Von Christian Teevs
Hamburg - Der Satz sollte wohl Lockerheit beweisen. Bei Roland Koch klang er eher verzweifelt. "Menschen, die mich zum ersten Mal treffen, staunen immer, wie nett und umgänglich ich doch sei", sagte er einmal. "Ganz anders, als sie erwartet hätten."
Wer Koch abseits seiner öffentlichen Auftritte erlebt hat, kann den Satz tatsächlich nachvollziehen. An seinem Image als unsympathischer Hardliner hat das "Ich bin eigentlich ganz okay"-Credo aber nichts geändert. Der Hesse war für weite Teile der Deutschen der konservative Vorkämpfer der CDU, der Mann mit den Ausländerwahlkämpfen, der Sprüche plakatieren ließ wie: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen".
Für die Gegner bei SPD, Grünen und Linken war er stets das Feindbild. Wenig überraschend ist daher nun auch die begleitende Kritik, Kochs Wechsel an die Spitze von Bilfinger Berger habe "ein Geschmäckle". Schließlich habe der Baukonzern just mit einem 80-Millionen-Euro-Auftrag vom Ausbau des Frankfurter Flughafens profitiert. Den hatte Koch zu einem zentralen Projekt seiner Landesregierung erklärt. Es dränge sich daher der Verdacht auf, "dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Regierungshandeln und dem Wechsel", sagt der Geschäftsführer der hessischen Grünen, Mathias Wagner.
Einen Schritt weiter ging Kochs Intimfeind Tarek Al-Wazir. Weil der Ex-Politiker zum Ende seiner Amtszeit als Ministerpräsident einen Wechsel an die Spitze von Bilfinger Berger dementiert hatte, sagte der hessische Grünen-Chef: "Auch in der letzten Woche seiner elfjährigen Amtszeit hat Koch die Leute noch mal belogen."
Koch polarisiert also noch immer. Auch im Aufsichtsrat von Bilfinger Berger gab es skeptische Stimmen - obgleich aus anderen Gründen. Koch fehle der Stallgeruch, hieß es. Ein Mann, der noch nie mit Bewehrungseisen und Stützwänden zu tun hatte, werde Probleme haben, mit Leuten der zweiten Führungsebene auf Augenhöhe zu reden, sagte ein Aufsichtsratsmitglied der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Denn Koch bringt offenkundig Qualitäten mit, die ein Top-Manager braucht. Vielleicht ist er für diesen Job sogar besser geeignet als für ein politisches Spitzenamt. In der Wirtschaft dürfte sein strategisches Talent stärker zur Entfaltung kommen, zugleich werden seine Imageprobleme kaum noch eine Rolle spielen. Koch ist ein Machtmathematiker. Er plant jede Situation, jede Aktion akribisch im Voraus und setzt dadurch Themen. Nie wirkt er unvorbereitet oder gar unsicher.
In der Politik war das nicht immer ein Vorteil. Koch wurde als Streber und Karrierist wahrgenommen. Für die höchste Ebene, sprich CDU-Vorsitz oder Kanzlerschaft, fehlte ihm etwas.
Konkret: Ein Spitzenpolitiker muss auch vermitteln können, abwägen, sich auch mal zurückhalten. Das fiel Koch schwer, er wollte immer vorne sein - und brauchte daher auch lange, um Merkels Führungsrolle zu akzeptieren.
Politische Erfahrung gefragt
Als Vorstandschef dagegen ist er nun ganz vorne. Ab Juli bestimmt er die Strategie eines Großkonzerns: Bilfinger Berger, zehn Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, knapp 68.000 Mitarbeiter. Hier wird er seine Arbeit vor allem im Hintergrund machen, das Unternehmen führen, seine weltweiten Kontakte nutzen und den Umbau zum Dienstleistungskonzern vorantreiben.
Den hat Noch-Vorstandschef Herbert Bodner 1999 begonnen, im selben Jahr übrigens, in dem Koch Ministerpräsident wurde. 20 Prozent seines Umsatzes und sogar 50 Prozent des Gewinns macht der Konzern mittlerweile im Dienstleistungsgeschäft, konkret über die Wartung und Instandhaltung von Industrieanlagen.
Personalberater Hermann Sendele nennt Koch "einen auf den zweiten Blick perfekten Mann" für den Job. Einwände, der Jurist habe keine Erfahrung in der Bauindustrie, wischt Sendele beiseite. Das sei für einen Chefposten heutzutage überhaupt nicht mehr entscheidend. "Über internationale Milliardenprojekte verhandeln doch nicht mehr zwei Bauingenieure, sondern die Anführer großer Konsortien."
Für die Position eines Vorsitzenden stehe nicht die allgemeine Management-Qualifikation im Vordergrund, sondern Leadership, sagt Sendele. "Das heißt, die Befähigung, dem Unternehmen Richtung zu geben, Visionen aufzuzeigen und das Orchester der Manager zu dirigieren." Dies umschreibe man im englischen Fachsprech mit "statesmanship". Kochs politische Erfahrung werde es ihm erleichtern, sich auf der internationalen Bühne durchzusetzen, sagt Sendele. "Er erfüllt damit ein Qualifikationsmerkmal, das mancher aktive Vorsitzende nicht aufweist."
"Mehr Austausch zwischen Politik und Wirtschaft"
Elf Jahre stand der CDU-Mann an der Spitze von Hessen, davon regierte er fünf Jahre ohne Koalitionspartner. Einen Ruf als Stehaufmännchen machte sich Koch Anfang 2008, als er trotz einer herben Wahlschlappe im Amt blieb. Die SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti scheiterte damals mit der Regierungsübernahme unter Tolerierung der Linkspartei. Die Neuwahl gewann Koch dank des starken Koalitionspartners FDP, doch so richtig begeistert wirkte er schon damals nicht mehr von seinem Amt.
Er wollte nach Berlin, auch wenn er das öffentlich immer abgestritten hat. Und vielleicht bietet sich ihm diese Möglichkeit auch noch mal. Immerhin ist Koch erst 52, eine Rückkehr in die Politik ist durchaus realistisch.
Management-Berater Sendele wäre dafür: "Deutschland täte es gut, wenn es ähnlich wie in den USA einen stärkeren Austausch zwischen Politik und Wirtschaft gäbe. Bis heute sind das zwei getrennte Welten." Koch könne "durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen". Und "wenn es einen gibt, dem man es zutrauen kann, ein Unternehmen zu führen, dann Koch".
Allerdings seien längst nicht alle Politiker zum Wechsel in die Wirtschaft geeignet.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Bilfinger Berger | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH