Libor-Skandal: Kokain, Prostituierte - und Zinsmanipulation

Von David Enrich und Jean Eaglesham, Wall Street Journal Deutschland

Royal Bank of Scotland: Gefälligkeiten zwischen Händlern und Maklern Zur Großansicht
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Royal Bank of Scotland: Gefälligkeiten zwischen Händlern und Maklern

Ein Klima der Kumpanei unter Investmentbankern und Maklern am Finanzplatz London leistete dem Libor-Skandal Vorschub. Neben Drogen und Bordellbesuchen zählten offenbar auch die Zinsmanipulationen zu den Gefälligkeiten, mit denen man sich gegenseitig zu Diensten war.

London - Neil Danziger war gut fürs Geschäft. Die Deals, die der Händler für die Royal Bank of Scotland Group (RBS) abschloss, brachten den Maklern, die sie abwickelten, üppige Provisionen ein. Im Gegenzug luden ihn die Broker der Londoner Firma Tullett Prebon in die Striplokale der Stadt ein und verbrachten verlängerte Wochenenden in Las Vegas mit ihm, berichten Personen, die wissen, wie die Geschäftsbeziehungen aussahen. Makler von R.P. Martin Holdings, einem weiteren Londoner Handelshaus, gewährten ihm wiederum frühzeitigen Zugang zu lukrativen Abschlüssen, erzählen die Insider.

Branchenwächter gehen mittlerweile davon aus, dass dieser Austausch von Gefälligkeiten sehr viel weiter ging. Die US-Aufsichtsbehörden sind davon überzeugt, dass Danziger und verschiedene Makler auch bei der mutmaßlichen Manipulation des Libor ihre Finger im Spiel hatten.

Der London Interbank Offered Rate, oder kurz Libor, ist der Zinssatz, zu dem sich international agierende Banken am Finanzplatz London Gelder bei anderen Banken beschaffen. Der maßgebliche Referenzsatz liegt weltweit Hypothekendarlehen und anderen Krediten in Billionenhöhe zugrunde. Die Beamten der Aufsicht gehen davon aus, dass Danziger Makler darum gebeten hat, ihn bei der Manipulation des Libor zu unterstützen, und dass die Broker ihn in ein Komplott der Zinsabsprechen mit einbezogen haben, dem ein weiterer Händler angehörte, berichten mit den Ermittlungen vertraute Personen.

Ausflüge nach Saint-Tropez

Händler und Makler waren sich schon immer wärmstens verbunden, die Kumpel verbindet eine symbiotische Beziehung. Die Untersuchungen über die mögliche Libor-Zinsschiebung bringen allerdings ans Tageslicht, wie die wechselseitigen Einschmeichelungsversuche eskalierten. Offenbar beschränkte sich das Geben und Nehmen nicht auf Essenseinladungen und nächtliche Zechtouren, die als Spesen verbucht wurden, sondern erstreckte sich auch auf rechtlich weitaus zweifelhaftere Unternehmungen.

Makler honorierten die Dienste geschätzter Händler regelmäßig, indem sie ihnen einen Anteil an ihren Provisionen in der Form von Unterhaltung zurückzahlten, berichten Makler und Händler dem "Wall Street Journal". Die Broker sind so freundlich, den Händlern Wochenendausflüge in die Alpen oder nach Saint-Tropez zu finanzieren. Gelegentlich schleppen sie für ihre Handelsstars sogar auch Kokain oder Prostituierte herbei, erzählen Insider.

Und vor ein paar Jahren waren einige Makler nach der Überzeugung amerikanischer und britischer Regulierer so erpicht darauf, die Händler in den Banken bei Laune zu halten, dass sie sie bei der illegalen Beeinflussung des Libor unterstützten.

