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Sichere Textilfabriken: Metro verweigert sich Bangladesch-Abkommen

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Textilabkommen für Bangladesch: Vorreiter, Nachzügler, Verweigerer Fotos
DPA

Die internationale Textilbranche hat sich zu mehr Sicherheit in den Fabriken Bangladeschs verpflichtet. Doch ein paar deutsche Unternehmen haben das entsprechende Abkommen noch nicht unterzeichnet, allen voran Metro. Warum nicht?

Hamburg - Die Initiatoren sprechen von einem historischen Wendepunkt: 32 führende Handelskonzerne der Textilbranche haben bislang das sogenannte Bangladesch-Abkommen unterzeichnet. Es soll den Brandschutz und die Sicherheit in den Textilfabriken des Landes mit ihren vier Millionen Beschäftigten erhöhen.

Fünf Jahre lang sind die Konzerne an die Verpflichtung gebunden, die unter anderem Kontrollen durch unabhängige Fachleute und für die Mitarbeiter umfassende Trainingsprogramme vorsieht sowie das Recht, bei Verstößen gegen das Abkommen die Arbeit niederlegen zu dürfen. Mehr als tausend Zulieferbetriebe und Zwischenhändler und damit ein Großteil der Textilindustrie in Bangladesch sind auf diese Weise einbezogen.

Noch vor wenigen Wochen hatten lediglich der deutsche Tchibo-Konzern und PVH aus den USA mit den Marken Tommy Hilfiger und Calvin Klein das Abkommen unterschrieben - das maßgeblich von der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign (CCC) - zu deutsch: Kampagne für Saubere Kleidung - vorangetrieben wurde.

Metro wird definitiv nicht unterschreiben

Doch dann stürzte am 24. April in der Nähe der Hauptstadt Dhaka ein Fabrikdach ein. Mehr als 1100 Menschen starben. Plötzlich schlossen sich die meisten der internationalen Textilriesen dem Vertrag an - darunter H&M, C&A, Aldi, Lidl, Kik, Otto, die Zara-Mutter Inditex Chart zeigen oder Esprit.

Den entscheidenden Unterschied zu bisherigen Arbeitsschutz-Initiativen sieht Berndt Hinzmann von der CCC im sogenannten Multistakeholder-Ansatz: Mit örtlichen und internationalen Gewerkschaften, der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Uno, der angesehenen deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und den Textilunternehmen selbst arbeiteten nun viele verschiedene Akteure zusammen. Weil auch die Branchenriesen mitmachten, wachse zudem der Einfluss auf die Politik in Bangladesch.

Allerdings fehlen einige wichtige Konzerne auf der Unterzeichnerliste - etwa die US-Unternehmen Gap und Wal-Mart. Und auch namhafte deutsche Textilunternehmen haben nicht unterschrieben. SPIEGEL ONLINE hat bei einigen von ihnen nachgehakt: Nur eines der fünf Unternehmen aus der Stichprobe - Metro Chart zeigen - hat sich endgültig gegen einen Beitritt entschieden. Die Sportartikelkonzerne Adidas Chart zeigen und Puma Chart zeigen sowie die Discounterkette NKD schließen ihre Unterschrift nicht aus, und Ernsting's family stellt einen baldigen Beitritt in Aussicht.

  • Für Metro (unter anderem Kaufhof und Real) produzieren eigenen Angaben zufolge 1200 Fabriken in Asien. Nur 42 davon lägen in Bangladesch, sagt eine Sprecherin. Nach sorgfältiger Prüfung habe man sich gegen einen Beitritt entschieden. Stattdessen wolle man sich "ganz auf den Ausbau bestehender Aktivitäten zu Verbesserung von Arbeitsbedingungen konzentrieren", etwa der Business Social Compliance Initiative (BSCI). Zudem habe man bereits Brandschutztrainings für Lieferanten in Bangladesch durchgeführt.
  • Adidas verweist auf die geringe Bedeutung Bangladeschs als Lieferanten. Weniger als ein Prozent der Textilproduktion und lediglich 0,05 Prozent der gesamten Lieferkette des Sportartikelkonzerns entfielen auf das Land. Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen sei man zudem dabei, auch in Bangladesch Mitarbeiter-Trainings zum Brandschutz zu etablieren. Einen Beitritt zum Abkommen schließt Adidas einem Sprecher zufolge nicht aus. Man sei bislang aber noch nicht angesprochen worden, vielmehr habe man inzwischen selbst den Kontakt zu den Initiatoren aufgenommen.
  • Konkurrent Puma "prüft derzeit einen Beitritt und wird sich zeitnah dazu äußern können". Etwa elf Prozent der Puma-Textilien würden in Bangladesch produziert. Bislang definiere bereits das Puma-eigene Handbuch zur Arbeitssicherheit auch Kriterien für Architektur und Statik der Fabriken. Man habe nach der Katastrophe alle Lieferanten angeschrieben, um die Einhaltung der Vorschriften sicherzustellen.
  • Der Textildiscounter NKD prüft eine Unterschrift einem Sprecher zufolge "sehr intensiv und ergebnisoffen". Der Vertrag habe viele Vorteile - allerdings könne man derzeit noch keine Entscheidung treffen, weil entscheidende Details des Abkommens noch nicht geklärt seien. Etwa die genaue Höhe der Zahlungen oder die exakten Verpflichtungen, die NKD eingehen müsste.
    Für NKD ist die Katastrophe bei Dhaka besonders pikant: Der Discounter bezog bis kurz vor dem Einsturz Textilien aus der Unglücksfabrik. Man habe aber aus eigenen Fehlern gelernt, sagte nun ein Sprecher. So würden inzwischen außer Sozialstandards auch Gebäudesubstanz und Baugenehmigungen überprüft. Wie hoch der Anteil der Lieferungen aus Bangladesch ist, kann NKD nicht exakt mitteilen.
  • Ernsting's family stellt eine Unterschrift innerhalb der kommenden 45 Tage in Aussicht. Man sei bereits bislang bei allen Treffen zum Abkommen dabei gewesen. Allerdings seien wichtige organisatorische und finanzielle Fragen noch nicht geklärt. Sobald dies geschehen sei, stünde einem formellen Beitritt nichts mehr im Wege. Die Bedeutung Bangladeschs als Lieferland sei allerdings im Vergleich zu China oder Indien sehr gering.

