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Russland in der Krise: "Die Wirtschaft ist Putins Achillesferse"

Von , Moskau

Russlands Wirtschaftskrise: "Der Wandel muss jetzt kommen" Fotos
AFP

Russlands Wirtschaft gerät ins Stocken, manche fürchten jahrzehntelange Stagnation. Kreml-Experte Chris Weafer verrät im Interview, was nun auf das Putin-Reich zukommt.

Zur Person
  • Getty Images
    Chris Weafer, geboren in Irland, ist einer der angesehensten Kenner der russischen Wirtschaft. Weafer arbeitet seit mehr als 15 Jahren in Russland. Er war Chefstratege der staatlichen Sberbank, der Alfa Bank und der Uralsib Financial Group. Seit 2013 arbeitet Weafer als selbständiger Berater in Moskau.
SPIEGEL ONLINE: 2013 war kein gutes Jahr für die russische Wirtschaft. Erwartet wurden 3,7 Prozent Wachstum, am Ende waren es 1,3 Prozent. Findet Russland 2014 zurück zur Stärke?

Weafer: 2014 wird das Jahr der Entscheidung. Russland steht an einer Weggabelung. Die Phase hohen Wachstums durch steigende Rohstoffeinnahmen und wachsende Konsumausgaben ist vorbei. Das Land braucht einen neuen Wachstumsmotor.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftsminister Alexej Ulukajew warnt vor einer Stagnation, die zwei Jahrzehnte dauern könnte.

Weafer: Das ist eine bewusste Provokation, um Putins Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Die Wirtschaft ist die Achillesferse des Kreml. Vor ein paar Jahren war das Wachstum noch okay, verglichen mit dem Rest der Welt. Für die Regierung war das der Vorwand, um nichts tun zu müssen. Doch die Zeiten ändern sich. Europa und Amerika kommen wieder besser in Tritt. Putin kann nicht länger den Westen für das schwache Wachstum verantwortlich machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist ausgerechnet 2014 entscheidend?

Weafer: Die Zeit ist knapp. Reformen sind kurzfristig schmerzhaft und tragen Früchte erst nach zwei, drei Jahren. 2016 stehen die nächsten Parlamentswahlen an, 2018 die Präsidentschaftswahlen. Deshalb muss der Wandel jetzt kommen, oder er kommt nie.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Parteien in diesem Konflikt?

Weafer: Es ist wichtig zu verstehen, dass im Kreml unterschiedliche Gruppen um Einfluss ringen. Putin ist der Schiedsrichter, die Kreml-Fraktionen buhlen um seine Gunst. Sie kämpfen darum, mit ihren Meinungen und Empfehlungen bis zu Putin durchzudringen. Auf der einen Seite stehen jene, die wir Wirtschaftsliberale nennen. Dazu zählen die Ministerien der Finanzen und der Wirtschaft, die Zentralbank, das Lager um Premierminister Dmitrij Medwedew. Sie werden auch von Oligarchen unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Was will diese Gruppe?

Weafer: Langfristige Strukturreformen. Das Geschäftsklima muss sich verbessern, die Korruption eingedämmt werden. Ex-Finanzminister Alexej Kudrin hat recht, wenn er die Ausgaben für Verteidigung als viel zu hoch kritisiert. Geld muss umverteilt werden von unproduktiven Ausgaben hin zu Investitionen, etwa in die Infrastruktur. Das wird schwer: Die Ausgaben im öffentlichen Sektor sind dramatisch gestiegen. Die Löhne und Gehälter von Staatsbediensteten sind 2013 real um 15 Prozent gewachsen, in der Privatwirtschaft dagegen nur um fünf Prozent. Russland zahlt sich mehr Geld aus als das Wachstum erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: Wer leistet Widerstand gegen die Reformpläne?

Weafer: Die großen Staatskonzerne, die Bürokratie und die "Silowiki", also die Vertreter der Geheimdienste. Sie haben kein Interesse an Wandel. Das zeigt sich etwa bei der Privatisierung: Putin hat ihnen im Wahlkampf versprochen, bis 2016 sollten hundert Milliarden Dollar erlöst werden. Tatsächlich kamen gerade einmal zwei Milliarden Dollar zustande, die Lobby der Staatskonzerne hat sie blockiert.

SPIEGEL ONLINE: Braucht Russland die Einnahmen denn? Anders als viele EU-Staaten hat Russland kaum Schulden.

Weafer: Kurzfristig ist das kein Problem. Moskau hat kein Loch im Staatshaushalt, dank der Rohstoffeinnahmen. Aber langfristig fällt es schwer, von einer Wirtschaftsstrategie zu sprechen, wenn man jedes Jahr nur auf einen hohen Ölpreis hofft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn schlecht an Staatskonzernen?

Weafer: Sie stehen kaum in Wettbewerb. Effizienz ist ihnen egal, auch die Rechte von Investoren. Als der staatliche Ölkonzern Rosneft TNK-BP aufkaufte, sprang er recht ruppig mit den kleineren TNK-BP-Shareholdern um. Sie sollten mit einem Bruchteil des Preises pro Aktie abgespeist werden, den Rosneft den TNK-BP-Großaktionären gezahlt hatte. Das war schlecht für Russlands Ansehen bei Investoren.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe für Russlands Wachstumsschwäche?

