Kursverfall in Russland Warum der Rubel abwärts rollt

Sechs Prozent binnen einer Woche: Der Rubel verliert stark an Wert, Kapitalflucht und sinkende Ölpreise setzen der Währung zu. Nun muss Russland fürchten, sich an einer Krise aus dem Westen anzustecken - schon wieder.

Von , Moskau

Wechselkursanzeige in Moskau: "Keine Dollar mehr"
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Wechselkursanzeige in Moskau: "Keine Dollar mehr"


Am Freitag erreichten die Turbulenzen an den Devisenmärkten auch Moskaus Straßen. "Keine Dollar mehr", hieß es in vielen der Geldstuben, die sonst an jeder Straßenecke in der russischen Hauptstadt Rubel in US-Währung wechseln und umgekehrt. Der Kurs-Sturz des Rubel, der im Verlauf der vergangenen Woche sechs Prozent zum Dollar verlor, hatte einen kleinen Ansturm auf die Wechselstuben ausgelöst. Und wie der Bürger, so der Banker. "Die Investoren rennen zum Dollar", so ein Moskauer Analyst "Gegenüber der amerikanischen Währung verliert alles an Wert, sogar der Yen."

Am Freitag notierte der Dollar zwischenzeitlich bei mehr als 34 Rubel, das war der höchste Wert seit drei Jahren. Anfang Mai hatte der Dollar noch bei nur rund 30 Rubel gestanden.

Der rasante Absturz weckt in Russland Erinnerungen an die jüngste Finanzkrise. Als die ersten Banken in Amerika und Europa zusammenbrachen, durfte sich Russland nur kurz als "Insel der Stabilität" wähnen, bevor es selbst in den Strudel der Krise geriet: Der Rubel brach ein, die Wirtschaft schrumpfte um fast acht Prozent.

Russlands Zentralbank und die Regierung geben sich angesichts der Währungsturbulenzen betont gelassen. Der Rubel bewege sich im Rahmen des festgelegten Korridors, sagte Finanzminister Anton Siluanow. Es sei "falsch, über irgendwelche Risiken oder Verschlechterungen der Situation zu sprechen."

Dabei sind die Risiken offensichtlich. Die Russen treibt die Angst um, sie könnten sich wie erst vor wenigen Jahren an einer Krise aus dem Westen anstecken.

Nachdem am 6. Mai die Wahlen in Griechenland zu einer Patt-Situation ohne Aussichten auf eine stabile Regierungsmehrheit führten, sprang der Dollarkurs über 31 Rubel, zum ersten Mal seit vier Monaten. Kurz darauf kommentierte die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" bissig, "bei den griechischen Wahlen hat der Rubel verloren". Und nicht nur er: Im Mai stürzte auch der russische Aktienindex RTS um 20 Prozent ab.

Moskaus eigene Wirtschaftsperspektiven lassen sich eigentlich durchaus sehen: Nach rund vier Prozent Wachstum im vergangenen Jahr prognostiziert die Rating-Agentur Standard & Poor's für 2012 ein Wachstum von immer noch 3,5 Prozent. Doch noch immer exportiert das östliche Riesenreich vor allem Gas, und die Länder der Euro-Zone gehören dabei zu Moskaus wichtigsten Handelspartnern. Schlittert Europa nun in eine schwere Rezession, so wird das auf seine Rohstoff-Exporte angewiesen Russland mit in den Sog gerissen.

Kapitalabfluss von 100 Milliarden befürchtet

Schon jetzt steht der Ölpreis latent unter Druck und sank im Mai zwischenzeitlich um 14 Prozent. Zudem setzt Russland ein kräftiger und andauernder Abfluss von Kapital zu. Im vergangenen Jahr flossen 84 Milliarden Dollar ab, für 2012 geht die Regierung sogar von bis zu 100 Milliarden aus.

Russlands Führung zeigt sich dennoch demonstrativ selbstbewusst. So seien "russische Banken heute verlässlicher als europäische", sagte German Gref, ehemals Wladimir Putins Handelsminister und heute Chef der staatlichen Sberbank.

