Lernen von Pablo Picasso Schaffenskraft im Alter nutzen

Picasso schuf einige seiner wichtigsten Werke, als er fast 60 Jahre alt war. In dem Alter stehen die meisten Arbeitnehmer in Industrieländern kurz vor der Rente. Ein Umdenken ist bitter notwendig. Denn sonst verschwenden Unternehmen ihre wertvollsten Ressourcen.

Pablo Picasso (im Jahr 1946): Mit 66 Jahren begann er mit etwas völlig Neuem
Getty Images

Pablo Picasso (im Jahr 1946): Mit 66 Jahren begann er mit etwas völlig Neuem

Von Frank Arnold


Als Pablo Picasso (1881-1973) sein monumentales Meisterwerk Guernica schuf, war er 56 Jahre alt, und in vielen Industrienationen wäre er als Arbeitnehmer nur wenige Jahre später in den Ruhestand geschickt worden.

Wie grundlegend falsch das ist!

Picasso gilt für viele Kunstliebhaber mit seinem überaus umfangreichen Werk, das Gemälde, Plastiken, Zeichnungen, Radierungen, Keramiken und andere künstlerische Werke umfasst, als das Genie des 20. Jahrhunderts. Noch im Alter von 66 Jahren begann Pablo Picasso, sich mit Keramik zu beschäftigen; mit 70 Jahren schaffte er das ausdrucksstarke Gemälde Massaker von Korea; im Alter von 76 Jahren zeigte Picasso in der Serie Las Meninas mit 58 Gemälden, davon 44 Interpretationen des von Diego Velázquez angefertigten Meisterwerks Las Meninas, erneut, wie virtuos und spielerisch zugleich er mit Stilen, Themen und Techniken umgehen konnte und dabei immer seine charakteristische Handschrift behielt.

Im Alter von 87 Jahren erstellte er seine Serie von Radierungen Maler und Modell mit 347 Blättern. Großer Erfindungsreichtum und eine ungebrochene Schaffenskraft bis zu seinem Tod im Alter von 91 Jahren machten Picasso zu einem der bedeutendsten Künstler der Moderne.

Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der die Menschen gesund alt werden. In Anbetracht der Bedeutung, welche die Bevölkerungsentwicklung für die Wirtschaft hat, müssen sich auch Führungskräfte mit diesem Thema beschäftigen. Für sich persönlich möchten sie vielleicht nicht darüber nachdenken, welchen Beitrag sie selbst im Alter einmal leisten wollen; Manager müssen sich darüber aber Gedanken machen, wie die Chancen aus einem Generationen-Mix für Organisationen genutzt werden können.

Was spricht gegen eine Altersspanne von 25 bis 75 Jahren in Organisationen? Einige von Picassos herausragendsten Werken sind schließlich in einem weit höheren Alter als mit 50 Jahren entstanden, aber schon in diesem Alter haben viele Arbeitnehmer heute Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden. Obwohl sie noch vor geistiger Schaffenskraft strotzen und über einen wahren Schatz an Erfahrungen verfügen, werden sie darum gebracht, einen sinnvollen Beitrag für die Organisation zu erbringen. Dabei verschenken Organisationen in einem, zum Glück etwas nachlassenden, naiven Jugendwahn einige ihrer wertvollsten Ressourcen: Fachwissen, Führungswissen, Allgemeinwissen, Beziehungen und Erfahrung.

Verlass auf Disziplin, Fleiß und Pflichtbewusstsein

Führungskräfte müssen darüber nachdenken, wie sie Möglichkeiten schaffen können, diesen Schatz zu nutzen. In der Regel kann man gerade bei Älteren auf Tugenden wie Disziplin, Fleiß, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl bauen. Das gerät heute leider zunehmend in den Hintergrund.

Vorurteile gegenüber der 50-plus-Generation sind nachgerade schädlich für die Wirksamkeit einer Organisation. Institutionen müssen zu neuen Konzepten der Beschäftigung gelangen, in der sowohl Jung als auch Alt gemeinsam arbeiten. Praxisbezogen gesprochen heißt das Folgendes: Führungskräfte müssen nach Chancen suchen, wie das Potential von älteren Mitarbeitern möglichst lange erhalten bleibt und für die Organisation genutzt werden kann. Man denke etwa an eine kontinuierliche Verringerung der Arbeitszeit bei gleichzeitigem Einsatz in angepassten Aufgaben? Ältere Mitarbeiter wollen bleiben, wenn sie leistungsgerecht eingesetzt werden und dadurch leistungsfähig bleiben.

Unternehmen müssen über Konzepte nachdenken, die Arbeiten in altersgemischten Gruppen ermöglichen, so dass Jung und Alt gemeinsam Beiträge erbringen und auch Stärken der unterschiedlichen Altersgruppen wirkungsvoller genutzt werden.

