Wechsel zu Bilfinger Berger: Koch ist endlich König

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Kaum ein Politiker war in den vergangenen Jahren so umstritten wie Roland Koch: CDU-Hardliner, Feindbild der Linken, Merkel-Rivale. Nun wird der Ex-Ministerpräsident Chef von Bilfinger Berger und darf bei der Baufirma endlich frei herrschen. Nur - kann er Konzernchef?

Roland Koch: Alphatier aus Hessen Fotos
dpa

Hamburg - Der Satz sollte wohl Lockerheit beweisen. Bei Roland Koch klang er eher verzweifelt. "Menschen, die mich zum ersten Mal treffen, staunen immer, wie nett und umgänglich ich doch sei", sagte er einmal. "Ganz anders, als sie erwartet hätten."

Wer Koch abseits seiner öffentlichen Auftritte erlebt hat, kann den Satz tatsächlich nachvollziehen. An seinem Image als unsympathischer Hardliner hat das "Ich bin eigentlich ganz okay"-Credo aber nichts geändert. Der Hesse war für weite Teile der Deutschen der konservative Vorkämpfer der CDU, der Mann mit den Ausländerwahlkämpfen, der Sprüche plakatieren ließ wie: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen".

Für die Gegner bei SPD, Grünen und Linken war er stets das Feindbild. Wenig überraschend ist daher nun auch die begleitende Kritik, Kochs Wechsel an die Spitze von Bilfinger Berger habe "ein Geschmäckle". Schließlich habe der Baukonzern just mit einem 80-Millionen-Euro-Auftrag vom Ausbau des Frankfurter Flughafens profitiert. Den hatte Koch zu einem zentralen Projekt seiner Landesregierung erklärt. Es dränge sich daher der Verdacht auf, "dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Regierungshandeln und dem Wechsel", sagt der Geschäftsführer der hessischen Grünen, Mathias Wagner.

Einen Schritt weiter ging Kochs Intimfeind Tarek Al-Wazir. Weil der Ex-Politiker zum Ende seiner Amtszeit als Ministerpräsident einen Wechsel an die Spitze von Bilfinger Berger dementiert hatte, sagte der hessische Grünen-Chef: "Auch in der letzten Woche seiner elfjährigen Amtszeit hat Koch die Leute noch mal belogen."

Koch polarisiert also noch immer. Auch im Aufsichtsrat von Bilfinger Berger gab es skeptische Stimmen - obgleich aus anderen Gründen. Koch fehle der Stallgeruch, hieß es. Ein Mann, der noch nie mit Bewehrungseisen und Stützwänden zu tun hatte, werde Probleme haben, mit Leuten der zweiten Führungsebene auf Augenhöhe zu reden, sagte ein Aufsichtsratsmitglied der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

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Seitenwechsel: Schröder, Fischer und Co.
Doch am Ende setzte sich Bernhard Walter durch, der Chef des Kontrollgremiums. Er wollte Koch. Und dürfte damit nicht der einzige in der Wirtschaft gewesen sein. So verblüffend Kochs plötzlicher Abschied aus der Politik auch war, so wenig überrascht sein Wechsel an die Spitze eines internationalen Konzerns.

Denn Koch bringt offenkundig Qualitäten mit, die ein Top-Manager braucht. Vielleicht ist er für diesen Job sogar besser geeignet als für ein politisches Spitzenamt. In der Wirtschaft dürfte sein strategisches Talent stärker zur Entfaltung kommen, zugleich werden seine Imageprobleme kaum noch eine Rolle spielen. Koch ist ein Machtmathematiker. Er plant jede Situation, jede Aktion akribisch im Voraus und setzt dadurch Themen. Nie wirkt er unvorbereitet oder gar unsicher.

In der Politik war das nicht immer ein Vorteil. Koch wurde als Streber und Karrierist wahrgenommen. Für die höchste Ebene, sprich CDU-Vorsitz oder Kanzlerschaft, fehlte ihm etwas.

Konkret: Ein Spitzenpolitiker muss auch vermitteln können, abwägen, sich auch mal zurückhalten. Das fiel Koch schwer, er wollte immer vorne sein - und brauchte daher auch lange, um Merkels Führungsrolle zu akzeptieren.

Politische Erfahrung gefragt

Als Vorstandschef dagegen ist er nun ganz vorne. Ab Juli bestimmt er die Strategie eines Großkonzerns: Bilfinger Berger, zehn Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, knapp 68.000 Mitarbeiter. Hier wird er seine Arbeit vor allem im Hintergrund machen, das Unternehmen führen, seine weltweiten Kontakte nutzen und den Umbau zum Dienstleistungskonzern vorantreiben.

Den hat Noch-Vorstandschef Herbert Bodner 1999 begonnen, im selben Jahr übrigens, in dem Koch Ministerpräsident wurde. 20 Prozent seines Umsatzes und sogar 50 Prozent des Gewinns macht der Konzern mittlerweile im Dienstleistungsgeschäft, konkret über die Wartung und Instandhaltung von Industrieanlagen.

Personalberater Hermann Sendele nennt Koch "einen auf den zweiten Blick perfekten Mann" für den Job. Einwände, der Jurist habe keine Erfahrung in der Bauindustrie, wischt Sendele beiseite. Das sei für einen Chefposten heutzutage überhaupt nicht mehr entscheidend. "Über internationale Milliardenprojekte verhandeln doch nicht mehr zwei Bauingenieure, sondern die Anführer großer Konsortien."

Für die Position eines Vorsitzenden stehe nicht die allgemeine Management-Qualifikation im Vordergrund, sondern Leadership, sagt Sendele. "Das heißt, die Befähigung, dem Unternehmen Richtung zu geben, Visionen aufzuzeigen und das Orchester der Manager zu dirigieren." Dies umschreibe man im englischen Fachsprech mit "statesmanship". Kochs politische Erfahrung werde es ihm erleichtern, sich auf der internationalen Bühne durchzusetzen, sagt Sendele. "Er erfüllt damit ein Qualifikationsmerkmal, das mancher aktive Vorsitzende nicht aufweist."

"Mehr Austausch zwischen Politik und Wirtschaft"

Elf Jahre stand der CDU-Mann an der Spitze von Hessen, davon regierte er fünf Jahre ohne Koalitionspartner. Einen Ruf als Stehaufmännchen machte sich Koch Anfang 2008, als er trotz einer herben Wahlschlappe im Amt blieb. Die SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti scheiterte damals mit der Regierungsübernahme unter Tolerierung der Linkspartei. Die Neuwahl gewann Koch dank des starken Koalitionspartners FDP, doch so richtig begeistert wirkte er schon damals nicht mehr von seinem Amt.

Er wollte nach Berlin, auch wenn er das öffentlich immer abgestritten hat. Und vielleicht bietet sich ihm diese Möglichkeit auch noch mal. Immerhin ist Koch erst 52, eine Rückkehr in die Politik ist durchaus realistisch.

Management-Berater Sendele wäre dafür: "Deutschland täte es gut, wenn es ähnlich wie in den USA einen stärkeren Austausch zwischen Politik und Wirtschaft gäbe. Bis heute sind das zwei getrennte Welten." Koch könne "durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen". Und "wenn es einen gibt, dem man es zutrauen kann, ein Unternehmen zu führen, dann Koch".

Allerdings seien längst nicht alle Politiker zum Wechsel in die Wirtschaft geeignet.