Danzigers ehemaliger Arbeitgeber, die britische Bank RBS, hatte im Februar in einem Vergleich mit amerikanischen und britischen Behörden eingestanden, dass Händler der Bank versucht hätten, den Libor zu manipulieren. Danziger, Tullett oder R.P. Martin wurden im Zuge der Beilegung zwar nicht namentlich genannt. Vielmehr wurden die Namen mehrerer Händler und Makler anonymisiert und durch Buchstaben und Zahlen verschlüsselt wiedergegeben. In die Untersuchungen Eingeweihte berichten allerdings, die Ermittler gingen davon aus, dass Danziger an den Betrugsversuchen beteiligt war. Er habe sich bei Maklern von Tullett und R.P. Martin für deren Entgegenkommen revanchiert, indem er Transaktionen einging, die nur darauf abzielten, den Brokern Gebühren einzuspielen.

Der 38-jährige Südafrikaner wurde bisher von den Behörden noch nicht belangt. Ein Sprecher von Tullett teilte mit, die Firma sei von den Aufsichtsbehörden nicht darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass gegen sie ermittelt wird. Ein Sprecher von R.P. Martin wollte sich nicht zu der Angelegenheit äußern.

Nach Ansicht amerikanischer und britischer Aufsichtsbeamter konnte es erst durch die mutmaßliche Mitwirkung der Makler so weit kommen, dass die versuchten Zinsschiebereien sich von einem kleinen Zirkel von Bankhändlern zu einer umfassenderen Intrige ausweiteten, mit deren Hilfe schließlich erfolgreich am Libor gedreht werden konnte.

Makler halfen angeblich bei der Manipulation

Den Ermittlern zufolge hätten Makler von R.P. Martin und ICAP im Auftrag von Bankhändlern gehandelt, die davon ausgehen konnten, von den Libor-Bewegungen zu profitieren, sagen Untersuchungsinsider. Broker der genannten Firmen hätten demnach andere Banken darin bestärkt, inakkurate Libor-Daten zu liefern und falsche Marktinformationen zu verbreiten, um den Libor in ihrem Sinne zu beeinflussen. Als Ausgleich für die Mithilfe der Makler hätten nach der These der Ermittler Händler bei der UBS und der RBS und möglicherweise weitere Akteure den Brokern neben anderen Zahlungen Geschäfte zugeschustert, die zusätzliche Provisionen abwarfen.

Britische Betrugsermittler hatten im Dezember zwei Mitarbeiter von R.P. Martin und den ehemaligen UBS-Händler Tom Hayes festgenommen. Die Beamten gehen davon aus, dass Hayes in dem Manipulationsskandal eine zentrale Rolle zukommt. Gegen keinen der Betroffenen wurde bisher in Großbritannien Anklage erhoben.

Die UBS war im Dezember einen 1,5 Milliarden Dollar schweren Vergleich mit der britischen Finanzmarktaufsicht Financial Services Authority (FSA), dem US-Justizministerium und der US-Aufsicht für den Warenterminhandel, der Commodity Futures Trading Commission, eingegangen. Die schweizerische Großbank hatte dabei zugegeben, dass Bankmitarbeiter versucht hätten, den Libor zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Hayes, der in den USA wegen Betrugs angeklagt wurde, hatte Anfang des Jahres in einer SMS an das "Wall Street Journal" angedeutet, dass in den Skandal höherrangige Bankvertreter verstrickt seien. "Das geht weit, weit über mich hinaus", hatte er geschrieben. Eine ICAP-Sprecherin teilte mit, die Firma kooperiere mit den unterschiedlichen Aufsichtsbehörden.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

So genannte Interdealer-Brokerhäuser wie Tullett, R.P. Martin und ICAP fungieren vorwiegend als Mittler für Banken, für die sie Finanzprodukte kaufen und verkaufen und dabei einen kleinen Anteil als Provision einbehalten. Ist ein Bankhändler gut im Geschäft, zahlt er möglicherweise Provisionen von bis zu einer Million Dollar im Jahr an einen einzigen Makler.

In London werden die Händler besonders verwöhnt

Der Anreiz für die Broker ist daher äußerst hoch, die Händler in den Banken dazu zu überreden, ihre Transaktionen über sie abzuwickeln. Rund fünf Prozent der Maklerprovisionen, die ein Händler generiert, fließen häufig in Form von unterschiedlichen Vergünstigungen wieder an den Händler zurück, schätzen Londoner Makler und Händler, die das "Wall Street Journal" befragt hat. Es falle ganz und gar nicht aus dem Rahmen, wenn ein Brokerhaus im Jahr 50.000 Dollar dafür aufwendet, einen einzigen Händler mit Freizeitvergnügungen bei der Stange zu halten, sagen sie. Kundenpflege werde zwar auch an der Wall Street groß geschrieben. Aber in London lege man im Vergleich noch viel mehr Wert darauf, die Geschäftspartner zu verwöhnen, sagen sie.

