Kursabsturz: Der Gold-Schlussverkauf

Von Steffen Gosenheimer, Wall Street Journal Deutschland

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Goldbarren: Von Ängsten gespeiste Rally

Am Goldmarkt herrscht Panik, binnen zwei Tagen fiel der Preis so heftig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Gründe für den Kurseinbruch? Die japanische Geldpolitik, das schwächere Wachstum in China und die Risikoforderungen der Broker.

Frankfurt am Main - Was ist bloß mit dem Goldpreis los? Dass es mit der Notierung seit vergangenem Oktober fast nur noch abwärts geht, das war nichts Neues mehr. Seit Freitag hat der Preisverfall aber eine neue Qualität erreicht. Im Handel ist von Panik die Rede und davon, dass die Stimmung am Goldmarkt endgültig gekippt sei. Zum Allzeithoch von 1921 US-Dollar im September 2011 hat der Goldpreis mehr als 20 Prozent verloren. Nachdem am Freitag die Marke von 1500 Dollar je Feinunze fiel, war am Montag die Marke von 1400 an der Reihe.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
Bis Donnerstag hatte sich die Feinunze seit Oktober um gut sieben Prozent auf rund 1561 Dollar verbilligt. Am Freitag brach dann Panik aus und der Preis um weitere 5,3 Prozent ein; am Montag fiel er abermals wie ein Stein. Im Tagestief war die Feinunze für knapp 1356 Dollar zu haben, mehr als acht Prozent billiger als am Freitag.

Noch dramatischer sieht es beim Silber aus. Hier belief sich das Minus von Oktober bis zum vergangenen Donnerstag auf 20 Prozent. Seitdem ist der Silberpreis um weitere 16 Prozent abgestürzt, auf zeitweise 22,97 Dollar.

Kenner des Marktes tun sich mit Erklärungen für die plötzliche Panik schwer. Einen einzelnen Auslöser für die Kurseinbrüche scheint es nicht zu geben, eher ist es die aktuelle Gemengelage, die viele Anleger immer skeptischer werden lässt, ob sie im Gold noch richtig positioniert sind.

Die Marktexperten von Heraeus beurteilen angesichts der Heftigkeit des Preisverfalls Faktoren wie die jüngsten enormen Abflüsse von börsennotierten Goldfonds als nebensächlich. Deren Bestände befänden sich inzwischen aber auf dem tiefsten Stand seit Anfang 2012, heißt es dort.

Auch bei der Commerzbank Chart zeigen teilt man diese Ansicht. Der Abverkauf laufe über den Futures-Markt. An der Warenterminbörse in New York (COMEX) seien am Freitag fast doppelt so viele Kontrakte gehandelt worden wie im Durchschnitt seit Jahresbeginn. Somit hätten auf dem Papier gut 1140 Tonnen Gold den Besitzer gewechselt, das war mehr als die gesamte jährliche Goldnachfrage von Indien oder China.

So unbefriedigend es klingen mag, es dürften in erster Linie technische Faktoren sein, die für die Talfahrt verantwortlich sind. Erfahrungsgemäß bewegt sich der Goldpreis nämlich sehr rasch und sehr stark nach unten. Kommt er also erst mal ins Trudeln, verstärkt sich die Bewegung quasi selbst - wenn Goldbesitzer aussteigen, getreu dem Motto, dass die ersten Verluste die geringsten sind.

Geldpolitik treibt Japaner zum Goldhändler

Eine Rolle dürfte auch die japanische Geldpolitik spielen. Wie die Experten von Heraeus anmerken, steht die Goldpreisentwicklung in Yen in starkem Kontrast zu den Goldpreisen in Dollar und Euro. Der von der japanischen Geldpolitik massiv geschwächte Yen habe den Goldpreis für die Japaner binnen einer Woche um zehn Prozent auf den höchsten Stand seit 33 Jahren katapultiert. Viele Japaner hat das veranlasst, ihre Goldvorräte zu Geld zu machen.

