Finanzkrimi bei Wirecard Zahlungsverkehrt

Gewiefte Spekulanten, drastische Kurseinbrüche und ein Unternehmen, das mit dem Zahlungsverkehr von Pornoseiten groß geworden ist: Der Fall Wirecard hat filmreife Zutaten. Doch was steckt wirklich dahinter?

DPA

Von , München


25 Prozent runter an einem Tag, und an einem anderen wieder um 15 Prozent rauf - was derzeit mit dem Aktienkurs der Firma Wirecard passiert, ist höchst ungewöhnlich für einen Konzern der obersten deutschen Börsenliga.

Noch ungewöhnlicher sind allerdings die Hintergründe der Kursbewegungen: Berichte über angebliche Bilanzfälschungen, Leerverkäufe von Spekulanten, die von abstürzenden Aktienkursen profitieren, und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen möglicher Marktmanipulation. Der Fall ist verworren und spannend zugleich. Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen

Was ist das Geschäftsmodell von Wirecard?

Wirecard wickelt Zahlungen technisch ab, die Kunden per Kreditkarte, über Paypal oder andere auf dem Internet basierende oder mobile Bezahlverfahren wie Apple Pay in Auftrag geben. Partner von Wirecard sind unter anderem Visacard, Mastercard, Alipay, Apple Pay und Google. Zu den Kunden gehören große, aber auch zahllose kleine Unternehmen, denen Wirecard technische Lösungen zur elektronischen Zahlungsabwicklung verkauft. Die Gewinnmargen in der Zahlungsabwicklung sind in der Regel extrem klein. Es gibt aber Branchen, etwa Gaming- und Pornoseiten im Internet, für die Zahlungsabwickler wegen der höheren Betrugsgefahr höhere Margen verlangen können. Wirecard ist unter anderem mit diesem Geschäft groß geworden, der Anteil am Gesamtumsatz ist mittlerweile aber stark gesunken.

Worum geht es in dem Fall, der aktuell die Schlagzeilen beherrscht?

Ende Januar hatte die "Financial Times" ("FT") unter Berufung auf einen Whistleblower berichtet, es gebe interne Betrugsvorwürfe gegen Wirecard in Singapur. Es gehe dabei um mögliche Bilanzfälschung - Wirecard dementiert die Vorwürfe. Nach dem "FT"-Bericht stürzte der Wirecard Chart zeigen-Kurs um rund 25 Prozent ab, und es zeigte sich, dass es schon vor Bekanntwerden des "FT"-Artikels auffällige Kursbewegungen gab.

In den folgenden Wochen schwankte der Aktienkurs weiter heftig, auch weil die "FT" zwei weitere belastende Artikel veröffentlichte. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt und gegen den "FT"-Journalisten wegen möglicher Marktmanipulation, unterstützt wird sie dabei von der Finanzaufsicht BaFin. Die BaFin hat außerdem am Montag für zwei Monate sogenannte Leerverkäufe von Wirecard-Aktien untersagt. Zugleich klagen in den USA Anleger gegen Wirecard, sie werfen dem Unternehmen und dem Topmanagement Fehlinformation vor.

Was ist dran an den Vorwürfen gegen Wirecard?

In der Vergangenheit gab es gegen Wirecard mehrfach zwei Arten von Vorwürfen: Zum einen hieß es, das Unternehmen wickle auch Zahlungen für illegale Geschäfte ab, etwa für in den USA verbotene Onlineglücksspiele. Zum anderen erhoben Kritiker mehrfach den Vorwurf, Wirecard schöne die Bilanzen. Die Firma hat beide Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Ende Januar hat die "Financial Times" berichtet, dass Whistleblower schwere Vorwürfe gegen einen Manager der Wirecard-Tochter in Singapur erheben. Dieser Manager habe Mitarbeiter angeleitet, wie diese über Kreislaufbuchungen Scheinumsätze generieren könnten. Die Singapurer Rechtsanwaltskanzlei Rajah & Tann untersuche die Vorgänge und habe in einem Zwischenbericht schwere Verdachtsmomente für Bilanzfälschung und Betrug gefunden. Wirecard dementierte - eine interne Untersuchung habe ergeben, dass an den Vorwürfen nichts dran sei. Rajah & Tann erklärte, der Abschlussbericht stehe noch aus, bisher gebe es keinen Hinweis auf kriminelles Verhalten von Wirecard-Mitarbeitern.

Was sind Leerverkäufe?

