Windows 7 Microsoft kämpft um die IT-Herrschaft

Windows 7 markiert eine Zäsur. Microsofts neueste Plattform, die jetzt in den Handel kommt, ist das vielleicht letzte Betriebssystem für eine Computernutzung, wie wir sie kennen. Es könnte einen neuen, epischen Kampf zwischen Microsoft, Google und Apple einläuten.

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Hamburg - In einem aktuellen Werbevideo nennt Microsoft Chart zeigen sein Betriebssystem Windows den "Herzschlag des Unternehmens". Über sphärische Keyboardklänge hinweg zählt eine Frauenstimme bis sieben - dazu blitzen, synchron zu einem basslastigen Puls, die bisherigen Versionen des Betriebssystems auf. Seinen Höhepunkt erreicht das Video bei der bislang neusten Version Windows 7, die ab diesem Donnerstag in den Läden steht: Der Sound schwillt an, der Puls rast, adrenalingeladene Männerschreie und lobende Zitate aus der Fachpresse verschmelzen zu einem pompösen PR-Crescendo.

Dann, plötzlich, wird es wieder still. Nur das Herz pumpt weiter in langsamen, dumpfen Schlägen.

Das gut einminütige Video ist, wenn man so will, eine verdichtete Darstellung der Evolution, die Microsoft durchlebt hat. Es zeigt, wie der Konzern, getrieben durch sein Kerngeschäftsfeld Betriebssysteme, zum größten Tech-Unternehmen der Welt wurde. Wie er die eigene Vormacht in den vergangenen Jahren aufs Spiel setzte (die gefloppte sechste Version Windows Vista wird nur einen Lidschlag lang im Video eingeblendet). Wie er auf einen Bilanzschub durch Windows 7 hofft. Und wie er in eine Zeit nach dem Windows-7-Tamtam blickt, in der sich vieles ändern wird.

Denn einerseits attestieren Experten Windows 7 durchaus gute Erfolgschancen. Die Rezensionen des Betriebssystems in der Fachpresse sind gut. Bis Ende 2010 könnten nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens IDC weltweit bis zu 177 Millionen Lizenzen abgesetzt werden. Die an Vertrieb und Produktion der Software beteiligten Unternehmen sollen durch Windows 7 bis 2010 mehr als 320 Milliarden Dollar erwirtschaften. Großunternehmen wie BMW, E.on, Axinom und Computacenter sind bereits auf das System umgestiegen oder haben diesen Schritt werbewirksam angekündigt.

Drohende Herzrhythmusstörungen

Andererseits aber prognostiziert mancher Branchenkenner, dass der Start von Windows 7 den Beginn einer neuen Ära markiert. Die Konkurrenzverhältnisse im Computermarkt verschärfen sich zusehends. Die über 90-prozentige Marktabdeckung, die der Konzern mit seinen verschiedenen Betriebssystemversionen im PC-Markt erreicht, könnte bald wegbröckeln. Ein neuer epischer Kampf um die Vorherrschaft in der künftigen Computerindustrie bahnt sich an: ein Kampf zwischen Microsoft, Apple Chart zeigen, Google Chart zeigen und anderen Playern um die sogenannte Wolke.

Gemeint ist das sogenannte Cloud Computing. Nutzer verlagern ihre Daten und Programme zusehends auf zentrale Server, die sie über verschiedene, oft mobile Endgeräte ansteuern können. Rechnerleistung wird so ins Internet ausgelagert, Nutzer können immer komplexere Aufgaben über ganz verschiedene Kleingeräte hinweg bearbeiten. Sie können etwa einen Text auf dem Heim-PC zu schreiben beginnen und unterwegs daran weiterarbeiten, oder ein anderer Nutzer an einem anderen Rechner tut dies. Dieser Trend aber, schreibt der "Economist" in seiner aktuellen Ausgabe, verschiebt nicht nur Microsofts Gravitätszentrum - sondern generell die Art und Weise, wie im Computersektor Wettbewerb geführt wird.

Der Siegeszug der Wolke verändert den Computersektor auf zwei grundlegende Arten. Erstens verändert sich die Zusammensetzung der Endgeräte, die Verbraucher als Computer nutzen. Zweitens laufen Programme immer öfter im Browser, lösen sich von konkreten Betriebssystemen. In beiden Dimensionen muss Microsoft sein Kerngeschäft verteidigen. Bei genauer Betrachtung hat Microsoft in vielen Bereichen gute Chancen, die Vorherschafft zu verteidigen. Das bequeme Monopol des Tech-Riesen aber dürfte bald bröckeln.

Hart umkämpfter Endgerätemarkt

Auf dem Endgerätemarkt, in der Peripherie der Wolke, wird der gute alte PC in den kommenden Jahren drastisch an Bedeutung verlieren. Er wird zu einer Bauform verkommen, die, wenn überhaupt, nur noch in der Arbeitswelt flächendeckend vorkommt. Gefragt ist künftig immer stärker, was klein, mobil und billig ist: schlaue Handys, mit denen man im Internet surfen kann (Smartphones) oder abgespeckte Laptops mit langen Akkulaufzeiten (Netbooks). Beide Endgerätesegmente wachsen rapide und Microsoft ist dabei längst nicht mehr der unangefochtene König der Betriebssysteme.

Vor allem im Bereich der Smartphones ist der Softwareriese stark ins Hintertreffen geraten - obwohl der Markt als immer bedeutsamer gilt. Das Marktforschungsunternehmen iSuppli schätzt, dass sich die Zahl mobiler Endgeräte bis 2012 verachtfachen wird. Das aktuelle Handybetriebssystem Windows Mobile 6.5 aber wurde von der Fachwelt weitgehend als rückständig eingestuft. Je länger Microsoft kein konkurrenzfähiges Produkt zustande bekommt, sichern sich Apple und Google, aber auch Nokia Chart zeigen, immer mehr Marktanteile.

