Wall-Street-Insiderhandel: Im Club der Kriminellen

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Erneut hat die US-Justiz vier mutmaßliche Insiderhändler festgenommen. Sie sollen sich eine Rekordsumme von fast 62 Millionen Dollar erschwindelt haben. Im Zentrum des Skandals steht jedoch noch ein ganz anderer - der bisher unbescholtene Hedgefonds-Titan Steve Cohen.

Hedgefonds-Manager vor Gericht: Anthony Chiasson (r.) wird Insiderhandel vorgeworfen Zur Großansicht
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Hedgefonds-Manager vor Gericht: Anthony Chiasson (r.) wird Insiderhandel vorgeworfen

Sechs Männer sitzen bei Starbucks. Sie tragen dunkle Windjacken und flüstern leise. Ihre Augen sind fest auf die andere Straßenseite gerichtet, auf ein Luxus-Apartmenthaus an der Ecke, mit enormen Fensterfronten, Dachgarten und einem teuren Einrichtungsladen im Erdgeschoss. Zwei kitschige Mammutlaternen flankieren den Eingang. Auf dessen schwarzem Baldachin prangt eine weiße Hausnummer: 21.

Es ist dunkel, eineinhalb Stunden noch bis Sonnenaufgang. Das stille Starbucks an der Ecke von Madison Avenue und 96th Street auf Manhattans Upper East Side, nur wenige Schritte vom Central Park entfernt, ist der ideale Spähposten. Es ist zu zwei Seiten hin verglast, von den Tischen lässt sich die morgendliche Rush Hour bestens beobachten.

Das trifft sich, denn die sechs Männer sind FBI-Agenten. Gegen 5.30 Uhr stehen sie auf, verlassen das Starbucks, ziehen kugelsichere Westen über und verschwinden in der Nr. 21.

Gut zehn Minuten später kommen sie aber unverrichteter Dinge wieder heraus. Denn der Herr, für den sich die FBI-Agenten so intensiv interessieren, ist nicht zu Hause. Erst später an diesem Morgen stellt sich Anthony Chiasson der Polizei, in Hemd mit schwarzer Lederjacke.

Mit dieser filmreifen Szene, beobachtet und mitgefilmt von Reportern des "Wall Street Journal", kam jetzt einer der größten Insiderskandale der Wall Street ans Licht. Am Mittwoch nahm das FBI dabei Chiasson, einen prominenten New Yorker Hedgefondsmanager, sowie drei weitere Top-Spekulanten fest. Noch am gleichen Tag wurden alle vier angeklagt.

Der Vorwurf: Das Quartett - ein "Club der Kriminellen", so Bezirksstaatsanwalt Preet Bharara - soll sich durch illegalen Insiderhandel fast 62 Millionen Dollar erschwindelt haben. Das ist mehr als Raj Rajaratnam ergaunerte, der berüchtigte Börsenschwindler, der erst voriges Jahr zu einer historischen Rekordstrafe von elf Jahren Haft verurteilt worden war.

Eine Überraschung ist der neue Fall freilich nicht. Die Festnahmen waren nur der jüngste Höhepunkt einer langen Fahndungskette, die aus den Rajaratnam-Ermittlungen erwuchs - eine massive Jagd auf Insiderhändler, die Bharara und die New Yorker FBI-Filiale wie besessen betreiben. Seit Ende 2009 sind ihnen dabei bisher 63 mutmaßliche Täter ins Netz gegangen. 56 davon wurden bereits verurteilt. Im November kursierten an der Wall Street erste Gerüchte, dass nun auch Anthony Chiasson im Fadenkreuz des FBI stehe.

Die 28-seitige Anklageschrift ist die übliche Litanei der Kungeleien, wie sie inzwischen fast schon zum Stehsatz solcher Akten gehört: Absprachen unter Wall-Street-Insidern, interne Informationen, heimliche Händel, von denen normale Anleger ausgeschlossen sind. Die gesamte Schadenssumme beläuft sich demnach auf mindestens 61,8 Millionen Dollar.

Das wirklich Brisante steht jedoch zwischen den Zeilen: Chiasson begann - wie auch zwei andere Angeklagte aus früheren Fällen - seine Karriere bei SAC Capital, der Hedgefondsfirma des bisher unantastbaren Wall-Street-Titans Steven Cohen. Mehr noch: Chiassons jetziger Mitangeklagter Jon Horvath arbeitet bis heute bei der SAC-Tochter Sigma Capital.

Die Spuren führen also immer wieder zu Cohen, und Beobachter fragen sich, ob sich da nicht langsam eine Schlinge zuziehe. Cohen, orakelt Wirtschaftsblogger Matthew DeBord, könnte bald ebenfalls "im Gefängnis landen".

Wohlgemerkt: Cohen, der zu den schillerndsten Figuren der New Yorker Finanzszene gehört, rund 14 Milliarden Dollar an Einlagen managt und ein Privatvermögen von 8,3 Millarden Dollar hat, ist persönlich noch keiner einzigen Verfehlung beschuldigt worden. Doch flatterten SAC schon Ende 2010 gerichtliche Vorladungen und Auskunftsbefehle ins Haus. Seither blühen die Spekulationen.

Schlagzeilen machte vor allem die Festnahme zweier weiterer SAC-Alumni im vergangenen Jahr, Donald Longueuil und Noah Freeman. Longueuil hatte Teile einer Festplatte mit inkriminierenden Daten in Müllwagen entsorgt - und sich dann verplappert. Schließlich bekannte er sich des Insiderhandels schuldig und wurde Zeuge der Anklage gegen andere.

