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Wirtschaftskrise: Dümpelnder Jobmarkt gefährdet weltweiten Aufschwung

Der weltweite Aufschwung ist längst da - doch er bringt zu wenig neue Jobs. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsorganisation ILO. Im laufenden Jahr sind demnach weltweit 203 Millionen Menschen arbeitslos - und dies ist nicht das einzige Risiko für das Wirtschaftswachstum.

Arbeitslose in einem Jobcenter in Madrid: Aufschwung ohne Jobboom Zur Großansicht
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Arbeitslose in einem Jobcenter in Madrid: Aufschwung ohne Jobboom

Berlin/Johannesburg - Aus beinahe allen Regionen der Welt kamen in den vergangenen Wochen positive Konjunkturdaten. Doch ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verpasst all den guten Zahlen einen Dämpfer. Denn der Aufschwung hat die Jobvernichtung infolge der Wirtschaftskrise nicht auffangen können. Weltweit dürften im laufenden Jahr 203,3 Millionen Menschen ohne Anstellung sein, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent, erklärte die ILO. Die Arbeitslosigkeit bleibe also trotz Aufschwung hoch.

Auch im laufenden Jahr sei nicht damit zu rechnen, dass sich die Lage an den Arbeitsmärkten spürbar entspanne, erklärte die Arbeitsorganisation. "Die schwache Entwicklung auf den Arbeitsmärkten steht dabei in scharfem Kontrast zu anderen Indikatoren wie Wirtschaftswachstum, Börsen, Welthandel und privatem Konsum, die alle wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht haben", berichteten die Experten.

Die Arbeitslosenquote sei 2010 lediglich auf 6,2 Prozent gesunken, 2009 waren es 6,3 Prozent - vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 nur 5,6 Prozent. Die Krise habe 27,6 Millionen Menschen den Job gekostet, hieß es. Besonders in den Industriestaaten seien zahlreiche Stellen weggefallen, hier sei die Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent auf 8,8 gestiegen. Die weltweite Jugendarbeitslosigkeit sei von 73,5 Millionen Menschen im Jahr 2007 auf 78 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen.

Immerhin gab es in Sachen Jobentwicklung von der ILO Lob für Deutschland. Hier hätten Kurzarbeit und andere Maßnahmen einem Anstieg der Arbeitslosigkeit erfolgreich entgegenwirkt, schrieben die Experten.

IWF sieht Schwellenländer auf dem Vormarsch

"Wir stehen überall vor derselben Herausforderung", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Wir müssen die bisher übliche Wirtschaftspolitik überdenken und die Schaffung von guter Arbeit zum zentralen Ziel neben Wachstum, niedriger Inflation und ausgeglichenen Haushalten machen."

Zwar erwartet die ILO für das laufende Jahr ein Weltwirtschaftswachstum in Höhe von 4,2 Prozent. Doch die Stagnation auf dem Arbeitsmarkt, die negativen Folgen für die Nachfrage, eine hohe Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte sowie anhaltende Probleme auf den Finanzmärkten seien ein Risiko für den Aufschwung. "Es kann keine nachhaltige konjunkturelle Erholung geben ohne eine Erholung auf den Arbeitsmärkten", erklärte der Direktor von ILO Deutschland, Wolfgang Schmidt.

Mit ihrer Konjunkturprognose für 2011 ist die ILO etwas pessimistischer als der Internationale Währungsfonds (IWF), der 4,4 Prozent Zuwachs erwartet. Damit hob er seine Schätzung für das laufende Jahr um 0,2 Prozentpunkte an. Für 2012 lautet die Prognose unverändert 4,5 Prozent. Das Fazit des IWF: Die Schwellenländer haben die reichen Nationen weit abgehängt.

Als Risiken für den weltweiten Aufschwung nennen die Experten die starke Verschuldung in vielen reichen Ländern, die unerledigten Finanzreformen, aber auch die hohen Rohstoffpreise. Sie forderten schnelle Maßnahmen, etwa den "effektiven Umfang" des Euro-Rettungsfonds EFSF zu erhöhen.

