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31. Dezember 2012, 11:27 Uhr

Konjunkturausblick 2013

Alles halb so wild für Deutschland

Von und

Droht der deutschen Wirtschaft 2013 eine Rezession - oder kann sie sich gegen die Krise behaupten? Viel spricht dafür, dass der große Absturz ausbleibt. An den Finanzmärkten herrscht sogar verhaltener Optimismus.

Hamburg - Bevor es überhaupt begonnen hat, kleben am Jahr 2013 allerlei Etiketten. Für die Unesco ist es das "Weltwasserjahr", für den Vatikan das "Jahr des Glaubens", für die EU das "Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger". Aber wird es auch ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft? Oder steht die 13 für das Jahr, in dem Deutschland das konjunkturelle Glück verlässt?

Mit solchen Vorhersagen sind Ökonomen vorsichtiger geworden. Schließlich kamen sowohl der Einbruch der deutschen Wirtschaft durch die weltweite Finanzkrise 2009 als auch die rekordverdächtige Erholung im Anschluss für viele überraschend. Dennoch ist eines weitgehend Konsens: 2013 wird zwar auch für Deutschland eine Herausforderung, doch im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist die Lage nur halb so wild.

Die meisten Wirtschaftsforscher haben ihre Prognosen zuletzt nach unten korrigiert und gehen für das letzte Quartal 2012 sogar von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung aus. Schon Anfang 2013 soll die Wirtschaft aber wieder leicht zulegen, eine Rezession würde damit vermieden. Deutsche Firmenchefs teilen diese vorsichtig positive Einschätzung: Laut dem Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts schätzen sie ihre aktuelle Lage zwar schlechter ein, doch die Erwartungen an die kommenden sechs Monate haben sich deutlich verbessert.

Völlig sicher sind sich die Manager in diesem Optimismus aber nicht, das merkt man auch beim Ifo-Institut. "Wir messen die Unsicherheit der Unternehmen dadurch, wie stark ihre Einschätzungen der aktuellen Lage von einander abweichen", berichtet Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen. "Dieser Wert ist zuletzt deutlich gestiegen."

Die Verunsicherung mag paradox wirken, schließlich ist die Lage heute deutlich ruhiger als zu Hochzeiten der Finanzkrise. Der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes schickte ab Ende 2008 Schockwellen um die Welt, von denen auch deutsche Firmen stark betroffen waren. Doch bei aller Dramatik hatte der Crash aus Unternehmersicht einen Vorteil: Ursache und Wirkung waren klar eingegrenzt. Heute hängt die Entwicklung der Konjunktur dagegen an mehreren Faktoren, die alle schwer einzuschätzen sind. Dazu gehören:

Die Finanzmärkte ignorieren die Verunsicherung der Unternehmer

Die Euro-Krise bleibt für viele Unternehmen besonders unübersichtlich und damit bedrohlich. Als die Deutsche Presseagentur Konzernchefs nach ihren Wünschen fürs neue Jahr fragte, stand ein Ende der Krise fast ausnahmslos an erster Stelle.

Geht es hingegen nach der Börse, ist die Krise schon fast beigelegt. Dort sind die Risikoaufschläge für südeuropäische Staatsanleihen deutlich zurückgegangen, selbst schlechte Nachrichten wie die Herabstufung vieler Euro-Länder und ihrer Rettungsschirme durch Rating-Agenturen nahmen die Anleger weitgehend ungerührt hin. Bei früheren Krisen wie dem Schwarzen Montag von 1987 "waren die Finanzmärkte völlig verunsichert und die Unternehmer hat es nicht interessiert", sagt Ifo-Konjunkturexperte Carstensen. "Jetzt ist es umgekehrt."