Leerverkäufe sind eine legale Möglichkeit, auf einen Kursrückgang einer Aktie zu spekulieren. Dabei leiht sich ein Anleger die betreffenden Aktien, beispielsweise von einem großen Aktienfonds, gegen eine Gebühr für eine bestimmte Dauer. Dann verkauft er die geliehenen Aktien und kann so möglicherweise den Aktienkurs nach unten drücken - allerdings nur, wenn er wirklich große Volumina "leer", also ohne sie zu besitzen, verkauft. Fällt der Kurs tatsächlich, kann der Leerverkäufer zu dem niedrigeren Kurs Aktien kaufen und sie dem Verleiher zurückgeben. Die Kursdifferenz abzüglich der Gebühr streicht er als Gewinn ein. Leerverkäufe werden von Spekulanten als Instrument genutzt, um auf sinkende Kurse bestimmter Aktien zu wetten. Wenn sie im Zusammenhang mit Insiderinformationen verwendet werden, die noch nicht öffentlich sind, ist das illegal.

Was untersucht die Staatsanwaltschaft?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt und gegen den Journalisten der "Financial Times," der die belastenden Berichte über Wirecard geschrieben hat. Der Vorwurf lautet auf Marktmanipulation.

  • Marktmanipulation könnte beispielsweise vorliegen, wenn die "FT" bewusst falsche Informationen verbreitet hätte - was sie dementiert.
  • Es könnte aber auch darum gehen, dass die "FT" zwar korrekt berichtet hat, aber wusste, dass der Informationsgeber oder ein Dritter, der vorab von der Veröffentlichung des "FT"-Berichts wusste, zuvor auf einen fallenden Aktienkurs gewettet hatte.
  • Drittens ist aber auch gut möglich, dass die FT nicht wusste, welches Eigeninteresse ihr Informationsgeber hatte oder dass sie über dessen Motive getäuscht worden ist.

Diesen Fragen geht die Staatsanwaltschaft nun nach. 2016 hatte ein Research-Dienst namens "Zatarra" schon einmal Vorwürfe gegen Wirecard erhoben. Gegen einen der Herausgeber von "Zatarra", den Briten Fraser Perring, hat die Staatsanwaltschaft München einen Strafbefehl beim Amtsgericht München beantragt. Akzeptiert Perring den Strafbefehl nicht, dürfte es zu einem Gerichtsverfahren kommen.

Warum greift die BaFin zu so harten Maßnahmen wie einem Leerverkaufsverbot?

Die BaFin hat am Montag eine Allgemeinverfügung erlassen, wonach es ab sofort verboten ist, "neue Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien der Wirecard AG zu begründen oder bestehende Netto-Leerverkaufspositionen zu erhöhen", wie die Aufsichtsbehörde mitteilte. Sie begründet das, vereinfacht gesagt, mit der Sorge um die Finanzmarktstabilität.

Die BaFin kann so eine Maßnahme auf Basis der EU-Leerverkaufsverordnung ergreifen, wenn ungünstige Ereignisse oder Entwicklungen eingetreten sind, die eine ernst zu nehmende Bedrohung für die Finanzstabilität oder das Marktvertrauen in Deutschland darstellen. Aus Sicht der BaFin war dies zuletzt wegen der Leerverkaufsattacken gegen Wirecard der Fall. In den vergangenen Tagen seien "massive Unsicherheiten an den Finanzmärkten feststellbar" gewesen, Auslöser dafür sei die Preisentwicklung der Wirecard-Aktie gewesen. Durch die massiv gestiegenen Leerverkäufe von Wirecard-Aktien sei es zu einer "Verunsicherung des Marktes" hinsichtlich der angemessenen Preisbildung für Wirecard-Aktien gekommen. Es bestehe das Risiko, dass diese sich zu einer generellen Marktverunsicherung ausweitet.

Es ist das erste Mal, dass die BaFin ein solches Leerverkaufsverbot mit Blick auf ein einzelnes Unternehmen ausspricht. Nach der Finanzkrise von 2008, als Bankaktien massiv unter Druck standen, hatte die BaFin Leerverkäufe gegen eine ganze Reihe von Finanzkonzernen zeitweise untersagt. Damals drohte aber auch ein Zusammenbruch des Finanzsystems.

Die Maßnahme mit Blick auf Wirecard ist umstritten. Leerverkäufe haben nämlich durchaus auch einen Nutzen: Sie können Kursübertreibungen nach oben aufhalten und korrigieren. Wenn viele Investoren auf steigende Kurse setzen, kann es manchmal gut sein, wenn es Pessimisten am Markt gibt, die dagegenhalten.

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Fotostrecke: Die Akteure im Fall Wirecard

Sollten sich die Vorwürfe gegen Wirecard bewahrheiten, könnte der Eingriff der Aufsicht wie eine ungerechtfertigte Schutzmaßnahme zugunsten des Unternehmens aussehen. Die Maßnahme ist auch deswegen heikel, weil Unternehmensgründer Markus Braun selbst mit etwa sieben Prozent der Anteile größter Wirecard-Aktionär ist - und somit von der Schutzaktion der BaFin profitiert. Nach der Ankündigung des Leerverkaufsverbots schoss der Kurs der Aktie am Montag um 15 Prozent nach oben.

