Wirtschaft 2011 Umsätze boomen, Jobwachstum lahmt

Ganz Deutschland spricht vom Aufschwung, doch was kommt 2011? SPIEGEL ONLINE hat ausgewählte Verbände der großen Branchen des Landes zu Umsatz und Jobwachstum befragt: In den meisten Sektoren geht es zumindest mit den Umsätzen aufwärts - in einem allerdings nicht.

Jugendliche bei Berufsstarterbörse (Archiv): Schub auf dem Arbeitsmarkt kommt meist zeitversetzt
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Jugendliche bei Berufsstarterbörse (Archiv): Schub auf dem Arbeitsmarkt kommt meist zeitversetzt

Von Katrin Rössler


Hamburg - Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) spricht von einem "Aufschwung XL", ein Forschungsinstitut nach dem anderen schraubt seine Wachstumsprognose nach oben. Mit Deutschlands Wirtschaft geht es aufwärts - so viel scheint sicher.

Aber wie sieht es in den einzelnen Branchen konkret aus? Gibt es Unterschiede? Wo wachsen die Umsätze besonders schnell - und wer schafft die meisten Arbeitsplätze?

SPIEGEL ONLINE hat 14 große deutsche Branchenverbände befragt, von der Autoindustrie über das Baugewerbe bis zur Versicherungswirtschaft. Von den 14 befragten Verbänden gaben elf an, dass ihre Mitglieder insgesamt den Umsatz 2010 steigern werden.

Mit dem größten Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr rechnet die chemische Industrie, die ihren Umsatz um satte 17,5 Prozent vergrößern kann. Auch andere Wirtschaftszweige wie die Automobil- und Elektronikbranche kommen in ihren Hochrechnungen für 2010 auf ein zweistelliges Wachstum. Nur die Bauindustrie wird 2010 demnach einen Umsatzrückgang verbuchen - um 1,5 Prozent im Vergleich zu 2009 (siehe Tabelle).

Branchen-Entwicklung 2011
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So stark wachsen die Umsätze in den Branchen
Branche Verband Umsatz 2010 in Milliarden Euro 1) Veränd. geg. 2009 in Prozent Umsatz 2011 in Milliarden Euro 1) Veränd. geg. 2010 in Prozent
Auto VDA 300,0 14,1 >300,0 k.A.
Banken BVR 2) 696,0 2,8 k.A. k.A.
Bau HDB 81,0 -1,5 80,2 -1,0
Chemie VCI 170,6 17,5 177,4 4,0
Einzelhandel HDE 3) 407,0 1,5 >407,0 k.A.
Elektronik ZVEI 162,0 11,7 175,0 8,0
Energie/Wasser BDEW k.A. k.A. k.A. k.A.
Hotellerie/Gastronomie Dehoga 58,2 1,7 59,0-59,4 1,5-2,0
Handwerk ZDH 3) <495 <1,0 504,9 2,0
IT, Telekomm. Bitkom 141,6 1,4 144,5 2,0
Logistik DSLV 72,0 9,1 76,0 5,6
Maschinenbau VDMA 4) 172,0 6,8 188,0 9,3
Pharma VFA k.A. k.A. k.A. k.A.
Versicherungen GDV 5) 179,5 4,7 k.A. k.A.

1) Prognose, ohne Mehrwertsteuer
2) Bilanzsumme. Zu beachten ist, dass der BVR nur einen Teil der Bankenbranche (Volksbanken/Raiffeisenbanken) abdeckt.
3) Prognose inkl. Mehrwertsteuer
4) Angaben für Gesamtbranche inkl. Nicht-Mitgliedsunternehmen
5) Brutto-Beitragseinnahmen
Quelle: Verbände, eigene Berechnungen