"Dies war ein Club, in dem sich alle einander den Rücken massiert haben", sagte Staatsanwalt Bharara bei der Verlesung der Anklage gegen die jüngsten Delinquenten. Chiasson, 38, verließ SAC 2003, um seinen eigenen Hedgefonds namens Level Global zu gründen. Der hatte zuletzt rund vier Milliarden Dollar unter Verwaltung, musste Ende 2011 aber nach einer FBI-Razzia schließen. Chiasson muss längst geahnt haben, was auf ihn zukam.

"Er hat nichts Falsches getan, und er will eine Gelegenheit, seinen Namen reinzuwaschen", sagte Chiassons Anwalt Gregory Morvillo vor dem Haftrichter. Chiasson hinterlegte eine Kaution von 2,5 Millionen Dollar und kam frei.

Jon Horvath, 42, ein Technologie-Experte bei Sigma Capital, ist der erste Angeklagte in diesem endlosen Sumpf, der immer noch in Diensten von SAC steht. Er soll Insiderwissen von einem Vorgesetzten weitergereicht haben, der zugleich auch ein enger Vertrauter Cohens sei. Horvath sei ein "respektierter Investment-Analyst", widersprach sein Anwalt Steven Peikin dem jedoch. Auch sein Mandant kam auf freien Fuß, gegen 800.000 Dollar Kaution.

Bei den beiden anderen Angeklagten handelt es sich um Todd Newman, 47, einen Hedgefondsmanager aus Massachusetts, und Danny Kuo, 36, den Vizepräsident des Fonds Whittier Trust im kalifornischen Pasadena. Drei weitere, mutmaßliche Komplizen in selbiger Sache hatten sich 2011 schuldig bekannt.

Einer der inkriminierten Insider-Deals, die in der Anklageschrift detailliert beschrieben werden, betrifft den Computerriesen Dell. Die Angeklagten hätten sich in den ersten zwei Quartalen 2008 Insider-Informationen über enttäuschende Bilanzergebnisse des Konzerns vorab beschafft. Daraufhin hätten sie ihre Aktien rechtzeitig abstoßen können - und bei der klandesitinen Aktion fast 54 Millionen Dollar Gewinn kassiert.

Die Gesamtschadenssumme ist wahrscheinlich sogar noch höher. Eine parallele Anklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen alle sieben Männer beziffert sie auf 78 Millionen Dollar.

Steve Cohen hat derweil andere Sorgen. Er will angeblich die Dodgers kaufen, das bankrotte Baseballteam von Los Angeles. Das muss bis April im Insolvenzverfahren versteigert sein. Potentieller Preis: eine satte Milliarde Dollar.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Re: Privatvermögen von 8,3 Millarden Dollar
shine31 20.01.2012
Zitat von sysopErneut hat die US-Justiz vier mutmaßliche Insiderhändler festgenommen. Sie sollen sich eine Rekordsumme von fast 62 Millionen Dollar erschwindelt haben. Im*Zentrum des Skandals*steht jedoch noch ein ganz anderer - der bisher unbescholtene Hedgefonds-Titan Steve Cohen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810258,00.html
Als Investmentbanker 8,3 Milliarden Privatvermögen?? Und das soll er mit legalen Mitteln "verdient" haben?? Ohne Anleger reinzulegen? Ohne Schneeball-System? Ich kann es einfach nicht glauben...
2. 61,8 Millionen sind doch Peanuts
jj2005 20.01.2012
Wäre nett, mal ganz privat einen der Chefs der Ratingagenturen anzurufen, kurz bevor sie mal wieder jemanden downgraden. Vorausgesetzt man hat auch ein paar Milliarden flüssig, klar... Aber aufgepasst, in Mailand (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810215,00.html) kann's schon mal schiefgehen ;-)
3. Solche
theodorheuss 20.01.2012
Zitat von sysopErneut hat die US-Justiz vier mutmaßliche Insiderhändler festgenommen. Sie sollen sich eine Rekordsumme von fast 62 Millionen Dollar erschwindelt haben. Im*Zentrum des Skandals*steht jedoch noch ein ganz anderer - der bisher unbescholtene Hedgefonds-Titan Steve Cohen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810258,00.html
Nachrichten liest man doch gerne. Aus Deutschland / Europa hört und liest man solche Berichte nicht. Das kann ja nur eines Bedeuten: Es gibt auf dem Alten Kontinent keine solche Schweinerein ;-)
4. ...
iman.kant 20.01.2012
Der Kapitalismus und damit unser Wirtschaftssystem steht auf der Kippe. Die Finanzkrise ist nur die erste kleine Welle. Unfähige und vor allem unentschlossene Politiker betreiben nur eine Problemverschleppung. Der einzelne Bürger sollte sich auf den Knall vorbereiten, d.h. Grundstücke - Häuser - Gold.
5. 2000
joppo 20.01.2012
Zitat von sysopErneut hat die US-Justiz vier mutmaßliche Insiderhändler festgenommen. Sie sollen sich eine Rekordsumme von fast 62 Millionen Dollar erschwindelt haben. Im*Zentrum des Skandals*steht jedoch noch ein ganz anderer - der bisher unbescholtene Hedgefonds-Titan Steve Cohen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810258,00.html
Und jetzt die andern 2000 noch. Schade dass sie keine leute in London verhaften konnen.
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