Verleih für private Wohnmobile Airbnb auf Rädern

Viele Menschen träumen vom Urlaub im Wohnmobil. Einige Firmen haben daraus eine neue Geschäftsidee entwickelt: Sie bringen Autobesitzer und Suchende zusammen. Klingt genial. Wie funktioniert es?

Campingbus an der Ostseeküste
picture alliance / Wolfram Stein

Campingbus an der Ostseeküste

Von Hannah Steinharter


Sonnenbrille auf, Blumenband ins Haar und das Radio aufdrehen. Vielleicht noch ein Surfbrett aufs Dach schnallen oder die Gitarre auf die Rückbank legen, dann kann es losgehen. Bei geöffnetem Fenster dem Horizont entgegen, an schönen Ecken anhalten. Einfach in den Tag hinein leben - der Traum aller Camping-Liebhaber. Der Wohnwagen steht wie kein anderes Fahrzeug für Freiheit, Reisen und Spaß. Einen entspannten Urlaub im Grünen und abends ein Lagerfeuer.

Dirk Fehse kennt die Sehnsucht nach Freiheit und machte genau dieses Lebensgefühl zum Geschäftsmodell. Von einem Australien-Urlaub mit Camper begeistert, wollte er sich in der Heimat ein eigenes Wohnmobil kaufen - doch die Preise erschreckten ihn erst mal. Was wäre, wenn er die Kosten reduzieren könnte? Wenn er die Zeit, die das Gefährt unbenutzt rumsteht, minimieren könnte. Wenn er seinen Bus mit anderen Leuten teilen würde?

Also kaufte Fehse seinen Camper, taufte ihn "Paul" und stellte ihn zum Teilen bei eBay-Kleinanzeigen online. Innerhalb kürzester Zeit war Paul für das ganze Jahr ausgebucht - und eine Geschäftsidee samt Name geboren. Heute ist Dirk Fehse Unternehmer und Gründer des Start-ups PaulCamper, einer privaten Wohnmobilvermietung: eine Art Airbnb auf Rädern.

Dirk Fehse, PaulCamper-Gründer
PaulCamper

Dirk Fehse, PaulCamper-Gründer

"Wir vermieten nicht bloß die Fahrzeuge, sondern ein individuelles Erlebnis", erklärt Fehse die Idee hinter seinem Start-up. Wie PaulCamper haben inzwischen mehrere Websites den Trend erkannt und zum Geschäftsmodell gemacht. Auch die Gründer von Shareacamper werben damit, ein Lebensgefühl anzusprechen. Michael Becker, Hauptinvestor des Start-ups, schwärmt: "Das ist ein wunderschönes Business, weil es nicht bloß ums Vermieten geht. Wir helfen den Menschen dabei, ihren Traum zu leben. Wir sind das Vehikel dazu."

Aktuell kämpfen noch zwei weitere Plattformen auf dem Vermietungsmarkt von Wohnmobilen um Kunden: Campanda und Yescapa. Technisch gesehen arbeiten sie alle gleich: Ein Online-Marktplatz auf dem ein Ausflug mit der Buchung eines Campers beginnt. Die Preise variieren leicht, die Anbieter agieren in verschiedenen Ländern - das scheinen auf den ersten Blick die größten Unterschiede zu sein.

Doch nicht alle der Anbieter führen ausschließlich private Vermieter. Shareacamper konzentriert sich laut Becker hauptsächlich auf die Vermietung von Endkunde zu Endkunde und hat einen großen Vorteil: "Wir sind als erstes nach Neuseeland und Australien gegangen und aktuell Marktführer. Wir sind die einzigen hier." Auch die verhältnismäßig langen Durchschnittsmieten am anderen Ende der Welt seien für die Vermieter günstig. "Urlauber reisen ja nicht nur für ein paar Tage nach Neuseeland. Wenn, dann bleiben sie direkt mehrere Wochen und fahren rum." Das lohnt sich.

Das Konzept von PaulCamper funktioniert ähnlich - nur eben in Deutschland. Aktuell gibt es bei PaulCamper 1600 Fahrzeuge auf dem Marktplatz, jeden Monat kommen etwa 150 Wagen dazu. Die Wohnmobile selbst sind schon Monate im Voraus ausgebucht.

Der Camping-Trend boomt nicht nur bei den Vermietungsplattformen. Laut dem Caravaning Industrie Verband Deutschland (CVID) wurden zwischen Januar und Juli 2017 hierzulande 48.384 Freizeitfahrzeuge neu registriert - und damit mehr als jemals zuvor. Dass die Urlauber nicht immer Ziele in der näheren Umgebung ansteuern, haben die Gründer von Shareacamper früh erkannt, auch die anderen drei Vermietungsplattformen Yescapa, PaulCamper und Campanda ziehen nach und beginnen ihre Geschäftsgebiete auszuweiten. Sie bieten Reisenden Wagen in immer mehr Ländern an: Deutschland, Niederlande, Frankreich, Australien, Kanada, USA - die Liste ist lang.