In Amerika hat die Financial Industry Regulatory Authority (Finra), ein Gremium zur freiwilligen Selbstkontrolle der Wall Street, dem Umwerben der Kunden strenge Grenzen gesetzt. Nur 100 Dollar pro Person und Jahr dürfen Makler für Geschenke oder andere Aufwendungen locker machen, wenn sie um mehr Geschäft oder bessere Konditionen buhlen. Geschäftsessen oder andere Unterhaltungsangebote seitens der Unternehmen werden laut Finra von dieser Obergrenze nicht tangiert, solange "sie nicht so häufig stattfinden oder so reichhaltig ausfallen, dass sie Fragen nach der Angemessenheit aufwerfen."

Derlei Einschränkungen gibt es in Großbritannien nicht.

Es sei nichts Verkehrtes daran, wenn ein Makler einen Händler bewirtet, um eine Geschäftsbeziehung zu fördern, sagen britische Rechtsanwälte. Aber extravagante Anreize zu bieten, um im Gegenzug explizit zusätzliche Handelsgeschäfte zu ergattern, könnte gegen die Anti-Korruptionsgesetze verstoßen, warnen sie.

Dabei ließe sich über die Definition des Wörtchens "extravagant" wohl trefflich streiten. Erst letzten Sommer ließ das New Yorker Brokerhaus BGC Partners Limousinen vor den Häusern von Spitzenhändlern in Londoner Banken vorfahren. Die Chauffeure eskortierten die Ehefrauen und Freundinnen der umschmeichelten Herren zu den Wagen und brachten sie zu einem Hubschrauberlandeplatz. Per Helikopter wurden die Damen nach Ascot verbracht, um mit der Elite der Londoner Gesellschaft einen Tag an der Pferderennbahn zu erleben, berichten mit dem Großereignis Vertraute.

"Hin und wieder nimmt BGC an ausgesuchten Firmenveranstaltungen für Mitarbeiter und Kunden teil", kommentiert eine Sprecherin des Unternehmens. "Wir haben strikte Regeln und Verfahrensweisen etabliert, um Unterhaltungsveranstaltungen zu kontrollieren."

Die Firma ICAP lud Händler ins französische Chamonix ein, damit sie sich dort übers Wochenende beim Skifahren erholen konnten, erzählt ein ehemaliger Bankhändler, der dort zu Gast war.

ICAP verfolge "seit mehr als einem Jahrzehnt einen strikten Kurs bezüglich der Firmenbewirtung, der die Art und das Ausmaß jeder Veranstaltung abdeckt. Jede Zuwiderhandlung wird als disziplinarische Angelegenheit behandelt", teilt eine Unternehmenssprecherin mit.

Kunden sollen mit Kokain und Prostituierten versorgt worden sein

Doch die Dankbarkeit der Makler erschöpft sich nicht in Reisen und Pferderennen. Manche Vertreter der Zunft sollen Kunden sogar mit Kokain oder Prostituierten versorgt haben. Mehrere ehemalige Makler und Händler beteuern, den Austausch dieser ungewöhnlichen Aufmerksamkeiten bezeugen zu können.

In manchen Brokerhäusern kontrollieren die Mitarbeiter, die für die Einhaltung der unternehmensinternen Regeln zuständig sind, ob die spendierfreudigen Makler der Firma auch wirklich in standesgemäßen Etablissements für die Zerstreuung ihrer Gäste gesorgt haben. Dazu gleichen sie die Spesenbelege der Gastgeber mit einer "Verbotsliste" ab, auf der bekannte Striplokale aufgeführt sind.

