Wikirating Mit der Macht der Masse

Undurchsichtige Urteile, fragwürdige Finanzierung - die großen Rating-Agenturen Fitch, Moody's und Standard & Poor's stehen in der Kritik. Nun hat ein Österreicher ein neues Modell entwickelt: "Wikirating". Auch hier wird die Kreditwürdigkeit von Firmen und Ländern bewertet, aber von Internetnutzern.

Von Astrid Langer, Zürich

Dorian Credé (links) und Erwan Salembier: Gegen die Macht der Rating-Agenturen
Kristian Haller

Dorian Credé (links) und Erwan Salembier: Gegen die Macht der Rating-Agenturen


Was haben Island und Lehman Brothers gemeinsam? Beide bekamen von Rating-Agenturen kurz vor ihrer Zahlungsunfähigkeit noch Top-Noten ausgestellt.

Moody's, Fitch und Standard & Poor's stehen spätestens seit der Finanzkrise in der Kritik: Ihre Bewertungsmethoden seien intransparent und ihre Ratings oft nicht nachvollziehbar, bemängeln selbst Experten; außerdem werden sie von den zu bewertenden Firmen und Ländern selbst bezahlt, was zu Interessenkonflikten führt. Doch alles Meckern hilft nichts: Die drei Agenturen beherrschen 90 Prozent des Marktes für Bonitätsprüfungen.

Dieses Oligopol wollten schon viele brechen - geschafft hat es bislang niemand. So versucht die Unternehmensberatung Roland Berger derzeit, zusammen mit der EU-Kommission eine eigene europäische Rating-Agentur ins Leben zu rufen. Doch selbst wenn dieses Projekt Wirklichkeit wird, würden viele Investoren der Agentur wohl politische Motive bei den Rating-Entscheidungen unterstellen. Ein Problem, mit dem zum Besipiel auch die chinesische "Dagong Global Credit" zu kämpfen hat.

Wikipedia als Vorbild

Rating-Entscheidungen, die von oben, von Regierungen oder Behörden initiiert werden, fehlt es zwangsläufig an Glaubwürdigkeit. Warum also nicht auf Bewertungen von unten setzen?

Länder und Firmen beurteilen, das kann doch eigentlich jeder, dachte sich im Sommer 2010 Dorian Credé, heute 37, ein gebürtiger Österreicher, der als Mathematiker bei einer IT-Firma in Zürich arbeitet. In seiner Freizeit schreibt er seit 2002 als Autor für die Internetenzyklopädie Wikipedia, und so entstand auch seine Idee: Warum nicht das Wikipedia-Konzept auf die Finanzwelt übertragen?

"Wikirating" war geboren, eine Rating-Agentur in Form einer Online Community. Registrierte Nutzer bewerten auf der Website Länder und Unternehmen mittels verschiedener Modelle. Die derzeit beliebteste Methode ist gleichzeitig die simpelste, beim "Polling" bewerten die Nutzer per einmaligem Mausklick die Bonität eines Landes oder einer Firma. Die Notenskala von Wikirating reicht, ähnlich wie die der drei großen Agenturen, von der Topbonität "AAA" bis "D" für Default, also Zahlungsausfall.

Pro Land und Firma bekommt jeder Besucher, genauer gesagt jede IP-Adresse, nur eine Stimme - dieses Rating kann man aber nachträglich korrigieren, sollte man seine Meinung ändern.

Mehr als ein Jahr arbeitete Credé offline an Wikirating, gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen Erwan Salembier, 35, entwickelte er in seiner Freizeit verschiedene Bewertungsmodelle sowie das Seitenkonzept, das sich an das von Wikipedia anlehnt. Auch in anderen wichtigen Punkten gleichen sich Wikipedia und Wikirating: Jede Behauptung soll mit Quellen belegt werden, die Inhalte werden von der Gemeinde bestimmt. "Die Nutzer sollen mehrheitlich entscheiden, wenn sie ein Bewertungsmodell ändern wollen", sagt Credé. Die Seitensprache ist Englisch, "eben die Sprache der Finanzmärkte".

Strenge Ratings der Nutzer

Seit dem 3. Oktober vergangenen Jahres ist Wikirating online. Etwa 5.500 Länderbewertungen seien seitdem eingegangen, erzählt Credé, mehr als 20.000-mal sei die Seite schon besucht worden, laut Google Analytics stammten die Nutzer aus aller Welt und verstärkt aus dem Finanzsektor: Mitarbeiter der UBS, von Barclays und Moody's hätten Wikirating schon besucht.

Überraschend ist, wie kritisch die Internet-Community viele Industrieländer bewertet. Die Top-Note AAA vergeben die Nutzer nur sehr spärlich; aktuell erhält kein Land die Spitzennote. Am Besten schneiden Andorra und die Schweiz mit AA+ bzw. AA ab, Deutschland kommt nur auf A-, und die USA erhalten gerade mal ein BB-. Wochen bevor Standard & Poor's Frankreich auf AA+ herunterstufte, war das Land der Wikirating-Community bereits nur ein A- wert. "Für mich ist das ein Beispiel von Schwarmintelligenz", sagt Credé. Einzelne Bewertungen seien vielleicht zu extrem, in der Masse zeichne sich aber ein realistisches Bild ab.

