Zeitungssterben Fair Trade für die Schreiberlinge

Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" ist nicht nur für Verleger ein Warnsignal. Leser müssen sich klarmachen, wie ihre Nachrichten entstehen - und entscheiden, was sie ihnen wert sind.

Ein Kommentar von

"FTD"-Redakteure bei Konferenz zur letzten Ausgabe: Das Informationsangebot wird ärmer
dapd

"FTD"-Redakteure bei Konferenz zur letzten Ausgabe: Das Informationsangebot wird ärmer


Die Befangenheitserklärung vorweg: Auch ich habe einige Jahre bei der "Financial Times Deutschland" ("FTD") gearbeitet, die heute zum letzten Mal erscheint. Schon deshalb lässt es mich nicht kalt, dass nun mehrere hundert ehemalige Kollegen ihren Job verlieren.

Doch dass innerhalb kürzester Zeit mit "FTD" und "Frankfurter Rundschau" gleich zwei überregionale Zeitungen vor dem Aus stehen, sollte auch Nicht-Journalisten beunruhigen - selbst wenn sie die Blätter noch nie in der Hand gehalten haben. Denn ohne sie wird das Informationsangebot ärmer.

Viele scheinen das anders zu sehen. Wozu Zeitungen oder Zeitschriften, fragen sie, wenn ich doch im Internet alle Nachrichten bekomme? Ich finde diese Einstellung erschreckend naiv - auch wenn ich heute bei SPIEGEL ONLINE arbeite. Immer mehr Menschen legen Wert darauf, die Produktionsbedingungen ihres Kaffees oder T-Shirts zu kennen. Wie Nachrichten entstehen, scheint deutlich weniger zu interessieren.

Fakt ist: Ein großer, wenn nicht der größte Teil relevanter Nachrichten im Netz wird bis heute in traditionellen Redaktionen geschrieben. Wer das nicht glaubt, möge einen Blick auf Google News werfen. Die dort aggregierten Meldungen stammen weitgehend von Printmedien oder deren Online-Seiten - nicht etwa von Bloggern, die vor einigen Jahren schon als die Zukunft des Journalismus galten. Das gilt besonders für sogenannte Scoops, also Exklusivnachrichten, die oft mit großem Aufwand und gegen Widerstände ans Licht gebracht werden. Die "FTD" war besonders stark bei solchen Scoops.

Natürlich können Online-Medien genauso gut und relevant sein wie ihre Print-Vorfahren. Doch noch fehlen vielen dazu schlichtweg die Mittel. SPIEGEL ONLINE ist eine Ausnahme, weil es von einer vollwertigen Redaktion mit rund 130 Journalisten gemacht wird. Die meisten Online-Redaktionen aber sind bislang wenig mehr als das Anhängsel eines traditionellen Mediums, meist eines gedruckten. Stirbt die Zeitung, so stirbt auch der Internetauftritt - so wie jetzt bei der "FTD".

Google News hat noch keinen Minister gestürzt

All das ist kein Grund zum Selbstmitleid. Wie viele Branchen vor ihnen müssen sich die Medien dem Strukturwandel stellen, den das Internet ausgelöst hat. Warum sollte es uns besser gehen als der Textilindustrie? Die richtige Mischung aus Print und Online, aus Gratis- und Bezahlinhalten zu finden ist die große Herausforderung, auch für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

Doch ebenso, wie sich kritische Verbraucher immer mehr Gedanken darüber machen, unter welchen Bedingungen Kleidung genäht und Kaffee geerntet wird, sollten sie sich auch Gedanken über den Entstehungsprozess von Nachrichten machen. Google News hat jedenfalls noch keinen Minister gestürzt und keinen Unternehmensskandal aufgedeckt.

Guter Journalismus, der seine gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, kostet Geld. Das kann aus vielen Quellen kommen. Die linksalternative "tageszeitung" etwa versucht es mit einer Art Fair Trade für Journalisten: Wohlhabendere Leser zahlen freiwillig mehr für ihre Abos und können mittlerweile auch für Online-Artikel spenden. Auch viele "FTD"-Leser schrieben in den vergangenen Tagen, sie wären bereit gewesen, mehr für Zeitung und Internetinhalte zu zahlen - wenn sie nur gewusst hätten, wie dramatisch die Lage ist.

Wer partout nicht zahlen will, kann sich natürlich auch auf mehr Werbung einlassen. Werbeagenturen haben viele Ideen, wie sich ihre Botschaften immer umfassender im Internet platzieren lassen. Doch auch das behagt vielen Lesern nicht - wie der zunehmende Gebrauch von Werbeblockern für Internetseiten zeigt.

Ganz ohne Gegenleistung der Leser aber wird es nicht gehen. Qualität gibt es im Netz auf Dauer genauso wenig umsonst, wie es für 3,99 Euro ein Pfund fair gehandelten Kaffee gibt. Oder um es mit der mittlerweile schon legendären Wutrede von Sven Regener zum Thema Urheberrecht zu sagen: "Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass die, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße."



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insgesamt 301 Beiträge
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Seite 1
marin 07.12.2012
1. Qualität
Qualität ist mir natürlich völlig schnuppe, deshalbb lese ich ja Spiegel Online.
spon-facebook-10000325765 07.12.2012
2. Des Pudels Kern...?
Nein, nein und nochmals nein. Wann merken die werten Schreiberlinge endlich einmal, dass sie sich selbst um Kopf und Kragen schreiben, wenn man die Schuld grundsätzlich bei Anderen, nicht bei sich selbst sucht? Google News hat keinen Minister gestürzt? Aber die Presse, die sich gerade massiv in die Schuld der Politik stellt (Leistungsschutzrecht) und sich so hofft, ihre Pfründe zu sichern? Wie schön wäre es gewesen, wenn beim Aufkommen des Automobils ein Schutzrecht für die armen Kutscher erlassen worden wäre, oder eine Tastatur-Abgabe für die darbende Schreibmaschinen-Industrie, als plötzlich alle Welt Computer benutzte! Aber nein, ist klar. Wenn es um die eigene Haut geht sind alle Verlage/Schreiberlinge auf einmal streng sozialistisch eingestellt, freie Marktwirtschaft (Kapitalismus?) ist nur gut, solange es nur die anderen betrifft. Aber zurück zum Artikel: Sie fühlen sich unter Wert bezahlt? Dann sollten Sie ihre Arbeit vielleicht nicht KOSTENLOS zur Verfügung stellen. Man wird sehen, wieviel sie wert ist, d.h. wer dafür bezahlt. Marktwirtschaft eben. Danke.
Andreas_Schneider 07.12.2012
3. Die Bringschuld
liegt nicht beim Kunden, sondern bei den Medien. Der Dienstleister muss sich ein neues Angebot ausdenken.
schwarzes_lamm 07.12.2012
4.
Zitat von marinQualität ist mir natürlich völlig schnuppe, deshalbb lese ich ja Spiegel Online.
Zumindest erregt das Festklammern des Spiegel-Online am Thema Klima noch etwas Aufmerksamkeit beim Leser.
hanfiey 07.12.2012
5. Online
Sorry, aber warum sollte ein Rechner mit einem Webserver mehr kosten als ein Druck mit Papiermengen im Tonnennbereich?. Wer 130 Menschen zum Nachrichten tippen braucht dem ist nicht zu helfen und nein, es interessiert mich nicht wie Nachrichten entstehen. Wenn die mich nicht interessieren dann lasse ich die liegen!.
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