Auslöser der Yen-Abschwächung war die Ankündigung der Bank of Japan, ihre monatlichen Anleihekäufe auf rund 54 Milliarden Euro fast zu verdoppeln. Die Notenbank wirft damit fast so üppig Geld auf den Markt wie ihr amerikanisches Pendant, die Fed. Doch statt Gold zu kaufen, verkaufen die Japaner es. Diese Entwicklung konterkariert, was in den ersten drei Jahren nach dem Start der "Quantitative-Easing"-Strategie der US-Notenbank im Jahr 2008 geschah, als eine Flucht in das Gold zu einer Preisverdopplung führte.

"Der Preisverfall wurde durch das Unterschreiten wichtiger charttechnischer Marken, die zu Anschlussverkäufen führten, noch verstärkt", kommentierte die Commerzbank die Entwicklung am Montag. In besonderem Maße dürfte das für das Silber gelten, dessen Markt noch enger ist, weshalb hier die Preisausschläge noch stärker ausfallen.

Eine verschärfende Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Sicherheitsleistungen (Margin Calls), die solche Anleger hinterlegen müssen, die Kapital zur Verfügung stellen, mit dem sie auf einen steigenden Goldpreis spekulieren. Nehmen die Preisschwankungen zu, und dreht der Markt gegen sie, sind sie gezwungen, ihre Sicherheitsleistungen zu erhöhen, andernfalls werden ihre Goldpositionen verkauft. Genau das hat Marktexperte Frank McGhee von Integrated Brokerage Services beobachtet. Demnach wurden Investoren von ihren Brokern aufgefordert, ihre Margin Calls zu erhöhen.

McGhee sieht an dieser Stelle weiteres Eskalationspotential. Dabei drohe dem Handel die Kontrolle des Goldmarktes zu entgleiten und von den Risikoabteilungen bei den Brokern übernommen zu werden.

"Die Panik setzt sich fort"

Im Handel wird die Flucht der Anleger aus dem Gold unter anderem mit Sorgen begründet, dass die US-Notenbank ihre expansive Geldpolitik früher als bislang erwartet allmählich wieder straffen könnte. Immer wieder gibt es beispielsweise Spekulationen darüber, dass die monatlichen Käufe von Staatsanleihen im Volumen von 85 Milliarden Dollar eher früher als später auslaufen werden. Bislang ist das Programm zeitlich noch unbegrenzt.

Weniger glaubhaft klingen dagegen die ebenfalls als Auslöser des Goldabsturzes vorgebrachten mutmaßlichen Goldverkäufe Zyperns. Die sind vom Umfang her mit geschätzt 400 Millionen Euro viel zu klein, als dass sie eine derart negative Wirkung auf den Goldpreis entfachen dürften.

Der jüngste Dämpfer für die Edelmetallpreise kam am Montag aus China, wo das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal mit 7,7 Prozent etwas schwächer ausgefallen ist als mit 8,0 Prozent erwartet. Da China als zweitgrößter Goldaufkäufer weltweit gilt, trüben die Daten die bereits schlechte Stimmung am Goldmarkt weiter ein. Das Horten von Gold gelte in China als Gradmesser des Wohlstands, mithin könne ein schwächeres Wachstum hier negative Konsequenzen nach sich ziehen, heißt es.

"Die Panik setzt sich fort", sagte Edelmetallexperte David Govett von Marex Spectron. "Die Umsätze und die Preisausschläge sind heftiger als alles, was ich seit langer, langer Zeit in Asien erlebt habe."

Die Analysten fürchten, dass sich eine Preisblase gebildet hat, die zu platzen beginnt. In den vergangenen zehn Jahren hätten die Anleger den Goldpreis kräftig nach oben getrieben. Vor allem seit der Finanzkrise sei die Goldrally von Ängsten gespeist worden, dass die aggressiven geldpolitischen Lockerungsübungen der großen Zentralbanken zu einer kräftigen Inflation führen könnten, betont die Société Générale Chart zeigen. Gold gilt bei vielen Anlegern als sicherer Hafen in Zeiten anziehender Inflation.