Das halte die Makler jedoch mitnichten davon ab, Händler dennoch in Strip-Clubs zu entführen, berichten frühere Händler und Broker. Mitarbeiter von Tullett hätten bei einigen dieser Gelegenheiten einfach bar aus ihrer eigene Tasche bezahlt, sagt ein Händler, der an einem dieser Vergnügungsausflüge teilnahm. Um ihr Geld zurückzubekommen, hätten die Makler dann eben künstlich aufgeblähte Taxi-Quittungen eingereicht, erzählt er.

In den Augen einiger Broker scheint das Verwöhnen der Kunden ausdrücklich dazuzugehören, wenn es darum geht, sich ein Geschäft zu sichern. Diese Grundhaltung erschloss sich den Ermittlern, die im Zuge der Libor-Untersuchungen die Abschriften elektronischer Korrespondenzen durchforsteten. In einem Fall versuchte ein Makler einen Händler dazu zu überreden, bei bestimmten Transaktionen mitzumachen, indem er in Aussicht stellte, der gesamten Handelsabteilung ein Mittagessen auszugeben. In einem anderen Fall hatte ein Makler einen Händler mit einer Reise nach Las Vegas beschenkt. Doch der Händler vergab dennoch eine Reihe von Ordern an die Konkurrenz. Daraufhin schickte der Makler eine wütende Mail an den Händler und wollte wissen, warum er das getan habe, sagt eine Person, die die Mitteilung gelesen hat.

Jedes Mal, wenn er einem Händler abends einen Kneipentrip spendiert habe, hätte am Morgen danach "eine Reihe von Abschlüssen für mich parat gelegen. Ich musste nicht einmal danach fragen", erzählt ein ehemaliger Derivate-Makler von ICAP.

Es sei schwierig, nachzuweisen, ob etwas nur gegeben wird, um dafür eine angemessene Gegenleistung zu erhalten. Das erkläre auch, warum die britischen Behörden bei den Maklern nur selten nachhaken, wenn diese ihre Kunden allzu großzügig umhegen, sagen Branchenvertreter und Rechtsexperten.

In einem der seltenen Fälle, die tatsächlich verfolgt wurden, verbannte die britische Finanzmarktaufsicht FSA im Jahr 2010 Fabio De Biase aus der Zunft. Der Makler von Tradition Financial Services hatte einen wahren Geldregen über einen Händler eines Hedgefonds niedergehen lassen. Bargeld, Geschenkgutscheine und Goldbarren im Wert von ungefähr 131.000 Pfund Sterling schüttete De Biase über dem Händler aus, um sich höhere Provisionen zu angeln. Er habe damit gegen eine Richtlinie der FSA verstoßen, die besagt, dass professionelle Vertreter der Finanzindustrie "mit Integrität handeln" müssen, hatten die Aufseher ihre Entscheidung begründet.

Tradition Financial Services, die mehrheitlich dem französischen Finanzdienstleister Viel & Cie gehört, wurde daraufhin einer eingehenderen Untersuchung unterzogen, wie es denn bei anderen Maklern der Firma um die Pflege ihrer Beziehungen zu Händlern bestellt sei. Wie sich herausstellte, heuerten einige Tradition-Broker Prostituierte für Händler an und besuchten mit ihnen ein Etablissement namens "Lady Marmalade Adult Parties", berichten mit den Ermittlungen Vertraute. Gemäß der Website von Lady Marmalade steht den Kunden ein Apartment mit vier Schlafzimmern im Herzen Londons zur Verfügung, in dem auch eine "erotische Liebesschaukel" nicht fehlt. Den Besuchern winke eine "orgastische Zeit".

Die FSA unterließ zwar weitere Schritte, doch mittlerweile beschäftige sich die Londoner Polizei mit dem Fall. Sie untersuche, ob die Makler illegale Schmiergeldzahlungen vorgenommen hätten, heißt es. "Es gibt keine speziellen Richtlinien darüber, ob man seine Kunden zu Prostituierten schicken kann", sagt ein FSA-Sprecher. "Als Aufsichtsbehörde muss man genau auswählen, welche Art von Dingen man untersucht." Die Prostitution an sich ist in Großbritannien zwar nicht illegal, wohl aber, in der Öffentlichkeit um die Dienste einer Prostituierten zu werben.

