Wall Street und Co. Amerikaner fürchten um ihre Börsenmacht

New York ist der größte Finanzplatz der Welt - doch das könnte sich bald ändern. Die US-Börsen werden immer kleiner, die Zahl der gelisteten Firmen schrumpft. Viele Unternehmen gingen pleite, andere flüchten vor strenger Regulierung. Neue Aktiennotierungen finden fast nur noch in Asien statt.

Börsenhändler an der NYSE: Der mächtigste Aktienmarkt der Welt wird kleiner
DPA

Börsenhändler an der NYSE: Der mächtigste Aktienmarkt der Welt wird kleiner

Von , New York


Der Börsengang verlief ganz nach Plan. Der Vorstandschef durfte die Eröffnungsglocke persönlich betätigen, ermutigt von seinen Mitarbeitern, die den Countdown jubelnd abzählten. Die Börsenleitung hatte außerdem eine Konfetti-Kanone spendiert, ein seltener Luxus.

Die Aktie startete dann auch mit einem netten Aufschlag von zehn Prozent. Doch ab dem Mittag rutschte sie unaufhaltsam ab, um den Premierentag im Minus abzuschließen. Mark Casady, besagter Vorstandschef, war trotzdem frohgemut: "Ein aufregender erster Schritt."

Der mäßige Start des US-Finanzkonzerns LPL Financial an der New Yorker Nasdaq-Börse hat zwei Gründe: Zum einen zweifeln manche Analysten am Geschäftsmodell des Unternehmens. Zum anderen war es aber wohl auch das Timing: Der IPO (Initial Public Offering) fand vorige Woche dummerweise am selben Tag statt wie der des Autokonzerns General Motors (GM) Chart zeigen, was die versammelte Weltpresse an die Wall Street lockte.

Während GM an der New York Stock Exchange (NYSE) eine große Show abzog, musste sich LPL wie das vergessene Stiefkind vorkommen. Dabei ist der Börsengang doch ein einschneidender Moment im Dasein einer jeden Firma, "einer Hochzeit ähnlich" ("Wall Street Journal"). Die einzigen, die LPL aber an jenem Morgen an den Altar begleiteten, waren ein paar neugierige Touristen, die durch die Panoramafenster des Nasdaq-Studios am Times Square starrten.

Nach all dem Wirbel um die Rückkehr von GM an die NYSE - immerhin der größte Börsengang in der Geschichte der USA - herrscht denn nun auch schnell wieder Ernüchterung an der Wall Street. Die GM-Aktie dümpelte ins Wochenende, das Papier von LPL trudelte weiter ins Minus. Der Medien-Hype um die staatlich gesponserte Wiederbelebung von GM hat eine etwas andere Börsenrealität überschattet.

Die Boom-Zeiten sind vorbei

IPOs, vor der Finanzkrise noch das Zauberwort der Wall Street, haben längst an Bedeutung und Attraktivität verloren, zumindest in den USA. Im Gegenteil: Die New Yorker Börsen werden immer kleiner. Der mächtigste Handelsplatz der Welt schrumpft: Hunderte Werte sind mittlerweile verschwunden, ihre oft historischen Kürzel vom Ticker getilgt. Spektakuläre Neuzugänge - oder Rückführungen wie GM - sind die Ausnahme. Statt dessen verzichten viele Firmen ganz auf einen Börsengang. Oder blasen ihn im letzten Moment wieder ab.

Zum Beispiel Harrah's, der weltgrößte Casino-Konzern. Der wollte eigentlich auch an die Nasdaq gehen, unter dem Namen Caesars Entertainment (Kürzel CZR), nach seinem wohl bekanntesten Casino, dem Caesars Palace in Las Vegas. Am Freitag aber cancelte Harrah's den 500-Millionen-Dollar-Plan überraschend. In einer knappen Mitteilung erklärte das Unternehmen, das mehr als 50 Casinos, Hotels und Golfanlagen betreibt, dies mit den widrigen "Marktkonditionen".

Andere kriegen nicht mal genügend interessierte Geldgeber und Banken zusammen, um einen Börsengang überhaupt erst einzufädeln. Etwa das kalifornische Start-up SurgOptix, das medizinische Testgeräte zur Krebserkennung herstellt. "Seit 35 Jahren bin ich im Silicon Valley", klagte SurgOptix-Geschäftsführer Kirk Knight in der "New York Times". "Und noch nie habe ich es erlebt, dass Investoren so viel Angst hatten."

Die Zeiten des vom Silicon Valley befeuerten Börsen-Booms sind vorbei: Die Zahl der neuen Listings an Amerikas Märkten kann die Zahl der sterbenden nicht mehr aufwiegen. Mitte der neunziger Jahre waren mehr als 7400 Unternehmen in den USA börsennotiert. Heute sind es nur noch knapp 5800.

