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Währungsunion: "Der Euro ist so gefährdet wie nie"

Wie schlimm steht es um die europäische Währungsunion? Sehr schlimm, sagt der Ökonom Henrik Enderlein. Im Interview warnt er vor dem Euro-Crash und erklärt, warum nur eine Insolvenz maroder Banken den überfälligen Befreiungsschlag bringen kann.

Irische Euro-Münze: "Keine sehr glaubwürdige Position" Zur Großansicht
DPA

Irische Euro-Münze: "Keine sehr glaubwürdige Position"

SPIEGEL ONLINE: Herr Enderlein, die Finanzmärkte sind extrem nervös. Der Euro hat binnen weniger Tage massiv an Wert verloren. Portugal könnte schon bald unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen. Und Anleger verkaufen Staatsanleihen selbst von Ländern wie Belgien, die bisher als sicher galten. Steht es wirklich so schlecht um unsere Währung?

Henrik Enderlein: Der Euro ist so gefährdet wie nie. Die aktuelle Krise ist viel schlimmer als die Probleme im Frühjahr. Bei Griechenland wussten wir noch, was zu tun ist: einen Staat mit zu hohen, aber überschaubaren, Schulden vor dem Bankrott retten. Und mit einem Rettungsschirm über 750 Milliarden Euro dafür sorgen, dass nicht ein Dominostein nach dem anderen fällt.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Enderlein: Wir müssen feststellen, dass der Rettungsschirm die Märkte nicht überzeugt hat. Außerdem ist die Situation in Portugal, Irland und Spanien viel schlechter als gedacht. Im Sommer hatte ein viel zu lascher Stresstest bei den Banken noch suggeriert, es gäbe im Finanzsektor keine Probleme. Heute wissen wir mehr. Und nun könnte tatsächlich ein Dominostein nach dem nächsten umkippen. Entsprechend herrscht in Europas Hauptstädten Alarmzustand. Jeder vernünftige Politiker weiß, dass es um das Überleben der Euro-Zone geht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie lässt sich die Euro-Zone stabilisieren?

Enderlein: Die erste Option wäre, dass wir gemeinschaftlich die Schulden von uns allen garantieren. Das wird die Märkte aber nicht überzeugen. Die Erklärung ist zu pauschal und in sich nicht stimmig. Denkbar wäre auch, dass Deutschland die Verbindlichkeiten aller anderen Staaten sichert.

SPIEGEL ONLINE: Das würde die Bundesrepublik überfordern.

Enderlein: Ökonomisch und politisch. Es ist keine sehr glaubwürdige Position.

SPIEGEL ONLINE: Und was schlagen Sie vor?

Enderlein: Europa leidet unter einem massiven Bankenproblem. Das müssen wir lösen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Enderlein: Irland ist von der Zahlungsunfähigkeit bedroht, weil der Staat aufgeblähte Bankbilanzen garantieren muss. Wenn Irland seine Geldhäuser nicht retten müsste, dann wäre das Schuldenproblem überschaubar. Das Land ist eigentlich kein Bankrottkandidat. Aber der Bankensektor ist seit der Euro-Einführung um das siebenfache gewachsen. Auch Spanien leidet vor allem unter seinen Banken. Wäre der Finanzsektor nicht völlig überdimensioniert, würde auch hier kein Staatsbankrott drohen. Die Schuldenquote Spaniens ist deutlich geringer als die der Bundesrepublik.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt...

Enderlein: …es bringt nichts, ein marodes Bankensystem am Leben zu erhalten. Die EU muss marode Institute in die geordnete Insolvenz führen, also pleitegehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Das Gegenargument lautet: Wenn wir wirklich konsequent sind und Insolvenzen bei Banken in Kauf nehmen, bricht an den Märkten erst recht Panik aus.

Enderlein: Wir müssen unterscheiden zwischen einer Umschuldung bei einem Staat und bei einer Bank. Wer Irland oder Spanien Geld geliehen hat, soll es zurückbekommen. Wer irischen oder portugiesischen Banken einen Kredit gegeben hat, der verliert einen Teil davon.

SPIEGEL ONLINE: Wieso diese Unterscheidung?

Enderlein: Ein Land der Euro-Zone, das seine Schulden nicht komplett bedient, wird über Jahre keinen Zugang zu den Kapitalmärkten haben. Das wäre eine Katastrophe für den Staat. Er könnte keine Renten mehr zahlen, nicht mehr investieren, er wäre handlungsunfähig. Die Folge wäre eine Depression ungekannten Ausmaßes.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich katastrophal könnten die Folgen für deutsche Banken sein, wenn Institute in anderen Ländern pleitegehen. Dann muss am Ende der deutsche Steuerzahler für die Probleme irischer Institute einspringen.