Der Kursverfall des Rubel sei sogar "nur zum Besten" Russlands, glaubt Zentralbank-Vize Sergej Schwezow. Begründung: Durch Öl- und Gasexport fließen Dollar in den Staatshaushalt, Renten und Beamtengehälter aber werden in Rubel ausgezahlt - genauso wie die üppigen Wohltaten, die Putin vor seiner Rückkehr in den Kreml dem Wähler versprochen hat.

"Wir sind vorbereitet auf jede Entwicklung der Lage, wir haben Reserven", tönt Vize-Premier Arkadij Dworkowitsch. Da klingt er ganz ähnlich wie vor vier Jahren der damalige Präsident Dmitrij Medwedew, der 2008 betonte, sein Land verfüge "über genügend Reserven, um für sich die Risiken der globalen Finanzkrise zu minimieren."

Am Ende aber bleibt eine Wahrheit: Das Schicksal von Rubel und russischer Wirtschaft ist enger mit dem Euro und Europa verbunden, als es der selbstbewussten Führung im Kreml lieb sein kann.

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, German Gref sei unter Putin Premier gewesen. Tatsächlich war er zwischen 2000 und 2007 Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel in Russland. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
matz-bam 02.06.2012
1. Kapitalflucht und sinkende Ölpreise setzen der Währung zu.
Zitat von sysopREUTERSSechs Prozent binnen einer Woche: Der Rubel verliert stark an Wert, Kapitalflucht und sinkende Ölpreise setzen der Währung zu. Nun muss Russland fürchten, sich an einer Krise aus dem Westen anzustecken - schon wieder. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836640,00.html
".. sinkende Ölpreise setzen der Währung zu. " Ach, den Verbraucher betrifft das aber wohl nicht.Sinkende Ölpreise. Diese sogenannte Marktwirtschaft ist reinste Vera..sche.
Newspeak 02.06.2012
2. ...
Moskaus eigene Wirtschaftsperspektiven lassen sich eigentlich durchaus sehen: Nach rund vier Prozent Wachstum im vergangenen Jahr prognostiziert die Rating-Agentur Standard & Poor's für 2012 ein Wachstum von immer noch 3,5 Prozent. Doch noch immer exportiert das östliche Riesenreich vor allem Gas und die Länder der Euro-Zone gehören dabei zu Moskaus wichtigsten Handelspartnern. Das sind doch Selbsttäuschungen. Russlands Wirtschaft steht auf tönernen Füßen. Besitzt das Land denn eine vielfältige Industrieproduktion, einen bedeutenden Dienstleistungssektor, oder ist es in irgendeiner Zukunftstechnologie führend? Irgendwie nicht, oder? Man exportiert vor allem Rohstoffe und steckt das Geld, wie in Sowjetzeiten, in unnützes Zeug wie das Militär oder wirft es irgendeinem Oligarchen hinterher. Wenn aus irgendeinem Grund die Rohstoffmärkte schlecht laufen oder zusammenbrechen ist Russland doch wieder ein Dritte-Welt-Land.
vadm99 02.06.2012
3. artikel sagt nicht die ganze wahrheit
das mit dem kapitalabfluss und sinkenden oelpreisen ist zwar von bedeutung , aber es gibt noch einen faktor , der viel wichtiger ist und ueber den hier nichts steht: Korruption.In russland gibt es ein massives inflationsproblem , waehrend die offizielle inflation sich um die 5% bewegt , steigen die verbraucherpreise fuer die mehrheit der bevoelkerung um etwa 20% jaehrlich , gleichzeitig wird ein grossteil der staatsausgaben gestohlen und in harte waherung umgewandelt.Dadurch befindet sich russland in einer sackgasse , sobald es druck von aussen gibt (durch sinkenden kapitalzufluss) , droht eine massive rubelabwertung.Wenn diese situation wie jetzt fuer einige monate anhaelt , wird rubel schnell von jetzigen 34 in richtung 45-60 fallen und die regierung wird kaum etwas machen koennen
Walther Kempinski 02.06.2012
4. Einzelwährungen auf hoher See
