Weltrisikozentrale Munich Re: Der Preis der Katastrophe
Deutschland steigt aus der Atomkraft aus - weil die Katastrophe von Fukushima bis dahin undenkbare Risiken offengelegt hat. Doch stimmt diese Einschätzung überhaupt? Ein Besuch bei der weltgrößten Rückversicherung zeigt: Für die Risikomanager ist ein solcher Jahrhundertunfall nichts Besonderes.
Das Beben lässt Heike Trilovszky zunächst eher kalt. Die Mathematikerin sagt, sie habe die Katastrophe an jenem Freitag, dem 11. März, noch nicht erkannt. "In Japan bebt es ständig", habe sie gedacht. "Das Epizentrum ist weit von Tokio entfernt, und das Land ist wie kein anderes auf solche Katastrophen vorbereitet." Kein Grund zur Sorge also.
Doch dann kommt der Samstag, die Explosionen im Atomkraftwerk Fukushima beenden die Mär von der sicheren, sauberen Energiequelle. Bei Trilovszkys Arbeitgeber, der Munich Re, bricht Hektik aus: Der Chef des weltgrößten Rückversicherers telefoniert seine Mitarbeiter zusammen. Bis zum Abend soll die Abteilungsleiterin Heike Trilovszky die Folgen der Atomkatastrophe für das Unternehmen klären. Die wichtigste Frage: Drohen der Munich Re, dem Konzern, der andere Assekuranzen versichert, ernsthafte Probleme?
"Erst da habe ich realisiert, was eigentlich passiert ist", sagt Trilovszky. Eigentlich müssten die Folgen der Atomkatastrophe in den Policen ausgeschlossen sein. Einen solchen Unfall kann niemand versichern. Viel zu riskant. Doch bis zum März gab es noch nie eine Atomkatastrophe in einem Industrieland. Trilovszky wühlt sich durch die Verträge, checkt, ob nicht doch irgendwo ein Atom-Risiko steckt. Dann Aufatmen, die Atomkatastrophe wird ihrer Firma kaum schaden, der Schaden bleibt am Betreiber Tepco hängen - und am japanischen Steuerzahler. Für die Munich Re fallen aber natürlich hohe Kosten für Erdbeben- und Tsunami-Folgen an.
Trilovszky führt den Bereich "Corporate Underwriting", das heißt: Die 49-Jährige ist zuständig für die Verträge, sie versichert Versicherungen. Die Munich Re bietet Unternehmen wie der Allianz quasi ein Sicherheitsnetz für außergewöhnliche Kostenfallen. Nach der Katastrophe in Japan ist sie auch dafür zuständig, die Öffentlichkeit zu beruhigen - und zu erklären, warum Horrorszenarien in die Irre führen.
Denn das Gefühl, das viele nach der Katastrophe beschlich, war ja: Japan verändert alles, man muss nun immer wieder mit so etwas rechnen. "Das Undenkbare ist denkbar geworden", sagte Kanzlerin Angela Merkel. Ein Besuch in der "Weltrisikozentrale", wie der SPIEGEL die Munich Re einmal bezeichnete, lässt an diesem Ausruf zweifeln. Die Experten, die Tag für Tag Naturgefahren berechnen, gehen routiniert mit der Japan-Katastrophe um, fast als wäre es ein ganz normales Ereignis. Sie korrigieren ein paar Daten, passen ihre Verträge an. Doch grundlegend ändern - wie nach dem Hurrikan "Katrina" 2005 oder den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - müssen sie nichts.
Datenbanken für alle Stürme, Fluten, Erdbeben
Um die Gelassenheit der Versicherer nachzuvollziehen, muss man verstehen, wie sie mit Risiken umgehen. Die Munich Re beschäftigt 30 Experten und Wissenschaftler, die nur für die Berechnung von Naturgefahren zuständig sind: Ingenieure, Geologen, Meteorologen. Sie gehen Hunderte, oft Tausende Jahre in der Geschichte zurück und sammeln Daten - über alle historischen Stürme, Fluten und Erdbeben. Diese erfassen sie in gigantischen Datenbanken.