So viele Jobs entstehen in den Branchen
Branche Verband Beschäftigte 2010 1) Veränd. geg. 2009 in Prozent Beschäftigte 2011 1) Veränd. geg. 2010 in Prozent
Auto VDA 714.000 -1,2 >714.000 k.A.
Banken BVR 2) 157.400 -0,6 k.A. k.A.
Bau HDB 710.000 0,7 710.000 0,0
Chemie VCI 414.200 -0,5 414.200 0,0
Einzelhandel HDE 2.900.000 -0,3 2.920.000 0,7
Elektronik ZVEI 815.000 0,6 k.A. k.A.
Energie/Wasser BDEW 184.000 0,1 k.A. k.A.
Hotelerie/Gastronomie Dehoga 1.120.000 0,9 1.125.000 0,4
Handwerk ZDH 4.800.000 0,0 <4.830.000 0,5-0,6
IT/Telekomm. Bitkom 843.000 1,0 >843.000 k.A.
Logistik DSLV 510.000 1,0 515.000 1,0
Maschinenbau VDMA 3) 909.000 -3,2 k.A. k.A.
Pharma VFA 87.100 0,0 k.A. k.A.
Versicherungen GDV 561.400 1,1 k.A. k.A.

1) Prognose
2) Zu beachten ist, dass der BVR nur einen Teil der Bankenbranche (Volksbanken/Raiffeisenbanken) abdeckt.
3) Angaben für Gesamtbranche inkl. Nicht-Mitgliedsunternehmen
Quelle: Verbände, eigene Berechnungen

Dieser breite Aufwärtstrend der deutschen Wirtschaft soll auch 2011 anhalten. So erwarten die meisten Fachverbände und Interessenvertretungen weiter steigende Umsatzzahlen für das kommende Jahr. Einzige Ausnahme ist auch hier der Hauptverband der Bauindustrie, der für seine Mitglieder mit einem Umsatzrückgang von einem Prozent rechnet - damit würde sich die rückläufige Entwicklung in diesem Sektor aber zumindest verlangsamen.

Eines ist allerdings auch klar: So rasant wie in diesem Jahr wird es mit Deutschlands Wirtschaft nicht weitergehen. Mit einem zweistelligen Zuwachs bei den Umsätzen rechnet 2011 indes keiner der befragten Verbände mehr.

Zeitversetzter Schub für den Arbeitsmarkt

Ohnehin ist diese Frage für die meisten Menschen eher theoretischer Natur. Viel wichtiger als Umsätze ist für sie die Zahl der Arbeitsplätze. Aber wurden im Aufschwung überhaupt Jobs geschaffen? Ist die gute Wirtschaftslage bei den Bürgern angekommen?

Die Antwort darauf ist nicht einfach. Denn während die Umsätze in fast allen befragten Branchen stiegen, ging die Entwicklung bei den Beschäftigtenzahlen stark auseinander. So wurden in einigen Wirtschaftszweigen trotz saftiger Umsatzsteigerungen weiterhin Arbeitsplätze abgebaut, zum Beispiel in der chemischen Industrie. Ganz anders sieht es dagegen in der Bauindustrie aus: Hier gibt es 2010 ein Umsatzminus, trotzdem stieg die Zahl der Arbeitsplätze leicht. Insgesamt wurden 2010 in sieben der befragten 14 Branchen neue Stellen geschaffen.

Unter dem Strich heißt dies, dass zumindest bei den befragten Branchen der Aufschwung am Arbeitsmarkt - verglichen mit den deutlichen Umsatzsteigerungen - eher schwach ausgefallen ist.

Positiver Trend

Ökonomen halten dies jedoch nicht für ungewöhnlich. Im Gegenteil: Die Entwicklung in Deutschland sei typisch für die Monate nach einer Wirtschaftskrise. Zuerst muss sich der Aufschwung verfestigen, dann wird auch wieder eingestellt - der Schub für den Arbeitsmarkt kommt zeitversetzt.

Das bestätigen auch die Prognosen der befragten Verbände für 2011: Die Mitglieds-Unternehmen planen keinen neuen Stellenabbau. Sechs Verbände wagen keine Prognose, die restlichen acht rechnen mit einer gleichbleibenden Mitarbeiterzahl oder mit Neueinstellungen.

