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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Die wirkliche Gefahr der Billigzinsen

Eine Kolumne von

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EZB-Chef Mario Draghi: Die Zinsen sollen dauerhaft niedrig bleiben

Die Zinsen in der Euro-Zone werden auf Jahre extrem niedrig bleiben. Doch wer deshalb die Gefahr von Inflation und Spekulationsblasen heraufbeschwört, hat die Funktionsweise der Kreditwirtschaft nicht verstanden. Das wahre Risiko lauert woanders.

Fast wäre der Europäischen Zentralbank in der vergangenen Woche ein Überraschungscoup gelungen. Sie stand kurz davor, die Zinsen noch einmal zu senken. Doch der Versuch scheiterte im EZB-Rat am Widerstand Deutschlands und anderer Nordländer, berichtet der SPIEGEL.

Anstatt die Zinsen zu ändern, einigte man sich vorerst darauf, sie noch sehr lange auf dem jetzigen, rekordniedrigen Niveau von 0,5 Prozent zu belassen - oder später doch noch zu senken. Als der deutsche Vertreter im EZB-Direktorium, Jörg Asmussen, später von einem Zeitraum von mehr als zwölf Monaten sprach, wurde er zurückgepfiffen. Wann sie die Zinsen wieder erhöhen wollen, haben die Notenbanker bewusst offen gelassen.

Aber am Ende ist das alles Haarspalterei. Es läuft auf dasselbe Ergebnis hinaus: Die Zinsen werden lange bei null bleiben, wahrscheinlich über mehrere Jahre. Solange es keine Anzeichen für eine dauerhaft steigende Inflation gibt - und die wird es auf absehbare Zeit nicht geben - solange wird sich dieser Ausblick nicht ändern.

Gehen von diesen geringen Zinsen wirtschaftliche Risiken aus, etwa neue Preisblasen? Das ist eine in Deutschland gern geäußerte These. Ähnlich wurde von ein paar Jahren argumentiert, die US-Zentralbank habe durch ihre Niedrigzinspolitik die Immobilienblase verursacht, was nach heutigen Erkenntnissen schlichtweg falsch ist. Denn die Häuserpreise stiegen dort vor allem, als auch die Zinsen nach oben gingen. Die Blase war die Konsequenz einer ungebändigten Kreditvergabepraxis der Banken. Jeder, ob arbeitslos oder drogenabhängig, bekam eine Hypothek, auch wenn er sie nicht bedienen konnte. Die Zinsen spielten keine Rolle.

Wenn die alte Theorie versagt, bastelt man sich eine neue

Trotzdem hält sich unter konservativen Ökonomen und Politikern hartnäckig die Mär vom kausalen Zusammenhang von Niedrigzinsen und Preisblasen. In einer Podiumsdiskussion fragte ich vor einiger Zeit einen ausgewiesenen geldpolitischen Hardliner, warum die Geldmenge keine Aussagekraft mehr für die künftige Inflation habe. Seine Antwort war: Vergessen Sie die Güterpreise. Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Geldmenge und den Preisen für Wertpapiere. Die alte Theorie stimmte nicht mehr, und so bastelte man sich eine neue.

Diese neue Theorie hat ein grundlegendes logisches Problem. Preise von Aktien oder Anleihen sind eine ganz andere Kategorie als die Preise von Kühlschränken. Ein Aktienpreis ist ein Preis aller zukünftig zu erwartenden Gewinne pro Aktie. Wenn wir also annehmen, dass Billigzinsen diesen Preis permanent hochtreiben, dann hieße das doch, dass die Gewinnerwartungen insgesamt hochgehen. Da das Einkommen der Volkswirtschaft bekanntlicherweise aus der Summe von Gewinnen und Löhnen besteht, hätte die Zentralbank dann also die magische Kraft, mit billigem Geld Wohlstand zu erzeugen.

Aber gerade die konservative, monetaristische Lehre behauptete das Gegenteil: Geldpolitik ist langfristig neutral. Sie kann uns langfristig nicht reich machen. In dem Punkt hatten die Monetaristen natürlich recht. Das heißt aber im Umkehrschluss auch: Geldpolitik kann langfristig die Wertpapierpreise nicht erhöhen.

Kurzfristig hat die Geldpolitik natürlich Einfluss, wie jeder weiß, der die Marktreaktion nach einer Zinsentscheidung beobachtet. Soll man sich aber um diese kurzfristigen Schwankungen überhaupt scheren? Preise von Wertpapieren steigen und fallen andauernd. Schwankungen sind Teil eines marktwirtschaftlichen Systems und nur dann schädlich, wenn sie Kollateralschäden erzeugen, etwa den Zusammenbruch von Banken.