Weafer: Der Öl-Boom endet, er ist nicht länger Quelle für Wachstum. Auch der Konsum treibt es nicht länger an. Der Umsatz des Einzelhandels ist nur um drei Prozent gewachsen, statt der erwarteten sieben. Die Bürger erwarten harte Zeiten, deshalb schieben sie große Anschaffungen auf. Die Investitionen schrumpfen. Kredite sind zu teuer: Wer ein Auto in Russland finanzieren will, muss bis zu 18 Prozent Zinsen zahlen. Ähnlich schwer kommen kleine und mittlere Betriebe an Geld.

SPIEGEL ONLINE: Russlands Bevölkerung schrumpft. Schlägt sich das wirtschaftlich nieder?

Weafer: Russland wird in den nächsten acht Jahren zehn Prozent seiner arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren. Das Defizit des Rentensystems beläuft sich aber schon heute auf 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, das sind 35 Milliarden Dollar pro Jahr. In ein paar Jahren wird die Lücke doppelt so groß sein. Ich halte das für einen der Gründe, warum Moskau die Ukraine fester an sich binden will: Mittelfristig könnten dort Arbeitskräfte angeworben werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Befürworter von Reformen eine Chance, zu Putin durchzudringen?

Weafer: Sie müssen Putins Charakter berücksichtigen. Er riskiert nur sehr ungern. Stabilität hat für ihn Priorität, sie ist für ihn der Grund, nichts zu ändern. Deshalb fallen die Warnungen der Liberalen nun so drastisch aus: Sie wollen Putin zum Handeln zwingen. Ihre Botschaft lautet: Weiter die Hände in den Schoß zu legen, wird riskanter sein, als jetzt Reformen einzuleiten.

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Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau

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insgesamt 91 Beiträge
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1.
washington.mayfair 12.01.2014
Zitat von sysopAFPRusslands Wirtschaft gerät ins Stocken, manche fürchten jahrzehntelange Stagnation. Kreml-Experte Chris Weafer verrät im Interview, was nun auf das Putin-Reich zukommt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wirtschaftskrise-wachstum-in-russland-stockt-a-942003.html
Ein jeder kehrt vor seiner eignen Tür und sauber ist das Stadtquartier. Wir haben in Deutschland und in der EU derartig viele eigene Baustellen, dass wir uns bitte erst mal um uns selbst kümmern sollten. Und das überfordert unsere Regierungen schon vollständig.
2. Das alt....
berdyansk_karl! 12.01.2014
bekannte und schon einmal in Russland grandios gescheiterte Modell des Raubtierkapitalismus was dieser "Spezialist" fuer Russland fordert! Datauf kann dieser NEOLIB lange warten! Das wird Putin Nicht machen und in die Falle tappen, die dieser Vertreter des Grosskapitals, der Bankster und Finanzhaie fordert! Wuerde dieser Weg in Russland wieder bestritten, dann waere Russland wieder in den Chaos-Zeiten von Jelzin, der es wegen UNFAEHIGKEIT und Trinksucht fast geschafft haette Russland mit seinen unvollstellbaren Rohstoffreserven an den Westen zu verschachern! Natuerlich waere diese Entwicklung im Sinne dieses Neolibs, der Westen wartet ja nur darauf, das man sich Russland und seine Rohstoffvorraete fuer "LAU" einverleiben koennte! Werter Hr. Putin hoeren sie Nicht auf solche Prediger der Bankster, Finanzhaie und NEOLIBS schlimmster Coleur!!!
3. Was halt mit Diktakturen passiert
Cyberfeld 12.01.2014
Ist nun mal das sie untergehen früher oder später. Niemand will Geld investieren in ein Land wo extreme Rechteunsicherheit herrscht und man als Investor fürchten muss sein Geld zu verlieren. Putin hat sich extreme lange in Russland gehalten an der spitze, die möglichen Folgen seines Diktates das Russland ein 2tes mal unter den Folgen einer Diktatur zusammen bricht ist nicht von der Hand zu weißen. Natürlich sind auch ganz allgemeine Ursachen mit dabei aber soweit ich das sehe ist jeder Reiche Russe der Gewillt ist das Land zu verlassen um wo anders zu Leben tut es samt seines Geldes , um möglichen Finanziellen oder Politischen Repressalien zu entgehen
4. Wachstum
malocher77 12.01.2014
In Deutschland wird ein Mini Wachstum von1% gefeiert wie ein großer Erfolg, während 1,3% für Russland schlecht sein sollen.Während der Westen hoch verschuldet ist, die Eurozone schrumpft, Rekordarbeitslosigkeit redet die Presse Russland ständig schlecht, Russland ist nicht verschuldet, hat Rohstoffe für viele Jahrzehnte, während wir nur Industrie haben und durch Niedriglöhne überall exportieren können, während das Volk im Schnitt das ärmste in Europa ist.
5. Ich schmeiss mich weg!
calvincaulfield 12.01.2014
Sobald also Russland seine Öl- und Gas-Förderung privatisiert hat, ist dort alles wieder in Butter. Und ich dachte der Grund für seine Wiedererstarkung war die Wiederverstaatlichung der Resourcen. Wie kann man nur so naiv sein. Gebe dem Beitrag nur 1%, dass er in der freien, westlichen Presse, mit 100% freier Meinungsäusserung, veröffentlicht wird.
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Bevölkerung: 143,972 Mio.

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