Mysteriöse Havarie-Serie Das Geheimnis der umgeknickten Windräder

Vier Windräder sind um die Jahreswende binnen 24 Tagen umgeknickt, die Ursache ist bisher ungeklärt. Nach SPIEGEL-Informationen steckt hinter der seltsamen Serie ein Problem, das noch weitere Anlagen betrifft.

Zerschelltes Windrad in Niedersachsen
Stadtreinigung Hamburg/ SRH/ DPA

Zerschelltes Windrad in Niedersachsen

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Die Windkraft ist für viele Menschen wahlweise eine friedliche, saubere Lösung der Energieerzeugung oder ein landschaftliches Ärgernis. Mit Bildern der Zerstörung dagegen wurden die oft mehr als hundert Meter hohen und Dutzende Tonnen schweren Rotortürme bislang kaum in Verbindung gebracht.

Um die Jahreswende, zwischen dem 11. Dezember und dem 3. Januar, änderte sich das. Binnen 24 Tagen gingen gleich vier Windanlagen kaputt. Zeitungen und TV-Sender zeigten wahlweise Windmasten, die umgeknickt und auf Feldern zerschellt waren, oder ein abgeknicktes Rotorblatt in unmittelbarer Nähe einer Bundesstraße, die aus Sicherheitsgründen einen halben Tag gesperrt werden musste.

Bald stellte sich heraus, dass die Windräder allesamt recht alt waren. Konkret wurden sie zwischen 1999 und 2002 errichtet. Die Betreiber der Anlagen versprachen baldige Aufklärung, bestellten Gutachter - lieferten aber keine Ergebnisse. Das Rätsel der Havarie-Serie blieb ungelöst. Gerade dadurch aber wuchs die Sorge, dass bald noch mehr von den Tausenden Windrädern aus dieser Zeit umknicken könnten.

Nun, knapp drei Monate nach den Vorfällen, verdichten sich nach SPIEGEL-Informationen die Anzeichen, dass alle vier Windradschäden dieselbe Ursache hatten. Bei allen vier Anlagen ist ein Problem mit der sogenannten Pitch-Regelung im Gespräch. Diese dient unter anderem dazu, die Rotorblätter automatisch aus dem Wind zu drehen, wenn dieser zu stark weht.

Die Firma Enertrag, ein technischer Dienstleister, der für die Wartung von zwei der havarierten Anlagen verantwortlich ist, hat dazu eine Analyse verfasst und deren zentrale Ergebnisse an mehr als hundert Betreiber ähnlicher Windräder verschickt. In dem Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, heißt es, eine Anlage nahe der Gemeinde Grischow in Mecklenburg-Vorpommern und eine Anlage nahe der Gemeinde Neu Wulmstorf in Niedersachsen seien höchstwahrscheinlich umgeknickt, weil die Rotorblätter zu spät aus dem Wind gedreht worden seien.

Die dabei auftretenden Kräfte hätten sich auf die Windmasten übertragen, heißt es in der Analyse weiter. Diese seien dann aufgrund von "plötzlich auftretender Überlast" umgeknickt. "Die Pitch-Regelung hat zu spät reagiert", bestätigt ein Enertrag-Sprecher auf Anfrage. Die Betreiber der kaputten Windräder äußerten sich nicht zu der Analyse.

Bei den zwei anderen Anlagen hat es offenbar ähnliche Probleme gegeben: Hans Körner, Geschäftsführer der Rasmus GmbH, teilte auf Anfrage mit, sein Windrad nahe der sächsischen Stadt Leisnig sei ebenfalls wegen einer zu trägen Pitch-Regelung umgeknickt.

Und auch die Energiekontor AG, der am 3. Januar nahe der Gemeinde Zichow in Brandenburg ein Rotorblatt brach, vermutet nach eigenen Angaben "einen Sensordefekt in der Pitch-Regelung" als Ursache. Das habe ein Gutachten ergeben, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.

Eine umfassende Übersicht der Windradschäden und der bisherigen Erklärungsversuche können Sie der folgenden Karte entnehmen. Klicken Sie auf die roten Punkte, um mehr zu erfahren.

Vollständig abgeschlossen ist die Ursachenforschung noch nicht. Es ist aber offenbar kein Zufall, dass hinter allen vier Schäden dasselbe Problem vermutet wird. "Träge Pitch-Regler sind bei alten Anlagen weit verbreitet", sagt Windrad-Betreiber Körner. Das Risiko einer Havarie ließe sich durch den Einbau modernerer Regler leicht minimieren. Doch viele Betreiber sträubten sich dagegen, unter anderem aus Kostengründen.