"Eine kleine Zahl früherer Mitarbeiter" werde verdächtigt, "betrügerische Spesenforderungen" eingereicht zu haben, sagt ein Tradition-Sprecher. Die meisten hätten sich auf persönliche Vergnügungen bezogen, aber einige davon hätten "nicht im Einklang mit der Firmenpolitik" gestanden. Gegen die Firma selbst werde nicht ermittelt, fügt er hinzu. Der Feuereifer der Broker, ihre Handelskunden zufrieden zu stellen, habe eine maßgebliche Rolle beim Libor-Skandal gespielt. Davon sind amerikanische und britische Aufsichtsbeamte überzeugt. Einige Händler konnten erwarten, davon zu profitieren, wenn der Libor leicht nach oben oder nach unten ging. Aber um den Libor berechnen zu können, sind mehr als ein Dutzend Banken nötig, die die Daten zu ihren Kreditkosten einreichen. Um den Satz wirksam manipulieren zu können, müssten sich also zahlreiche Banken an dem Komplott beteiligen.

Libor-Manipulationen als Gefälligkeit

Um den ehemaligen UBS-Trader Hayes vollführten die Broker einen regelrechten Eiertanz, denn er setzte enorm viel um. Die Makler bombardierten ihn mit Marketingbroschüren und luden ihn fortwährend zum Essen ein. Diese Angebote schlug Hayes in schöner Regelmäßigkeit aus.

Die Gefälligkeit, auf die Hayes aus war, spielte sich auf einer anderen Ebene ab. Er versuchte, Makler zu rekrutieren, um den Libor zu beeinflussen, sagen die Ermittler aus den USA und Großbritannien. Wiederholt habe Hayes Makler gebeten, bestimmte Daten zu frisieren, die sie an andere Banken weitergaben und die diese Banken wiederum dazu verwendeten, um ihre Libor-Eingaben zu berechnen, berichten die Aufseher.

Im Februar 2009 bat Hayes einen Makler, er solle versuchen, die Yen-Variante des Libor nach oben zu treiben. "So hoch wie ein Drogenabhängiger high ist", wolle er den Zins sehen, schrieb Hayes in einer der elektronischen Nachrichten an den Broker, deren Abschrift vom US-Justizministerium veröffentlicht wurde. "Hahahha gefällt mir", bejubelte der Makler den Wortwitz seines Großkunden in seiner Antwort. "Tu mein Bestes", versprach er noch.

Im weiteren Verlauf des Morgens leitete der Makler Hayes' Aufforderung an einen Mitarbeiter einer anderen Bank weiter, der mit den Libor-Eingaben betraut war. Hayes willigte ein, ein große Transaktion über den Makler laufen zu lassen, so dass dieser sein monatliches Umsatzziel erreichen konnte, wie aus der Abschrift hervorgeht. "Lieb dich, Kumpel", schrieb der Broker beglückt zurück.

Mit dem Fall Vertraute haben den Makler identifiziert. Es handele sich um Terry Farr von R.P. Martin. Farrs Rechtsanwalt teilt mit, sein Klient kooperiere mit den Behörden. Laut den Regulierern hätten sich Händler bei einigen Maklern mit so genannten "Wash Trades" für ihre Unterstützung bei der Libor-Schiebung bedankt. Dabei handelt es sich um Transaktionen, die sich gegenseitig eliminieren. So springt zwar für beide Seiten kein Gewinn heraus, aber für den Makler fallen dennoch Provisionen ab. Mit den Abschlüssen Vertraute berichten, Hayes bei der UBS und Farr bei R.P. Martin hätten derartige Nullsummengeschäfte aufgebaut, um zusätzliche Provisionen für R.P. Martin hervorzubringen. Nach Angaben des US-Justizministeriums hat Hayes' Vorgesetzter die Transaktionen abgezeichnet.