Enderlein: Diese Kettenreaktion ist möglich. Natürlich würde die Pleite von irischen Banken auch deutsche Institute treffen. Aber wir haben im Moment nur noch saure Äpfel vor uns. In einen müssen wir beißen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte Ihr Plan einer Umschuldung der Banken dieses Mal den Euro stabilisieren? Egal, ob die Rettung von Griechenland, die Verabschiedung eines Euro-Rettungsschirms, die Einigung auf einen dauerhaften Krisenmechanismus - alles ist nach kurzer Zeit verpufft.

Enderlein: Ich glaube, die Umschuldung der Banken ist überfällig, weil wir in Europa endlich einen Befreiungsschlag brauchen. Wenn wir weiter wurschteln, stellt sich spätestens im Frühjahr die Existenzfrage der Währungsunion.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Grundproblem bleibt doch: Es scheint, als würden die Märkte derzeit völlig losgelöst von Fakten agieren. Kann man mit rationalen Mitteln irrationale Märkte bändigen?

Enderlein: Die Irrationalität an den Märkten ist auch deshalb entstanden, weil die EU weder klar noch einheitlich agiert hat. Je mehr Sicherheit wir den Märkten vermitteln, desto rationaler werden sie handeln. Wenn wir als wankelmütige Europäer hilflos vor dem globalen Billionenkonstrukt Finanzmarkt stehen, dann haben wir keine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Der Spuk könnte ja auch von selbst verschwinden. Irgendwann werden sich die Finanzmärkte vielleicht die USA vorknöpfen.

Enderlein: Europa ist nicht das einzige Sorgenkind der Welt. Aber die Entscheidungsstrukturen in der Währungsunion machen uns angreifbar.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Enderlein: Bei uns macht eine Zentralbank Geldpolitik für 16 sehr unterschiedliche Länder. Man könnte auch sagen: Sie macht die richtige Geldpolitik, aber für ein Land, das nicht existiert. Die US-Notenbank kann dagegen die Wirtschaftspolitik unterstützen, etwa den Markt mit Geld überschütten und den Dollar dadurch abwerten. Erst wenn sich die Währungsunion auch zu einer politischen Union entwickelt hat, ist Europa wirtschaftspolitisch handlungsfähig.

