Werften-Krise Deutschlands Schiffbauer und ihr Plan B

In Deutschland sterben die Werften, zu übermächtig ist die Konkurrenz aus Asien. Jetzt will sich das älteste deutsche Unternehmen neu erfinden: Sietas baut Spezialschiffe für die Energiewende. Die Traditionsfirma kämpft mit der Kraft der Verzweiflung.

SPIEGEL ONLINE

Von Suana Meckeler


Hamburg - Grau hängt der Himmel über der Sietas-Werft, Regentropfen prasseln an die Scheiben als trommelten sie einen traurigen Takt für die älteste Schiffswerft Deutschlands. Firmenchef Rüdiger Fuchs will seinen 700 Angestellten Mut machen, sagt aber zunächst mal das Falsche: "Wenn wir fit für die Zukunft wären, dann wären wir nicht insolvent." Er sitzt an einem langen Tisch, vornübergebeugt, und blickt auf einen Zettel. "Aber wir sind kein hoffnungsloser Fall", ergänzt er noch.

376 Jahre Unternehmensgeschichte, Krisen und Kriege hat die Sietas Werft überdauert. Jetzt hat das Unternehmen kein Geld mehr, vor einem Monat musste es Insolvenz anmelden, nur noch Kredit sichert das Geschäft, vorläufig. Was 2012 kommt, ist ungewiss, dann müssen sich Männer wie Carsten Pluschke vielleicht einen neuen Job suchen. Pluschke arbeitet seit 30 Jahren als Schlosser bei Sietas, sein Vater hat hier 50 Jahre gearbeitet.

Sietas ist nur eine von vielen Firmen, die gegen den Untergang kämpft. Der deutsche Schiffbau steht massiv unter Druck. Unternehmen aus Japan, Korea und China haben das Geschäft mit dem Bau von Container-Schiffen übernommen. Die deutschen Betriebe können im harten Verdrängungswettbewerb kaum noch bestehen. So musste etwa die zivile Sparte der Traditionswerft Blohm + Voss jüngst verkauft werden. Die Kieler Lindenau-Werft stellte 2008 den Insolvenzantrag. 2009 meldete die Bremerhavener Schichau-Seebeck-Werft Insolvenz an.

Fuchs aber will nicht kampflos aufgeben. Er will die Firma umkrempeln - und wieder auf Wachstum trimmen. Seine große Hoffnung ist die deutsche Energiewende. Denn für die braucht es nicht nur viele Solaranlagen und Windräder - sondern auch spezielle Schiffe. Bis 2025 soll Windenergie auf See rund 15 Prozent des heutigen deutschen Strombedarfs decken, bis 2020 sollen Offshore-Windanlagen mit einer Leistung von zehn Gigawatt gebaut werden. Gestänge, Plattformen, Fundamente, Rotoren und allerlei anderes Material muss dafür aufs Meer hinaus transportiert werden. Solche Schiffe will Sietas künftig bauen.

Die Zukunft existiert bislang nur auf dem Papier

An den Sietas-Docks ist von diesem Wandel noch nicht viel zu sehen. Dort werkeln Arbeiter an einer Fähre und an einem Saugbaggerschiff - beides Modelle, für die immer seltener Aufträge hereinkommen. Bis Mitte 2012 sind die Arbeiter noch mit dem Bau dieser Schiffe beschäftigt werden. Was dann kommt, weiß niemand.

Die Zukunft der Sietas Werft dagegen existiert bislang nur auf dem Papier: in Form eines ersten Auftrags für ein Spezialschiff zum Aufstellen von Windkraftanlagen. Der niederländische Konzern Van Oord hat das Errichterschiff bestellt. Die Spezialanfertigung, die im Wasser ihre Stelzen ausfährt und sich in eine Plattform verwandelt, ist schon konstruiert und im Schiffbauregister eingetragen. Bald sollen die ersten Stahlplatten zugeschnitten werden, sagt Fuchs, 100 Millionen Euro koste der Bau. Bei der Ausschreibung konnte Sietas sogar einen asiatischen Konkurrenten ausstechen. "Dieses Schiff hat eine wichtige Funktion für Sietas", werbetextet Fuchs. "Es dient als Brücke in die Zukunft."

Mitarbeitern in der Sietas Werft macht das ebenso Hoffnung wie die Geschichte der Wadan Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde. Auch diese gingen erst pleite, dann spezialisierten sie sich auf Sonderanfertigungen für Offshore-Windparks - und fanden einen neuen Investor. Heute sind sie unter dem Namen Nordic Werften wieder im Geschäft.

