Wall-Street-Skandal Wie Goldman eine deutsche Bank geprellt haben soll

Das Betrugsverfahren gegen Goldman Sachs erreicht Deutschland: Nach Angaben der US-Börsenaufsicht hat die Mittelstandsbank IKB in der Affäre fast 150 Millionen Dollar verloren. Jetzt schaltet sich die BaFin ein, deutsche Politiker wollen Schadensersatzansprüche gegen das US-Institut prüfen.

Goldman-Sachs-Filiale: "Wie eine Episode der 'Sopranos'"
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Goldman-Sachs-Filiale: "Wie eine Episode der 'Sopranos'"

Von , New York


Die Betrugsklage gegen Goldman Sachs erschüttert die amerikanische Finanzbranche in ihren Grundfesten. Und zusehends erreichen die Schockwellen auch Deutschland. Im Mittelpunkt: die Krisenbank IKB.

Das Düsseldorfer Institut gehört zu den Geschädigten in der Affäre. Wie die Mittelstandsbank in den Skandal gesogen wurde, ist geradezu filmreif: "Das kommt einem vor wie ein Krimi", sagte einer der Beteiligten SPIEGEL ONLINE.

Der Skandal begann vergleichsweise harmlos. Goldman Sachs hatte sich ein neues Hypotheken-Wertpapier ausgedacht. Einer der potentiellen Investoren: die IKB. Die IKB, so heißt es in Finanzkreisen, habe Ende 2006 Misstrauen bei dem Deal bekundet - unter anderem gegenüber Fabrice Tourre, einen damals 27-jährigen Jungstar bei Goldman Sachs. Laut Untersuchungsbericht der US-Börsenaufsicht SEC hat Tourre das Geschäft maßgeblich mit eingefädelt.

Die IKB forderte von dem Manager, eine unabhängige "dritte Partei" einzuschalten. Das tat Tourre dann auch: Laut SEC gewann er die renommierte US-Finanzfirma ACA, die das Portfolio prompt mit ihrem Gütesiegel versah.

Die IKB stieg ein. Im April 2007 investierte sie rund 150 Millionen Dollar in "Abacus 2007-AC1", Tourres Kreditkonstrukt aus "Collateralized Debt Obligations" (CDO) - Wertpapiere, die an windige US-Hypothekenkredite gekoppelt waren.

Der Deal endete in einem Desaster. Schon Monate später waren die Anlagen wertlos. Die IKB verlor laut SEC fast ihr gesamtes Investment.

Der Crash des Papiers war offenbar kalkuliert. Goldman Sachs, so die Anklage, habe die IKB, ACA und andere Klienten mit "Abacus" in die Falle gelockt. Die US-Bank habe gewusst, dass die Anleihen schnell an Wert verlieren würden.

Grund dafür: Die in "Abacus" enthaltenen Papiere seien von einem stillen Partner mitbestimmt worden - dem Top-Hedgefonds-Manager John Paulson. Der habe bewusst zweitklassige Hypothekenanleihen gewählt, dann dagegen gewettet und bei dem Zusammenbruch abkassiert. Die 66-seitige Marketingbroschüre zu "Abacus", die Goldman an die Interessenten verschickte, erwähnt John Paulson mit keinem Wort.

BaFin behält sich Klage vor

Für die IKB hat der Fall nun Konsequenzen: Die "Abacus"-Affäre wirft ein neues Licht auf die Krise des Instituts. Im Sommer 2007 war die Bank durch US-Immobilienspekulationen an den Rand der Pleite geraten. Nur durch ein Milliarden-Darlehen ihrer damaligen Hauptaktionärin, der staatlichen Förderbank KfW, und durch Finanzspritzen privater Banken konnte sie gerettet werden.

Die Bundesregierung hat entsprechend ein besonderes Interesse, das Goldman-Geschäft zu durchleuchten. "Die Finanzaufsicht BaFin wird ein Auskunftsersuchen an die SEC stellen", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. "Wenn wir die Unterlagen haben, werden wir sie sorgfältig auswerten und dann über rechtliche Schritte entscheiden." Die BaFin bestätigte am Sonntag ebenfalls, "dass wir die SEC in dieser Sache kontaktieren".

Der Wirtschaftsflügel der Union fordert rechtliche Schritte gegen Goldman Sachs. "Es ist nur konsequent, wenn jetzt Schadensersatzansprüche geprüft werden", sagte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Meister, dem "Handelsblatt". "Der Bund war der größte Minderheitsaktionär bei der IKB. Wenn man jetzt Verantwortliche dingfest machen könnte, an die sich Schadensersatzansprüche des Bundes oder der KfW richten, sollten wir das dringend ausnutzen." Ähnlich äußerte sich auch Meisters Kollege Michael Fuchs. Der Unions-Fraktionsvize räumte jedoch ein, dass die rechtlichen Hürden sehr hoch seien.

Die Mittelstandsbank IKB prüft inzwischen eine Klage gegen Goldman Sachs. Man werde sich die Unterlagen sorgfältig anschauen und auf eventuelle rechtliche Schritte prüfen, sagte eine Sprecherin am Montag.

Goldman weist die Vorwürfe zurück: Man selbst habe durch "Abacus" rund 90 Millionen Dollar eingebüßt, teilte das Institut mit.