Und so geht es wohl tatsächlich aufwärts mit der deutschen Wirtschaft. Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie und Handelskammertags (DIHK), rechnet für das Jahr 2011 mit 2,4 Prozent Wirtschaftswachstum. Dafür sieht er folgende Gründe: "Die rasche Erholung der Exportwirtschaft schiebt die inländischen Investitionen und den Arbeitsmarkt an - und so auch zunehmend den heimischen Konsum."



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
janne2109 01.01.2011
1. das liegt daran,
dass den Schwarzarbeitern aus dem Ausland der gar-aus gemacht wurde und diese Bauarbeiter in ihren eigenen Ländern genug Arbeit bekommen. Arbeit Bauwirtschaft: Hier gibt es 2010 ein Umsatzminus, trotzdem stieg die Zahl der Arbeitsplätze leicht. ich finde solche Artikel superrrrr, dadurch wird der Bevölkerung klar gemacht, dass sie ruhig mehr konsumieren können/sollen/müssen!
donbernd, 01.01.2011
2. Klar
Wieso wurden Zeitarbeitsfirmen nicht seperat aufgeführt ? Wieviele der angegebenen Branchen wirklich neue Mitarbeiter einstellen bleibt also offen, und lieber Spon, es ist absolut nicht in Ordnung Zeitarbeitsstellen mit wirklichen Anstellungen gleichzusetzen
weltbetrachter 01.01.2011
3. na wo ist er denn ... ???
Der Aufschwung ist bei den meisten Leuten noch gar nicht angekommen - und das wird er auch nicht. Aber die angebliche "gesteigerte Kaufkraft im Inland" wird ab dem 1. Januar von den Stromkonzernen, Sozialkassen, Gemeinden usw. schon mehrfach wieder eingesammelt. Unter dem Strich bleibt: Wieder weniger NETTO vom BRUTTO ! Und der Aufschwung - wir suchen ihn weiter !!!
donbernd, 01.01.2011
4. konsum 4ever
[QUOTE=janne2109;6883476 ich finde solche Artikel superrrrr, dadurch wird der Bevölkerung klar gemacht, dass sie ruhig mehr konsumieren können/sollen/müssen![/QUOTE] Jup , ich persönlich konsumiere für jeden Cent den ich verdiene mit einer Sparquote von 0. Am Ende des Monats bleibt kein einziger Euro in den Händen der Bank, und selbst meine Spareinlagen sowie die Lebensversicherung habe ich aufgelöst um konsumieren können. Das ist doch richtig vorbildlich, oder ? Ooops , Einkäufe beim Edelmetallhändler gelten doch als Konsum , oder ?
hilfloser, 01.01.2011
5. Puhhh, Da bin ich aber froh!
Die Entwicklung in Deutschland sei typisch für die Monate nach einer Wirtschaftskrise. Das heißt also das die Wirtschaftskrise bereits überwunden ist. Das mag vielleicht sogar soweit für die Unternehmen stimmen, NUR was ist denn mit der Bankenkrise, denn DIE hat uns in Not und Elend gestürzt. Also halten wir fest: Die Wirtschaft brummt, es wird mehr exportiert, mehr Arbeitnehmer kommen in Brot und Lohn ( Ist das wirklich so und wenn ja, zu welchen Löhnen? ), Die Steuereinnahmen wachsen, die Unternehmen drücken ( vielleicht ) auch mehr an den Fikus ab, die Sozialausgaben sinken ( tun sie das wirklich ? ). Ergo, der Staat hat mehr Geld im Beutel. Und wohin fließt all das liebe Geld??? Richtig! Damit wird Schuldendienst geleistet, Länder gerettet, Lobbies bedient. Ich will hier positive Meldungen nicht schlechtreden, bin kein Berufspessimist, aber sein wir doch mal ehrlich. Was sieht denn Lieschen Müller von dem Geld? Kommt denn dieser Aufschwung auch IN MEINEM Geldbeutel an?
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