Von Michael Kröger, Wiesbaden
Vom Kampf, der seit Wochen hinter den Kulissen tobte, ahnt man nichts, als Max Dietrich Kley am Dienstagmorgen die Sitzung der Aktionäre von SGL Carbon eröffnet. Der scheidende Aufsichtsratschef leiert die Regularien für die Veranstaltung herunter. Das Jahr 2012 war schlecht. Und wenig spricht dafür, dass es 2013 besser wird.
Doch der frustrierende Geschäftsverlauf spielt eigentlich gar nicht die zentrale Rolle an diesem Tag. Die kommt eher Susanne Klatten zu. Als einfaches Aufsichtsratsmitglied sitzt die reichste Frau Deutschlands kerzengerade und nahezu unbeweglich da und beobachtet aufmerksam die Reaktionen im Publikum.
Sie spielt die Hauptrolle heute, denn die Wahl des Aufsichtsratschefs steht bevor - vielmehr der Aufsichtsratschefin, denn es ist klar, dass Klatten gewählt wird.
Die Mehrheit im Festsaal des Wiesbadener Kurhauses scheint die Idee gut zu finden: Jeder Redner, der Frau Klatten gutes Gelingen wünscht, wird mit Applaus bedacht. Die Geehrte lächelt jedes Mal scheu. Man sieht ihr an, dass sie den Zuspruch genießt.
Lediglich als Christian Strenger spricht, verhärten sich ihre Gesichtszüge. Der Aktionärsvertreter wettert seit Wochen gegen die Kandidatur Klattens, weil er einen Interessenkonflikt befürchtet. Schließlich ist die Quandt-Erbin Großaktionärin von SGL Carbon und von BMW gleichzeitig. Beide Konzerne betreiben mit der SGL Automotive Carbon Fibres eine gemeinsame Tochterfirma und verbinden damit große Hoffnungen für die Zukunft. Der Münchner Autobauer, so die Befürchtung Strengers, könnte sich querstellen, wenn SGL weitere Kunden aus der Autoindustrie beliefern will. Die Quandt-Erbin dürfte sich im Zweifelsfall auf die Seite von BMW schlagen, weil diese Beteiligung für sie viel wertvoller sei.
Zurückhaltung gehört zu Klattens bevorzugten Tugenden
Wenn die 50-jährige Klatten bei öffentlichen Veranstaltungen das Wort ergreift, spricht sie von Maßhalten und persönlicher Verantwortung, die jeder Einzelne trage. Und dass die Gesamtheit schwerer wiege als das Interesse des Einzelnen. In der Evangelischen Akademie Tutzing zu Beginn dieses Jahres redete sie so 400 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ins Gewissen. Und es war niemand da, der ungläubig den Kopf schüttelte.
Menschen, die sich ständig in den Mittelpunkt stellen, wecken Klattens Argwohn, oder zumindest Unverständnis. Weil sie sich selbst nichts traue, sagen die einen. Weil sie darin eine unangemessene Art von Machtstreben sehe, sagen die anderen. Zurückhaltung jedenfalls scheint zu ihren bevorzugten Tugenden zu gehören. Auf Empfängen muss man sie regelrecht suchen, selbst wenn sie wie beim Forum Unternehmertum Anfang März in der Münchner BMW-Welt die Gastgeberin ist. Den Serviceleuten tritt sie dort mit der gleichen Freundlichkeit entgegen, die sie auch ihren Gästen zuteilwerden lässt. Klatten, so scheint es, predigt nicht nur Fairness und persönliche Bescheidenheit - sie lebt auch danach.
Daraus zu schließen, der Frau fehle es an Durchsetzungskraft, wäre jedoch falsch. Zu dieser Erkenntnis gelangt zumindest das "Manager Magazin", das Susanne Klatten aus Anlass ihrer Machtübernahme bei SGL Carbon eine Titelgeschichte widmete. Zu Beginn ihrer Karriere, zunächst noch als Sachwalterin ihrer Milliardenerbes, stand Klatten schon die erste Bewährungsprobe bevor. BMW hatte sich damals durch die Übernahme des britischen Massenherstellers Rover in eine existenzbedrohende Situation manövriert. Gemeinsam mit ihrem Bruder Stefan sorgte die junge Aufsichtsrätin für den Rückzug aus dem Milliardeninvestment, setzte die halbe BMW-Führungsmannschaft vor die Tür und führte neue Spielregeln ein. Für Führungskräfte gilt seitdem eine Altersgrenze von 60 Jahren, für Aufsichtsräte 70, was Seilschaften und Filz verhindern und gleichzeitig für beständige Erneuerung sorgen soll. Susanne Klatten und ihr Bruder schafften es, den Kollektivgedanken bei BMW tief in der Unternehmenskultur zu verankern - und machtbewusste Patriarchen wie Eberhard von Kuenheim an den Rand zu drängen.
Auch beim Pharma- und Chemiekonzern Altana legte sie sich mit den Altvorderen an. Vater Herbert Quandt hatte ihr das Unternehmen einst als persönliche Erbmasse anvertraut. Als das Arzneigeschäft in eine Sackgasse zu laufen drohte, trieb sie gegen den Willen von Altana-Chef Nikolaus Schweickart die Abspaltung voran. Mittlerweile ist sie Alleinaktionärin und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und zieht still die Fäden im Hintergrund. Für Außenstehende aber wird kaum erkennbar, dass ihr der Laden gehört. Vor allem die Personalpolitik und die Strategie für die Zukunft liegen ihr am Herzen.
Klatten baute ihre Anteile an SGL Carbon konsequent aus
Jetzt der dritte Fall, wieder eine Altherrenriege, wieder Intrigen, Ignoranz und Diadochenkämpfe, ohne dass es die Firma voranbringen würde. Kley, so sagen Beobachter, habe SGL-Boss Robert J. Koehler nie wirklich kontrollieren können, ihn regieren lassen wie einen Potentaten. Das missfiel Klatten, auch als die Geschäfte noch gut liefen. Sie mischte sich ein, stellte Fragen.
Koehler brach einen Machtkampf vom Zaun, holte Volkswagen als Großaktionär ins Boot - auch wenn er eine solche Interpretation energisch bestreitet - und trotzte Klatten, wo er nur konnte. Die 50-Jährige konterte, indem sie ihre Anteile an SGL Carbon konsequent ausbaute. Gemeinsam mit BMW herrscht sie inzwischen über 44 Prozent der Stimmrechte.
Die Streitigkeiten um den Aufsichtsratsvorsitz bei SGL-Carbon markieren den Höhepunkt dieser Auseinandersetzung. Mit einem klaren Verlierer: Mit verstockter Mine folgt Koehler am Dienstag den Ausführungen der Aktionäre, die Klatten mit Vorschusslorbeeren bedenken.
Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann ließ sich sogar zu einem Lob hinreißen. Er sei zuversichtlich, dass die Gefahr von Interessenkollisionen beachtet werde. Als er die designierte Aufsichtsratschefin noch einmal um eine Bestätigung bat, dass auch sie sich in solchen Fällen zurücknehmen werde, lächelte Klatten - und nickte. Spätestens in diesem Moment hatte sie die Versammlung für sich eingenommen.
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