Nun will etwa eine Versicherung Wohnhäuser und Fabriken gegen Naturgefahren rückversichern. Schäden, die alle fünf Jahre auftreten können, tragen die Versicherungen meist selbst. Und Schäden, die nur alle 250 Jahre oder sogar noch seltener auftreten, werden meistens erst gar nicht versichert, weil die Prämie zu hoch wäre.
Für alle Katastrophen, die dazwischen liegen, gibt es Rückversicherer. Die Mathematiker lassen die Liste mit den Objekten durch ihr Modell laufen: Wie oft könnte es im kommenden Jahr zu Stürmen, Erdbeben oder Überflutungen kommen? Und wie stark werden diese sein? So entstehen Hunderttausende fiktive "Ereignisse", wie sie im Fachsprech genannt werden. Für jedes davon werden Wert und Wahrscheinlichkeit berechnet. Das Modell sagt also aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ein bestimmtes Ereignis eintrifft. Eine Katastrophe wie in Japan kommt demnach etwa alle 100 bis 150 Jahre.
Eine Mitarbeiterin, die solche Modelle erstellt, ist Helga Weindl. Die 33-Jährige ist für Wetterextreme zuständig, sie füttert ihren Computer mit Daten zu tropischen Zyklonen, also Hurrikanen und Taifunen. Weindl zeigt ein Bild, auf dem mehr als 250.000 Verläufe in 10.000 Jahren zu sehen sind. Es sieht aus wie riesiges Wollknäuel über dem Atlantischen Ozean. "Tropische Zyklone verlaufen sehr symmetrisch", sagt Weindl, "sie sind also recht einfach zu berechnen."
Die Modelle, die Weindl und ihre Kollegen bearbeiten, sind Basis der Verträge, die Heike Trilovszkys Abteilung aushandelt. "Wenn eine Katastrophe passiert, die nicht in den Modellen abgedeckt ist, müssen wir sehr genau hinsehen", sagt sie. So war es bei "Katrina", als nach dem Hurrikan auch noch die Deiche brachen. Die Szenarien sahen nur jeweils eins der beiden Ereignisse vor. Oder beim 11. September: Terror war bis dahin keine Kategorie für die Risikomanager.
Kosten niedriger als beim Extremszenario
Doch Japan? "Das Beben und der Tsunami entsprachen den Modellen", sagt Trilovszky. "Überrascht hat lediglich die Stärke des Bebens an diesem Ort." Die Mitarbeiter der Abteilung Corporate Claims, die für die Berechnung der Schäden zuständig sind, konnten diese zwar immer noch nicht vor Ort inspizieren. Doch bereits jetzt sei klar, dass die Kosten für die Munich Re niedriger seien als im Extremszenario: Dies wäre ein Erdbeben in Tokio - und würde die Munich Re etwa zwei Milliarden Euro kosten. Für die Katastrophe vom März muss der Konzern voraussichtlich 1,5 Milliarden Euro zahlen.
Der Leiter der Abteilung, Nicholas Roenneberg, schätzt allerdings, dass sein Unternehmen bis Jahresende 2011 nur etwa ein Drittel, also 500 Millionen Euro, auszahlen können wird. Das war etwa beim Erdbeben in Chile 2010 ganz anders, dort wurden innerhalb von zwölf Monaten bereits 350 Millionen Euro bezahlt - die Hälfte der Schäden. Doch wegen der Schutzzone um Fukushima und der besonderen Marktgegebenheiten in Japan werde das Erfassen der Schäden noch sehr lange dauern. "Wir sind dennoch um eine möglichst rasche Regulierung bemüht und haben erste Abschlagszahlungen auch schon geleistet."
Dazu kommt: Auch wenn der Dax-Konzern kurzfristig unter dem Erdbeben in Japan leidet, könnte er langfristig sogar davon profitieren. So zynisch das klingen mag. Denn nach Mega-Katastrophen lässt in der Regel der "Risikoappetit" der Erstversicherer nach. Das heißt: Sie sichern sich für die Zukunft stärker über die Rückversicherer ab. Deren Einnahmen steigen dadurch. "Ob die Katastrophe in Japan den Markt wirklich entscheidend verändert, können wir noch nicht sagen", sagt Roenneberg. "Aber es könnte gut möglich sein."
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