Deutschlands älteste Werftenfirma Sietas will sich nun ebenfalls zurück ins Business kämpfen. Experten allerdings sind skeptisch, ob das gelingen kann. "Es stehen immer weniger Kreditmittel zur Verfügung", sagt Claus Brandt, maritimer Experte bei PricewaterhouseCoopers. Banken investierten vor allem in Projekte, die Aussicht auf Erfolg haben. Der Bau von Offshore-Spezialschiffen sei aber teuer und risikoreich, entsprechend schwierig finde man dafür Investoren.

Unsicherer Markt

Tatsächlich ist noch nicht absehbar, wie sich die Nachfrage nach solchen Schiffen entwickelt. So hat die Bundesregierung zwar das Zehn-Gigawatt-Ziel gesetzt - noch aber ist nicht geklärt, wie dieses erreicht werden soll. Denn die deutschen Windmüller müssen ihre Parks sehr weit draußen auf dem Meer errichten, was den Bau enorm kompliziert und zeitaufwändig macht. Zudem erhalten Hersteller von Offshore-Windanlagen oft nur schwer eine Garantie, dass ihr Windpark, wenn er fertiggebaut ist, auch tatsächlich sofort ans Stromnetz kann. All das sind Unwägbarkeiten, die Investoren abschrecken - und den Bau der Windparks immer wieder verzögern.

Entsprechend klein ist derzeit noch die Nachfrage nach Spezialschiffen. Der weltweite Bedarf wird auf 300 bis 400 geschätzt, und nur drei Aufträge für solche Schiffe sind 2011 bei deutschen Werften eingegangen, einer davon bei Sietas. Koreanische Werften dagegen haben in großem Umfang Aufträge bekommen. "Die haben die finanzielle Kraft Unwägbarkeiten finanziell abzufedern. Die können auch mal zehn Millionen Euro Minus machen", sagt Brandt.

Für Sietas wären zehn Millionen Euro Minus das Ende. Deutschlands älteste Werft könnte sich ein solches Fiasko derzeit nicht erlauben. Trotzdem müssen sie volles Risiko gehen, um als Spezialschiffbauer rasch einen guten Ruf zu gewinnen.