Was nützen Billigzinsen, wenn Banken sie nicht weiterleiten?

Schwankungen von Aktienpreisen kann man meist ignorieren. Kreditkrisen im Immobilienmarkt sind ungleich gefährlicher. Man nehme nur Spanien oder Irland als Beispiel. Hier hilft aber nicht die Geldpolitik, sondern nur eine bessere Regulierung und Steuerpolitik. Man kann zum Beispiel die Höhe von Immobiliensteuern von Preissteigerungen im Markt abhängig machen, so dass die Steuer antizyklisch wirkt.

Zudem kann man den Banken den maximalen Prozentsatz einer Immobilienfinanzierung vorschreiben. In Großbritannien hatten Finanzinstitute bis zu 130 Prozent des Immobilienpreises finanziert. Da hatte man nicht nur die Garage, sondern gleichzeitig das Auto drinnen - alles auf Kredit. Kein Wunder, dass bei solchen Kreditangeboten normale Marktmechanismen nicht mehr funktionieren.

Meine Sorge bezüglich der Billigzinsen ist nicht die Inflation von Wertpapierpreisen, schon gar nicht die Inflation von Güterpreisen, sondern das genaue Gegenteil. Es besteht die akute Gefahr, dass ähnlich wie in Japan vor zwanzig Jahren die Geldpolitik nicht greift, solange der Bankensektor so krank ist.

Was nützen Billigzinsen, wenn die Banken sie nicht weiterleiten? Da die Weltwirtschaft erneut abflaut und die Euro-Krise wieder tobt, wird dieses Szenario immer wahrscheinlicher. Und dann müsste man die Zinsen eigentlich noch weiter senken, aber bei null ist Schluss. In der Ökonomie spricht man von einer Liquiditätsfalle.

Wer in dieser Situation vor den Gefahren der niedrigen Zinsen warnt, zeigt nur, dass er weder die Funktionsweise der Geld- und Kreditwirtschaft versteht, noch die jüngere Wirtschaftsgeschichte.

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insgesamt 226 Beiträge
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    Seite 1    
1. grau ist alle Theorie
j.c78. 10.07.2013
aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Kreditvergabepraxis einiger Bankinstitute rein an der Steigerung des Kreditvolumens orientiert ist... Fazit: Derzeit finanzieren viele Menschen ein Eigenheim welches bei einer geringen Zinnserhöhung oder Arbeitslosigkeit ein Fall für die Zwangsversteigerung sind... Entsteht so keine Blase?
2. genau
k1ck4ss 10.07.2013
die anderen verstehen nichts. herr münchau versteht es hingegen. als einziger.
3. Öhm...
Dengar 10.07.2013
Ich habe nicht mehr weitergelesen als um "in konservativen Kreisen..." - ich bin weiß Gott nicht konservativ! - aber billiges Geld sucht Rendite, und wenn die Zinsen niedrig sind, wird in vermeintlich sichere Anlagen investiert, ob nun Edelmetalle, Immobilien oder sonstwas. Einer fängt an und die Lemminge laufen hinterher - und schwupps ist die Blase da. Was soll also dieser Blödsinn, da eine Kausalität bestriten zu wollen?
4. Geldpolitik allein macht nicht glücklich
bärenstark 10.07.2013
Danke für diesen Beitrag, der deutlich macht, wie wenig ein Großteil der Poltiker von wirtschaftlichen Zusammenhängen versteht! Neben den geldpolitischen Massnahmen sind auch ordnungspolitische Eingriffe dafür entscheidend, dass von dem was gewollt ist realiter wenig zu sehen ist, Konkret heißt das: Banken geben das billige Geld nur zu einem kleinen Teil in die Realwirtschaft weil die verschärften Eigenkapitalvorschriften und die sonstige Regulierung dem diametral entgegenstehen.
5.
nalleb 10.07.2013
Auch wenn die Banken nur restriktiv Geld verleihen, so werden durch die niedrigen Zinsen zumindest Unternehmen mit riesigen Bargeldreserven (Siemens, etc) motiviert zu investieren. Unabhängig von Diskussionen über eine Inflation, ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für niemanden attraktiv Geld als "stupid" Money auf einem Konto zu belassen. Auf diesem Wege sorgt die Geldpolitik letztlich doch dafür, dass die Wirtschaft belebt, oder zumindest nicht zusätzlich durch "Sparer" belastet wird.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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