Wiedeking-Prozess Freispruch für die Porsche-Zocker

Ex-Porsche-Chef Wiedeking und sein Finanzchef Härter können aufatmen. Ihre gescheiterte Übernahme von VW war laut Gericht keine Marktmanipulation. Größenwahnsinnig war der Plan dennoch.

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So etwas hört man als Angeklagter gern: Als der Vorsitzende Richter Frank Maurer am Freitag die Freisprüche für Wendelin Wiedeking und Holger Härter verkündete, verband er dies mit einer ordentlichen Schelte für die Ankläger: "An den Vorwürfen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ist nichts dran, nichts - weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte."

Das klang fast so, als wären die einstigen Top-Manager ohne Grund vor Gericht gelandet.

Tatsächlich sind Wiedeking und Härter die Hauptfiguren eines der größten Wirtschaftskrimis der jüngeren Vergangenheit: Porsche wollte den um ein Vielfaches größeren VW-Konzern übernehmen. Dabei verzockten sich die beiden jedoch derart, dass stattdessen am Ende Porsche von VW geschluckt wurde (eine ausführliche Chronologie des SPIEGEL finden Sie hier).

Porsche hatte seine Beteiligung an VW schrittweise erhöht. Bei einem Anteil von 75 Prozent der Stammaktien hätte der deutlich kleinere Sportwagenbauer den Wolfsburger Konzern beherrschen können. Erst als diese Marke im Oktober 2008 nahezu erreicht war, machte Porsche die Übernahmepläne öffentlich - zuvor waren sie öffentlich stets bestritten worden.

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Gescheiterte VW-Übernahme: Die Hauptfiguren des Porsche-Krimis
Viele Investoren sahen dieses Vorgehen als Manipulation. Sie hatten auf fallende Kurse gesetzt und verloren viel Geld, als die Aktie Chart zeigen nach Bekanntgabe der Übernahmepläne von 200 auf mehr als 1000 Euro schoss. Häufig handelte es sich um Hedgefonds, die mit sogenannten ungedeckten Leerverkäufen, selbst ein hochriskantes Spiel betrieben. Zu den Leidtragenden gehörte auch der Unternehmer Adolf Merckle. Er verlor mehr als 200 Millionen Euro und nahm sich Anfang 2009 das Leben.

Wie Porsche sich an Volkswagen verhob
März 2007

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Finanzvorstand Holger Härter verfolgen einen kühnen Plan: Sie wollen den um ein Vielfaches größeren Volkswagen-Konzern übernehmen. Die Porsche-Eigentümer Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche haben sie schon früh von der Idee überzeugt. Wiedeking und Härter beginnen mit dem Kauf von VW-Aktien. Im März 2007 haben sie bereits mehr als 30 Prozent der Anteile zusammen.

3. März 2008

Der vom Porsche/Piëch-Clan dominierte Aufsichtsrat segnet den Plan ab, weitere rund 20 Prozent der VW-Anteile zu kaufen. Nach Abschluss der Transaktionen verfügt Porsche damit über mehr als 50 Prozent an dem Autoriesen. Die magische Grenze liegt bei 75 Prozent – dann könnte Wiedeking in Wolfsburg durchregieren.

10. März 2008

Die Nachricht, dass Porsche die Herrschaft über Volkswagen übernehmen will, ist längst in aller Munde. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass die Stuttgarter es wirklich ernst meinen. Doch Gerüchte über weitere Aktienkäufe will der Vorstand gleich im Keim ersticken – mit einem klaren Dementi. Eine Aufstockung des Anteils auf 75 Prozent sei nicht geplant, heißt es.

23. Juli 2008

Gut vier Monate nach dem Dementi billigt der Porsche-Aufsichtsrat den Ankauf weiterer Aktien. Jetzt soll die Beteiligung doch auf 75 Prozent anwachsen. Sorgen über die Finanzierung der dafür notwendigen rund acht Milliarden Euro hat Finanzvorstand Härter zuvor zerstreut. Die Öffentlichkeit erfährt von den Plänen noch nichts.

