Ausfall beim Nasdaq-Index: Herzstillstand an der Wall Street

Von , New York

Nasdaq-Index: Drei Stunden Stillstand Zur Großansicht
AP

Nasdaq-Index: Drei Stunden Stillstand

Nichts ging mehr am Times Square: Drei Stunden lang klemmte der Handel an der New Yorker Tech-Börse Nasdaq. Schuld war offenbar ein Softwarefehler. Die Panne war nicht die erste ihrer Art in letzter Zeit - sie zeigt die Anfälligkeit der elektronischen Märkte.

Es begann als normaler Börsenmorgen. Draußen am Times Square flohen die Touristen vor einem Gewitterguss, drinnen hinter der Glasfassade der Nasdaq flimmerten die Zahlen und Buchstaben über die Bildschirme. Der Tech-Index pendelte träge zwischen 3614 und 3637 Punkten, als leide auch er unter dem schwülen Augustklima.

Doch dann, um kurz nach 12 Uhr mittags, geschah das Undenkbare: Nach ein paar seltsamen Kurszuckungen froren alle Nasdaq-Werte gleichzeitig ein, wie die gefürchtete Nulllinie eines EKG. Herzstillstand im Herzen des Finanzsystems: Plötzlich wurde aus dem normalen Morgen ein panischer Nachmittag.

Denn keiner wusste, was los war. Blitzschlag? Sabotage? Hackerangriff?

Die Nasdaq-Börse - die zweitgrößte der Welt, mit prominenten Namen wie Apple, Facebook, Google und Microsoft - klemmte, als habe jemand den Stecker gezogen. Nichts ging mehr. "Wirklich schockierend", sagte Ramon Verastegui, Cheftechniker des Finanzkonzerns Société Générale, dem "Wall Street Journal" mitten im ratlosen Chaos. "Wir stecken fest."

Drei Stunden währte der Ausfall. Drei Stunden, in denen 2712 Aktienwerte auf Eis lagen, auch an anderen Börsen. Drei Stunden, in denen sich Trader und Investoren hilflos die Haare rauften, während Amerikas gesamter Tech-Markt brach lag. So etwas hatte es noch nie gegeben, zumindest nicht in diesem Ausmaß.

Die Aktienpreise waren nicht mehr zugänglich

35 Minuten vor Handelsschluss schmiss die Nasdaq die Elektronik wieder an. Die meisten Werte machten dort weiter, wo sie vor der Zwangspause aufgehört hatten. Der Nasdaq-Index schloss den Tag sogar knapp im Plus ab.

Es blieben bange Fragen. Was war geschehen? Die karge Erklärung, die die Nasdaq abends nachschob, brachte wenig Erhellendes: Sie sprach schwammig von einem Software-Fehler im Securities Industry Processor, einem Datenverarbeitungssystem, das "alle Preise für die Industrie konsolidiert und verbreitet". Will heißen: Die Aktienpreise waren eine Weile nicht mehr zugänglich. Der eigentliche Ausfall, so die Nasdaq, habe nur 30 Minuten gedauert.

Intern spekulierten die Nasdaq-Manager nach Informationen des "Wall Street Journals" in eine ganz andere Richtung: Das Problem habe in einer Datenleitung mit der New York Stock Exchange (NYSE) gelegen, der größeren Rivalin an der Wall Street.

Zum Glück war es ein ansonsten ruhiger Handelstag ohne große Ereignisse. Trotzdem war der Ausfall, von dem sich auch Präsident Barack Obama unterrichten ließ, ein schwerer Schlag für die Nasdaq - und nicht der erste.

"Dies zeigt, wie verwundbar unsere Märkte sind"

Je komplexer die Weltbörsen werden, desto mehr sind sie der Elektronik ausgeliefert - allen voran die Nasdaq. "Dies zeigt nur, wie verwundbar unsere Märkte sind", sagte David Greenberg, der Chef der Investmentfirma Greenberg Capital, im TV-Wirtschaftssender CNBC. "Für uns ist das eine sehr große Sorge."

Händler, die ihre Geschäfte auf dem Börsenparkett und "von Hand" abwickeln, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Computer haben ihre Arbeit übernommen. Die können es schneller, in größerem Umfang, zuverlässiger.

Aber eben nicht immer. Die Optionsbörse CBOE konnte im April wegen mangelhafter Software erst drei Stunden später öffnen. Die Handelsplattform BATS Global Markets musste ihren eigenen Börsengang im März 2012 aufgrund eines Computerfehlers abblasen. Der "Flash Crash" von 2010 schockte die Märkte und vernichtete fast eine Billion Dollar Marktkapital.

Investoren verlieren das Vertrauen in die Nasdaq

Und erst am Dienstag dieser Woche bescherte die Elektronik der Wall-Street-Bank Goldman Sachs eine Flut ungewollter Optionsgeschäfte, die schnell über alle Märkte schwappte. Mutmaßlicher Schaden: mehrere hundert Millionen Dollar.

Doch gerade für die Nasdaq ist der jüngste Flop eine Blamage. Auch das konnte man an einem Kurs ablesen - dem der Nasdaq selbst: Der büßte während des Debakels 3,4 Prozent ein. Die Investoren verlieren das Vertrauen.

Dabei preist sich die Nasdaq gerne als die coolere, jüngere, bessere Börse in ihrem Existenzkampf mit der NYSE. Doch immer wieder kommt es zu peinlichen Pannen. Die schlimmste bisher: der verpatzte Facebook-Börsengang 2012.

Die Nasdaq-Software war dem Ansturm neuer Investoren damals nicht gewachsen und fror ein. Die US-Börsenaufsicht SEC verdonnerte die Börse zu zehn Millionen Dollar Strafe.

Doch auch 1994 und 1987 musste die Nasdaq schon mal abschalten. Schuld war in beiden Fällen aber nicht die Elektronik - sondern Eichhörnchen, die Kabel durchgenagt hatten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hack it
grashalm 23.08.2013
Zitat von sysopNichts ging mehr am Times Square: Drei Stunden lang klemmte der Handel an der New Yorker Tech-Börse Nasdaq. Schuld war offenbar ein Softwarefehler. Die Panne war nicht die erste ihrer Art in letzter Zeit - sie zeigt die Anfälligkeit der elektronischen Märkte. Wall Street: Ausfall beim Nasdaq-Index in New York - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wall-street-ausfall-beim-nasdaq-index-in-new-york-a-918125.html)
elektronische Märkte für elektronische Sklaven
2. Je nun
Eva K. 23.08.2013
Die Welt hat sich trotzdem weitergedreht und existiert noch. Soweit zum Stellenwert der Börsianer.
3. Am besten
wirklick 23.08.2013
wäre es dieses Computerzeugs komplett abzuschalten. Da kommt eh nur Blödsinn dabei heraus. Dieser Börsen-und Finanzmarkt ist absolut nur noch krank. Was früher Pest und Cholera waren, ist jetzt der Finanzmarkt.
4. Eine gute Naricht
solve13 23.08.2013
in dieser künstlichen Welt der Spekulanten ein hoch wollkommenes Ereignis. Wie sensibel doch diese künstliche Welt ist. Das sollte sich jeder hinter die Ohren schreiben, der ihr verfallen ist.
5. Problem?
Wunderläufer 23.08.2013
Wo ist denn das Problem? Die Börsen spiegeln sowieso immer seltener die Realwirtschaft wider und haben sich in eine Art Spielcasino verwandelt. So gesehen sind Softwarepannen lediglich zusätzliche als Würze zu betrachten
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Börse
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare