S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Warum Schwellenländer für die Kurskrise sorgen

Die Turbulenzen an den Aktienmärkten haben nichts mit mieser Stimmung zu tun. Investoren reagieren vielmehr mit präziser Logik auf eine neue Situation - und die lässt für die nahe Zukunft Schlechtes erahnen.

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Händler in Frankfurt (Archivbild): Mutter aller Krisen
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Händler in Frankfurt (Archivbild): Mutter aller Krisen


Wenn Sie irgendwo in einer Zeitung lesen, die Aktienpreise seien wegen schlechter Stimmung an den Märkten gefallen, dann habe ich einen guten Tipp für Sie: Hören Sie sofort auf zu lesen.

Denn was an den Märkten gerade passiert, hat nichts mit Stimmung zu tun. Es ist auch nicht irrational. Die Märkte reagieren mit hochpräziser Logik auf eine neue Situation: Die Rohstoffblase ist geplatzt. Die globale Finanzkrise erreicht damit ihre dritte Phase. Sie fing in den US-Kreditmärkten an. Dann folgte die Eurokrise. Und jetzt haben wir die Krise der Entwicklungsländer.

Die Fakten:

Russland hat durch eine Politik wirtschaftspolitischer Monokultur seine Zukunft an den Energiepreis gebunden.

China hat in den vergangenen fünfzehn Jahren interne Ungleichgewichte aufgebaut, die Jahre brauchen, bis sie abgebaut sind. Regierung und Zentralbank hielten die Zinsen künstlich niedrig. Das Resultat ist eine der größten Investitionsblasen der Menschheitsgeschichte. Gezahlt wurde die Zeche vom chinesischen Sparer, der an dem Wirtschaftswachstum nicht teilnehmen konnte, denn er erhielt als Rendite für seine Einlagen Zinsen, die weit unter Marktniveau lagen.

Brasilien versinkt gerade in einem Schlamm an Korruption und miserabler Wirtschaftspolitik unter seiner Präsidentin Dilma Rousseff.

Fast alle Schwellenländer leiden ebenfalls darunter, dass sie sich in den guten Jahren kein robustes Bankensystem aufgebaut und sich auf ausländische Finanzdienstleister verlassen haben. Was wir jetzt erleben, ist die Mutter aller Krisen für diese Länder: Die Rohstoffpreise sind im Keller, die ausländischen Finanziers ziehen ihr Geld ab, die Dollar-Zinsen steigen, die lokalen Investitionsblasen platzen ebenfalls, die ganze Wirtschaft geht den Bach runter.

Chronisch überschüssige Leistungsbilanz

Und warum fallen dann auch die Kurse an den deutschen Märkten? Das liegt an Deutschlands eigenen Ungleichgewichten: Wenn unsere Handelsüberschüsse einen beachtlichen Teil der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Schwellenländer auf ihrem Weg in die wirtschaftlichen Abgründe deutsche Anleger mitreißen.

Was wir hier erleben, ist die Schattenseite einer chronisch überschüssigen Leistungsbilanz. Wer Überschüsse als Zeichen wirtschaftlicher Stärke feiert und zu sportlichen Vergleichen neigt, ist genauso naiv wie diejenigen, die schlechte Stimmung für den Kursrutsch an den Börsen verantwortlich machen. Der Grund, warum der deutsche Aktienindex weitaus mehr betroffen ist als andere europäische Indizes, liegt allein an der strukturellen Abhängigkeit der deutschen Industrie von Blasen in anderen Ländern.

Anstatt auf bessere Stimmung zu hoffen, sind Anleger gut beraten, sich über den weiteren Verlauf der Schwellenländerkrise Gedanken zu machen. Deren Dynamik wird sicher eine andere sein als die der Eurokrise. Die meisten dieser Länder haben nur eine moderate Staatsverschuldung. Das Schuldenproblem dort liegt im Privatsektor, dessen Schulden häufig in Dollar oder Euro denominiert sind. Mit jeder Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank wächst der Anreiz von Investoren in Schwellenländern, Geld aus diesen Ländern abzuziehen.

Abhängig vom Export

Meine Erwartung ist, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen in den nächsten zwei Jahren normalisieren wird. Ich rechne mit einem Anstieg auf ungefähr zwei Prozent, während im Euroraum die Notenbankzinssätze bei ihren jetzigen Werten um den Nullpunkt verharren werden.

Bis das Geld wieder in diese Länder zurückfließt, werden noch einige Jahre ins Land ziehen, weil es lange dauern wird, bis sich die Rohstoffmärkte erholen. Für ein Land wie Russland wäre ein dauerhafter Verfall des Ölpreises katastrophal. Russland ist dank Wladimir Putin eine ökonomische Monokultur. Die Industrieländer des Westens sind stärker diversifiziert, weniger abhängig von einem Rohstoff oder einer Technologie.

Aber auch unter ihnen gibt es Schattierungen. Deutschland ist abhängig vom Export. Deutschland ist ebenfalls abhängig von seiner Autoindustrie. Die Kombination aus einer Exportkrise und einer durch den VW-Skandal verursachten Autokrise hat das Zeug, der deutschen Wirtschaft in einer Weise zuzusetzen, wie es unsere Generation noch nicht erlebt hat.

In einem solchen Umfeld werden keine hohen Unternehmensgewinne erzielt. Langfristig sind es die Gewinne und nicht die Zinsen, die die Aktienpreise treiben. Wer am Ende des vergangenen Jahres in den deutschen Aktienmarkt investiert hat, würde in meinem Szenario über viele Jahre hinweg in der Verlustzone verharren, so wie Investoren im Neuen Markt im Jahre 2000.

Was ich Ihnen hier gebe, ist keine Prognose, sondern lediglich ein nicht ganz unwahrscheinliches Szenario, plausibler jedenfalls als die hoffnungsvollen Prognosen weiter anhaltender Börsengewinne. Vielleicht haben Sie selbst ein anderes Szenario, ein besseres als meines. Unsere komplexe Welt lässt viele Möglichkeiten zu. Sicher ist allerdings, dass die Laune der Anleger hier nicht die treibende Kraft ist, sondern das Resultat der Ereignisse.

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Armin2 15.01.2016
1. Wieder eine neue
Anfang Januar war es China, dann die H-Bombe in Nord-Korea, dann der niedrige Öl-Preis… Die "Experten" kommen täglich mit neuen Erklärungen für die Kursschwankungen und liegen jedesmal völlig daneben, dabei ist der Grund offensichtlich: Es ist die FED, die die Leitzinsen erhöht hat. Punkt. Und die Kurse werden solange fallen, bis die FED das wieder rückgängig macht und obendrein QE4 auflegt. Und das wird so kommen. Ist natürlich wirtschaftlich eine Katastrophe, auch wenn dann die Rallye wieder weitergehen kann. Aber der Dollar wird das nicht mitmachen.
observer2014 15.01.2016
2. Zockerbude
Wenn ich in einem Spielcasino an einen Roulette-Tisch setze kann die zwar versuchen den Lauf der Kugel zu meinen Gunsten durch strengen Blick oder Stoßgebete zu beeinflussen. Es wird mir aber nicht gelingen. Wenn ich jedoch mächtiger 'Aktien-Investor bin, kann ich mir entweder in den börsennotierten Unternehmen einen internen Informanten kaufen oder in diese einschleusen. Ich kann auch versuchen gute bzw. schlechte Gerüchte über die wirtschaftliche Verfassung oder Entwicklung in die weite Börsenwelt hinaus zu posaunen. Dadurch werde ich bis zu einem Dementi den Aktienkurs des Unternehmens beeinflussen. Aktienbörsen sind die Roulettetische dieser Welt und Zeit mit Einflussmöglichkeiten. Das kann in Zeiten des Turbohandels sehr lukrativ sein. Der Wert einer ausgebenen Aktie und damit der Börsenwert eines Unternehmens sind ständigen Veränderungen unterlegen. Warum? Weil für ein Stück Papier, auf dem ein Wert von fünf Euro drausteht (Nennwert), Beträge von 100 oder mehr Euros bezahlt werden. Seltsam nur, dass mir das mit meinem Fünf-Euro-Schein beim Händler meines Vertrauens nicht gelingt. Der sagt immer ganz trocken, selbst wenn Du Milliardär wärst, auf dem Schein steht ein Fünf und damit ist sie auch nur fünf Euro wert. Eigentlich ein kluger Mann, mein Händler.
DieterFr 15.01.2016
3.
Dass Kursbewegungen einer "hochpräzisen Logik" folgen, ist mir neu. Konsens unter Fachleuten scheint doch eher zu sein, dass die Börsen weitgehend psychologisch gesteuert sind und nicht durch die "Logik" der Käufer/Verkäufer. Zweifelhaft scheint mir auch zu sein, dass man von einer Rohstoffblase sprechen kann. Die Rohstoffpreise folgen wohl hauptsächlich dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage wegen schwerer Wirtschaftskrisen wie in China einbricht, brechen auch die Rohstoffpreise ein.
les2005 15.01.2016
4. (Teil-)Einspruch
Ich stimme grundsätzlich im der Diagnose überein. Allerdings nicht, was die Rohstoffblase angeht. Zumindest beim Rohöl dürfte es die stark ausgeweitete Produktion (Stichwort Fracking) sein, die das Marktgleichgewicht außer Kraft setzte, gefolgt von dem durch die Saudis entfachten Preiskrieg. Aber es ist keine Spekulationsblase die da durchstochen wurde. Bei Metallen mag das anders sein.
Andreas1979 15.01.2016
5. Da gebe ich dem Herren mal recht
Der niedrige Ölpreis ist der wirtschaftliche Abschwung. Dadurch vielen die Zinsen (da die Inflation in eine Deflation sich ändert), investieren die profitöre nicht mehr wie früher usw. Der zu niedrige Ölpreis führt auch zz einem erliegen des Welthandels.
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