Auch Ernsting's family verweist wie Metro auf die Mitgliedschaft bei der BSCI. Deren Verhaltenskodex enthält Regelungen zur Arbeitszeit, zu Löhnen und zur Gewerkschaftsfreiheit. Eine Pflicht, Sozialstandards einzuhalten, gibt es allerdings nicht. Die CCC kritisiert BSCI daher scharf: Die Überprüfungen der Fabriken fänden nicht flächendeckend statt und seien meist mit den Fabrikbesitzern abgestimmt. Die Kontrolleure seien damit nicht unabhängig, ihre Ergebnisse müssten zudem nicht veröffentlicht werden.

CCC-Sprecher Hinzmann sieht gerade die Transparenz als entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des nun geschlossenen Abkommens - und den öffentlichen Druck seitens der Medien. Dem schließt sich auch der TV-Journalist Christoph Lütgert an: "Es ist unsere Aufgabe, uns notfalls in die Fabriken einzuschmuggeln und die Versprechen zu prüfen." Lütgert besuchte im vergangenen Jahr für eine NDR-Dokumentation Textilfabriken in Bangladesch und berichtete über die teils katastrophalen Bedingungen.

Das Abkommen empfindet Lütgert zwar als Schritt nach vorn. Aber seine Erfahrungen haben ihn skeptisch werden lassen. "Ich glaube an den Wert dieses Abkommens erst, wenn sich nach einiger Zeit erwiesen hat, dass sich wirklich etwas geändert hat."

Mitarbeit: Christian Teevs

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1. Ich merke mir die Firmen
spiegelleser32 17.05.2013
Adidas Puma NKD ...
2. Abkommen
minsk60 17.05.2013
Zitat von sysopDPADie internationale Textilbranche hat sich zu mehr Sicherheit in den Fabriken Bangladeschs verpflichtet. Doch ein paar Unternehmen haben das entsprechende Abkommen noch nicht unterzeichnet, allen voran Metro. Warum nicht? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-deutsche-textilkonzerne-nicht-dem-bangladesch-abkommen-beitreten-a-900539.html
muß man jetzt als interessiertes Unternehmen bei jedem Unglück bei einem Zulieferunternehmen automatisch der Initiative beitreten, die die öffentliche Aufregung über das Geschehene am besten organisiert?
3. Abwarten
xxmywayxx 17.05.2013
Füße still halten und abwarten, und dann mal schauen was passiert. Nur nicht den prognostizierten Gewinn in Gefahr bringen. Fair Trade, soziales Angagement scheiss egal. Hauptsache die Kasse stimmt.
4. Peinlich !
hansalbers3 17.05.2013
Aber der Konzern ist eh am Ende: keinerlei zukunftsträchtige Konzepte, weder Kaufhof, real, saturn/mediamarkt noch c&c.
5. Hochpreisige Markenware
spassbeseite 17.05.2013
Zitat von sysopDPADie internationale Textilbranche hat sich zu mehr Sicherheit in den Fabriken Bangladeschs verpflichtet. Doch ein paar Unternehmen haben das entsprechende Abkommen noch nicht unterzeichnet, allen voran Metro. Warum nicht? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-deutsche-textilkonzerne-nicht-dem-bangladesch-abkommen-beitreten-a-900539.html
.... wird in genau denselben Sweatshops produziert. Es wird immer propagiert, auch hier auf SPON, dass der Verbraucher darauf achten soll, wo er kauft. Ja, alles gut und schön - ich bin auch gegen die Ausbeutung der Arbeitnehmerinnen (sind meistens Frauen), aber es gibt für Verbraucher wenig Auswahl. Ich bin gerne bereit mehr für sauber produzierte Textilien zu bezahlen - nur ich weiß eben, dass es nur sehr sehr wenige Hersteller gibt, denen man in dieser Hinsicht glauben kann. Auch selber "Nähen, Stricken und Häkeln" ist keine wirkliche Lösung, da ja auch die Ausgangsmaterialien unter ähnlichen Bedingungen hergestellt werden. Also dann auch noch "Weben, Spinnen und Färben" - ach ja "Schafe züchten, Baumwolle anbauen etc.". Was tun, sprach Zeus - Gibt es Vorschläge°?°
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