Mehrmals im Jahr brachten Broker von R.P. Martin den RBS-Händler Danziger dazu, die Gegenposition bei den Wash Trades zu beziehen, heißt es. So schrieb Farr etwa im September 2008 an Danziger: "Nimm es von der UBS und gib es der UBS zurück. Er will ein paar Pro zahlen", ist in einer Abschrift der CFTC zu lesen, wobei "Pro" in der Sprache der Zunft für Maklerprovisionen steht. Im Gegenzug wollte Farr sich aber auch nicht lumpen lassen: "Wir schicken Mittagessen für die ganze Abteilung rüber", versprach er.

Danziger ließ sich auf die Liebesdienste für R.P. Martin ein, um sich künftige Handelsgelegenheiten zu sichern, sagt eine mit den Geschäften vertraute Person. Mindestens einmal allerdings, nämlich im Juni 2009, versuchte er, R.P. Martin auch dazu zu bewegen, die Libor-Eingaben anderer Banken zu manipulieren, sagen mit den Vergleichsdokumenten der CFTC Vertraute. Dort wird der Vorfall beschreiben, die Beteiligten werden allerdings nicht identifiziert. Um sich erkenntlich zu zeigen, führte Danziger einen Nullsummenhandel aus - und Hayes stellte die Gegenpartei. Dabei kamen Provisionen über rund 20.000 Dollar für R.P. Martin heraus.

Davon unabhängig erging sich Danziger in einer Reihe von Wash Trades, mit denen er die Makler von Tullet mit Provisionen beglückte. Mit einem von ihnen, einem Makler namens Mark Jones, hatte Danziger Striplokale frequentiert und sie seien auch zusammen nach Las Vegas geflogen, sagen Insider. Hayes habe bei diesen Transaktionen das Gegenüber gespielt, weil Danziger bei den Geschäften von R.P. Martin mitgemischt habe, heißt es. Diese Abschlüsse würden jetzt von den britischen Aufsichtsbehörden untersucht. Hayes wechselte 2009 von der UBS zur Citigroup. Dort arbeitete er nicht einmal ein ganzes Jahr, bevor er gefeuert wurde.

Farr ist weiterhin bei R.P. Martin angestellt, wurde aber in bezahlten Urlaub geschickt. Im Dezember verhaftete ihn die britische Polizei, Anklage wurde allerdings nicht gegen ihn erhoben. Die RBS setzte Danziger im Jahr 2011 vor die Tür. Mark Jones verließ Tullet ebenfalls im Jahr 2011 und arbeitet jetzt als Makler bei BGC Partners.

Originalartikel bei Wall Street Journal Deutschland

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insgesamt 21 Beiträge
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    Seite 1    
1. Rettung mit Steuergeldern
materialist 05.05.2013
Zitat von sysopEin Klima der Kumpanei unter Investmentbankern und Maklern am Finanzplatz London leistete dem Libor-Skandal Vorschub. Neben Drogen und Bordellbesuchen zählten offenbar auch die Zinsmanipulationen zu den Gefälligkeiten, mit denen man sich gegenseitig zu Diensten war. Wie Makler bei der Libor-Manipulation halfen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wie-makler-bei-der-libor-manipulation-halfen-a-897972.html)
Diese Ganoven werden nun mit Steuergeldern gerettet.
2.
Wololooo 05.05.2013
Der Libor war nur die Spitze des Eisberges. Die Banken haben nämlich auch den ISDAfix manipuliert, hinter dem ein Marktvolumen von 389 Billionen Dollar (389 trillion Dollar). Der ISDAFix ist der Benchmark für Zinsswap-Geschäfte, bei denen sich auch deutsche Kommunen und Länder reihenweise verzockt haben. Quelle: Meet ISDAfix, the Libor Scandal's Sequel - Businessweek (http://www.businessweek.com/articles/2013-04-18/meet-isdafix-the-libor-scandals-sequel)
3. Eine einzige Drecksbande
karlsiegfried 05.05.2013
Warum wird diese elende Zockerei und Abzockerei nicht endlich verboten?
4. alle, die schon seit jahren darüber sprachen,
aueronline.eu 05.05.2013
Sei gesagt, wie recht sie hätten. Die anderen, die ersteren Verschwörungstheorien andichteten, sollen sich entschuldigen.
5. optional
boer640 05.05.2013
die wissen, wie man feiert...
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