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Lufthansa-Strategie: Mit Turkish Airlines gegen die Golf-Profis

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Ob Emirates oder Etihad: Fluglinien aus den Golfstaaten werden zunehmend zur Konkurrenz für die Europäer. Die Lufthansa könnte zur Abwehr ein Bündnis mit Turkish Airlines schmieden - einem Unternehmen, das ebenfalls große Staatsnähe pflegt.

Kooperation mit Turkish Airlines: Lufthansa prüft die Osterweiterung Fotos
REUTERS

Hamburg - Das Maskottchen von Turkish Airlines ist schon heute teilgermanisiert. Wingo heißt die Graugans, mit der die türkische Fluglinie um Kunden wirbt. Doch das W im Namen ist farblich abgesetzt - die Gans könnte auch Ingo heißen.

Möglicherweise kommt der Doppelname bald gelegen, denn Lufthansa Chart zeigen und Turkish Airlines sprechen über eine verstärkte Zusammenarbeit. Zu Details hält sich die Lufthansa bedeckt, deutlicher wurde man in der Türkei: Premierminister Recep Tayyip Erdogan behauptete vor Parteifreunden, er habe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sogar über eine gemeinsame Verwaltung der beiden Unternehmen gesprochen.

Ganz so weit dürfte die Lufthansa dann doch nicht gehen, zumal sie derzeit zur Genüge mit einem Konzernumbau und weitreichenden Einsparungen beschäftigt ist. Doch schon heute sind beide Unternehmen Teil des Luftfahrbündnisses Star Allliance und bieten gemeinsame Flüge an, deren Zahl deutlich ausgeweitet werden könnte. Mittelfristig wäre auch eine gemeinsame Abfertigung von Passagieren denkbar, sagt Jürgen Pieper, Luftfahrt-Analyst beim Bankhaus Metzler.

Falls sich die Lufthansa tatsächlich mit Turkish Airlines zusammentut, dann auch wegen einer Konkurrenz, die noch weiter östlich erstarkt: Fluglinien der Golfregion wie Emirates, Etihad und Qatar wachsen rasant, neben den Billigfliegern sind sie für Unternehmen wie die Lufthansa die größte Bedrohung. Lufthansa-Chef Christoph Franz ist nicht gut auf die Wettbewerber zu sprechen. Wiederholt hat er ihnen vorgeworfen, nur dank staatlicher Subventionen so groß geworden zu sein. Gegenüber dem manager magazin sprach Franz von Ländern, in denen es "nichts gibt als Sand und eine Kiste voll Geld".

Mit Turkish Airlines könnte Franz jetzt einen Partner gefunden haben, der den Golf-Airlines einerseits ähnlich ist. Zugleich unterscheiden sich die Türken aber in einigen wichtigen Punkten - und sind gerade deshalb interessant.

Es ist noch nicht lange her, dass Turkish Airlines bei Passagieren wegen mehrerer tödlicher Unfälle und miesem Service einen schlechten Ruf hatte. Damals übersetzten Vielflieger das Unternehmenskürzel THY mit "They hate you", sie hassen dich. Doch 2012 wurde die Fluglinie bereits zum zweiten Mal in Folge zur beliebtesten in ganz Europa gewählt. Der Grund: Ähnlich wie der Überflieger Emirates aus Dubai setzen auch die Türken mittlerweile auf hochklassigen Service - seit vergangenem Jahr reisen für die Business Class sogar eigene Köche mit.

Lage, Lage, Lage!

Mindestens genauso wichtig ist die Geografie: Die Golf-Airlines profitieren davon, dass ihre Heimatländer praktisch in der Mitte der Weltkarte liegen. Damit sind sie ein perfekter Verbindungsknoten zwischen alten Industriestaaten und den aufstrebenden Schwellenländern Asiens. Zudem erweitert der Zwischenstopp in Dubai, Katar oder Abu Dhabi im streng reglementierten Luftfahrtmarkt das Geschäftsfeld. Denn nach internationalem Recht dürfen Flugzeuge auch zwischen Ländern verkehren, in denen sie nicht registriert sind - solange sie unterwegs einen Halt in der Heimat einlegen. Schließlich können Reisende auf diesem Weg die zeitaufwendigen Sicherheitskontrollen bei Zwischenlandungen in den USA vermeiden.

