Streikende Piloten Lufthansas Elitenproblem

Der Lufthansa-Streik betrifft nur eine Minderheit, den meisten Deutschen kann er egal sein. Ganz anders sieht es mit den übrigen Lufthansa-Mitarbeitern aus. Sie werden von einer Elite in Geiselhaft genommen, welche die veränderte Welt um sie herum ignoriert.

Lufthansa-Pilot mit Mütze: Die Streikfolgen sind beherrschbar
DPA

Lufthansa-Pilot mit Mütze: Die Streikfolgen sind beherrschbar

Ein Kommentar von


Gut 400.000 Passagiere sind vom Pilotenstreik der Lufthansa betroffen. Das klingt nach viel, entspricht aber gerade mal einem halben Prozent der Bevölkerung - wobei ein erheblicher Teil der Lufthansa-Passagiere nicht aus Deutschland kommt. Von dem Pilotenstreik werden deshalb viel weniger Bürger etwas mitbekommen als von den Warnstreiks, mit denen Ver.di kürzlich unter anderem Busse und Bahnen, Krankenhäuser und Kitas lahmlegte.

Wie beherrschbar die Streikfolgen sind, zeigt sich auch daran, dass der Betrieb an deutschen Bahnhöfen trotz zusätzlicher Passagiere bislang weitgehend normal weiterläuft. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Piloten Deutschland lahmlegen.

Selbstverständlich haben Piloten genauso das Recht zu streiken wie andere Berufsgruppen. Niemand kann Verhältnisse wie bei Golf-Airlines aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wollen, wo Arbeitskämpfe gesetzlich verboten sind. Und dass die Vereinigung Cockpit (VC) bei der Altersversorgung eine Spaltung zwischen jungen Berufseinsteigern und Altgedienten verhindern will, ist prinzipiell ein legitimes Anliegen.

Nur bringt es wenig, allein auf seine Rechte pochen, wenn sich drumherum die Welt verändert. Zu dieser veränderten Welt gehört der steile Aufstieg der Golf-Airlines, den auch die nun oft zur Hilfe gerufene Politik nicht verhindern kann. Und dazu gehört ein Trend zum längeren Arbeiten, der auch vor der Lufthansa nicht haltmacht: Es waren Piloten der Airline, die vor dem Europäischen Gerichtshof erfolgreich gegen eine Zwangsverrentung mit 60 klagten und damit auch den bislang noch möglichen Ruhestand mit 55 in Frage stellten.

Zur veränderten Welt der Lufthansa gehört schließlich auch, dass die europäische Luftfahrtindustrie in der Krise steckt. Mehrere Airlines gingen in den vergangenen Jahren pleite, Deutschlands zweitgrößte Fluglinie Air Berlin hängt zunehmend von der Gunst des arabischen Großinvestors Etihad ab. Die Lufthansa macht zwar weiterhin Gewinn, hat sich aber auch ein hartes Sparprogramm verordnet, durch das Tausende von Stellen wegfallen.

Vor diesem Hintergrund ist es schon etwas zynisch, wenn der frühere VC-Chef Winfried Streicher im ZDF beklagt, man wolle "das Personal hier zur Kasse zu bitten", obwohl "richtig viel Geld verdient" werde. Denn bislang waren nur andere Lufthansa-Mitarbeiter vom Sparprogramm betroffen, die Piloten haben sich verweigert.

Und so kann der Pilotenstreik zwar den meisten Deutschen egal sein, nicht aber den übrigen Beschäftigten im Konzern. Sie werden von einer Elite in Geiselhaft genommen, der die Sicherung der eigenen Privilegien offenbar wichtiger ist als die Zukunft des gesamten Unternehmens.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 215 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
oromer 02.04.2014
1. Lufthansas Elitenproblem
Der Streik der hier vom Zaun gebrochen wird riskiert ein gesundes Unternehmen wirtschaftlich zu schädigen welches der fordernden Elite schon zu oft entgegen gekommen ist...Masshaltigkeit ist für superverdiendene Piloten nicht angesagt..Eher riskieren sie die Wettbewerbsfähigkeit Ihres AG´s...Einfach unglaublich als wenn es nur einen gebe der wirklich arbeitet..
Berner Rösti 02.04.2014
2.
Von den tausenden Pendlern, die Verdi in "Geiselhaft" genommen hat, spricht komischerweise niemand. Denn das aus dem Streik resultierende Verkehrs-Chaos im Rhein-Main-Gebiet hat letztlich nicht nur diejenigen getroffen, die sich zwangsweise ein alternatives Transportmittel suchen mussten, sondern auch diejenigen, die dann genauso in den langen Staus stecken geblieben sind. Niemand hat etwas dagegen, wenn bestimmte Berufsgruppen sich für bessere Arbeitsverhältnisse und bessere Bezahlung einsetzen. Doch das auf dem Rücken Unbeteiligter auszutragen, ist eine Unverschämtheit.
baluderbaer 02.04.2014
3. Fakten?
Eben habe ich eine Presseerklärung der Vereinigung Cockpit gelesen, da klingt das alles irgendwie ganz anders. Wo auch immer die Wahrheit zu finden ist, ich empfehle sie zu lesen, bevor man ein Urteil fällt...
wurmfortsatz 02.04.2014
4. optional
Bessere Kutscher? Keiner anderen Berufsgruppe, die Menschen oder Dinge transportiert steht so viel Technik zur Seite, die ihnen die Arbeit erleichtert. Beim Busfahrer ist das höchste doch die automatische Tür und das Automatikgetriebe. Beim LKW gar nur die Automatik. Beim Taxi ebenso. Bei Schiffen gibt es zwar einen Autopilot, der ist aber im Hafen völlig unbrauchbar. Verdienen tun diese Gruppen alle weniger, Vorruhestand gibts da eher auch nicht. Sowas steigert nicht gerade den Ruf einer Gruppe.
atlwm 02.04.2014
5. Freu mich über jeden Streik
Zitat von oromerDer Streik der hier vom Zaun gebrochen wird riskiert ein gesundes Unternehmen wirtschaftlich zu schädigen welches der fordernden Elite schon zu oft entgegen gekommen ist...Masshaltigkeit ist für superverdiendene Piloten nicht angesagt..Eher riskieren sie die Wettbewerbsfähigkeit Ihres AG´s...Einfach unglaublich als wenn es nur einen gebe der wirklich arbeitet..
Wir sollten uns über jeden Streik freuen, denn nur ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis zwischen Großkapital und Arbeitsnehmer bringt ein gesundes Deutschland und damit letzlich ein gesundes Europa.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.