Genau das war doch der Grund für den Zusammenschluß der vielen kleinen Einzelwährungen in Europa. Der Euro ist nicht aus einer Weltkriegsschuld Deutschland heraus entstanden (wie manche Leute wie Sarrazin stur und nie müde zu verbreiten versuchen). Der Rubel ist ein aktuelles Paradebeispiel für kleine unbedeutende Währungen. Kursschwankungen und die daraus resultierenden Wechselkursrisiken (die wiederum die innere Wirtschaft schädigen) waren es, die die Länder der EU zur Einführung des Euro veranlasst haben. Altkanzler Schmidt hat das erneut mit einer Seefahreranalogie umschrieben. Ein großes Schiff ist auf rauer See wesentlich sicherer als eine Flotte von kleinen Schiffen. Kleine Schiffe können von Piraten gekapert oder zum kentern gebracht werden. Kleine Währungen sind zudem Spielball von Spekulation, von innen durch die Bürger wie von außen durch Heuschrecken. Die Russen verlieren aktuell den Glauben in ihre Währung. Fliehen dann in andere große Fremdwährungen. Spekulanten hängen sich hier, je nach Interessenlage, womöglich noch dran und versuchen den Rubel noch weiter zu schwächen. (und haben aufgrund der "kleinen Masse" des Rubels sicherlich mehr Erfolg als beim Euro). Dies führt dazu, dass Geschäftsvertäge die mit dem Ausland geschlossen wurden riskanter werden für zb Warenlieferanten. Wir erinnern uns an die Vergangenheit, als kaum noch jemand Waren nach Italien liefern wollte und die Italiener sich kaum noch Waren aus dem Ausland leisten konnten. Niemand wollte seine teuren Gerätschaften dorthin verkaufen, weil man zwar die vertraglich vereinbarte Summe an Geld bekam, dieses jedoch nach einem erneuten Kursrutsch nicht mehr wert war als Spielgeld. Ein tödliches Risiko für eine exportorientierte Wirtschaft wie Deutschland! Einziger Nachteil beim Euro ist eben, dass die einzelnen Länder durch schlechte Haushaltspolitik das Schiff von innen her beschädigen können. Somit läuft der Dampfer aufgrund von innen hervorgerufenen Lecks voll. Westerwelle hats treffend formuliert. Wenn die Hose von innen nass wird, bringt der größte Rettungsschirm nix. Aber das sind Probleme, die relativ neu sind. Probleme die man langfristig lösen kann. Ein Rückfall zu den Einzelwährungen jedenfalls löst keine Probleme. Man tauscht lediglich ein einzelnes neues Problem ein gegen viele kleine und altbekannte Probleme. Und wenn man sich die aktuellen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftszahlen anschaut, so kann man sagen, dass Deutschland mehr als gut fährt. Viel besser jedenfalls als in einem Europa der Einzelwährungen, wo bereits viele unserer Absatzmärkte weggebrochen wären aufgrund der Finanzkrise. Die Leute sollen also bitte nicht so tun, als wäre der Euro die größte Katastrophe für Deutschland. Nein, wir müssen 70 Jahre nach dem Krieg nicht für unsere Sünden zahlen (haben wir das jemals?). Und das deutsche Schuldgefühl war auch nicht Geburtshelfer für den Euro. Deutschland hat ein klares egoistisches Interesse am Euro. Der Euro ist schlichtweg gut für uns und bringt selbst (oder gerade) in Zeiten von Krisen eine bessere Sicherheit als Einzelwährungen.
systemmirror 02.06.2012
5. 14%
Zitat von sysopREUTERSSechs Prozent binnen einer Woche: Der Rubel verliert stark an Wert, Kapitalflucht und sinkende Ölpreise setzen der Währung zu. Nun muss Russland fürchten, sich an einer Krise aus dem Westen anzustecken - schon wieder. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836640,00.html
sind eine ganze Menge. Demnach dürfte Diesel nur noch 1.20 - 1.23 kosten, Super 96 1,29 -1,30. Geht aber nicht. Der Preis muß mit Gewalt hochgehalten werden bis zu den Ferien um über die 1,80 Marke zu kommen. Wo ist der Benzinspezialist Rösler mit seinen Weisheiten ?
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