Asiens Börsen werden immer größer

Der Exodus betrifft so gut wie alle Handelsplätze. So hatte die NYSE 1998 noch 3114 gelistete Unternehmen. Während der Finanzkrise brach diese Zahl dramatisch ein, im Oktober 2010 lag sie bei 2426 - von AAN (das Kürzel des Elektronikhändlers Aaron's Inc.) bis ZBPRE (die Finanzholding Zions Bancorporation). An der NYSE-Tochter American Stock Exchange (Amex) schmolz der Club allein seit Januar dieses Jahres von 524 auf 501. Und das Nasdaq-Angebot verringerte sich seit 2001 von mehr als 4000 auf zuletzt 2852 Listings.

Sicher bleibt New York ein Mega-Handelsplatz. Am Donnerstag voriger Woche, dem Tag des GM-Börsengangs, wechselten an der NYSE insgesamt 1.243.746.944 Aktien den Besitzer, Durchschnittspreis 51,61 Dollar. Damit ist die NYSE weit gekommen seit jenem 17. Mai 1792, als sie unter der legendären Platane an der Wall Street die ersten Aktien handelte - Aktien der Bank of New York des US-Gründervaters Alexander Hamilton. Deren Ticker-Kürzel BK existiert bis heute, auch wenn die Bank 2007 mit dem US-Finanzriesen Mellon fusionierte.

Trotzdem sind Experten besorgt über die Börsenflucht. "Dieser Trend sollte uns sehr beunruhigen", sagte Andrew Lo, Finanzexperte am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der "New York Times". "Kapitalmärkte sind unerlässlich für die Unternehmensgründung und das Wirtschaftswachstum. Wenn die Zahl der Listings abnimmt, zeigt dies, dass es nicht mehr das gleiche Maß an Kapitalbildung gibt wie in der Vergangenheit."

Fannie und Freddie sprangen ab

Verlieren die USA ihren Reiz als Börsenplatz? In der Tat hinken sie dem Rest der Welt in puncto IPOs hinterher. Googles sensationeller Sprung an die Nasdaq, lange der IPO aller IPOs, ist nun mehr als sechs Jahre her. Die Zahl der US-Börsengänge pro Jahr hatte da längst ihren Zenit überschritten, den sie 1996 mit 756 US-Firmen erreichte. 2008, zum Höhepunkt der Krise, waren es nur noch 36 Unternehmen, im vorigen Jahr gerade mal zwei mehr. Für 2010 rechnen die US-Börsen mit rund hundert neuen IPOs - knapp ein Achtel des einstigen Rekordwerts.

Weltweit sieht es da ganz anders aus. Im dritten Quartal 2010 lag die IPO-Aktivität nach Angaben der Unternehmensberatung Ernst & Young global mit 286 Deals und 52,7 Milliarden Dollar Kapitalbeschaffung schon wesentlich höher als im Vergleichquartal des Vorjahres (146, 33,6 Milliarden Dollar). Auf die USA entfielen dabei jedoch nur 23 IPOs. Beherrschend war dagegen Asien: Dort fanden 60 Prozent der weltweiten Börsengänge (173) mit 83 Prozent des Kapitals (43,8 Milliarden Dollar) statt - davon allein 110 Deals mit 40,1 Milliarden Dollar in China.

Die US-Börsen werden kleiner und die in Asien immer größer. Von 1999 bis 2009 hat sich die Zahl der Werte an den asiatisch-pazifischen Märkten mehr als verdoppelt, von 8865 auf 20.901. Der Handelsplatz in Hongkong wuchs etwa von 708 auf 1319 Unternehmen an.

Der "unglaublich schrumpfende Aktienmarkt" der USA ("New York Times") hat vor allem zwei Gründe:

  • Eine wichtige Rolle spielt das Sarbanes-Oxley-Gesetz von 2002. Es verschärfte in Folge des Enron-Skandals die Regeln für börsennotierte Unternehmen. Unter anderem haben sich dadurch die Rechtskosten der Firmen erhöht - was einen Börsengang tendenziell unattraktiver macht.
  • Den Rest hat die Finanzkrise besorgt. Viele Firmen sind schlicht gestorben, andere wurden von Konkurrenten aufgekauft. Und wenn eine Aktie an der NYSE unter einen Dollar fällt, wird automatisch ihr Delisting eingeleitet. Diese Regel war auf dem Höhepunkt der Krise zwar vorübergehend ausgesetzt worden. Trotzdem verlor die Börse viele einst strahlende Namen: Lehman Brothers, Bear Stearns, Washington Mutual, Blockbuster. Die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sprangen freiwillig ab.

