Wirtschaftliche Verflechtung Wo Japan der Welt fehlt

US-Autohändler bangen um den Toyota Prius, deutsche Maschinenbauer um Elektronikteile: Die Weltwirtschaft spürt bereits die Folgen der Katastrophe in Japan. Auch die Produktion des neuen iPad ist gefährdet.

Weggespülte Wagen in Hitachinaka: Schwerer Schlag für den Weltmarktführer
AP/ The Yomiuri Shimbun

Weggespülte Wagen in Hitachinaka: Schwerer Schlag für den Weltmarktführer

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Hamburg - Das iPad2 ist in den USA wenige Tage nach seiner Premiere schon nicht mehr zu haben. Zu groß war der Ansturm von Apple-Fans auf die zweite Generation des Tablet-Computers. Doch bald könnte nicht nur die hohe Nachfrage für Lieferschwierigkeiten sorgen. Denn das iPad enthält sogenannte NAND-Flash-Speicher - und die kommen zu mehr als 40 Prozent von japanischen Herstellern.

"Japans Erdbeben und Tsunami könnten erhebliche Engpässe bei bestimmten elektronischen Komponenten verursachen", warnt die Marktforschungsfirma iSuppli. Möglicherweise würden sich die Preise dadurch "dramatisch" erhöhen. Am Spotmarkt, wo Waren mit kurzen Lieferfristen gehandelt werden, sei der NAND-Preis bereits um bis zu zehn Prozent gestiegen.

Das Beispiel der NAND-Chips zeigt, wie sich die Katastrophe in Japan auch im Rest der Welt bemerkbar macht. Zwar sind sich Experten einig, dass das Beben vorerst nicht den globalen Aufschwung bedroht, da Japans Anteil am Welthandel nur knapp fünf Prozent beträgt. Doch was Japan in die Welt liefert, ist meist Spitzenware. Bei Halbleiterchips etwa ist das Land für rund 60 Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich. Und oft steckt die Technik hinter Marken, die auch Normalverbraucher kennen.

So könnten nicht nur iPad-Fans das Beben zu spüren bekommen, sondern beispielsweise auch Benutzer der Spielekonsole Nintendo DS oder von Handys des Herstellers LG. Beide Unternehmen lassen Displays vom japanischen Elektronikkonzern Hitachi Chart zeigen herstellen. Dessen Fabrik befindet sich vergleichsweise nahe am Erdbebengebiet, weshalb dort am Montag vorübergehend die Produktion eingestellt wurde.

Die meisten Elektronikhersteller sind laut iSuppli zwar nicht direkt vom Beben betroffen. Sie fürchteten aber Probleme beim Nachschub, bei der Anreise ihrer Arbeiter und durch Stromausfälle. "Die Infrastruktur ist massiv gestört", sagt Detlef Rehn, der in Japan für die deutsche Außenhandelsagentur GTAI arbeitet. Zudem betrage die Frequenz des Stromnetzes im Norden des Landes 50 Hz und im Süden 60 Hertz. "Deshalb lässt sich die Energieversorgung nicht ohne weiteres verlagern."

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Japan: Vom Abstieg bedroht
Noch direkter als in der Elektronikbranche sind die Schäden für die Automobilindustrie. Fast zehn Millionen Autos bauten japanische Hersteller 2010, die Autobranche macht fast ein Viertel der Exporte aus. Nun zeigen Fernsehbilder japanische Neuwagen, die in überfluteten Hafenbecken treiben. Große Hersteller wie Toyota Chart zeigen, Honda Chart zeigen oder Nissan Chart zeigen haben vorerst die komplette Produktion eingestellt.

Der Produktionsstopp gefährdet auch die Stellung japanischer Autohersteller auf dem boomenden chinesischen Markt. Mit fast 19 Prozent ist die Volksrepublik wichtigster Abnehmer japanischer Exporte, an zweiter Stelle folgen mit 16 Prozent die USA. Dort werden nun Lieferschwierigkeiten beim beliebten Hybridfahrzeug Prius erwartet. "Der Prius ist unser Hauptgeschäft", zitiert der "San Franciso Chronicle" einen Händler in der kalifornischen Metropole. "Im Moment haben wir einen Vorrat für ungefähr einen Monat. Falls nicht noch ein Schiff im Hafen oder auf See ist, könnte es das auf absehbare Zeit gewesen sein."