Doch die Verluste der Investoren sind viel größer. Insgesamt hätten Anleger mehr als eine Milliarden Dollar verloren, berichtet die SEC. Zu den Hauptgeschädigten zählten neben der IKB auch die Royal Bank of Scotland (RBS). Die Bank hatte das "Abacus"-Desaster geerbt, als sie die niederländische Bank ABN Amro übernahm. Diese hatte das Papier gegen Ausfälle versichert.

Die RBS äußerte sich am Wochenende offiziell nicht zu dem Fall. Laut "Daily Mail" erwägt die Bank allerdings eigene Schritte gegen Goldman. Schlimmstenfalls seien die RBS-Direktoren gegenüber ihren Aktionären verpflichtet", sich die Schadenssumme "zurückzuholen". Zu den RBS-Aktionären gehört unter anderem die britische Regierung.

Ermittlungen gegen weitere Banken?

Auch die Wall Street schockiert das Goldman-Debakel - nicht zuletzt, da weitere Banken ähnliche Klagen befürchten müssen: Nach Recherchen des "Wall Street Journals" ermittelt die SEC bereits, "ob andere, von einigen der größten Wall-Street-Firmen arrangierte Hypotheken-Deals die Grenze zur Irreführung von Investoren überschritten". Als mögliche Ziele der Fahnder nannte das "WSJ" die Deutsche Bank, UBS und Merrill Lynch, jetzt eine Tochter der Bank of America: Sie alle hätten vergleichbar miese Deals geschmiedet.

"Eine Schlüsselfrage ist es, ob dies ein isolierter Vorfall ist oder ein Muster, bei dem Investmentbanken mit Hedgefonds konspirieren", erklärte Richard Blumenthal, Generalstaatsanwalt von Connecticut. Auch er drohte eigene, strafrechtliche Ermittlungen gegen Goldman Sachs an: Die SEC-Vorwürfe würden sich lesen "wie eine Episode der 'Sopranos'".

Ob das Vorgehen der Bank wirklich illegal ist, muss jetzt das US-Bezirksgericht New York klären: Die SEC fordert einen Geschworenenprozess. Und es gibt Grund zur Annahme, dass sie sich dieses Mal kaum mit einer außergerichtlichen Einigung abspeisen lässt. Die Börsenwächter haben Goldman die Klage am Freitag ohne branchenübliche Vorwarnung zugestellt. Das gilt in US-Finanzkreisen als "Todeskuss der SEC".

Für Goldman Sachs ist der Image-Verlust bereits jetzt gewaltig. Sollten die SEC-Vorwürfe zutreffen, gebe es "nichts Vernichtenderes", sagte Wall-Street-Historiker Steve Fraser der "New York Times". Das Vorgehen sei jenseits von Leichtsinn, jenseits von Inkompetenz. "Das ist zynische Ausbeutung."

Mit Material von Reuters

insgesamt 477 Beiträge
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Seite 1
Hartmut Dresia, 19.10.2009
1.
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was sollte sie denn lernen? Dass der Staat im Zweifel die Rechnungen begleicht, das konnten auch die deutschen Banken aus der Krise lernen. Und dass Politiker Geld ohne jede Gegenleistung geben. Warum ist das so? Es gibt da viele Thesen: Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/) Aber was sollen Banken auch von Politikern halten, wenn man sich zum Beispiel die Besetzung von Vorstandsposten bei der Bundesbank durch die Politik anschaut: Thilo Sarrazin - eine glatte Fehlbesetzung in der Bundesbank (http://www.plantor.de/2009/thilo-sarrazin-eine-glatte-fehlbesetzung-in-der-bundesbank/)
founder 19.10.2009
2. Ein Stoßdämpfer für die Börsen
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was passiert wenn bei einem Auto die Stoßdämpfer kaputt sind? Schlechte Straßenlage, längerer Bremsweg, es wird extrem gefährlich damit zu fahren. Stoßdämpfer sind Schwingugsdämpfer. Ohne Schwingungsdämpfung schaukelt sich das Auto auf Bodenwellen zu immer größeren Schwingungen auf, bis es unkontrollierbar ins Schleudern gerät. Eine Börsentransaktionssteuer wäre ein Stoßdämpfer für die Börse.
londoneye 19.10.2009
3. Wie blöd muss man eigentlich sein?
Der Kerl hat schon 1,3 Mrd US Dollar Privatvermögen und betreibt Insiderhandel, um an weitere 20 Mio USD zu gelangen! Das ist nicht nur raffgierig, sondern auch extrem dämlich.
Ghost12 19.10.2009
4. Nicht ein paar Profiteure, sondern
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Die Verantwortung der Exzesse, die momentan noch schlimmer sind als bei Beginn der Finanzkrise, trägt derjenige, der die Blasen aufbläht- das ist Ben Bernanke. Mit Unterstützung von Geithner und Obama, die ihn bei seinem Kurs unterstützen.
Sackaboner 19.10.2009
5.
Es ist schon mehr als merkwürdig, dass Leute, die eigentlich mehr als genug Kohle für ein sorgefreies Leben bis an ihr Ende haben, immer noch weiter raffen müssen. Das kann nur eine Krankheit sein, da jede Logik und Vernunft darin fehlen. Dumm, wenn man dann noch der amerikanischen, alttestamentarischen Rachejustiz in die Hände fällt.
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