Es ist ein großer Fehler, dass ältere Mitarbeiter meistens nicht umfassend in die Weiterbildungsprogramme integriert werden, nicht nur sind es häufig teure Mitarbeiter, auch hat die Intelligenzforschung herausgefunden, dass der Mensch erst mit 50 Jahren seine geistigen Kräfte voll ausschöpft und die Lernfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Dass man differenziert und mit Augenmaß entscheiden muss, wer wann welche Ausbildung macht, ist selbstverständlich. Wenn ein Unternehmen aber damit rechnen kann, dass ein Mitarbeiter noch einige Jahre im Betrieb verbleiben wird, rechnet sich Weiterbildung immer, auch im Hinblick auf die dadurch vermittelte Wertschätzung. Es ist ein wichtiges Signal in der Unternehmenskultur, wenn hier Chancen geschaffen werden.

Wenn Führungskräfte das nächste Mal über die Gestaltung von Weiterbildungsprogrammen nachdenken oder Mitarbeiter auf Fortbildung schicken sollen, sollten sie daran denken, dass Konrad Adenauer im Alter von 85 Jahren zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt wurde und erst mit 90 Jahren den CDU-Vorsitz niederlegte, dass Alexander von Humboldt mit 88 Jahren die Arbeit an seinem fünfbändigen Kosmos beendete und dass Michelangelo im gleichen Alter noch an der Pietà Rondanini arbeitete. Der Einwand, dass in Unternehmen nicht nur Genies arbeiten, stimmt sicherlich. Aber es werden ja auch kaum Weiterbildungsprogramme für Leute konzipiert, die schon älter als 85 Jahre sind.

Vielleicht hilft es, persönlich dem Rat des deutschen Schriftstellers Paul Heyse zu folgen, Träger des Literaturnobelpreises von 1910: "Soll das kurze Menschenleben, immer reife Frucht dir geben, musst du jung dich zu den Alten, alternd dich zur Jugend halten!"

Dieser Artikel stammt aus dem Buch "Management - Von den Besten lernen"



