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Wall Street gegen Washington: Wie sich Goldman in der Betrugsaffäre windet

Von , New York

Goldman Sachs schlägt zurück. Auf die Anklage der US-Börsenaufsicht wegen des Verdachts auf Milliardenbetrug reagiert die Großbank in extrem aggressivem Ton. Der Fall zeigt: Das Klima zwischen Wall Street und Politik ist vergiftet - weil Präsident Obama die Spekulation massiv einschränken will.

Zentrale von Goldman Sachs: Gewinn von 3,3 Milliarden Dollar Zur Großansicht
REUTERS

Zentrale von Goldman Sachs: Gewinn von 3,3 Milliarden Dollar

Es ist nicht gerade üblich, dass Wall-Street-Firmen Rechtsbeistand erbitten, wenn sie ihre Finanzen mit Marktanalysten diskutieren. Doch Goldman Sachs sah sich am Dienstag zu genau diesem Schritt gezwungen: Ehrengast der morgendlichen Schaltkonferenz zu den jüngsten Quartalszahlen war Greg Palm, Goldmans Top-Syndikus und Co-Chef der Rechtsabteilung.

Dabei hätten die Zahlen das einzige Thema sein sollen. Schließlich waren sie beachtlich: In den ersten drei Monaten machte Goldman Sachs nach Vorzugsdividenden einen Gewinn von 3,3 Milliarden Dollar. Finanzchef David Viniar präsentierte die Bilanz triumphierend.

Doch die Aktienanalysten - darunter Stars der Branche wie Meredith Whitney - interessierten sich nur für eines: die Milliarden-Betrugsklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman.

Es war eine von betonter Kumpelei kaschierte Inquisition. Man war per du, doch hart. Einer nach dem anderen stellten sie bohrende Fragen nach Goldmans Rolle beim Verkauf jenes verhängnisvollen Kreditprodukts namens "Abacus 2007-AC1", das die Investoren - darunter die deutsche Mittelstandsbank IKB - eine Milliarde Dollar kostete und jetzt die SEC auf den Plan gerufen hat. Und Goldman ließ eine Frage nach der anderen an sich abprallen.

Was ist unethisch - und was illegal?

Es zeigt sich immer mehr, dass hinter dieser Klage eine grundsätzlichere, moralisch-ideologische Frage steckt; eine Frage, die die Zukunft der US-Finanzbranche bestimmen könnte. Die SEC, als Vollstrecker der Regierung Barack Obamas, will es wissen: Was ist erlaubt an der Wall Street, was verpönt, was unethisch - und was schlichtweg illegal?

Zwei absolut gegensätzliche Ansichten treffen aufeinander. Auf der einen Seite steht Goldman, dessen Verteidigungsstrategie Palm klarmachte: Der Markt ist ein riskantes Pflaster, wer hier mittanzt, weiß, auf was er sich einlässt - alles fair und gut. Die IKB und die anderen seien doch "kluge Investoren" gewesen. Niemand habe den "beispiellosen Marktkollaps" ahnen können.

Auf der anderen Seite steht die US-Regierung. Ihre Ansicht: Kunstprodukte wie "Abacus" dienen meist nur einem Zweck - die Insider zu bereichern und die Outsider abzuzocken. Sie erfüllen keinen größeren sozialen, "demokratischen" Zweck, wie es Goldman so gerne beansprucht. Stattdessen, sagt Obama, habe man es mit einem "düsteren, riskanten Markt" zu tun.

Es ist entweder Zufall - oder perfektes Timing, dass die Goldman-Klage ausgerechnet diese Woche die Schlagzeilen beherrscht. Denn Obama macht gerade neuen Druck mit seiner Finanzreform und poltert laut gegen die Wall Street - da passt es bestens, dass deren größter Name in schlechtem Licht dasteht. Am Donnerstag wird Obama diese Fragen groß thematisieren, bei einer Rede in Manhattan, inszeniert als Ausflug in die Höhle des Löwen.

Es ist, als greife Obama die Wall Street von zwei Flanken an - politisch und juristisch.

"Wir würden nie jemanden vorsätzlich hintergehen"

Goldman weiß, was auf dem Spiel steht. Chefjustitiar Palm verteidigte seine Firma denn auch aggressiv. "Die Vorwürfe sind haltlos", begann er, die Konzernlinie wiederholend. "Abacus" sei mitnichten getürkt gewesen, um, wie die SEC in ihrer Zivilklage behauptet, die Anleger in die Irre zu führen und dem Hedgefonds-Milliardär John Paulson, der gegen den Deal gewettet hatte, einen fetten Gewinn zu bescheren.

"Wir würden nie jemanden vorsätzlich hintergehen, ganz sicher nicht unsere Klienten oder Gegenparteien", versicherte Palm. "Wir hatten sicher keinen Anreiz, eine Transaktion zu konstruieren, die darauf abzielte, Geld zu verlieren."

Man beachte die feine Wortwahl, Merkmal des Juristen: "vorsätzlich", "Anreiz".

Auch Goldman verlor bei dem Geschäft nach Palms Angaben mehr als hundert Millionen Dollar - mehr, als der Konzern bisher eingeräumt hatte: In früheren Mitteilungen war von "mehr als 90 Millionen Dollar" die Rede gewesen. "100 Millionen sind ja mehr als 90 Millionen", gab Palm auf Nachfrage verschnupft zurück.

