Türkische Winzer: Gute Geschäfte mit der Sünde

Von Kristina Karasu

Der türkische Weinsektor ist in den letzten Jahren stark expandiert, Winzer setzten auf Qualität und gewinnen reihenweise internationale Preise. Doch sie stehen unter massivem politischen Druck der Religiösen.

Weinanbau in der Türkei: Alkoholproduzent unter Abstinenzlern Fotos
Kristina Karasu

Über der Idylle weht ein eisiger Wind. Im kleinen Ort Hosköy am Marmarameer schaukeln die Fischerboote einsam am Hafen, Männer wie Frauen haben sich zum Kartenspielen ins Café zurückgezogen. Nur in der Weinkellerei Melen herrscht emsiges Treiben. Mit hochmodernen italienischen Maschinen wird Weißwein in Flaschen abgefüllt, Cem Cetintas überwacht jeden Schritt.

Schon sein Großvater baute hier vor 100 Jahren Wein an. Die historische Kellerei hat Cetintas behutsam renovieren lassen. "Dieser Beruf ist meine Leidenschaft" sagt der studierte Winzer, "ich wollte nie etwas anderes machen."

Klimatisch sind die meisten Regionen der Türkei für den Weinanbau ideal, in Anatolien wurde schon vor 7000 Jahren Wein angebaut. Heute ist die Türkei der sechstgrößte Traubenproduzent der Welt, doch nur drei Prozent davon werden für die Weinproduktion verwendet. "So mancher Bauer gibt seine Felder keinem Winzer, weil er das für eine Sünde hält", erklärt Taner Ögütoglu Direktor des Branchenverband Wines Of Turkey.

Angestellte in gestärkten Schürzen bringen Tee auf silbernen Tabletts

Trotzdem hat der türkische Weinsektor in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht, begünstigt durch die liberale Wirtschaftspolitik. "Es eröffneten viele neue Firmen, die in modernste Technologie investieren und immer hochwertigere Weine produzieren", so Ögütoglu, "In den letzten zwei Jahren haben türkische Wein über 500 internationale Preise gewonnen. Das gab es noch nie."

Einer der Winzer der neuen Generation ist Akin Öngör. Zum Interviewtermin lädt er in seine Istanbuler Villa mit Bosporusblick. Angestellte in gestärkten Schürzen bringen Tee auf silbernen Tabletts. Bis zum Jahr 2000 war Öngör Chef der türkischen Garantie Bank, dann ging er mit 55 Jahren in Frührente und widmete sich dem Weinanbau.

"Anfangs war es für mich ein Hobby" sagt Öngör. Er kaufte Land in Akhisar in der Agäis-Region, engagierte einen italienischen Spezialisten und produzierte unter der Marke Selendi einen der ersten Bioweine der Türkei. Aus dem Hobby ist längst Geschäft geworden. Seine Tochter führt mittlerweile die Produktion vor Ort, die Anbauflächen wurden von 1,5 Hektar auf über 20 Hektar erweitert.

Doch die Branche erlebt schwere Zeiten in der Türkei. "Noch nie hatten wir eine Regierung, die uns Winzern so feindselig gegenüberstand", so der Winzer Cetintas aus dem kleinen Ort Hosköy. Dreimal im letzten Jahr habe die Polizei mit Blaulicht und bewaffneten Durchsuchungskommando vor seiner Kellerei gestanden, dabei hätte nichts gegen ihn vorgelegen. Städtischen Beamte würden ihn fragen, warum er denn so einer schändlichen Arbeit nachgehe - "Sie sagen, 'Dabei bist du doch ein netter Kerl.'"

Die Bevölkerung in der Türkei ist überwiegend muslimisch, Alkohol in dem säkularen Staat aber erlaubt. Doch seitdem die religiös-konservative AKP-Regierung an der Macht ist, führt sie einen schleichenden Feldzug gegen den Alkohol. Die Alkoholsteuer wurde in den letzten Jahren so viele Male angehoben, dass die billigste Flasche Wein im Supermarkt mittlerweile umgerechnet sechs Euro kostet. In den meisten Orten Anatoliens ebenso wie in konservativen Stadtteilen Istanbuls können Wirte nur noch schwer eine Alkohollizenz bekommen. In städtischen Einrichtungen ist Alkohol mittlerweile ganz verboten.