Lob für Deutschland

Der IWF spricht von einer globalen Wirtschaftserholung der zwei Geschwindigkeiten: Gedämpftes Wachstum mit hoher Arbeitslosigkeit und wiederkehrenden Krisen wie in der Euro-Zone prägen dabei die Lage der Industriestaaten. Dagegen brummt die Wirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern wie China und Indien so sehr, dass laut IWF schon Überhitzung droht und der Inflationsdruck klar wächst.

Positiv äußerte sich der IWF über Deutschland. Unter den Industriestaaten steht die Bundesrepublik demnach mit am besten da. Die Wirtschaft in Deutschland dürfte dem Fonds zufolge im laufenden Jahr um 2,2 Prozent zulegen und im Jahr darauf um zwei Prozent.

Überraschend schlechte Zahlen aus Großbritannien

Dagegen müssen die Briten wieder schlechte Nachrichten verkraften. Die Wirtschaft Großbritanniens ist im vierten Quartal überraschend zum Vorquartal geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei von Oktober bis Dezember um 0,5 Prozent zum Vorquartal gesunken, teilte das Nationale Statistikbüro in einer ersten Schätzung mit. Volkswirte hatten hingegen mit einem Anstieg um 0,5 Prozent gerechnet. Im dritten Quartal war die Wirtschaft noch um 0,7 Prozent zum Vorquartal gewachsen.

Für die schlechte Entwicklung machten Experten unter anderem den strengen Winter im Königreich verantwortlich. Die neuesten Zahlen dürften auch der britischen Regierung Sorgen bereiten, da sie ein strenges Sparprogramm starten will. Im Jahresvergleich wuchs die britische Wirtschaft im vierten Quartal um 1,7 Prozent, nach einem Zuwachs von 2,7 Prozent im Vorquartal. Volkswirte hatten hingegen einen Anstieg um 2,6 prognostiziert.

mmq/Reuters/dpa/AFP

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Mini-Serie
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Erst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien. In Europa wächst die Sorge, dass weitere Schuldenländer Milliardenhilfen brauchen. Aber wie groß ist das Risiko wirklich? Und wer könnte der nächste Pleitekandidat sein? Ein Überblick:


