Korruptionsvorwurf Warum Bilfinger einen polnischen Moto-Cross-Verein sponserte

Der deutsche Konzern Bilfinger steht wegen Korruption unter US-Aufsicht. Doch ein Fall in Polen wirft Fragen auf: Warum überwies das Unternehmen Geld an einen Moto-Cross-Verein im Karpatenvorland?

Bilfinger-Chef Tom Blades
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Bilfinger-Chef Tom Blades

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Wenn Manager vor ihre Aktionäre treten, um sich einmal im Jahr ein Zeugnis abzuholen, zählt meist nur eines: die Bilanz. Nicht bei Tom Blades. Sein wichtigstes Fach ist "Betragen".

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Der Deutsch-Brite führt den Industriekonzern Bilfinger in Mannheim. Schon seit 2014 steht die kriselnde Firma unter der Aufsicht von US-Behörden, weil sie in Nigeria für Aufträge geschmiert hatte. Um die strengen Aufpasser zum Jahresende loszuwerden, muss Bilfinger nun ein "gut" in Betragen bekommen.

Und Blades verpasst keine Gelegenheit, Bilfinger als Musterschüler zu inszenieren, der seine Lektionen für ein sauberes Geschäft gelernt hat: "Wir machen sehr gute Fortschritte", behauptete er etwa und versicherte, dass es seit drei Jahren keinen neuen Korruptionsfall mehr gegeben habe.

Umso schwerer treffen Bilfinger die Enthüllungen vom Wochenende: Nach Recherchen des SPIEGEL schleppt der Konzern noch immer Altlasten aus aller Welt mit sich herum. Oman, Indien, Vietnam, Abu Dhabi, die Schmiergeld-Spur ist lang. Auch Blades Ansage im Herbst 2017, der letzte Korruptionsfall liege länger als drei Jahre zurück, scheint sich nun als Falschmeldung zu entpuppen. Denn noch im März 2015 kam es unter seinem Vorgänger zu einer dubiosen Zahlung von 80.000 Euro in Polen.

Für Mark Livschitz, den vom US-Justizministerium eingesetzten Aufpasser, war die Sache eindeutig. In einem vertraulichen Bericht rügte er: "Der Vorstand hat gegen das Korruptionsverbot im Sinne der Integritätsrichtlinie der Firma verstoßen."

Dass bei Korruptionsermittlungen Dreck aufgewühlt wird, passt in diesem Fall ganz gut. Denn das Geld ging an den Moto-Cross-Verein im polnischen Rzeszów. Die driftenden Biker auf der Sandbahn sind die Helden der Stadt. Für das Team von Speedway Stal Rzeszów fahren Sportler aus sechs Ländern, mit dabei 2015 der Altstar und viermalige Weltmeister Greg Hancock aus den USA. Das alles kostet, der Verein sucht ständig Sponsoren.

"Bilfingers positive Reputation stärken"

Der andere Stolz der Stadt ist die neue Brücke, das moderne Wahrzeichen von Rzeszów, eine Riesenharfe aus Stahlseilen. Die polnische Bilfinger Infrastructure zog sie 2015 über den Fluss Wislok; der Pylon mit den Seilen reckt sich 108,5 Meter in den Himmel. Doch noch in der Bauzeit wollte Bilfinger sich von seiner Polen-Tochter trennen. Ein Käufer stand bereit: der Porr-Konzern in Österreich. Was das mit dem Speedway-Klub zu tun hatte?

Am 24. März 2015, keine drei Monate vor dem Verkauf der Firma, beschloss der Bilfinger-Vorstand in Mannheim unter dem damaligen Interimschef Herbert Bodner, die Moto-Crosser in Rzeszów mit 80.000 Euro zu beglücken. Der Antrag kam von den Managern der polnischen Bilfinger-Tochter. Lapidare Begründung: Der Brückenbau komme gut voran, Bilfinger habe deshalb eine gute Presse, auch die Kontakte zum Bürgermeister und zur Stadt seien gut. Da sei doch "eine Sponsoren-Initiative zum Wohl eines lokal und national beliebten Sports geeignet, Bilfingers positive Reputation noch weiter zu stärken."

Aber warum, wenn doch sowieso schon alles bestens war?

Der Konzern behauptet heute, das Logo von Bilfinger sei 2015 bei Speedway Stal Rzezów überall gewesen, auf Rennanzügen, Helmen, Motorrädern. Der Marketingeffekt sei sogar weit über 80.000 Euro wert gewesen und das Geld gut eingesetzt, um "das positive Image von Bilfinger in der Region zu verstetigen". Merkwürdig nur: Als US-Aufseher Livschitz nach dem Logo suchte, fand er es fast nirgendwo. Und wofür wollte Bilfinger sein Image in der Region verstetigen, wenn schon feststand, dass man in ein paar Monaten aus Rzeszòw verschwunden sein wollte? Die Polen-Firma stand schließlich zum Verkauf.

"Seit 2016 keine systematischen Compliance-Verstöße"

Einen besseren Grund als die heutige Führung in Mannheim präsentierte der damalige Chefjustiziar von Bilfinger für die ominöse Zahlung. Hätte man sich geweigert, hätte es Ärger mit den Managern der polnischen Tochter gegeben, erklärte er dem US-Aufseher Livschitz. "Eine negative Einstellung, die im Hinblick auf den laufenden Verkaufsprozess zu erwarten war, sollte vermieden werden", so habe ihm das sein zuständiger Bilfinger-Vorstand erklärt. Das aber war aus Sicht des US-Aufsehers Korruption, zumindest nach den eigenen Konzernrichtlinien: Die Manager der Firma, schon auf dem Sprung zum neuen Eigentümer, sollten mit Sponsorengeld für den beliebten Sportklub bei Laune gehalten werden, um sich nicht gegen den Verkauf zu stemmen.

Im Geschäftsbericht 2017 war der Konzern daher auch deutlich reservierter als sein Chef Blades, der den letzten Korruptionsfall vollmundig ins Jahr 2014 zurückverlegen wollte. Dort hieß es: "Seit Ende 2015 wurden im Rahmen regelmäßiger interner und externer Audits keine systematischen Compliance-Verstöße mehr bei Bilfinger entdeckt. Einzel- und Verdachtsfälle gibt es jedoch immer wieder".

Und als der SPIEGEL nun anfragte, lautete die Antwort schon wieder anders: "Seit 2016 gab es bei Bilfinger keine systematischen Compliance-Verstöße."

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
bran_winterfell 18.06.2018
1. Naja...
"Einen besseren Grund als die heutige Führung in Mannheim präsentierte der damalige Chefjustiziar von Bilfinger für die ominöse Zahlung... Die Manager der Firma, schon auf dem Sprung zum neuen Eigentümer, sollten mit Sponsorengeld für den beliebten Sportklub bei Laune gehalten werden, um sich nicht gegen den Verkauf zu stemmen." Also ganz ehrlich, indem Bilfinger 80.000€ in Sponsoring investieren, werden die Manager bei Laune gehalten? Kommt mir doch ziemlich weit hergeholt vor. Sind die Manager alle Speedway-Fans, und alle von dem Verein? Klingt für mich nicht wirklich plausibel...
nic 18.06.2018
2. Bilfinger steht wegen Korruption unter US-Aufsicht
Jemand bereit mir zu erklären, warum ein deutsches Unternehmen unter US Aufsicht steht?
matt4866 18.06.2018
3. Das Haar der Länge nach spalten
Es handelt sich also um "Korruption", wenn innerhalb der Firma Leute bei Laune gehalten werden sollen, die einen Unternehmensteil fuehren, der verkauft werden soll. Lachhaft! Prämien bei laufenden Verkaufsprozessen sind nicht unüblich, in den USA schon gar nicht! Hier geht es nichteinmal darum, sondern um Sponsoring einer (langweiligen) Sportveranstaltung. Ein Treppenwitz. Da ist dem amerikanischen Aufseher wohl die Birne durchgebrannt.
BettyB. 18.06.2018
4. Toll
Ein Justiziar und ein Journalist, die beide von PR keine Ahnung haben. Da kommt Freude auf...
spon_bob 18.06.2018
5. Moto Cross oder Speedway...
... sind halt 2 vollkommen unterschiedliche Sportarten. Wenn der Rest des Artikels genauso gut recherchiert ist, dann vielen Dank.
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