Die Ruhe an den Finanzmärkten ist einem Italiener zu verdanken. EZB-Chef Mario Draghi hat angekündigt, den Euro mit allen Mitteln zu verteidigen. Dazu gehören der avisierte unbegrenzte Ankauf von Staatsanleihen und die Not-Kredite über rund eine Billion Euro für kriselnde Banken. Der unmittelbare Erfolg ist unbestreitbar, Länder wie Spanien oder Italien können sich wieder günstiger Geld leihen. Doch ihre Probleme sind damit nicht gelöst. "Die Krise ist erst dann vorbei, wenn die Realwirtschaft in Griechenland, Spanien und den anderen Problemländern wieder anzieht", sagt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und Strukturanalysen beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Die anhaltende Krise im Süden spüren auch deutsche Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie. Daimler, MAN oder Opel leiden unter der sinkenden Nachfrage aus Südeuropa und kündigen Sparprogramme oder Kurzarbeit an. Für sie reicht es nicht aus, wenn Spanier oder Italiener niedrige Zinsen für ihre Staatsanleihen zahlen. Die Bürger dort brauchen wieder mehr Geld und Zuversicht, um weiterhin deutsche Produkte zu kaufen.

Wachstum in China, Risiken in den USA

Sollte sich die Lage in Südeuropa 2013 nicht verbessern, ist die deutsche Wirtschaft umso mehr auf den Rest der Welt als Abnehmer angewiesen. Vor allem auf die USA und China kommt es dabei an. Die Sorgen um einen Einbruch des chinesischen Wachstums haben zuletzt nachgelassen, die Weltbank korrigierte ihre Wachstumsprognose für die Volksrepublik nach oben. Auch die Nachfrage aus anderen Schwellenländern ist weiterhin gut.

Schwieriger ist die Lage in den USA. Zwar hat die Wiederwahl von Barack Obama einiges an Unsicherheit genommen, doch die politische Spaltung ist so tief wie eh und je. Noch immer drohen dem Land zu Jahresbeginn milliardenschwere Kürzungen und Steuererhöhungen, falls sich Demokraten und Republikanern nicht auf einen Kompromiss einigen. Diese sogenannte Fiskalklippe ist so hoch, dass das Land von ihr in eine neue Rezession stürzen könnte.

Am Ende dürften sich die US-Politiker zwar irgendeine Lösung finden. Dann gebe es "vielleicht ein kleine Klippe, aber keine große", sagt Ifo-Experte Carstensen. Doch die politische Situation bleibt gefährlich. Schon 2011 einigten sich Demokraten und Republikaner im Haushaltsstreit erst in letzter Minute - was die Rating-Agentur Standard & Poor's mit dem Entzug der Topnote quittierte.

Starker Konsum in Deutschland

Je wackliger 2013 die Weltwirtschaft ist, umso wichtiger wird die Nachfrage in der Heimat. Bei den Unternehmen zeigt sich die Verunsicherung schon länger, seit mittlerweile einem Jahr sind ihre Investitionen in Ausrüstungen rückläufig. Die deutschen Verbraucher sind dagegen in den vergangenen Jahren zum Wachstumstreiber geworden - ein Novum für die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft. "Selbst in der Finanzkrise war der Konsum stabil wie ein Tanker", sagt Carstensen. "Das lag auch daran, dass der Arbeitsmarkt durch Hilfen wie die Kurzarbeit unterstützt wurde."

Zum Jahresende hat sich die Stimmung jedoch verschlechtert, der GfK-Konsumklimaindex fiel zweimal in Folge. Das dürfte besonders an den Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt liegen. Laut einer Umfrage im Auftrag der Allianz ist die Angst vor einem Jobverlust im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Bislang stellten deutsche Unternehmen trotz Euro-Krise neue Mitarbeiter ein, viele Arbeitnehmer haben dank ordentlicher Tarifabschlüsse mehr Geld in der Tasche. Doch laut Enzo Weber vom IAB ist die Zeit der ständigen Verbesserungen vorbei: "Der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt ist gebrochen."

Die Bundesregierung hat bereits mit einer Verlängerung der Kurzarbeit reagiert, mit der viele deutsche Unternehmen in der vergangenen Finanzkrise Entlassungen vermieden hatten. IAB-Experte Weber glaubt, dass 2013 auch am Arbeitsmarkt kein wirkliches Unglücksjahr wird: "Es wird keinen tiefen Absturz geben, sondern eher einen langgezogenen Dämpfer."

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