Paul Camper wirbt mit einem Traum: auf vier Rädern die Welt entdecken
PaulCamper

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Das Sharing-Konzept klingt so einfach: Wohnmobil aussuchen, klicken und losfahren. Doch ein wichtiger Teil des Geschäfts wird dabei oft vergessen: Die Versicherung. "Dabei ist das eigentlich der Schlüssel! Wenn das Unternehmen da kein gutes System hat, funktioniert das Konzept nicht", sagt Investor Becker.

Fehse musste das bei PaulCamper selbst erfahren: "Wohnmobile und die Vermietung von Fahrzeugen sind zwei rote Tücher für Versicherer. Und wir wollten das auch noch in ein digitales Produkt packen." Sein Start-up wäre an dieser Hürde fast gescheitert. Doch diese Anfangsprobleme sind überwunden: Mittlerweile haben beide Unternehmen einen eigenen Deal mit Versicherungen ausgehandelt und bieten ein auf ihr Start-up abgestimmtes Versicherungsprodukt an.

Deutlich günstiger als gewerbliche Vermieter

Trotz Versicherungs- und Beratungsaufwand zahlen Mieter eines privaten Campers meist weniger als bei gewerblichen Vermietern. Das liegt zum einen an den älteren Privatwagen im Sortiment, zum anderen aber auch an der Kleinunternehmerregelung. Private Vermieter können sich nach Paragraf 19 im Umsatzsteuergesetz von der Umsatzsteuer befreien lassen, wenn sie weniger als 17.500 Euro Umsatz erwirtschaftet haben, was auf die meisten Vermieter zutrifft. Diese 19 Prozent Umsatzsteuer entfallen für die Vermieter und werden somit nicht auf den Mietpreis aufgeschlagen.

Die Mieten für ein privates Wohnmobil liegen zwischen 25 und 140 Euro pro Nacht - abhängig vom Fahrzeugtyp. Die Mieten für gewerbliche Camper reichen von 50 Euro bis zu 200 Euro Miete pro Nacht.

Auch private Vermieter stellen neben vielen älteren Wohnmobilen und einigen Oldtimern manchmal Neuwagen auf den virtuellen Marktplatz. "Manche Kunden, wir nennen sie 'Wunscherfüller', nutzen die private Vermietung als Refinanzierungskonzept und erfüllen sich damit ihren Traum vom eigenen Camper", sagt Fehse.

Manche Vermieter freuen sich auch einfach über neue Kontakte. Bei Shareacamper sind das besonders die australischen Farmer: "Auf dem Land bekommen sie nicht besonders viele Menschen zu Gesicht. Mit den Campern entstehen dann nicht selten Freundschaften fürs Leben", sagt Becker.

Ob als Traumerfüller oder Freundefinder, die Vermittlungsplattformen verdienen mit jeder Transaktion Geld. PaulCamper bekommt pro Buchung 15 Prozent brutto an Provisionen, Yescapa lässt sich für den Service zwischen 10 und 15 Prozent bezahlen und auch Shareacamper verdient nach eigener Aussage um die 10 Prozent pro Transaktion. Bei Campanda liegt die Provision noch höher: Gebühren zwischen 15 und 20 Prozent pro Vermietung.

Bei aller Camping-Begeisterung tritt der ökologische Aspekt manchmal in den Hintergrund. Dabei verbrauchen gerade die älteren Fahrzeuge der privaten Vermietung vergleichsweise viel Benzin. Becker ist trotzdem überzeugt, dass Sharing ökologisch nachhaltig ist. Neue Autos würden zwar weniger Sprit verbrauchen, die Produktion verbrauche aber Ressourcen und belaste die Umwelt. "Wir sparen Ressourcen, indem wir teilen. Sharing ist die Zukunft. Du kannst heute fast alles teilen, denn die technologische Entwicklung macht das möglich. Ich lasse mich gerne darauf ein."

Wie sehen die Pläne für die kommenden Jahre aus? "Europa durch privates Wohnmobil-Sharing zusammenbringen: Ein Ire bucht einen Camper in München und fährt in die Toskana - das ist doch geil. Da wollen wir hin!", sagt der PaulCamper-Gründer. Und auch der Investor von Shareacamper hofft auf gute Geschäfte: "The sky is the limit. Wer weiß, wie lange wir überhaupt noch selbst fahren."


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