26. Oktober 2008

Porsche schockiert die Börse mit der Ankündigung, seinen Anteil an VW nun doch auf 75 Prozent erhöhen zu wollen. In der Erklärung sorgt vor allem eine Information für Unruhe: Über Optionen hat sich Porsche zusätzlich zu seinem 42,6-Prozent-Paket weitere 31,5 Prozent gesichert. Weitere 20 Prozent hält Niedersachsen. Es sind also kaum noch Aktien auf dem Markt.

28. Oktober 2008

Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, haben jetzt allen Grund zur Panik. Sie haben VW-Aktien zu einem festgelegten Preis verkauft, die sie noch gar nicht besitzen und jetzt heranschaffen müssen – koste es, was es wolle. Wie viele Aktien von solchen Geschäften erfasst sind, ist nicht bekannt, doch es sind offensichtlich weit mehr als die rund sechs Prozent, die sich noch auf dem Markt befinden. Der Kurs steigt im atemberaubenden Tempo von 200 auf mehr als 1000 Euro.

6. Mai 2009

Der hohe Börsenkurs macht Porsche quasi über Nacht zu einem reichen Unternehmen, aber nur auf dem Papier. Für den Kauf der restlichen 31,5 Prozent, die sich Härter über Optionen gesichert hatte, können sie immerhin als Sicherheit dienen. Den Kaufpreis von rund acht Milliarden Euro muss der Finanzjongleur trotzdem durch Kredite finanzieren. Schlimmer noch: Am 24. März 2009 wird ein Zehn-Milliarden-Euro-Kredit fällig und Härter gelingt es nicht, das Geld für die Anschlussfinanzierung aufzutreiben. In der Not muss VW einspringen – der Jäger wird zur Beute.

23. Juli 2009

Der Schaden, den Wiedeking und Härter angerichtet haben, ist zu groß. Im Piëch/Porsche-Clan ist man sich ausnahmsweise einig: Die beiden Top-Manager müssen gehen. Nach langen Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat einigt man sich auf eine Abfindung von 50 Millionen Euro für Wiedeking und 12,5 Millionen für Härter. Wiedeking muss sich allerdings verpflichten, die Hälfte seiner Abfindung in eine Stiftung einzubringen.

13. August 2009

Das Ende der Eigenständigkeit von Porsche ist besiegelt. Der Aufsichtsrat stimmt der Übernahme durch Volkswagen zu. Der Sportwagenhersteller muss sich fortan mit elf anderen Konzernschwestern arrangieren, hat jedoch weiterhin viel Freiheit. Die eigentlichen Gewinner sind allerdings die Familien Piëch und Porsche. Über die Holdinggesellschaft Porsche SE besitzen sie mehr als 50 Prozent an VW. Sechs Jahre später müssen sich Wiedeking und Härter vor Gericht verantworten.

Die Angeklagten argumentierten hingegen, die geplante Übernahme sei erst im Oktober vom Aufsichtsrat abgesegnet worden. Dem ist das Gericht nun gefolgt. "Es gab keinen Geheimplan des Vorstands", sagte Maurer. Damit haben sich nicht nur Haftstrafen von mehr als zwei Jahren erledigt, welche die Staatsanwaltschaft für Wiedeking und Härter gefordert hatte. Die Dachgesellschaft Porsche SE Chart zeigen, die mittlerweile Großaktionärin von VW ist, kommt auch um eine Geldbuße von gut 800 Millionen Euro herum.

Größenwahnsinnig war der Plan von Wiedeking und Härter dennoch. Dass sie sich damit zumindest zeitweise auch jenseits des rechtlich Zulässigen bewegten, zeigt die Tatsache, dass Härter bereits 2013 wegen Kreditbetrugs zu einer Geldstrafe von 630.000 Euro verurteilt wurde. Der Finanzvorstand hatte nach Überzeugung der Richter in Kreditverhandlungen mit der Großbank BNP Paribas verschwiegen, dass Porsche 45 Millionen Verkaufsoptionen für Porsche besaß.