Apple vertreibt mit dem iPhone High-End-Hardware und Betriebssystem aus einem Guss - und fährt mit diesem Produkt seit mehreren Quartalen Rekordergebnisse ein. Google drängt mit seinem kostenlosen Handybetriebssystem Android in den Handymarkt. Bis Ende 2009 sollen 18 Android-Mobiltelefone auf dem Markt sein, bis 2012 dürften Google-Handys laut einer Studie des IT-Marktforschungsunternehmens Gartner einen höheren Marktanteil haben als iPhones. Der weltgrößte Handyhersteller Nokia hat mit Symbian und Maemo gleich zwei Mobilfunk-Betriebssysteme am Start.

Im Segment der Netbooks dagegen ist Microsoft derzeit in einer starken Ausgangsposition. Mehr als 90 Prozent der Netbooks laufen aktuell mit Windows. Microsofts neuestes Betriebssystem soll diese Vorherrschaft festigen. Das neue Windows 7 ist, anders als der Vorgänger Vista, so ressourcenschonend, dass es auch auf den Mini-Laptops läuft. Strategisch gesehen ist das ein wichtiger Schritt nach vorne, denn der Netbook-Sektor boomt. Nach Gartner-Schätzungen liegt sein weltweiter Anteil am PC-Markt mittlerweile bei mehr als 18 Prozent.

Allerdings lässt schon der Strukturwandel im PC-Markt Microsofts Betriebssystemeinnahmen schrumpfen: Netbooks müssen vor allem billig sein, das drückt die Preise für Microsofts Betriebssystem. In den Quartalszahlen von Ende Juni zeichnete sich dieser Trend bereits deutlich ab. Die Client-Sparte (alle Windows-Systeme für Desktop- und Notebook-Rechner) verbuchte im Jahresvergleich einen Umsatzrückgang von rund 4,36 Milliarden auf 3,1 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn sank von 3,25 Milliarden auf 2,16 Milliarden. Analysten nannten als Hauptgründe den generellen Absatzeinbruch am PC-Markt, aber eben auch den wachsenden Anteil der Netbook-Sparte.

insgesamt 1678 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 22.10.2009
1.
SPIEGEL ONLINE Forum > Blogs > Windows 7: Vergessen Sie Vista (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=9069) Meine Meinung (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=4457223&postcount=16) ändert sich nicht innerhalb von einem Tag.
Galaxia, 22.10.2009
2. Fail 7 als Plagiat von Ubuntu
Zitat von sysopDerzeit startet der Verkauf von Windows 7. Hersteller Microsoft verspricht mehr Leistung, einfachere Bedienung und Kompatibilität vom Netbook bis zu Highend-PC - doch wie gut ist das neue Betriebssystem wirklich?
Wielange wird es noch dauern bis SPON über Linux mal berichtet? Anscheinend keine betuchte Klientel wie die lamer und byter aus Redmond. Zum Bleistift Fail 7 als Plagiat von Ubuntu.
Galaxia, 22.10.2009
3.
Zitat von sysopDerzeit startet der Verkauf von Windows 7. Hersteller Microsoft verspricht mehr Leistung, einfachere Bedienung und Kompatibilität vom Netbook bis zu Highend-PC - doch wie gut ist das neue Betriebssystem wirklich?
Ist SPON jetzt dem verurteilten Unternehmen verfallen? Das ehemalige Nachrichtenmagazin macht Schleichwerbung für ein Plagiat. Siehe auch Ubuntu, das verspricht nämlich nochmehr Leistung, einfachere Bedienung und Kompatibilität vom Netbook bis zu Highend-PC, bla Sülz.
Nobbi 22.10.2009
4.
"Gemeint ist das sogenannte Cloud Computing. Nutzer verlagern ihre Daten und Programme zusehends auf zentrale Server, die sie über verschiedene, oft mobile Endgeräte ansteuern können. Rechnerleistung wird so ins Internet ausgelagert, Nutzer können immer komplexere Aufgaben über ganz verschiedene Kleingeräte hinweg bearbeiten." Die Mär vom Cloud Computing geistert schon seit mehr als einer Dekade durch die Fachwelt, geändert hat sich bisher wenig und wird sich auch so schnell nicht ändern. Die Geräte werden immer schneller und kleiner, Speichermedien immer größer, warum sollte ich also meine Daten auslagern, wo sie praktisch meiner Kontrolle entzogen werden? Den Satz, dass Win7 das letzte OS für PCs der herkömmoichen Art sein wird, kann man getrost streichen.
Hercules Rockefeller, 22.10.2009
5. Hab keine Lust auf Windows 7
Ich hab irgendwie überhaupt keine Lust auf Windows 7. Damit kann ich auch nicht mehr machen, als ich schon mit XP mache. Und für ein bischen bunter und Touchfunktionen, die mangels geeigneter Hardware eigentlich noch niemand nutzen kann, lohnt der Wechsel wirklich nicht. Ich bleibe bei XP-das läuft mittlerweile derart stabil und hat ein so umfassendes Softwareangebot, es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund für einen Wechsel. Vielleicht 2014, wenn die Sicherheitsupdates nicht mehr kommen. Aber ob man da überhaupt noch ein OS braucht, bzw. nicht einfach mit nem Langweilerlinux für Lau den Browser startet und den Rest per Webanwendung macht? Ich denke, 2014 gehen wir alle per Handy online und schließen lediglich per Bluetooth ne Tastatur und nen großen Bildschirm dran. Internet wird Alltag.
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