Warnstreiks der IG Metall Tausende Beschäftigte legen Arbeit nieder

Porsche, Bombardier oder Bosch: In zahlreichen Betrieben haben Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten gestreikt. Der Ausstand könnte erst der Anfang sein.

IG-Metall-Protest bei Porsche in Stuttgart
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IG-Metall-Protest bei Porsche in Stuttgart


Die IG Metall erhöht im festgefahrenen Tarifstreit den Druck auf die Arbeitgeber: Vor Beginn der dritten Verhandlungsrunde in der Metall- und Elektroindustrie hat die Gewerkschaft die bundesweiten Warnstreiks ausgeweitet. Mehr als 8000 Metaller legten Arbeitnehmerangaben zufolge zeitweise die Arbeit nieder, um für mehr Geld und neue Arbeitszeitregeln zu protestieren. Insgesamt sind demnach seit Anfang Januar bereits 15.000 Beschäftigte dem Streikaufruf gefolgt.

Der Schwerpunkt der Aktionen lag in Baden-Württemberg. Dort kamen laut Gewerkschaft mehr als 4000 Menschen zu Kundgebungen, davon allein rund 3000 bei Porsche in Stuttgart. Etwa 700 Gewerkschafter zogen durch Berlin, rund 400 bestreikten den Lokomotiven-Hersteller Bombardier in Brandenburg. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt legten rund 1000 Beschäftigte kurzzeitig die Arbeit nieder. In Nordrhein-Westfalen zählte die IG Metall zunächst und 750 Streikende in sechs Betrieben.

Die IG Metall fordert eine befristete Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden wöchentlich - einen teilweisen Lohnausgleich für etwa Schichtarbeiter inklusive. Bestimmte Beschäftigte wie Eltern junger Kinder sowie pflegende Familienangehörige sollen zudem einen Zuschuss erhalten. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schätzt, dass 1,53 Millionen Arbeitnehmer einen solchen Anspruch hätten. Die Arbeitgeber hatten bislang Lohnzuwächse von zwei Prozent plus einer Einmalzahlung angeboten - aber auch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten verlangt. Sie warnten: Würde die Arbeitszeit gekürzt, entspräche das mehr als 150.000 Stellen.

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber sagte dem Sender SWR Aktuell, die Forderung treffe den "Nerv der Zeit". Viele Vollzeitarbeiter wollten dabei gar nicht kürzer treten - es gehe mehr darum, selber bestimmen zu dürfen. "Darüber kann man Zufriedenheit erzeugen", sagte der Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von der Bundesarbeitsagentur. Zufriedene Mitarbeiter blieben eher im Unternehmen und seien produktiver. Außerdem passe eine flexible Arbeitszeit zu modernen Familien.

Lesen Sie hier: Jetzt wird's ernst - darum geht es der IG Metall.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann forderte die Arbeitgeber erneut auf, mit der Gewerkschaft über die Arbeitszeit-Forderung zu verhandeln. Die Arbeitgeber halten diese für unrechtmäßig und damit nicht verhandelbar.

Es entstünden Ungleichbehandlungen gegenüber Mitarbeitern, die jetzt schon ohne Ausgleich in Teilzeit arbeiten. Sie berufen sich auf ein arbeitsrechtliches Gutachten, das diese Sichtweise stützt. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte dies laut Redaktionsnetzwerk Deutschland ein "peinliches Manöver" genannt, das alte Rollenmodelle festige: "Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um die Kinder."

Für den Nachmittag und Abend kündigte die Gewerkschaft weitere Warnstreiks an. Am Dienstag will sie in Nordrhein-Westfalen 143 Unternehmen bestreiken. In Baden-Württemberg und Berlin soll die Arbeit dann jeweils in etwa einem Dutzend Betrieben phasenweise ruhen.

Unmittelbar nach Mitternacht hatten schon Mitarbeiter von Firmen im fränkischen Aschaffenburg und im westfälischen Iserlohn die Arbeit für kurze Zeit ruhen lassen. Weitere Aktionen gab es auch in Hessen, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen. In Rheinland-Pfalz und dem Saarland soll es Dienstag losgehen.

Arbeitszeit in Deutschland

"Wenn sich am Donnerstag am Verhandlungstisch nichts tut, dann werden die Arbeitgeber schnell spüren, wie sauer ihre Belegschaften sind", sagte Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück in Stuttgart mit Blick auf die nächste Verhandlungsrunde. Nicht die Arbeitgeber hätten die hohen Gewinne erwirtschaftet, sondern die Beschäftigten.

apr/AFP/dpa/Reuters

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grommeck 08.01.2018
1. 15 000 ?
1 500 000 wäre eine Zahl. Dann gäbe es auch schneller eine GroKo, die scheinbar unvermeidlich ist - leider.
keine-#-ahnung 08.01.2018
2. Alle Räder stehen still ...
... wenn Dein starker Arm das will! Warum will die IG Metall eigentlich für Arbeitszeitreduzierung streiken? Bei Opel passiert das gerade fast vollautomatisch ... wird nicht die letzte Firma in der Branche sein!
MisterD 08.01.2018
3. Ach guck...
ich lese zum ersten Mal, dass der teilweise Lohnausgleich bei der 28h-Option wohl nur für Schichtarbeiter und andere Arbeitnehmer ohne klassische 9 to 5-Job gelten soll? Warum das? Entweder alle kriegen einen Ausgleich oder keiner. Die Schichtzulagen bekommen die Leute, weil die Belastung (physisch, psychisch, sozial) höher ist, wenn man von 22h bis 6h arbeiter, anstatt von 6h bis 14h... wieso sollte man einen Ausgleich kriegen, wenn man diese Schichten nicht mehr macht? Nur weil die Leute sich auf diese Zulagen einstellen und damit kalkulieren? Dieser Lohnausgleich wird der Knackpunkt werden. Denn er ist zurecht strittig. Wieso soll man Geld bekommen, obwohl man nicht arbeitet? Die Alimentierung ist Aufgabe des Staates, nicht der Privatwirtschaft...
joG 08.01.2018
4. Opel fährt Kurzarbeit.....
....um Arbritsplätze zu retten. Gelten die geforderten größeren Löhne und Kosten steigernden Vergünstigungen dann auch für Opel? Und wenn, zahlt dann die Gewerkschaft das Arbeitslosengeld der daher Entlassenen?
aktiverbeobachter 08.01.2018
5. Pfui
Gott sei Dank sind die Arbeitnehmer/innen in unserem Betrieb noch bodenständig und vernünftig. Und lassen sich nicht durch die IG Metall verblenden, sondern sehen, was sie an ihrem Arbeitgeber und ihrem Arbeitsplatz haben. Bei uns nimmt grundsätzlich niemand an solchen sozialterroristischen Akten wie (Warn) Streiks teil, sondern freut sich lieber auf die Arbeit und kommt demzufolge gerne zur Arbeit. Konflikte werden, wenn nötig, mit dem konstruktiven Betriebsrat verhandelt, ansonsten benötigen wir keine fundamentalistischen Dogmaten um unser Recht wahrzunehmen.
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