Im Sommer 2012 wurde einem Musikfestival auf einem Istanbul Uni-Campus in letzter Minute die Alkohollizenz entzogen, dabei war der Sponsor des Festivals die größte Biermarke des Landes. "Sie wollen, dass unsere Jugendlichen zu Alkoholikern werden!" wetterte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

In türkischen Touristenzentren reihen sich Bars und Discos aneinander

Dabei ist die Türkei weit entfernt davon, ein ernsthaftes Alkoholproblem zu haben. Laut OECD konsumieren die Türken pro Kopf durchschnittlich 1,5 Liter Alkohol pro Jahr - in Deutschland sind es 11,7 Liter. Allerdings steigt aller Verbote zum Trotz der Alkoholkonsum in der Türkei konstant, 2012 etwa um 6,3%. Wer sich im pulsierenden Nachtleben von Istanbul oder Izmir umschaut, den wird das kaum wundern.

Einen erheblichen Anteil am Anstieg des Alkoholkonsums haben die Touristen. In türkischen Touristenzentren reihen sich Bars und Discos aneinander, für Ausländer gibt es Alkohol satt. Bezeichnenderweise wird die türkische Weinwirtschaft vom Tourismusministerium unterstützt. "Eine schlauer Zug", sagt Taner Ögütoglu, "Denn wir sitzen hier auf einer Goldgrube."

Gleichzeitig geht der Feldzug gegen Alkohol weiter. Im Februar strich die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines alkoholische Getränke von der Karte ihrer meisten Inlandsflüge, angeblich wegen geringer Nachfrage. Große Teile der türkischen Öffentlichkeit reagierten empört, mit ihnen Weinproduzent Öngör: "Ein Unternehmen, das mit dem Slogan 'Globally Yours' wirbt, kann sich so etwas nicht erlauben. Ich denke, dass sie das noch bereuen werden."

Trotzdem sind die Winzer davon überzeugt, dass der türkische Wein seinen Weg finden wird. Auch wenn die meisten Politiker des Landes offiziell nur Fruchtsaft trinken.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Es könnte so schön sein...
jinngo73 06.05.2013
... Wenn die TR auch für ihren Wein bekannter wäre. Leider haben die Leutchen dort auch jemanden an der Macht, der nur Geld scheffeln will ( geheimkonten in der Schweiz dafür aber sein Volk zwangsenteignet um sich an Immobilienprojekten zu bereichern.... Gefällt dem Propheten wahrscheinlich gar nicht Herr Erdogan...
2. Lasst euch nicht unterkriegen!
tonybkk 06.05.2013
Zitat von sysopKristina KarasuDer türkische Weinsektor ist den letzten Jahren stark expandiert, Winzer setzten auf Qualität und gewinnen reihenweise internationale Preise. Doch sie stehen unter massivem politischen Druck der Religiösen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/weinanbau-tuerkei-winzer-im-geschaeft-mit-der-suende-a-890208.html
Die Tuerkei ist seit Jahrtausenden Weinanbaugebiet. Zudem kann das Land zu Recht stolz sein auf seine saekulare Vergangenheit. Tuerkische Winzer lasst Euch nicht unterrkiegen von den Religioesen! Ich wuensche Euch noch viele internationale Preise und gute Geschaefte!
3.
umbhaki 06.05.2013
In Deutschland darf ich fast nirgendwo mehr rauchen, mir aber täglich das Hirn wegsaufen, auch in aller Öffentlichkeit, und sogar in eigens dafür eingerichteten zahlreichen Etablissements. In der Türkei wird öffentliches Saufen geächtet, aber qualmen darf man doch dort, und die Ziggis kosten nicht einmal halb so viel wie in Deutschland. Hm. Vielleicht sollte ich einen Umzug dorthin in Erwägung ziehen. Zwar tausche ich nur den einen von restriktiven Eiferern geführten Staat gegen einen anderen, aber weil ich zwar keinen Alkohol trinke, aber viel und gerne rauche …
4. Beweggründe die falschen.
elex182 06.05.2013
Natürlich sollten die Türkischen Bürger nicht unter scheinheiligen "religiösen" Beweggründen bevormunded werden. Allerdings sollte man wie hier geschehen auch nicht den Alkohol glorifizieren. Trinmalkohol ist kein fortschrittliches Getränk der Aufgeklärten, sondern eine Droge.
5. Es ist nur verboten was trunken macht
wolfi55 06.05.2013
Wenn man das also in kleinen Mengen trinkt, dann ist das auch im Islam erlaubt. Und wer gar nicht besoffen wird, der kann endlose Mengen trinken. Das ist doch so, wie bei den Amis zu Zeiten der Prohibition. Das hat die Mafia stark gemacht, Und der Alk gehört nun mal dazu, seit 20.000 Jahren, seit es Menschen gibt, gibt es Alkohol, was nicht bedeutet, dass ich den übermäßigen genuß davon gutheiße. Aber die normale Gesellschaftstrinkerei ist eher unkritisch, ein/zwei Glas und das einmal die Woche. Davon wird keiner Alki
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