Gut möglich also, dass der große Wind-Vision für die Sietas Werft eine trügerische Hoffnung ist.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
shokaku 01.01.2012
1. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von sysopIn Deutschlands sterben die Werften, zu übermächtig ist die Konkurrenz aus Asien. Jetzt will sich das älteste*deutsche Unternehmen*neu erfinden: Es baut Spezialschiffe für die Energiewende. Die Traditionsfirma kämpft mit der Kraft der Verzweiflung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,804353,00.html
Deutschland braucht einfach ein paar eigene Walfangschutzzonenüberwachungsschiffe (aka Flugzeugträger), dann klappt es auch mit den Werften.
heinz-dietrich.saupe@mmmp 01.01.2012
2. Krise der Werften
Zitat von sysopIn Deutschlands sterben die Werften, zu übermächtig ist die Konkurrenz aus Asien. Jetzt will sich das älteste*deutsche Unternehmen*neu erfinden: Es baut Spezialschiffe für die Energiewende. Die Traditionsfirma kämpft mit der Kraft der Verzweiflung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,804353,00.html
Das langsame Sterben der Werften geht einher mit der seit Jahrzehnten anhaltenden Krise der Stahlindustrie. Verantwortlich ist unsere einerseits Subventionen verneinende Politik, die anderseits "natürlich" subventioniert, und zwar die Industrien mit am besten zahlenden Lobbyisten. Stahlindustrie und Schiffbau sind Schlüsselindustrien, aus diesem Grund werden sie in Asien subventioniert. Lediglich die Qualität des Stahl und damit der Schiffe in Asien ist weit schlechter, als die aktuellen und die früheren Produkte unserer heimischen Industrie. Spezialisierung ist eine Möglichkeit aus dem Problem, die Papenburger machen es vor. Die Schiffe der Zukunft werden nicht nur eine höhere Energie-Effizienz aufweisen, sondern auch insgesamt niedrigere Betriebskosten, als die heute Gebauten. Ansätze gibt es genug.Zur Umsetzung gehört etwas Mut, und, staatliche Förderung.
sosonaja 01.01.2012
3. .
Macht doch endlich Schluss mit den deutschen Werften! Wir arbeiten in D zu teuer! Am Schlimmsten sind jedoch die zig-Millionen, welche jährlich an die Meyer-Werft gehen (in Form von Exportsubventionen oder man unterstützt irgendwelche Länder mit sündhaft teuren Fähren). Dann bräuchte man auch nicht mehr zig-Millionen für das Ausbaggern der Ems bezahlen - wobei hier auch getrickst wird, da man mit dem Verfahren der Schlickverflüssigung auch darauf verzichten könnte. Aber man will ja seinen Freunden die Millionen zuschieben! Lumpenpack, elendiges!
deltavega 01.01.2012
4. ...
Die Probleme der deutschen Werftenindustrie sind genauso vielfältig wie schwer zu lösen; teils hausgemacht, teils von äußeren Umständen beeinflusst. Und die Aussichten sind mehr als trübe, langfristig kann man davon ausgehen, dass nicht mehr als eine Hand voll Unternehmen bestehen bleibt. Ich möchte ein paar Beispiele nennen: - Der Offshore-Boom wurde von fast allen deutschen Werften verschlafen. Bereits seit längerer Zeit werden in Asien Windpark-Errichterschiffe für den Einsatz in Nord- und Ostsee gebaut. - Es wurde lange am "Traum" des klassischen Handelsschiffbaus festgehalten. Bereits während der "Tankerkrise" in den 60er und 70er Jahren hat sich gezeigt, dass statisches Festhalten an einem einzelnen Produkt katastrophal sein kann. Dass die dt. Handelsschiffwerften jetzt auf den überschaubaren Spezialschiffbaumarkt drängen und es dabei zu Schwund kommt, liegt in der Natur der Sache. - Dt. Reedereien erhalten von der BRD Subventionen, um im harten internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Mit dem Geld kaufen die dann subventionierte Schiffe aus Fernost. - Der Verkauf Know-How und Technologie in andere Länder; fällt unter Protektionismus und ist an und für sich ein ganz anderes Thema. Was also wären Lösungsmöglichkeiten? - ein "Jones Act" für die EU, d.h. es dürften nur in der EU gebaute Schiffe mit EU-Besatzungen innerhalb Europas Ladung transportieren. Davon profitierten dann wahrscheinlich Länder wie Rumänien und zukünftig Kroatien, für die deutschen Werften fielen m.E. aber auch Aufträge ab. - Klare politische Bekenntnisse zu den deutschen Werften und ein entschiedener Kampf gegen die Subventionspolitik der asiatischen Region. - Keine finanzielle Unterstützung durch den Bund für dt. Reeder, die Schiffe aus dem Ausland beziehen - Programme zur Flottenerneuerung, u.A. mit Berücksichtigung der Klimaziele. Hiervon würden nicht nur die Werften sondern unzählige Zulieferer und der Gesamtstandort Deutschland profitieren. In Berlin interessieren Autos, aber keine Schiffe. Wenn Sietas untergeht, ist das nur der Anfang vom Ende. Sollte die Kreuzfahrtschiffblase in absehbarer Zeit platzen, ist auch bei Meyer schneller als gedacht finales Schichtende. In wenigen Jahrzehnten wird Deutschland ohne nennenswerten Schiffbau darstehen. Und damit geht nicht nur ein Verlust an Arbeitsplätzen und Know-How einher, sondern ein Stück norddeutschter Kultur und Unabhängigkeit.
Michael KaiRo 01.01.2012
5. Stichwort Meyer Werft
Zitat von heinz-dietrich.saupe@mmmpDas langsame Sterben der Werften geht einher mit der seit Jahrzehnten anhaltenden Krise der Stahlindustrie. Verantwortlich ist unsere einerseits Subventionen verneinende Politik, die anderseits "natürlich" subventioniert, und zwar die Industrien mit am besten zahlenden Lobbyisten. Stahlindustrie und Schiffbau sind Schlüsselindustrien, aus diesem Grund werden sie in Asien subventioniert. Lediglich die Qualität des Stahl und damit der Schiffe in Asien ist weit schlechter, als die aktuellen und die früheren Produkte unserer heimischen Industrie. Spezialisierung ist eine Möglichkeit aus dem Problem, die Papenburger machen es vor. Die Schiffe der Zukunft werden nicht nur eine höhere Energie-Effizienz aufweisen, sondern auch insgesamt niedrigere Betriebskosten, als die heute Gebauten. Ansätze gibt es genug.Zur Umsetzung gehört etwas Mut, und, staatliche Förderung.
Die Schiffe der Zukunft werden derzeit NICHT in Papenburg gebaut. siehe: NABU | Aktionen & Projekte | Dinosaurier des Jahres (http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/dinodesjahres/index.html) 2011 P.S.: Die Meyer Werft hatte bisher alle AIDA-Schiffe gebaut und wenige für TUI Cruises.
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