Beim Bundesverband Windenergie hält man einen Austausch nicht unbedingt für nötig. "Ältere Pitch-Regler brauchen regelmäßige Wartung", sagt ein Sprecher. Dann aber funktionierten sie tadellos. Bei zwei der vier havarierten Windräder sei jedoch eine besonders fehleranfällige Pitch-Regelung verbaut gewesen. Beide Anlagen gehören zum Typ D4 der Firma DeWind; laut Schätzungen aus Branchenkreisen sind in Deutschland noch bis zu 150 D4-Windräder in Betrieb.

Die anderen zwei Windräder sind Anlagen vom Typ Tacke TW 1,5 beziehungsweise GE 1.5. Beide Modelle sind fast identisch. Der Hersteller Tacke war zunächst vom Energiekonzern Enron aufgekauft worden. Nach dessen Insolvenz übernahm das US-Unternehmen General Electric im Juni 2002 die Windsparte. Die Tacke TW 1,5 wurde dabei in GE 1.5 umbenannt.

Laut Schätzungen aus Branchenkreisen sind in Deutschland noch bis zu 1800 Anlagen dieses Typs aktiv. Viele davon dürften alte Pitch-Regler haben, heißt es. Laut Bundesverband Windenergie sind bei diesem Anlagentyp bislang noch keine Probleme mit der Pitch-Regelung bekannt gewesen.



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teacher20 10.03.2017
1.
Zitat: "Die Windkraft ist für viele Menschen wahlweise eine friedliche, saubere Lösung der Energieerzeugung oder ein landschaftliches Ärgernis. Mit Bildern der Zerstörung dagegen wurden die oft mehr als 100 Meter hohen und dutzende Tonnen schweren Rotortürme bislang kaum in Verbindung gebracht". Kommt darauf an, wie man Zerstörung definiert. Sind Windräder auf freiem Fäll tatsächlich "nur" so etwas wie ein landschaftsverschandelndes Ärgernis, so wird konkrete Zerstörung dann sichtbar, wenn Windräder mitten in Wäldern oder bewaldeten Bergkuppen plaziert werden. Zerstörungen von Wegen, Verdichtung des Waldbodens während der Aufbauphase durch überbreite Transportfahrzeuge und großflächige Rodungen, die auch durch Aufforstungen nach der Aufbauphase nur zu einem kleinen Teil wieder wettgemacht werden, da der "Bodenbereich" der Windkraftanlagen waldfrei bleiben muss, ob wohl sich die Turbinen hoch über die Bäume erheben. Zusätzlich sind die Materialien, die zum Bau von Windkraftanlagen verwendet werden, sowie Betriebsflüssigkeiten alles andere als umweltfreundlich. Die Bedeutung der Windkraft als einer durch und durch umweltfreundlichen Technologie relativiert sich somit "etwas".
opinio... 10.03.2017
2. pitch, paff, puff
und dann brechen sie ab. Mich wundert nur, das es so wenige sind. Noch! Hat sich schon einmal mit der Entsorgung dieses Schrotts beschäftigt? Insbesondere der Propeller ist aufgrund der verwendeten Werkstoffe kein einfacher Bauschutt. Zahlt das aucgh wieder der Steuerzahler?
t dog 10.03.2017
3. Deutsche Gründlichkeit
Die Windräder waren von so guter Qualität, das erst nach 18 Jahren bei 0,1 Prozent der Anlagen Ausfälle passieren. Die Firmen ermitteln die Ursachen und bauen die nächste Generation in noch besserer Qualität. Aus Deutschland kommen die besten Windräder überhaupt. Kosten etwas mehr, aber das holt man später dreifach über die gute Qualität wieder rein.
Braveheart Jr. 10.03.2017
4. Wenn die Betreiber ...
... kein Geld für bessere Software hinlegen wollen, dann vermute ich daß a) die alten Windräder bereits abgeschrieben sind, und b) daß jemand anders für die entstandenen Schäden aufkommt. Mein Geheimtip: Der deutsche Steuerzahler. SPON, bitte recherchieren Sie!!
Ein_denkender_Querulant 10.03.2017
5. Die Auswirkungen sind riesig!
Hier wurde das Problem genau analysiert: http://www.der-postillon.com/2010/03/super-gau-in-windkraftanlage-verstrahlt.html Gerade bei extremen Sturm spielen Kinder liebend gerne in der direkten Nähe von Windkraftanlagen. Was da alles passieren kann. (Ironie Ende) . Zu regeln ist das Problem sehr einfach über Versicherungsleistungen. Wer nicht wartet, bekommt keine.
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