Das Gespräch führte Sven Böll

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1. Vermutlich hat er Recht
Klo, 03.12.2010
Zitat von sysopWie schlimm steht es um die europäische Währungsunion? Sehr schlimm, sagt der Ökonom Henrik Enderlein. Im Interview warnt er vor dem Euro-Crash und erklärt, warum nur eine Insolvenz maroder Banken den überfälligen Befreiungsschlag bringen kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,732280,00.html
Er hat wohl Recht. Man muss marode Banken bankrott gehen lassen und vom Markt nehmen. Nur dann kann sich das Finanzsystem überhaupt stabilisieren. Es ist komplett unsinnig, so weiter zu machen, wie bisher. Nur Kommunisten retten Banken. Die Banken müssen aus ihren Gewinnen Rücklagen bilden, anstatt das Geld an Management und Aktionäre auszuschütten. Außerdem müssen sie einen Rettungsfonds bilden. Systemrelevanten Banken gehören in die Hände des Staates und müssen bei einer Pleite kontrolliert abgewickelt werden. Aktionäre sollten mit ihren Einlagen für Mißmanagement haften, denn die Aktionäre berufen den Aufsichtsrat und stellen das versagende Management ein. Es kann nicht sein, dass alle Steuerzahler für ein paar Spekulanten einstehen müssen. Bankrotte Banken sind aufzulösen und die Valuta unter den Gläubigern zu verteilen. Bankverluste dürfen nicht mehr steuerlich geltend gemacht werden. Es sollte ein Verbot von Parteispenden eingeführt werden. Für alle Bankgeschäfte haftet der Vorstand mit seinem kompletten Privatvermögen. Das garantiert, dass die Risikobereitschaft abnimmt. Kredite sind abzusichern.
2. Die Märkte sind nicht irrational
D.Meinung, 03.12.2010
Wann werden die Politiker (und Spiegel Schreiber) endlich begreifen, dass das Konstrukt 'Euro' nicht funktionieren kann, und nie funktionieren wird. Länder wie Griechenland oder Spanien in einen (Finanz)Topf mit Deutschland, Holland, Österreich zu werfen ist schlichtweg Schwachsinn. Die Märkte regieren in keiner Weise irrational - sie haben nur begriffen, was die Politik nach wie vor zu leugnen versucht. Der Spuk wird erst vorbei sein, wenn die Südländer aus dem Euro ausgeschert sind, oder wenn Deutschland seinerseits den Euro - der dann zur Schwachwährung wird - verlässt.
3. kein titel
Liebknecht 03.12.2010
Zitat von sysopWie schlimm steht es um die europäische Währungsunion? Sehr schlimm, sagt der Ökonom Henrik Enderlein. Im Interview warnt er vor dem Euro-Crash und erklärt, warum nur eine Insolvenz maroder Banken den überfälligen Befreiungsschlag bringen kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,732280,00.html
Das ist doch viel zu pessimistisch gedacht; Theo Waigel hat gesagt, der Euro wird mindestens so stabil wie die DM - wir hätten schließlich unumstößliche Verträge. Deshalb wird der Euro als eine der glänzendsten Erfolgsgeschichten der EU in die Analen eingehen und dort seinen hervorragenden Platz neben der Regelung zum Krümmungswinkel von Bananen aus dem Communaute' einnehmen. Ich bin zuversichtlich!
4. ----
taiga, 03.12.2010
Zitat von KloEr hat wohl Recht. Man muss marode Banken bankrott gehen lassen und vom Markt nehmen. Nur dann kann sich das Finanzsystem überhaupt stabilisieren. Es ist komplett unsinnig, so weiter zu machen, wie bisher. Nur Kommunisten retten Banken. Die Banken müssen aus ihren Gewinnen Rücklagen bilden, anstatt das Geld an Management und Aktionäre auszuschütten. Außerdem müssen sie einen Rettungsfonds bilden. Systemrelevanten Banken gehören in die Hände des Staates und müssen bei einer Pleite kontrolliert abgewickelt werden. Aktionäre sollten mit ihren Einlagen für Mißmanagement haften, denn die Aktionäre berufen den Aufsichtsrat und stellen das versagende Management ein. Es kann nicht sein, dass alle Steuerzahler für ein paar Spekulanten einstehen müssen. Bankrotte Banken sind aufzulösen und die Valuta unter den Gläubigern zu verteilen. Bankverluste dürfen nicht mehr steuerlich geltend gemacht werden. Es sollte ein Verbot von Parteispenden eingeführt werden. Für alle Bankgeschäfte haftet der Vorstand mit seinem kompletten Privatvermögen. Das garantiert, dass die Risikobereitschaft abnimmt. Kredite sind abzusichern.
Ich dachte mir das schon bei den Fällen Lehman vs. HRE. Die eine ließen die Amis ruck-zuck über die Klinge springen, die andere wird wie ein kleiner Kuckuck gemästet, ohne nennenswerte Wirkung. Ein finanzielles Schwarzes Loch. Dagegen: Hat man als Folge der Lehman-Pleite IRGENDETWAS Negatives gehört, außer dass die Wallstreet ABERMILLIARDEN an Boni ausgegossen hat??
5. Maastrichtvertrag kündigen! SOFORT!
Beelzebub, 03.12.2010
Bin gespannt, wann endlich ein ernstzunehmender Politiker der Eurozone die Traute finden wird, zuzugeben, dass das Experiment der den Völkern der EU undemokratisch aufgezwungenen Währungsunion endgültig und unrettbar gescheitert ist. Mein Tip: es wird kein Deutscher sein. Dabei hätten wir jetzt noch Zeit, aus dieser unseligen Geschichte halbwegs ungeschoren wieder 'rauszukommen. Natürlich wird die Wiedereinführung der DM möglicherweise eine Delle in die deutsche Konjunktur schlagen, aber besser als als alleiniger Zahlesel für die gesamte Eurozone dazustehen ist das allemal. Wer hat am Ende mehr in der Tasche - jemand, der 1000 DM einnimmt und sie behalten darf, oder jemand der 10.000 Euro einnimmt, von denen er 9.999,99 Euro zum Durchfüttern von Pleitestaaten sofort wieder hergeben muss?
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Zur Person
Henrik Enderlein ist Ökonomie-Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Er wurde 1974 in Reutlingen geboren und studierte an der "Sciences-Po" in Paris und an der Columbia University in New York. 2002 promovierte er am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Sein Arbeitsschwerpunkt sind wirtschaftspolitische Themen.
Mini-Serie
AFP

Erst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien. In Europa wächst die Sorge, dass weitere Schuldenländer Milliardenhilfen brauchen. Aber wie groß ist das Risiko wirklich? Und wer könnte der nächste Pleitekandidat sein? Ein Überblick:


Fotostrecke
Fotostrecke: Wo die Gefahren für den Euro liegen

Milliardenstütze für den Euro
Die EU hat sich auf ein beispielloses Rettungspaket geeinigt: Ein bis zu 750 Milliarden Euro schwerer Fonds für Euro-Wackelkandidaten soll Spekulanten abschrecken und die Währung schützen - die Konditionen im Überblick.
Milliarden-Auffangnetz

Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

Darüber hinaus versprechen sich die Staaten auch von der Einführung eines "Stabilitätsbeitrags" der Banken und einer weltweiten Abgabe auf Finanztransaktionen eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.



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