Doch genau diese Preissteigerungen sind bislang nicht eingetreten, und sie zeichnen sich auch nicht ab - weder in den USA noch in Europa und auch nicht in Japan, wo sich die Notenbank jüngst sogar selbst ein Inflationsziel von 2 Prozent gesetzt hat. Somit gilt das vielleicht wichtigste Kaufargument für Gold derzeit nicht.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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insgesamt 163 Beiträge
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1.
texas_star 15.04.2013
Zitat von sysopAm Goldmarkt herrscht Panik, binnen zwei Tagen fiel der Preis so heftig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Gründe für den Kurseinbruch? Die japanische Geldpolitik, das schwächere Wachstum in China und die Risikoforderungen der Broker. Warum Goldkäufer ins Abseits geraten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-goldkaeufer-ins-abseits-geraten-a-894493.html)
ROFL... tja liebe Goldfreunde... so kanns auch gehen. Und was wurde nicht alles geschrieben: vor einiger Zeit wurde hier im forum gewettet das Gold bei $2,500+ stehen wuerde und und und also: viel erfolg/glueck beim gold-typischen abtauchen in die badewannen-kurve. in 10-15 jahren werden eventuell wieder die hoechststande von vor 1-2 jahren erreicht. auch interessant: inflations-bereinigt sind einige goldkaeufer aus den 80ern immer noch im minus....
2.
Whitejack 15.04.2013
Ich habe schon vor Monaten gesagt, dass Gold weit überbewertet ist. Natürlich braucht man eine Kristallkugel, um den genauen Zeitpunkt des Absturzes vorherzusagen, aber DASS es so kommen würde, kann eigentlich nicht wirklich überraschen. Die Goldpreise im letzten Jahr waren astronomisch. Und es gab genügend Leute, die immer noch darauf bestanden hatten, dass Gold ja angeblich immer noch unterbewertet sei...
3. Steuerflüchtlinge werden diese Bestände aufsaugen !
iffel1 15.04.2013
Wenn die Steueroasen ausgetrocknet werden sollen, bleibt nichts anderes übrig, als inflationssicher in Gold zu investieren, denn das kann man überall lagern, wo es einem sicher erscheint. Insbesondere vermögende Privatleute lagern zur Erbschaftssteuervermeidung Geld in Steueroasen, das muss nun umgewandelt werden, die Nachfrage wird mittelfristig den Goldpreis erheblich nach oben treiben.
4. Oder
Maggi2097 15.04.2013
Goldmann Sachs legt vor und erklärt vor Monaten den Goldboom für beendet (nachweisbar). Andere Häuser ziehen nach(nachweisbar). Man positioniert sich auf der Short-Seite (nachweisbar). Man lässt seinen ehemaligen Mitarbeiter Draghi am Freitag über Zyperns Goldbestände inkl. eigentlicher Verkaufsempfehlung schwadronieren (nachweisbar). Wenn Zypern dann sollen doch auch Spanien etc pp (hineininterpretiert). Wenn dieses Gold aus Nationalbankbeständen auf dem Markt trifft bzw. die Masse denkt es könnte im Markt aufschlagen .... Ja, dann freuen sich GS und co. über ihre Shortgewinne.
5. Das soll mal einer verstehen
Antorkh 15.04.2013
Die EU bricht auseinander, in Asien brauen sich dunkle Wolken über der koreanischen Halbinsel zusammen, Japan verdoppelt die Geldmenge des Yen und sorgt für eine beispiellose Inflation. Eigentlich ein ideales Umfeld für steigende Goldpreise, schließlich sehnen sich Anleger nichts mehr als ihr Geld vor einer drohenden Entwertung durch Krieg, Inflation etc zu retten. Steckt dahinter mehr? Vor einigen Wochen ging die Nachricht rum, dass Großinvestoren in großen Mengen Gold Zertifikate in physisches Gold umwandeln, aus misstrauen gegenüber den Banken die den Goldbedarf mit ihren Zertifikaten tatsächlich nicht decken können. Wäre es möglich, dass durch diese Unsicherheit der Markt überreagiert? Auf jeden Fall sollte der down des Goldes den Aktienmarkt durch frisches Geld beflügeln. Eine ist abzusehen.
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