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
olli0816 09.04.2012
1. Endlich wird mal nicht das ...
Zitat von sysopGetty ImagesPicasso schuf einige seiner wichtigsten Werke, als er fast 60 Jahre alt war. In dem Alter stehen die meisten Arbeitnehmer in Industrieländern kurz vor der Rente. Ein Umdenken ist bitter notwendig. Denn sonst verschwenden Unternehmen ihre wertvollsten Ressourcen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,826077,00.html
alberne Modell des Dachdeckers genommen. Ich habe noch nie verstanden, warum wir uns eine Altersgrenze bei der Arbeit geben. Ich kenne einige Leute, die mit 65 in ihren Jobs weiterarbeiten möchten, weil dieTätigkeit einfach Spaß macht. Der Mensch braucht eine Aufgabe. Es ist bewiesen, dass ein nicht unerheblicher Teil innerhalb der ersten zwei Jahre nach Eintritt in den Ruhestand stirbt, da Mensch mit der Untätigkeit schwer zurecht kommt. Ich höre häufiger von Unternehmenstreffen mit pensionierten Mitarbeitern, wo die nicht pensionierten sagen, wie leider der Herr Meier oder der Herr Müller stark abgebaut haben. Ist auch meine Erfahrung. Sicherlich ist jemand mit 65+ (und auch früher) nicht mehr so stark belastbar. Trotzdem sollte der Mensch frei in seiner Entscheidung sein, wann er in Ruhestand geht. Auch für die Krankenschwester oder den Dachdecker gibt es vielleicht Aufgaben, die Spaß machen und interessieren. Es liegt bei jedem einzelnen, wie er sein Leben gestaltet. Und ja, es werden durch den Zwangsruhestand und das dumme Verhalten vieler Unternehmen sehr viel Potential verschwendet. Man muß sich nur in der eigenen Firma unschauen.
blowup 09.04.2012
2. merkwürdig
Zitat von sysopGetty ImagesPicasso schuf einige seiner wichtigsten Werke, als er fast 60 Jahre alt war. In dem Alter stehen die meisten Arbeitnehmer in Industrieländern kurz vor der Rente. Ein Umdenken ist bitter notwendig. Denn sonst verschwenden Unternehmen ihre wertvollsten Ressourcen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,826077,00.html
Seltsamer Artikel. Ausgerechnet so ein Jahrhundertgenie wie Picasso als Beispiel für bessere Arbeitschancen im Alter zu bemühen. Tatsache ist aber, dass die Diskriminerung der Älteren ein großes Problem ist. Bei staatlichen Jobangeboten finde ich oft sowas wie "bei gleicher Eignung werden werden Frauen oder Behinderte bevorzugt". Von Älteren habe ich da noch nie was gelesen. Interessant auch: Picasso war ja unzweifelhaft ein Kreativer. In der Kreativbranche / Medien/ Werbung/ hat man ja mit ca. 45 kaum noch eine Chance. Auf der anderen Seite: Können / Schaffenskraft sind ja nur eine Seite eines Jobs. Sich anpassen, den täglichen Irrsinn ernst nehmen, vor Leuten mit geringerem Können kuschen, gute Miene zum bösen Spiel machen etc., das gehört ja auch leider dazu. Und da sind die Älteren mitunter nicht so "pflegeleicht". Da hat man vielleicht - siehe Picasso - andere Interessen, als im Hamsterkäfig weiter zu laufen.
Worldwatch 09.04.2012
3. Lobenswert ...
Zitat: "... Dabei verschenken Organisationen in einem, zum Glück etwas nachlassenden, naiven Jugendwahn einige ihrer wertvollsten Ressourcen: Fachwissen, Führungswissen, Allgemeinwissen, Beziehungen und Erfahrung. ..." ... worauf Frank Arnold hier, und voellig zu Recht, hinweist. Das "Glueck eines etwas nachlassenden Jugendwahns" aber ist es nicht unbedingt, was Unternehmen scheinbar dazu bringt diese "wertvollen Ressourcen" auszumustern und/oder aufs kalte Gleis zu stellen. Wenngleich manchmal, insb. beim "Aussortieren" von Fuehrungskraeften in grossen, intern. Konglometraten, sogar fuer die Betroffenen finanziell durchaus attraktiv. Aber ist wohl die Rechnung, dass man fuer "alte, wertvolle Ressource", und wenn man sie rauswirft, mehrere Jungspunde beschaeftigen kann. Die sind auch, regelmaessig aber gezwungenermassen, willig fuer einen Bruchteil des Salaers der "alten, wertvollen Ressource", und ohne Ruecksicht auf -rudimentierte, stets vernachlaessigbare- Arbeitnehmerrechte, rund um die Uhr parat zu stehen und zu Diensten zu sein. Diese erkaufte Willigkeit zur persoenlichen Selbstaufgabe im Tausch fuer einen 'Job' bringen die "alten, wertvollen Ressoucen" nicht (mehr) mit, und die sog. 'Gewerkschaften' sind bzgl. Arbeitnehmerechtsschutz auch nur noch ein Totalausfall. Idiologievulve, fuer nahezu alle Belange, ausser Arbeitnehmerrechte, insb. fuer die "alten, wertvollen Ressourcen", wie aber auch Opfer des "Jugendwahns", bestimmtm das Dasein der ehemaligen Gewerkschaften. 'Wertvolle Erden' sind heutzutage wohl weit edlere Ressourcen als junge, oder erst recht aeltere "Humanressourcen". Und, so wertvoll der Beitrag von F.Arnold auch sei, so fremd und exotisch erscheint den Unternehmen, insb. global orientierten Groups, heute noch so etwas antiquiertes wie Mitmenschlichkeit, oder ueberhaupt Mensch ueber den Sinn als betrieblich-unternehmerischen Nutzfaktor hinaus, zu sein. So begruessenswert der Gedankengang v.F.Arnold auch sei, aber die Realitaet in den, auch insb. von Rentabilitaetsfragen getriebenen Unternehmen, sieht sehr viel diametraler aus.
rhodensteiner 09.04.2012
4. Alter bringt Krankheit
Zitat von sysopGetty ImagesPicasso schuf einige seiner wichtigsten Werke, als er fast 60 Jahre alt war. In dem Alter stehen die meisten Arbeitnehmer in Industrieländern kurz vor der Rente. Ein Umdenken ist bitter notwendig. Denn sonst verschwenden Unternehmen ihre wertvollsten Ressourcen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,826077,00.html
Picasso war Künstler musste in seinem Leben nie wirklich hart arbeiten. Als Krankenpfleger, Maurer, Dachdecker, etc. ist der Körper mit 60 im allgemeinen schon ziemlich ruiniert. Da arbeitet es sich nicht mehr so leicht. Nur in wenig arbeitsintensiven Jobs, wie sie meist von Akademikern ausgeübt werden, ist eine so lange Arbeitszeit wie bei Picasso denkbar. Für die hart arbeitende Bevölkerung ist das nicht möglich.
uzaz 09.04.2012
5. "Ein Umdenken ist bitter notwendig" ???
Ein Denken ist bitter notwendig. Vergleichen Sie die Arbeitsbedingungen und Honorar von Picasso mit dem Durchschnitt. Oder, wenn sich ein Mensch genug anstrengt, könnte er fliegen - die Vögel tun das ja!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.