem normalen Wachstumspfad eben üblich ist.

Würde, stiege, legte - eine Wirtschaft im Konjunktiv. Tatsächlich aber bleiben die Unternehmensinvestitionen, gemessen an historischen Standards, niedrig - selbst in der Wachstumsoase Deutschland. Entsprechend stagniert die Produktivität, stagnieren die Löhne der Beschäftigten.

Schulden sind eine direkte Folge der Exzesse

Die innere Antriebsschwäche der Wirtschaft hat offenkundig tiefliegende Gründe. Werden die Gesellschaften des Westens schlichtweg zu alt, um noch dynamisch wachsen zu können? Gibt es keine schöpferischen Unternehmer mehr? Fällt niemandem mehr etwas Sinnvolles ein, das den Fortschritt vorantreibt? Das mag alles sein. Schwerer aber wiegt, dass die Schulden der Unternehmen immer noch zu hoch und die Finanzierungsspielräume eng sind.

Aktuelles Indiz: Gerade hat die EZB Zahlen zur Kreditvergabe im Euro-Raum veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Nachfrage nach Bankkrediten zwar wieder steigt, dass sie aber vor allem von Hypotheken und Konsumentenkrediten getrieben wird, nicht von den Unternehmen. Finanziert werden also Eigentumswohnungen und Urlaubsreisen, aber kaum Investitionen, die die Wirtschaft auf einen neuen Wachstumspfad heben. Und wenn Firmen neue Kredite aufnehmen, dann selten für echte Investitionen, sondern eher fürs Umschulden von Altschulden oder für Restrukturierungen. Also vereinfacht gesagt, um alte Fabriken zu schließen, nicht um neue zu eröffnen.

Die hohen Schulden wiederum sind eine direkte Folge der Exzesse der Vergangenheit - und damit das Erbe einer über lange Zeit zu laxen Geldpolitik und Bankenregulierung. Eigentlich müsste sich die Eurozone einem großen Schuldenabbauprogramm unterziehen. Solange das nicht geschieht, fließen überschüssige Gelder fast zwangsläufig in quasi renditefreie Staatsanleihen und in die Immobilienmärkte.

Wie gesagt: Normal ist das alles nicht.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Wildau/Seddin/Potsdam - Sommershow - Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister, besucht Firmen in der brandenburgischen Provinz.

Dienstag

Washington - Ringen um Rohstoffe - Präsident Obama empfängt zum USA-Afrika-Gipfel.

München/Berlin/Mailand etc. - Berichtssaison - Neue Zahlen zum Geschäftsverlauf im zweiten Quartal von BMW, Springer, Unicredit, Deutscher Post, Credit Agricole, Toyota

Mittwoch

Wiesbaden - Der Putin-Faktor - Deutschlands Statistiker berichten vom Auftragseingang in der Industrie.

Rom - Aufschwung? Welcher Aufschwung? - Neues vom italienischen BIP im zweiten Quartal.

Hannover/Stuttgart/Zürich etc. - Berichtssaison II - Neue Zahlen von Hannover Rück, Porsche SE, Swiss Re, ING, Time Warner und anderen

Donnerstag

Frankfurt - Wenig Spielraum - Der EZB-Rat tagt und berät, was die Euro-Bank angesichts extrem niedriger Inflationsraten noch tun könnte.

London - Neue Beinfreiheit - Die Bank of England entscheidet, ob sie die Zinsen weiter niedrig halten oder ob sie sich wegen erkennbarer Blasenbildung auf den Immobilienmärkten sorgen soll.

Frankfurt/Bonn/Hamburg/München etc. - Berichtssaison III - Neue Zahlen von Commerzbank, Deutscher Telekom, Beiersdorf, Münchner Rück und anderen

Freitag

Tokio - Knappe Silberkugeln - Die Bank of Japan prüft, ob sie tatsächlich im deflationsgeplagten Japan ein ökonomisches Wunder vollbringen kann.

München/New York etc. - Berichtssaison IV - Neue Zahlen von Allianz, News Corp und anderen.

In den kommenden zwei Wochen fällt Müllers Memo ferienbedingt aus.

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insgesamt 176 Beiträge
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1. Unsere Wirtschaft ?
hschmitter 03.08.2014
Meine Wirtschaft ist es nicht und ich mag es auch nicht, wenn andere ungefragt für mich sprechen. Abgesehen davon, Prozentrechnung hat ein Problem: in absoluten Zahlen müßte jedes Jahr mehr Wirtschaftsleistung da sein ("wachsen"), um die gleichen Prozentzahlen zu erreichen. Irgendwann ist da halt mal das Ende der Fahnenstange erreicht.
2. Sozialismus
emmerot 03.08.2014
Das hier ist Sozialismus, nicht Kapitalismus. Im Kapitalismus wären die gazen systemrelevanen Banken längst alternativlos bankrott. Und Griechenland, Italien und Frankreich hätten ihren Süd-Euro (Lateinische Münzunion Teil 2). Und da wäre dann noch die Regulierung und der gesättigte Markt. Von was solls kommen? Unternehmer sind doch böse, nur Lehrer sind gut.
3. Blödsinn
bruder mike 03.08.2014
Jeder, der schon mal versucht hat in Deutschland eine Idee an den Markt zu bringen, weiß, dass es keinesfalls an Ideen mangelt. Vielmehr sind bürokratische Hürden und Beamtendenken Grund für die Stagnation. Wie coachen Gründer und betreiben eine florierende Beraterindustrie, die kein Schwein braucht aber wirtschaftliche Unterstützung für Gründer - Fehlanzeige!
4. No big deal
Dr_EBIL 03.08.2014
Es könnte auch einfach sein, dass so mancher Wirtschaftsexperte den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Es könnte also sein, dass das Finanzsystem gerade vor unseren Augen zerschmilzt. Nur will das keiner wahrhaben, besonders kein Kapitalist, der dann um seine schönen Profite und sein schönes Leben fürchten müsste. really no big deal ;)
5. Sehr einfach
TheBear 03.08.2014
Zitat von sysopDPADie Zinsen sind so niedrig wie seit Jahrhunderten nicht. Trotzdem lahmt das Wachstum in vielen westlichen Ländern. Liegt das womöglich daran, dass uns die Ideen ausgehen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wachstum-schwach-wegen-innovationen-und-investitionen-a-983965.html
Das ist doch wohl sehr einfach zu verstehen: a) Private haben wir, jedenfalls im Durchschnitt, eher zu viel als zu wenig. Bei dem ärmeren Teil der Bevölkerung wäre eine Ausweitung des Konsums noch möglich, aber denen will man keine höheren Einkünfte verschaffen b) Oeffentlicher Verbrauch (kaputte Strassen usw.) könnte schon noch erhöht werden, aber dazu fhelen die Steuergelder c) Das Gebiet in dem durchaus noch Wachstum möglich wäre (Umweltschutz, Altenbetreuung usw.) ist so unattraktiv, dass weder jemand da arbeiten will, noch jemand dafür bezahlen will. Woher soll also das Wachstum kommen??
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

09:18 Uhr Kurs absolut in %
DAX 10.280,65 -38,90 -0,38
MDax 21.183,24 -34,42 -0,16
TecDax 1.709,25 -6,96 -0,41
E-Stoxx 2.991,63 -7,85 -0,26
Dow 18.472,17 -1,58 -0,01
Nasdaq 100 4.702,88 +30,77 0,66
Nikkei (late) 0,00 +0,00 0,00
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€ in £ 0,8406 +0,0038 0,46
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