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer beurteilt die Community hingegen vergleichsweise gut, Äthiopiens Bonität ist den Nutzern beispielsweise ein B+ wert, Indien und Brasilien bekommen gar ein A+.

Bewertungen transparent machen

Die Polling-Methode ist jedoch nur einer von vielen Ansätzen, anhand derer die Nutzer ihre Entscheidungen treffen können. "Wir haben uns gefragt: Wie würden wir bei einem Rating vorgehen?", sagt Credé. Das Ergebnis ist der "Sovereign Wikirating Index" (SRI): Ökonomische Schlüsselgrößen wie die Arbeitslosenquote, die Inflationsrate und die Staatsverschuldung werden gewichtet und addiert, daraus resultiert ein Ranking. Als Datengrundlage dienen offiziell zugängliche Zahlen wie die der OECD, Eurostat oder der Weltbank. "Uns war wichtig, dass die Bewertungen für jedermann nachvollziehbar sind", sagt Credé - im Gegensatz zu den Urteilen der drei großen Agenturen.

Schon seit langem fordern Investoren und Politiker eine ernstzunehmende, unabhängige Alternative zu den drei großen Rating-Agenturen. Dass Wikirating diese Rolle einnimmt, davon träumen Credé und Salembier nun. Dreieinhalb Monate nach dem Start der Seite sind sie allerdings noch weit davon entfernt. Ihnen fehlen Geld, Mitarbeiter und Zeit, denn nach wie vor arbeiten sie nur nach Feierabend an dem Projekt. Inhaltlich hat das Konzept einige Schwachstellen, die Finanzierung ist beispielsweise noch unklar - vor allem, da man Interessenskonflikte wie bei den großen Agenturen unbedingt vermeiden will. Auch muss jede Rating-Agentur in der EU sowohl von der europäischen Wertpapieraufsicht Esma als auch der nationalen Bankenaufsicht anerkannt werden.

Doch wenige Wochen nach dem Start der Wikirating-Seite ist das internationale Interesse gewaltig. Einige Wirtschaftsprofessoren und auch eine Bewertungsfirma hätten Interesse an einer Zusammenarbeit geäußert, erzählt Credé, ein deutscher Student überlege, seine Diplomarbeit über eines der Bewertungsmodelle zu schreiben. Die Idee, etablierte Strukturen durch die Macht der Masse zu brechen, scheint nicht nur in der Politik ihren Reiz zu besitzen - sondern auch in der Wirtschaft.

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insgesamt 22 Beiträge
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Faxrolle 23.01.2012
1. Und auf welcher Grundlage...
urteilen die "User"? Die Mehrheit kennt doch nicht mal den Schuldenstand der eigenen Kommune. Völliger Nonsens, ich verstehe nicht, warum so ein Witz auch noch mit einem Artikel beim Spon geehrt wird.
Waldesmeister 23.01.2012
2.
Es scheinen sehr viele Leute gerade den Artikel gelesen zu haben. Jedenfalls ist die Wikirating-Homepage momentan ziemlich lahm bzw. nicht erreichbar. SpOn stachelt hier also indirekt mal wieder zu DDoS-Angriffen auf unschuldige Websites an. ;-)
Waldesmeister 23.01.2012
3.
Zitat von Faxrolleurteilen die "User"? Die Mehrheit kennt doch nicht mal den Schuldenstand der eigenen Kommune. Völliger Nonsens, ich verstehe nicht, warum so ein Witz auch noch mit einem Artikel beim Spon geehrt wird.
Und auf welcher Grundlage urteilen die "Bürger" bei einer Bundestagswahl? Die Mehrheit kennt doch nicht mal den Namen der Politiker, die sie wählen. Völliger Nonsens, ich verstehe nicht, warum so ein Witz in unserem Lande auch noch mit dem Wort "Demokratie" geehrt wird. (Ironie aus)
Andreas J. 23.01.2012
4. Ist S&P besser....
Zitat von Faxrolleurteilen die "User"? Die Mehrheit kennt doch nicht mal den Schuldenstand der eigenen Kommune. Völliger Nonsens, ich verstehe nicht, warum so ein Witz auch noch mit einem Artikel beim Spon geehrt wird.
...oder ist deren Rating nicht auch völliger Nonsens. Was dabei rauskommt, ist nicht gut. Da wird die USA, obwohl deren Schuldenstand wie auch der Ausblick sehr miserabel sind, weiterhin besser bewertet als Italien. Und keiner bei S&P versucht auch nur eine Erlärung. Weil es keine gibt, sondern weil man versucht, den € irgendwie abzuschaffen, denn er schadet dem Dollar.
picommander 23.01.2012
5. Wie soll vor allem das hier funktionieren:
Zitat von sysopUndurchsichtige Urteile, fragwürdige Finanzierung - die großen Rating-Agenturen Fitch, Moody's und Standard&Poor's*stehen in der Kritik. Nun hat ein Österreicher ein neues Modell entwickelt:*"Wikirating". Auch hier*wird die Kreditwürdigkeit von Firmen und Ländern bewertet, von Internetnutzern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810733,00.html
Die Wenigsten dürften über eine Standleitung verfügen, d.h. alle 24 Stunden eine neue IP und somit Bestärkung der eigenen Wertung möglich, oder irre ich mich da?
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