Ähnliche Vorteile winken der Lufthansa mit Turkish Airlines. Schließlich liege auch Istanbul aus globaler Sicht deutlich zentraler als die bisherigen Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt, München und Zürich, sagt Christoph Brützel, Professor für Luftverkehrsmanagement an der Fachhochschule Bad Honnef. "Die ganzen Südeuropäer fliegen dann schon mal in die richtige Richtung." Bei Zielen wie Tokio, Shanghai oder Seoul wäre ein deutsch-türkisches Bündnis gegenüber den Golf-Airlines sogar klar im Vorteil, glaubt Analyst Pieper. "Da akzeptiert kein normaler Geschäftsreisender den stundenlangen Umweg über Dubai."

Besonders spannend könnte im Fall einer Allianz die Diskussion über den staatlichen Einfluss werden. Westliche Airlines halten den Golf-Fluglinien massive Subventionen durch ihre Heimatländer vor, doch Emirates spielt den Ball in einem detaillierten Positionspapier zurück: Darin sind milliardenschwere Staatshilfen für westliche Gesellschaften aufgelistet - auch ein Zuschuss von 800 Millionen Euro, welchen die Bundesregierung Mitte der neunziger Jahre an das Rentenversorgungswerk der damals noch teilstaatlichen Lufthansa gezahlt hatte.

Doch auch wenn das Klagen der früheren Platzhirsche in Teilen scheinheilig ist und Experten Fluglinien wie Emirates ein hochprofessionelles Management attestieren: Die Golf-Profis profitieren zweifellos von Kostenvorteilen, welche die Unternehmensberatung Arthur D. Little in einer Studie auf rund 30 Prozent schätzte. Sie haben viel geringere Arbeitskosten, bekommen ihr Kerosin aufgrund der nahegelegenen Ölfelder günstiger als in anderen Teilen der Welt und zahlen keine Unternehmens- oder Mehrwertsteuer. Zugleich haben die Regierungen ihnen hochmoderne und gigantische Flughäfen errichtet, für welche die Golf-Airlines deutlich geringere Gebühren entrichten müssen als im Westen.

Erdogan mischt mit

"Emirates zahlt in Dubai vielleicht ein Fünftel dessen, was Lufthansa in Frankfurt bezahlt", schätzt Luftfahrt-Experte Brützel. Ähnlich sei es allerdings mit Turkish Airlines in Istanbul. Dort baut man derzeit sogar am größten Flughafen der Welt - eines der Lieblingsprojekte von Premier Erdogan.

Die Regierungsnähe von Turkish Airlines zeigt sich nicht nur darin, dass dem Staat 49 Prozent des Unternehmens gehören und Erdogan persönlich die Nachricht einer möglichen Allianz mit Lufthansa lancierte. Unternehmenschef Temel Kotil übernahm auch auf Wunsch von Erdogan die Unternehmensführung. Im Fall eines Zusammenschlusses hätte Lufthansa-Chef Franz deshalb wohl häufiger mit dem türkischen Staat zu tun. "Das ist eine Kröte, die man schlucken müsste", sagt Analyst Pieper.

Überzeugen könnte die Frankfurter etwas anderes: Im Gegensatz zu den Golf-Airlines, die sich ausschließlich auf Langstrecken konzentrieren, fliegt Turkish Airlines schon heute zahlreiche deutsche Flughäfen an. Eine Kooperation würde also auch bedeuten, sich mit einem potentiellen Gegner zu verbünden. Und während Emirates oder Etihad nur einen kleinen Teil ihres Geschäfts in der Heimat machen, beherrscht Turkish Airlines den Markt eines aufstrebenden Schwellenlandes, in dem zudem viele Bürger Verbindungen nach Deutschland haben. "Natürlich macht man lieber eine Allianz mit jemandem auf, der ein paar eigene Passagiere mitbringt", so Brützel.

Dennoch wäre für die Lufthansa auch eine Kooperation mit einem Konkurrenten wie Emirates denkbar. Air France ging ein ähnliches Bündnis mit der Fluglinie Etihad ein, die zudem an der kriselnden Air Berlin beteiligt ist. Doch mit Turkish Airlines arbeiten die Deutschen schon heute in der Star Alliance und beim gemeinsamen Tochterunternehmen Sunexpress zusammen. Das Verhältnis zu den Golf-Airlines ist dagegen nicht gerade von Vertrauen geprägt.