Wie die Euro-Krise gelöst werden könnte
Trotz riesiger Hilfspakete schwelt die Schuldenkrise in der Euro-Zone weiter. Kaum wurde Irland gerettet, geraten mit Portugal und Spanien die nächsten Wackelkandidaten in den Fokus der Finanzmärkte. Doch wie könnte die Krise überwunden werden? Einige Lösungsvorschläge im Überblick.
Die EZB kauft massiv Anleihen
An den Finanzmärkten wird spekuliert, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Retter in der Not spielt. Sie könnte viel Geld in die Hand nehmen und Staatsanleihen der finanzschwachen Euro-Länder aufkaufen. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, sind nach Berechnungen der Anleihenexperten von Evolution Securities in London ein bis zwei Billionen Euro notwendig. "Das Verfahren, von Land zu Land zu springen, hat die Märkte bislang nicht beruhigen können", sagt deren Expertin Elisabeth Afseth. "Der einfachere Weg ist, dass die EZB ihr Aufkaufprogramm hochfährt und große Summen ausgibt." Spanien und Italien müssen im kommenden Jahr zusammen etwa 500 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten erlösen. Das wird schwierig und teuer, weil die Investoren hohe Risikoaufschläge verlangen. "Deshalb muss jemand einspringen und helfen", begründet Afseth ihren Vorschlag. Der Vorteil: Die EZB kann rasch helfen. Binnen weniger Tage könnte sie das Kaufprogramm starten. Der Haken: Einige Mitglieder des EZB-Rates werden dem voraussichtlich nicht zustimmen, weil ein solches Vorgehen gegen die Statuten der EZB verstößt, die sich hauptsächlich um stabile Preise kümmern soll. "Das würde sie weiter von ihrem Mandat entfernen und besonders in Deutschland Sorge über die langfristige Stabilität des Euro auslösen", befürchtet Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer.
Erweiterung des EU-Rettungsschirms
In den Euro-Ländern wird bereits darüber diskutiert, das für Notfälle geschnürte Rettungspaket zu vergrößern. Nach den Hilfen für Irland ist es noch mit etwa 650 Milliarden Euro gefüllt. Bundesbankpräsident Axel Weber hat bereits eine Erweiterung ins Spiel gebracht. Ökonomen wie DIW-Präsident Klaus Zimmermann raten dazu, das ursprüngliche Volumen von 750 Milliarden Euro auf 1,5 Billionen zu verdoppeln. Politisch ist das aber nicht so einfach durchsetzbar. In Staaten wie Finnland muss die Zustimmung dafür im Parlament eingeholt werden, was schwierig werden dürfte. Andererseits ist es sinnvoll, einen bereits bestehenden und funktionierenden Krisenmechanismus auszubauen. Er sieht strenge Sparauflagen für die Staaten vor, die Hilfen benötigen. Zudem ist der Internationale Währungsfonds mit an Bord, der die Einhaltung der Auflagen überprüft und über viel Erfahrung im Krisenmanagement verfügt.
Ausgabe von Euro-Anleihen
Diese Idee hat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einen prominenten Fürsprecher. Eine gemeinsame Anleihe für alle 17 Euro-Länder hatte er bereits vor Monaten gefordert. Allerdings gibt es dagegen starken Widerstand, vor allem aus Deutschland und Frankreich. Beide Länder können sich ohne große Probleme und zu günstigen Konditionen frisches Geld am Kapitalmarkt leihen. Sie müssten ihre hohe Kreditwürdigkeit mit Krisenländern wie Portugal oder Spanien teilen und höhere Zinszahlungen in Kauf nehmen. Sie würden um ihren Lohn gebracht, den sie sich durch vergleichsweise solide Staatsfinanzen verdient haben. Der Nachteil: Die Vorbereitung einer Euro-Anleihe nimmt viel Zeit in Anspruch. Die aktuelle Krise, die Portugal und Spanien zu erfassen droht, ließe sich damit kaum lösen.
China kauft Staatsanleihen aus Europa
Die Volksrepublik besitzt die weltweit größten Devisenreserven. Das Geld ist vorwiegend in US-Staatsanleihen angelegt - insgesamt 1,8 Billionen Doller. China ist damit der größte Gläubiger der USA. "Man muss darüber nachdenken, wer genügend Geld hat, um das Problem zu lösen", sagte ein hoher EU-Offizieller. "Das einzige Land ist China. Wir müssen die Chinesen dazu bringen, EU-Schuldtitel zu erwerben." Allerdings gilt diese Lösung als unwahrscheinlich. Sowohl die EU-Behörden als auch die EZB und die Politik dürften sich dagegen verwahren.
EU beschließt gemeinsame Haushaltspolitik
Die 17 Euro-Länder verfügen über eine gemeinsame Währung und einen gemeinsamen Leitzins, aber nicht über eine gemeinsame Steuer- und Haushaltspolitik. Das hat die Spannungen erst ermöglicht, deretwegen die Währungsunion vor einer Zerreißprobe steht. "Wir brauchen auch eine Art Haushaltsbund", sagt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. "Wir können das erreichen, wenn es eine starke Aufsicht und Kontrolle gibt." Allerdings ist das ein Tabuthema für Deutschland und andere Kernländer der Währungsunion, die kaum einen Teil ihrer Eigenständigkeit abgeben dürften. Politisch wäre dieser Weg deshalb kaum durchsetzbar. Eine Umsetzung würde zudem viele Jahre dauern - zu lange, um die akute Krise zu lösen.

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