Fraglich ist auch, ob ein Kursverlust von bis zu 50 Prozent einer einzelnen Aktie die Stabilität des gesamten Aktienmarkts gefährdet. Zumal Wirecard innerhalb des Dax eines der kleinsten und am geringsten gewichteten Unternehmen ist.

Wer hat bisher von den heftigen Kursbewegungen profitiert?

Bekannt ist, dass die Hedgefonds Odey Asset Management und Slate Path Capital Leerverkäufe gegen Wirecard in großem Umfang getätigt haben. Sie hatten zuletzt 0,65 Prozent (Odey) beziehungsweise 1,5 Prozent (Slate Path Capital) der Wirecard-Aktien leerverkauft.

Solche Positionen müssen erst oberhalb von einer Schwelle von 0,5 Prozent der ausstehenden Aktien im Bundesanzeiger gemeldet werden. Die BaFin hat aber offenbar Erkenntnisse, dass es zusätzlich zahlreiche Leerverkaufspositionen unterhalb dieser Schwelle gibt.

Ob die Leerverkäufer profitieren, hängt letztlich davon ab, zu welchem Kurs sie leerverkauft haben und zu welchem Kurs sie später die Wette auflösen, also die zunächst geliehenen und verkauften Aktien zurückkaufen. Nach früheren Leerverkaufsattacken, etwa im Jahr 2016, hatte sich der Wirecard-Kurs nach wenigen Monaten so stark erholt, dass manch ein Leerverkäufer mit Verlust aus der Wette hervorgegangen sein dürfte.

Von einem neuerlichen Kursanstieg könnten zum Beispiel die Wirecard-Vorstände Jan Marsalek und Alexander von Knoop profitieren, die nach dem jüngsten Kursrutsch Aktien nachgekauft hatten.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
sven2016 20.02.2019
1. Mit dem heftigen Kursschwankungen
wird richtig dickes Geld verdient. Für Spekulanten eine Goldgrube. Praktisch, dass der Hauptaktionär undGeschäftsführer auch gut daran verdient. Es zeigt sich, dass Aktien nich immer eine vernünftige Anlageform für „Sparer“ sind, wenn solche Bewegungen rein durch Gerüchte inszeniert werden können. Letztlich kann das Unternehmen daran auch scheitern.
w.diverso 20.02.2019
2. Viertens!
Ein (amerikanischer) Konkurrent von Wirecard will sie aus dem Markt drängen oder zumindest zurückstutzen. Das wäre doch auch eine vorstellbare Variante, oder? Wenn es um viel Geld geht, dann ist vieles möglich.
hermanngaul 20.02.2019
3. ne ist doch toll
dass, egal jetzt ob Wirecard oder ein anderes Unternehmen, mit "Wetten" Geld gemacht wird. Solche Gewinne kann man gar nicht hoch genug besteuern. Ein weiterer Faktor, der zu Instabilität der Gesellschaft beiträgt. Da verdienen einige Kapitalbesitzer mit Leerverkäufen o.ä. Unsummen (ohne jegliche Wertschöpfung) und zahlen 25% Kapitalertragssteuer (wenn diese nicht auch noch geschickt umgangen wird) während die Arbeiter sich die Hände schmutzig machen und bis zu 42% Lohnsteuer zahlen dürfen. So machen die Pfeffersäcke auf Dauer die Gesellschaft kaputt. Zeit für eine deutliche Kurve nach links!
53er 20.02.2019
4. Falls er das noch nicht war,
verkommt nun auch der Handel mit Börsenpapieren zu einem mafiösen Markt. Man setzt Gerüchte in Umlauf, egal ob positive oder negative und wartet in Ruhe das weitere Geschehen ab. Unter diesen Umständen müssen Empfehlungen zum Investment in Aktien unter ein dickes Fragezeichen gestellt werden. Daher sollte die BaFin mehr als hart handeln, wenn versucht wird, durch irgendwelche Behauptungen den Aktienmarkt zu manipulieren. Solange die Wölfe sich gegenseitig selbst zerfleischen, kein Problem, wenn aber ein Abzocken vieler Kleinsparer droht, muss der Vorschlaghammer raus.
Willi Wacker 20.02.2019
5.
"Von einem neuerlichen Kursanstieg könnten zum Beispiel die Wirecard-Vorstände Jan Marsalek und Alexander von Knoop profitieren, die nach dem jüngsten Kursrutsch Aktien nachgekauft hatten." Ähem, andersrum ist es auch richtig. Beim Kursverlust haben die genannten Vorstände (und nicht nur die!) üble Verluste erlitten. Kurs von 200 auf 100.
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