Solche Optionen waren Teil des hochriskanten Modells, mit dem Porsche die Übernahme stemmen wollte. Es sicherte Porsche gegen steigende VW-Kurse ab, sah umgekehrt aber Ausgleichszahlungen an die Banken vor, falls die Kurse sinken sollten.

Die Pleite, die niemand kommen sah

Das passierte tatsächlich, nachdem die Lehman-Pleite in den USA überraschend die weltweiten Finanzmärkte erschütterte. Die Frankfurter Maple Bank - die kürzlich wegen krummer Cum-Ex-Deals pleite gegangen ist - schickte Porsche wegen der fallenden Kurse Forderungen, die sich teilweise im Stundentakt um dreistellige Millionenbeträge erhöhten. Dennoch musste Porsche weiter Aktien kaufen, um den Kurs zu stützen.

Dieses Modell brachte den Sportwagenbauer innerhalb weniger Monate an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, vor der ihn dann ausgerechnet VW mit einem Kredit bewahrte.

Was also bleibt als Lehre aus der missglückten Zockerei? Zum Beispiel die Erkenntnis, dass zu viel Cash Unternehmenschefs schnell auf dumme Gedanken bringen kann: Am Anfang des Manövers von Wiedeking und Härter standen drei Milliarden Euro, die man nicht einfach an die Aktionäre ausschütten wollte.

Derzeit flutet die Europäische Zentralbank mit ihrer Nullzinspolitik wieder die Märkte mit Liquidität. Laut Zahlen der Bundesbank haben deutsche Unternehmen ihre Barreserven allein im Herbst 2015 um mehr als zehn Prozent auf 1,5 Billionen Euro erhöht. Das ist der stärkste Zuwachs seit 2008 - als der Porsche-Krimi seinen Höhepunkt erreichte.

Mit Material von Reuters und dpa

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
omop 18.03.2016
1. Fragt sich wer sich hier verzockt hat..
eine schöne Erkenntnis bleibt: auch Hedgefonds können sich verzocken..aber deren kritische Rolle wird kaum beleuchtet.
ulrich g 18.03.2016
2. Unglaublich
Wiedeking erhält einen Freispruch erster Klasse und der Spiegel spricht in seiner Überschrift immer noch von "Zockern". Wenn der Ruf nach Recht und Gesetz nicht das erwünschte Ergebnis bringt wird er halt medial abgeurteilt. Erbärmliche Journalistik!
glass88 18.03.2016
3. Haben Hedgefonds die Gewinne gepachtet?
Ist es ein verbrieftes Recht von Hdgefonds Gewinne zu machen die man einklagen kann? Was ist denn das für eine armselige Heuchelei dieser Fonds? Schon mal was von Risiko gehört?
acitapple 18.03.2016
4.
Wieso größenwahnsinnig ? Es geht bei Übernahmen einzig und allein um die nötigen Mittel und die hatte Porsche. Ebenso könnte ein Hundefutterhersteller einen Autohersteller übernehmen. Es ist ein freier Markt. Da haben sich die Hedgefonds einmal verzockt anstatt fette Gewinne zu machen und schon schreien sie nach Strafen.
unter_linken 18.03.2016
5.
Na da macht man schon mit dem Titelbild nochmal richtig Stimmung gegen die "Zocker". Natürlich war der Plan auch größenwahnsinnig. Aber die Situation in der Porsche steckte war fressen oder gefressen werden. Man hat gepokert und wurde nun gefressen. Wiedeking war ein Glücksfall für Porsche, machte aus einer anstehenden Pleite den rentabelsten Autobauer der Welt. Und davon profitiert heute noch ejder einzelne, der mit VW zu tun hat. Alles andere war Sache der Richter und die haben nun eben entschieden.
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