Der schillernde Qatar-Chef Akbar al-Baker sagte kürzlich sogar, sein Unternehmen habe sich wegen der Lufthansa-Kritik gegen einen Beitritt zur Star Alliance entschieden. Auch einen Beitritt zum Konkurrenzverbund Oneworld hatte er zunächst entschieden dementiert. "Das sind alles Gerüchte", sagte al-Baker Ende September. Gut eine Woche später wurde bekannt, dass Qatar doch dem Bündnis beitritt.

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1. Warum über Istanbul?
senkyenol 21.11.2012
Warum sollte ich über Istanbul fliegen, wenn ich auch direkt nach Tokio, Seoul, Peking und Shanghai fliegen kann? Das spart Zeit und Ressourcen. Vielleicht sollte die Lufthansa einfach mal ihre Preispolitik überdenken. Denn wenn ich die Wahl habe mit Air China für 500-600 Euro hin- und zurück zu fliegen, und der Flug mit Lufthansa 700-800 Euro kostet, dann entscheide ich mich doch für Air China. Zumal auch Air China zur Star Alliance gehört... Das gleiche gilt für Korea. Der Service und der Komfort bei Asiana Airlines und Korean Airlines ist weitaus besser und liegen preislich dennoch meist unter der von Lufthansa. Das gleiche Spiel, wenn es zum Urlaub nach Thailand geht: Der Flug nach BKK ist mit Thai Air ist deutlich angenehmer, als mit der LH und meist sogar günstiger... Fazit: Wer schlechteren Service/Komfort zu überdurchschnittlichen Preisen anbietet, darf sich doch nicht wundern.
2. Wenn man den Globus entsprechend
hdudeck 21.11.2012
Zitat von sysopREUTERSOb Emirates oder Etihad: Fluglinien aus den Golf-Staaten werden zunehmend zur Konkurrenz für die Europäer. Die Lufthansa könnte zur Abwehr ein Bündnis mit Turkish Airlines schmieden - einem Unternehmen, das ebenfalls große Staatsnähe pflegt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/warum-sich-lufthansa-mit-turkish-airlines-zusammentun-koennten-a-867548.html
dreht kann man das ueber jeden Punkt auf der Welt sagen. Fuer die Amerkaner liegt die Tuerkei wirklich nicht gerade central.
3. optional
radbab 21.11.2012
Lufthansa ist fuer mich schon lange gestorben. Innereuropaeisch ist sowieso fast eine Airline wie die andere. Auf Langstrecke nach China sind sogar die alten Air China Jumbos angenehmer. Die Lufthansa hat z.b. nach Shanghai sehr neue Flugzeuge, aber dafuer ein quietschig schrill gelb-graues plastik ambiente gegen das sogar Ryan Air interieurs elegant und dezent wirken. Dazu alle sitze so eng aneinander dass man sich echt fragt ob das schon ein fall der noetigung ist um nicht doch auf Business upzugraden. Dazu kommt noch dass die polsterung der sitze anscheinend extra duenn ist - wer weiss, vielleicht wenn man auf 40 reihen je 4 cm spart kann man noch hinten eine extra sitzreihe reinquetschen (was dann auch so gemacht wurde). Freundlichkeit und service ist durchschnitt - da sind sogar KLM und AF besser. Economy-plus ist fuer die LH auch ein fremdwort. Vielleicht sollte ja die LH das Kuerzel THY uebernehmen - passen wuerde es.
4. Och Herr Franz...
nudelhuber 21.11.2012
verschweigt mal wieder die Subventionen, die er selbst erhält….tztztztz Demenz?
5. Golf Staaten Konkurrenz
spmc-135322777912941 21.11.2012
Wer einmal um 3 Uhr morgens im Flughafen von Dubai unterwegs ist, der dann so bevölkert ist wie Frankfurt um 17 Uhr, der denkt garantiert auch an das in Europa vorherrschende Nachtflugverbot. Wir Europäer mit unseren Wutbürgern stehen uns selbst im Weg und müssen uns über nichts wundern.
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