Doch selbst Experten scheinen den "Abacus"-Deal nicht vollends zu durchblicken. "Abacus" war ein Derivat, im Fachjargon eine "collateralized debt obligation" (CDO) - eines jener "synthetischen" Kreditprodukte, mit denen sich Banken am Kapitalmarkt absichern können, die aber auch zu einer Hauptursache der weltweiten Finanzkrise wurden. Der Kurs der Papiere hängt vom Preis anderer Güter ab. In diesem Fall - über ein paar weitere finanztechnische Ecken - von Hypotheken, mit denen die Investoren gar nichts zu tun hatten.

Die Frage ist: Auf welcher Seite stand Goldman?

Das alles ist, wie Andrew Ross Sorkin in der "New York Times" schreibt, nicht mehr als "eine simple Wette". Bei "Abacus" setzten die deutsche IKB und die niederländische ABN Amro - die ihren 841-Millionen-Dollar-Verlust später an die Royal Bank of Scotland vererbte - darauf, dass der Hypothekenmarkt steigen würde. Paulson wettete darauf, dass er stürzen würde.

Das ist normal. Jedes solche Geschäft benötigt zwei Pole, einen "Long"-Investor und einen "Short"-Investor. Die Frage ist in diesem Fall: Auf welcher Seite stand Goldman?

Palm widersprach dazu auch einem anderen, zentralen Punkt der SEC-Klage: Die Zusammensetzung von "Abacus" sei mitnichten von Paulson gestaltet worden, schon gar nicht auf ein Scheitern hin. Stattdessen habe die unabhängige Finanzfirma ACA, die den Deal absegnete, "das finale Portfolio bestimmt". Hier steht nun Aussage gegen Aussage.

Die Anleger jedenfalls fällten ihr Urteil. Trotz der phantastischen Quartalszahlen und der Bemühungen des Juristen um Erklärungen fiel der Kurs der Goldman-Aktie am Dienstag um mehr als zwei Prozent.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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1. Da hilft nur Enteignung
Viva24 21.04.2010
Wer das mehrfache des Handelsvolumens der Welt auf dubiose Papiere verwettet gehört bei diesen erfolgten strafbaren Handlungen enteignet! Diese Bedrohung des Totalverlustes schafft wieder die Herstellung des Rechtstaates für alle Menschen!
2. Wirtschaftskriminelle
nuschelsud 21.04.2010
Es ist wohl an der Zeit, sich Paulsons Verbindungen zu Goldman Sachs anzuschauen: Wen kennt er auf welcher Unternehmensebene und wie gut? Mit wem ist er wann essen gegangen, mit wem hat er wann Golf gespielt? Wo sind die Milliarden, die Paulson beim Crash verdiente? Wer verdiente mit? Gibt es Rückverbindungen zu Goldman Sachs? Es liegt nahe, zu vermuten, dass es jetzt wie mit der Beute aus einem Bankraub läuft: Momentan ist die Kohle heiß und keiner fasst sie an. Verteilt wird der Kuchen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Und dann könnten auch Goldman Sachs Leute kassieren, die dann unter Umständen schon lange nicht mehr dort arbeiten...
3. Undurchsichtig!
running_on_empty 21.04.2010
Einerseits erstaunlich, daß es GS gerade jetzt erwischt. Es gab in der Vergangenheit mehrere Gelegenheiten, doch die SEC schlief ja wohl den Schlaf der Gerechten. Andererseits: was wird hier wirklich gespielt? Placebos fürs zahlungsmüde Publikum? Soll das danach aussehen, als hätte man was getan? Washington ist fest in Wall-Street-Hand. Die Wall Street wird zu einem nicht geringen Teil von GS dirigiert, die ja sogar an allen wichtigen Regierungspositionen und anderen Schalthebeln der Macht ihre eigenen Leute positioniert haben. Was kann da schon groß passieren?
4. Wie sich die Banken diskreditieren ...
herbert nau 21.04.2010
Zitat von sysopGoldman Sachs schlägt zurück. Auf die Anklage der US-Börsenaufsicht wegen des Verdachts auf Milliardenbetrug reagiert die Großbank in extrem aggressivem Ton. Der Fall zeigt: Das Klima zwischen Wall Street und Politik ist vergiftet - weil Präsident Obama die Spekulation massiv einschränken will. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,690283,00.html
Man kann nur hoffen, dass die Politik begreift. Es mag ja sein, dass die eingeweihten Bankkreise um ihre Wettrisiken wissen müssten. In der Konsequenz wird aber aufgezeigt, dass das Verzocken dort akzeptiert ist - mit allen Auswirkungen, z.B. einer Finanzkrise a la 2008 und eines Risikotransfers an die Staaten/Bürger. Das gehört nicht nur reguliert, sondern verboten.
5. Moralische Orientierungslosigkeit
tobyasd, 21.04.2010
Das ist doch nur ein weiteres Beispiel, dass die Finanzwirtschaft jegliche - und zwar absolut überhaupt jegliche - moralische Orientierung verloren hat (so sie jemals darüber verfügt hat). Im Grunde brauchen wir nicht mehr über solche Einzelbeispiele zu diskutieren. Vielmehr brauchen wir eine bewusst ideologische Debatte über den ethischen Sinn finanzwirtschaftlichen Handelns. Streng genommen ist ethisch ja bereits die Institution des Zinses ein Problem. Was an den Finanzmärkten geschieht, ist letztlich nur eine wuchernde Hybris der Zinsideologie. Wenn das Problem wirklich an der Wurzel gelöst werden soll, ist hier die wesentliche Stelle!
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