"Steuerungen könnten knapp werden"

Deutschlands wirtschaftliche Verflechtung mit Japan ist eher gering, in beide Richtungen gehen nur rund drei Prozent der Exporte. Doch auch hier gibt es Branchen, die schon bald Folgen des Bebens spüren könnten. So beziehen Deutschlands exportstarke Maschinenbauer wichtige Teile aus der japanischen Industrie. "Steuerungen und elektronische Vorprodukte könnten in nächster Zeit knapp werden", sagt Ralph Wiechers, Chefsvolkswirt des Branchenverbands VDMA, in der "Welt".

Unter deutschen Maschinenbauern gibt es viele "Hidden Champions" - Firmen, die kaum jemand kennt und die dennoch in ihrer Nische weltweit führend sind. "Solche Firmen haben Sie hier in Japan auch", sagt Rehn. Sollte sich die Krise verschärfen, könnten damit auch Engpässe bei Unternehmen drohen, die bislang noch nicht absehbar sind.

Für Rehn steht und fällt alles mit den Folgen der Reaktorunfälle in Japan. "Wenn sie das in den Griff kriegen, werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft nicht so groß sein." Doch die Radioaktivität in den betroffenen Gebieten scheint massiv anzusteigen.

Bangen ums Sushi

Mit jeder Meldung über erhöhte Strahlenwerte steigt auch die Gefahr für eine vergleichsweise kleine, aber umso prestigeträchtigere Exportbranche: Weltweit ist Japan für sein Essen bekannt, besonders für Fischspezialitäten wie Sushi. Rund 15 Prozent der weltweiten Fänge werden von japanischen Fischern gemacht, allein in Thailand gibt es mehr als tausend japanische Restaurants.

Am Dienstag hat nun die thailändische Regierung angekündigt, Fisch und andere Lebensmittel aus Japan auf Strahlung zu testen. "Wir wollen Japan keine weiteren Probleme aufbürden," sagte Gesundheitsminister Jurin Laksanavisit. "Aber es ist unsere Pflicht, die Verbraucher zu schützen."

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Orinoko, 15.03.2011
1. Gut...
Zitat von sysopUS-Autohändler bangen um den Toyota Prius, deutsche Maschinenbauer um Elektronikteile: Die Weltwirtschaft spürt bereits die Folgen der Katastrophe in Japan. Auch die Produktion des neuen iPad ist gefährdet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,751063,00.html
dass wir uns endlich wieder den wirklich wichtigen Problemen auf der Welt zuwenden... Hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht. :o(
GyrosPita 15.03.2011
2.
Oh mein Gott, das neue IPad verzögert sich? Jetzt geht die Welt unter, das ist zu viel...
hansmaus 15.03.2011
3. so komisch ist das garnicht!
Zitat von GyrosPitaOh mein Gott, das neue IPad verzögert sich? Jetzt geht die Welt unter, das ist zu viel...
Das ist ein ernsthaftes Problem für Spiegel Online! Was sollen die denn dann den ganzen Tag über Technik schreiben? "Steve Jobs hatte gestern Pizza zum Frühstück?" das ist keine News die man noch bringen kann, das steht schon jeden Tag bei SpiegelONLINE. Kein IPad2 heißt auf gut deutsch WIR WERDEN ALLE STERBEN!
fredclausen, 15.03.2011
4. ohne Worte!
Zitat von sysopUS-Autohändler bangen um den Toyota Prius, deutsche Maschinenbauer um Elektronikteile: Die Weltwirtschaft spürt bereits die Folgen der Katastrophe in Japan. Auch die Produktion des neuen iPad ist gefährdet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,751063,00.html
Erdbeben, Tsunami und Atom-Super-Gau - was ist das schon ... Nun wirds Ernst, die Produktion des neuen iPad ist gefährdet! Fred geht beten!
Haio Forler 15.03.2011
5. .
"Auch die Produktion des neuen iPad ist gefährdet" Dann hat das Ganze doch etwas Gutes.
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