Von Benjamin Bidder, Moskau
Am Freitag erreichten die Turbulenzen an den Devisenmärkten auch Moskaus Straßen. "Keine Dollar mehr", hieß es in vielen der Geldstuben, die sonst an jeder Straßenecke in der russischen Hauptstadt Rubel in US-Währung wechseln und umgekehrt. Der Kurs-Sturz des Rubel, der im Verlauf der vergangenen Woche sechs Prozent zum Dollar verlor, hatte einen kleinen Ansturm auf die Wechselstuben ausgelöst. Und wie der Bürger, so der Banker. "Die Investoren rennen zum Dollar", so ein Moskauer Analyst "Gegenüber der amerikanischen Währung verliert alles an Wert, sogar der Yen."
Am Freitag notierte der Dollar zwischenzeitlich bei mehr als 34 Rubel, das war der höchste Wert seit drei Jahren. Anfang Mai hatte der Dollar noch bei nur rund 30 Rubel gestanden.
Der rasante Absturz weckt in Russland Erinnerungen an die jüngste Finanzkrise. Als die ersten Banken in Amerika und Europa zusammenbrachen, durfte sich Russland nur kurz als "Insel der Stabilität" wähnen, bevor es selbst in den Strudel der Krise geriet: Der Rubel brach ein, die Wirtschaft schrumpfte um fast acht Prozent.
Russlands Zentralbank und die Regierung geben sich angesichts der Währungsturbulenzen betont gelassen. Der Rubel bewege sich im Rahmen des festgelegten Korridors, sagte Finanzminister Anton Siluanow. Es sei "falsch, über irgendwelche Risiken oder Verschlechterungen der Situation zu sprechen."
Dabei sind die Risiken offensichtlich. Die Russen treibt die Angst um, sie könnten sich wie erst vor wenigen Jahren an einer Krise aus dem Westen anstecken.
Nachdem am 6. Mai die Wahlen in Griechenland zu einer Patt-Situation ohne Aussichten auf eine stabile Regierungsmehrheit führten, sprang der Dollarkurs über 31 Rubel, zum ersten Mal seit vier Monaten. Kurz darauf kommentierte die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" bissig, "bei den griechischen Wahlen hat der Rubel verloren". Und nicht nur er: Im Mai stürzte auch der russische Aktienindex RTS um 20 Prozent ab.
Moskaus eigene Wirtschaftsperspektiven lassen sich eigentlich durchaus sehen: Nach rund vier Prozent Wachstum im vergangenen Jahr prognostiziert die Rating-Agentur Standard & Poor's für 2012 ein Wachstum von immer noch 3,5 Prozent. Doch noch immer exportiert das östliche Riesenreich vor allem Gas, und die Länder der Euro-Zone gehören dabei zu Moskaus wichtigsten Handelspartnern. Schlittert Europa nun in eine schwere Rezession, so wird das auf seine Rohstoff-Exporte angewiesen Russland mit in den Sog gerissen.
Kapitalabfluss von 100 Milliarden befürchtet
Schon jetzt steht der Ölpreis latent unter Druck und sank im Mai zwischenzeitlich um 14 Prozent. Zudem setzt Russland ein kräftiger und andauernder Abfluss von Kapital zu. Im vergangenen Jahr flossen 84 Milliarden Dollar ab, für 2012 geht die Regierung sogar von bis zu 100 Milliarden aus.
Russlands Führung zeigt sich dennoch demonstrativ selbstbewusst. So seien "russische Banken heute verlässlicher als europäische", sagte German Gref, ehemals Wladimir Putins Handelsminister und heute Chef der staatlichen Sberbank.
Der Kursverfall des Rubel sei sogar "nur zum Besten" Russlands, glaubt Zentralbank-Vize Sergej Schwezow. Begründung: Durch Öl- und Gasexport fließen Dollar in den Staatshaushalt, Renten und Beamtengehälter aber werden in Rubel ausgezahlt - genauso wie die üppigen Wohltaten, die Putin vor seiner Rückkehr in den Kreml dem Wähler versprochen hat.
"Wir sind vorbereitet auf jede Entwicklung der Lage, wir haben Reserven", tönt Vize-Premier Arkadij Dworkowitsch. Da klingt er ganz ähnlich wie vor vier Jahren der damalige Präsident Dmitrij Medwedew, der 2008 betonte, sein Land verfüge "über genügend Reserven, um für sich die Risiken der globalen Finanzkrise zu minimieren."
Am Ende aber bleibt eine Wahrheit: Das Schicksal von Rubel und russischer Wirtschaft ist enger mit dem Euro und Europa verbunden, als es der selbstbewussten Führung im Kreml lieb sein kann.
Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, German Gref sei unter Putin Premier gewesen. Tatsächlich war er zwischen 2000 und 2007 Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel in Russland. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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