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1. Gut dass er weg ist, ...
Sapientia 29.10.2010
Zitat von sysopKaum ein Politiker war in den vergangenen Jahren so umstritten*wie Roland Koch: CDU-Hardliner, Feindbild der Linken, Merkel-Rivale. Nun wird der Ex-Ministerpräsident Chef von Bilfinger Berger*und*darf bei dem Baukonzern endlich frei herrschen. Nur - kann er Konzernchef? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,726135,00.html
jetzt kann er ganz in Ruhe mit seinen Bauklötzern spielen; das hätte mal gleich von Beginn an machen sollen, dann wären eine Menge Steuergelder nicht sinnlos verpulvert worden.
2. koch
shaim74 29.10.2010
herr koch gilt ja nicht gerade als "mann des konsens" ob das gut in position ist...- davon mal ab, wie kann eigentlich ein mann chef einer baufirma werden der soviel ahnung vom bauen hat wie ein bäcker von kernspaltung?
3. Schdäidsmähnschib
Kelnor 29.10.2010
Mir wird ganz anders wenn ich mir die Äußerungen Herrn Sendeles zu Kochs Wechsel lese. Da stellt also jemand ganz selbstverständlich klar das es keinerlei Erfahrung in der jeweiligen Branche braucht um ein internationales Großunternehmen zu führen. Wichtig ist allein "Lidörschib", also dem Unternehmen Richtung zu geben (auf der Jahreshauptversammlung der Aktionäre eine von einem PR-Unternehmen geschriebene Rede vortragen), das Aufzeigen von Visionen (Powerpoint-Folien ablesen) und das Orchester der Manager zu dirigieren (bei Besprechungen dem lautesten Schreihals zustimmen). Das bedeutet eigentlich das Herr Sendele hier ganz klar sagt das man für einen CEO-Posten weder Bildung, noch Erfahrung noch irgendeine Qualifikation braucht. Jeder kann sowas. Man muss eigentlich nur ein paar Leute kennen und beim Golfen ein paar Projekte klarmachen. Das reicht völlig aus. Und bei so einer, von sogenannten Personalberatern geförderten, Unternehmenskultur in Deutschland wundert sich noch jemand über die Ursachen der Wirtschaftskrise.
4. Titel
sponner_hoch2 29.10.2010
Zitat von shaim74herr koch gilt ja nicht gerade als "mann des konsens" ob das gut in position ist...
Mitunter ja - anders als in der Politik wird Nichts- und Halbherziges-Tun recht schnell abgestraft. Man muß die Dinge auch mal durchziehen, und nicht alle gefühlten fünf Minuten wieder die Richtung ändern oder nur die Hälfte der Punkte machen (die aber ohne die andere Hälfte überhaupt keinen Sinn machen), nur damit man der anderen Seite entgegen gekommen ist. Das würde der Politik hier und da auch mal ganz gut tun. SIeht man doch z. B. an den Gesundheitsreformen - erst wird was halbherziges beschlossen, und das dann nach spätestens einem Jahr wieder durch was anderes ersetzt. Man kann (und soll) sich trefflich über etwas streiten. ABer ab einem Punkt X muß dann auch mal was durchgezogen werden. Wenn es dann tatsächlich das falsche war, weiß man das nachher wenigstens. Steht doch im Artikel. Kleiner Hinweis: Der Mann soll nicht im Blaumann die Schalung für eine Betonmauer hochziehen, sondern ein Unternehmen führen. Dafür muß man a) das Geschäft verstehen (das, auch im Artikel zu lesen, nur noch zu ca. 50% aus "Bauen" besteht) und b) eben führen können. Ob er das kann ist wieder eine andere Frage.
5. TItel
sponner_hoch2 29.10.2010
Zitat von KelnorUnd bei so einer, von sogenannten Personalberatern geförderten, Unternehmenskultur in Deutschland wundert sich noch jemand über die Ursachen der Wirtschaftskrise.
Die meisten Pleiten die ich kenne sind dadurch entstanden, daß "Fachidioten" (die meistens sehr engagiert und mit Herzblut dabei waren) ihr können nur in dem entsprechenden Fachgebiet, nicht aber im wirtschaftlichen und Führungsbereich hatten.
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