Exodus der Deutschen

Fast täglich gibt die NYSE neue Delisting-Verfahren bekannt. Unter den jüngsten Opfern: der Rüstungskonzern Allied Defense, die Pharmaunternehmen Interleukin und RegeneRX, der Privatjetbauer Gulfstream, die TV-Produktionsfirma 4 Kids Entertainment, der Immobilienfonds-Treuhandfonds Care Investment, der Energiekonzern Cano und der große Anleihenversicherer Ambac Financial.

Auch fürs Ausland hat der Handelsplatz New York in den vergangenen Jahren viel Anziehungskraft eingebüßt. Daimler Chart zeigen und die Deutsche Telekom Chart zeigen zogen sich in diesem Jahr von der NYSE zurück. Zuvor hatten schon die Allianz Chart zeigen, Infineon Chart zeigen, Bayer Chart zeigen und E.on Chart zeigen der Wall Street den Rücken gekehrt. Nun gibt es nur noch vier deutsche Aktien an der NYSE: Siemens Chart zeigen, Deutsche Bank Chart zeigen, Fresenius Medical Care Chart zeigen und SAP Chart zeigen.

Doch nicht alle schreiben die Wall Street ab. Obwohl die Handelswoche wegen Thanksgiving um eineinhalb Tage verkürzt ist, wagen an diesem Montag gleich zwei Unternehmen den Sprung an die NYSE: der Bekleidungshersteller Xiniya und die Immobilienfirma Syswin.

Allerdings ist dies nicht unbedingt ein Beleg für die Stärke der amerikanischen Wirtschaft: Beide Unternehmen stammen aus China.

Mehr zum Thema


insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 22.11.2010
1. Interessant
Wenn man bedenkt, dass die DAX-Unternehmen mehrheitlich gar nicht den Deutschen gehören, bedeutet das wohl, dass immer mehr Anleger bereit sind, auch in Europa zu handeln. Das ist ja auch recht und billig. Die hohen Standards der amerikanischen Börsenaufsicht sollten wir trotzdem auch hier in Frankfurt, Stuttgart etc. haben.
raka, 22.11.2010
2. .
Zitat von sysopNew York ist der größte Finanzplatz der Welt - doch das könnte sich bald ändern. Die US-Börsen werden immer kleiner, die Zahl der gelisteten Firmen schrumpft. Viele Unternehmen gingen pleite, andere flüchten vor strenger Regulierung. Neue Aktiennotierungen finden fast nur noch in Asien statt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729965,00.html
Niedergang halt. Die USA sind ein verglühendes Imperium. Hoffentlich werden wir nicht mit in den Strudel gezogen ...
pater_jürgen 22.11.2010
3. Zahnloser Tiger mit zerzaustem Fell auf sinkenden Schiff
Deutet man alle Signale wird eines langsam sehr deutlich - die Amerikaner haben das ökonomische Zepter bereits aus der Hand gegeben und sind nicht mehr die "Leading Nation" in der Welt, weder finanziell noch politisch. Hoch verschuldet und ohne bedeutende Fertigungsindustrie im Land - die Aussichten auf eine Verbesserung der Wirtschaftslage stehen nicht nur schlecht, sie sind miserabel. Die Luft wird dünn auf der anderen Seite des Atlantiks. Auch wenn sich John und Jane Doe dessen noch nicht zur Gänze bewusst sein dürften.
Originalaufnahme 22.11.2010
4. Ohne Titel
Zitat von sysopNew York ist der größte Finanzplatz der Welt - doch das könnte sich bald ändern. Die US-Börsen werden immer kleiner, die Zahl der gelisteten Firmen schrumpft. Viele Unternehmen gingen pleite, andere flüchten vor strenger Regulierung. Neue Aktiennotierungen finden fast nur noch in Asien statt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729965,00.html
War denn etwas anderes zu erwarten, nachdem die USA seit 1945 praktisch jeden internationalen Konflikt falsch eingeschaetzt und verloren haben?
Peet89 22.11.2010
5. Aus und vorbei
Zitat von sysopNew York ist der größte Finanzplatz der Welt - doch das könnte sich bald ändern. Die US-Börsen werden immer kleiner, die Zahl der gelisteten Firmen schrumpft. Viele Unternehmen gingen pleite, andere flüchten vor strenger Regulierung. Neue Aktiennotierungen finden fast nur noch in Asien statt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729965,00.html
Da kann man die US-Flagge noch so groß auf seinem linken Arm haben, es hilft nichts. Das Land geht unter...Hoffentlich werden wir nicht mit gerissen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.